Daniel Hügli, Chefredaktor cash

Kommentar

Daniel Hügli, Chefredaktor cash

Hildebrand hatte von Anfang keine Chance

Die Schweiz erschüttert ein politisches Erdbeben wie seit der Affäre Kopp nicht mehr. Heute wie damals sind die Ehegatten der Stolperstein für die Amtsträger. Bloss die Geschlechterrollen sind heuer anders verteilt. Die Affäre Hildebrand macht auch international grössere Schlagzeilen als der Rücktritt von Bundesrätin Elisabeth Kopp 1988.

Ein Politiker, oder noch mehr ein CEO oder Verwaltungsrat eines Unternehmens, hätte sich aus einer Affäre mit Umständen, wie sie Hildebrand zum Verhängnis wurden, noch davonschleichen oder freikaufen können. Für viele Bürger mag es daher unverständlich sein, dass Philipp Hildebrand sich nicht retten konnte. Für Notenbank-Exponenten gelten aber andere Masstäbe. Philipp Hildebrand hatte in dieser Affäre von Anfang an keine Chance.

Denn unabhängig davon, ob nun Hildebrand oder seine Ehefrau oder beide zusammen den verhängnisvollen Dollarkauf von Mitte August initiiert haben: Die Glaubwürdigkeit des obersten Zentralbankers der Schweiz war seit Bekanntwerden der Devisen-Deals angeknackst. Die Glaubwürdigkeit eines Notenbank-Chefs erträgt nicht die geringsten Zweifel. Hildebrand hätte diese nie ausräumen können, egal, wie die Affäre weitergegangen wäre.

Der Fall hätte auch in England, in den USA, in Frankfurt bei der EZB oder anderswo, wo es unabhängige Zentralbanken gibt, stattfinden können - überall mit gleichem Ausgang. Ein Fall Hildebrand ist, wie letzte Woche auf diesem Portal bereits beschrieben, der grösste anzunehmende Unfall für eine Notenbank.

Hildebrand musste seine Unschuld aufgrund seines Amtes, das eine Quasi-Unfehlbarkeit voraussetzt, von Anfang an beweisen - auch wenn er laut gemäss internen Reglementen kaum belangbar gewesen wäre. Der Grundsatz "In dubio pro reo", im Zweifel für den Angeklagten, galt im Fall Hildebrand von Anfang nicht. Das haben Hildebrands Gegner schnell erkannt. Sie haben seine Unvorsicht und private Nachlässigkeit gezielt ausgenutzt - und gewonnen.

Beängstigend in dieser Geschichte ist aber die Art und Weise, mit welcher Selbstverständlichkeit eine Wochenzeitung mit dem entsprechenden politischen "Backing" eine gezielte Hasskampagne ("Gauner", "Falschmünzer" usw) gegen einen Exponenten der Schweizer Wirtschaftpolitik führte. Das ist alles andere als ein Sieg.

Dieser Stil ist beschämend und unwürdig für dieses Land. Und hinter diesem Stil stecken just diejenigen Leute, die von sich behaupten, die Werte dieses Landes am wackersten aufrecht zu halten und zu vertreten. Ganz offensichtlich gehört das Bankkundengeheimnis nicht mehr dazu. Die Hildebrand-Affäre ist noch lange nicht zu Ende, und sie darf gerade aus diesem Grund noch nicht zu Ende sein.

Obwohl Hildebrand in dieser Affäre der grosse Verlierer ist, trat er schliesslich souverän ab. Man wünscht sich diese Konsequenz und Rücktrittskultur auch für andere. Und man darf nur hoffen, dass dem politischen kein wirtschaftliches Erdbeben folgt.