Kommentar
Daniel Hügli, Chefredaktor cash
Das Weihnachtsfeuerwerk gegen die SNB
Leserinnen und Leser einer Sonntagszeitung stiessen jüngst auf Groteskes. Beinahe schon adventskalendermässig aufbereitet konnten dort Schweizer Wirtschaftsführer ihre Anliegen vorbringen: "Mein Weihnachtswunsch ist ein Kurs von 1,40 Franken. Das würde dem Schweizer Detailhandel sehr helfen", sprachs aus dem Fensterchen von Migros-Chef Herbert Bolliger.
Vom Fahrzeugbau liess sich, abgebildet gleich nebenan, Peter Spuhler vernehmen: "Die einzige Hilfe für den Werkplatz Schweiz ist eine Wechselkursrelation von mehr als 1,35". Auch der Industrielle Michael Pieper forderte für die Exportwirtschaft ein Minimum von 1,35 Franken pro Euro. Das vorweihnachtlihe Franken-Wunschkonzert ging im Artikel munter weiter. Denn: "In der Wirtschaft steigt die Ungeduld gegenüber der Nationalbank", hiess es da gleich zu Beginn.
Im Vorfeld der geldpolitischen Lagebeurteilung des Schweizerischen Nationalbank (SNB) am Donnerstag erhöht die Schweizer Wirtschaftselite den Druck auf die Währungshüter. Sie soll die am 6. September festgesetzte Kursuntergrenze zum Euro von 1,20 Franken möglichst rasch erhöhen, so der Tenor. Sonst droht Ungemach im Form von Produktionsverlagerung, Massenarbeitslosigkeit usw. Auch der Gewerkschaftsbund fordert eine Untergrenze von "mindestens" 1,40 Franken - als ob sich diese einfach so um 20 Rappen heraufzaubern liesse.
Doch was war dieser SNB-Entscheid vom 6. September nüchtern betrachtet? Es war eine absolute Notmassnahme gegen volkswirtschaftliche Folgen einer sich sprunghaft aufwertenden Währung. Und es war ein Sündenfall einer unabhängig agierenden Notenbank, welche mit einer zentralplanwirtschaftlich anmutenden Methode ins Marktgeschehen eingriff.
Da erstaunt es nicht wenig, wenn Schweizer Wirtschaftsführer, die sich sonst dem Spiel der Märkte verpflichtet fühlen und gegen jede neue staatliche Regulierung wettern, von der SNB nun flugs weitere Eingriffe fordern. Und man muss sich auch die Frage stellen, warum die gleichen Wirtschaftsvertreter keine Obergrenze forderten, als der Franken gegen den Euro fast 1,70 erreichte und die Importe massiv verteuerte. Das freie Spiel der Märkte und Währungen ist offenbar nur so lange gut, wie es einem nützt.
Die SNB wird sich sehr genau überlegen müssen, ob sie am Donnerstag die Kursuntergrenze zum Euro anheben wird. Zumal schnell wieder der Vorwurf laut würde, die SNB habe wie am 6. September unter dem Druck von Politik und Wirtschaft gehandelt. Und zumal die Inflationsrisiken weiter steigen würden.
Die SNB hat derzeit auch sonst genug Argumente, das Ziel bei 1,20 Franken zu belassen. Ohne grosses Dazutun der Währungshüter bewegt sich der Kurs seit Wochen um die Marke von 1,24, nachhaltig deflationäre Tendenzen sind in der Schweiz nicht manifest.
Die Beschlüsse des Euro-Gipfels vom letzten Wochenende dürften den Franken in den nächsten Monaten zudem weiter abschwächen. Falls sich die Lage in Europa dennoch wieder verschlechtern sollte, dann wäre eine Verteidigung einer Kursgrenze von 1,30 bedeutend schwieriger und teurer als bei 1,20.
So oder so dürfen wir uns nichts vormachen: Die Schweiz kann sich der Krise in Europa nicht entziehen und wird ihre Opfer bringen müssen - Weihnachtswunschkonzert hin oder her.
