Daniel Hügli, Chefredaktor cash

Kommentar

Daniel Hügli, Chefredaktor cash

In der Hildebrand-Affäre gibt es nur Verlierer

Die Frau des Direktoriumspräsidenten der Schweizerischen Nationalbank (SNB) hat Mitte August angeblich 500‘000 Franken in Dollar gewechselt. Drei Wochen später, also nach der Festsetzung des Euro-Mindestkurs durch die SNB und nach der entsprechenden Aufwertung des Dollar, resultierte für die Familie Hildebrand auf dieser Transaktion ein Buchgewinn von zehn Prozent. Aus heutiger Sicht wären dies fast doppelt so viel.

Die heissen Transaktionen wurden offensichtlich durch einen Datenklau bei der Bank Sarasin bekannt. Mit diesen Daten soll SVP-Stratege Christoph Blocher Mitte Dezember zur Bundespräsidentin geeilt sein und SNB-Präsident Hildebrand des Insiderhandels angeprangert haben. Hildebrand liess sich daraufhin durch eine externe Untersuchung reinwaschen. 

Die Schweiz hatte ihre "End-of-the-Year-Story". Es deutet viel darauf hin, dass sich die Geschichte bis weit ins neue Jahr hineinzieht. Wie immer die Geschichte ausgeht, wird es nur Verlierer geben. 

Erster Verlierer: Christoph Blocher und mit ihm die SVP. Hildebrand ist Blocher wegen der harten Haltung des SNB-Präsidenten in Regulierungsfragen schon längst ein Dorn im Auge. Via "Weltwoche" fuhr Blocher 2011 eine monatelange Diffamierungskampagne gegen die SNB und deren Exponenten. Erst der "nationale Schulterschluss" gegen die Frankenstärke mit der innenpolitischen Stärkung der SNB liess Blochers Kritik plötzlich verstummen. Nun versucht es Blocher offenbar erneut mit der Destabilisierung der Institution SNB in einer äusserst heiklen Phase in der europäischen Schuldenkrise.

Das Störende daran ist vor allem: Blocher ging mit mutmasslich gestohlenen Daten hausieren, was strafrechtliche Konsequenzen mit sich tragen kann und den Hauch der Illegalität mit sich trägt. Mehr noch: Blocher übt sich in Geheimnistuerei, ob er die Informationen zum Bundesrat trug. Wie kam der Bundesrats-Bote an die Daten? War Geld im Spiel? Die innerparteiliche Kritik und Opposition gegen Blocher erhält nach den Wahlniederlagen zweifellos neue Nahrung.

Zweiter Verlierer: Philipp Hildebrand und die SNB. Dass die Öffentlichkeit nun Einblicke in den privaten Finanzhaushalt des SNB-Präsidenten erhalten hat, ist der kleinere Schaden. Der grössere: Das höchste Gut eines Notenbank-Chefs, die Glaubwürdigkeit und Integrität, ist befleckt. Getreu nach dem Motto: Etwas bleibt immer hängen. Wer die angelsächsischen Medien und deren Rezeption von News aus ihrer Ansicht nach Exotenländern wie der Schweiz kennt, dann ist diese These alles andere als falsch. Die SNB-Affäre ist ein willkommender Steilpass für weiteres Schweiz-Bashing.

Dazu kommt: Unabhängige Notenbanker haben überall auf der Welt Feinde. Im Fall der SNB sind dies vor allem die Hedge-Fonds, die mit der Festsetzung des Euro-Mindestkurses eine einträgliche Spielwiese verloren haben. Bereits wird auf Hedge-Fund-Blogs behauptet, ein Kursgewinn von 50‘000 Franken sei angesichts des nicht allzu dicken Jahreslohnes des SNB-Präsidenten Verlockung genug, um ein Insidergeschäft zu tätigen.

Dritte Verlierer: Die Bank Sarasin und der Finanzplatz Schweiz. Die Kunden der Basler Privatbank und die Weltöffentlichkeit müssen und dürfen nun mitverfolgen, dass offenbar nicht mal mehr private Transaktionen eines Notenbank-Präsidenten dem Bankgeheimnis in der Schweiz standhalten. Das kann der unter Druck stehende Bankenplatz Schweiz vor allem jetzt überhaupt nicht gebrauchen.

Die Affäre Hildebrand wirft nebst der langen Verliererliste aber auch Fragen auf: War Hildebrands Frau einfach nur unsensibel und naiv, als die den Betrag von 500‘000 Franken bei einem Dollarkurs nahe dem Rekordtief des Greenback gewechselt hat? Immerhin war sie einmal Devisenhändlerin. Dürfen Familienangehörige von SNB-Exponenten solche Transaktionen überhaupt vornehmen, egal, in welchem Zustand sich die Finanzmärkte befinden? Und überhaupt: Wer hat die Übersicht über Familienangehörige, Strohmänner und andere Beteiligte, die mit Insiderwissen von Firmen-CEO, Verwaltungsräten, Übernahmeexperten und vielen anderen Geheimnisträgern aus der Finanzwelt illegale und halblegale Geschäfte tätigen?

Insofern rüttelt die Affäre Hildebrand wieder einmal an einer gigantischen Blackbox.