Kommentar
Daniel Hügli, Chefredaktor cash
Warum halten uns Apotheker für unmündig?
Seit Jahren tobt in der Schweiz ein Kampf zwischen Apothekern und Ärzten wegen der Medikamentenabgabe. Es geht um die sogenannte Selbstdispensation, also den Verkauf von Medikamenten durch Ärzte ohne Umweg über die Apotheken.
In diesem Pillenstreit mussten die Apotheken kürzlich eine Niederlage einstecken. Das Bundesgericht gab grünes Licht für die Medikamentenabgabe durch Ärzte in Zürich. Nun kämpfen im Kanton Aargau die Apotheker mit einer Initiative gegen den Verkauf von Pillen bei Ärzten und vielleicht gar bei Grossverteilern.
Es geht in diesem Verteilkampf um Geld, und da die Medikamentenpreise in der Schweiz gegenüber dem Ausland hoch sind, geht es sogar um sehr viel Geld. Doch auch die Schweizer kaufen ihre Medikamente mehr und mehr im europäischen Ausland ein. Das hat Gründe, nicht nur finanzielle.
Denn der Gang in Schweizer Apotheken endet oft in Demütigungen für die Kundschaft. Hier ein paar Beispiele, alle immer wieder erlebt. Ein Apotheker verweigert nach der Schilderung der Krankheitssymptome die Übergabe eines Erkältungssirups, obwohl dieser dem Patienten seit Jahren hilft.
Oder: Eine Lehrtochter leiert eine Zusammenfassung der Nebenwirkungen eines harmlosen Generikums herunter, obwohl man das Medikament erklärtermassen bereits ausreichend kennt - und als gäbe es kein Internet, wo man sich selber informieren kann. Sehr oft auch dies: Eine Pharma-Assistentin fragt hartnäckig und misstrauisch nach dem Grund eines Medikamentenwunsches.
Welch ein Unterschied zum Ausland: In Italien gehen Pillen kommentarlos über die Theke, die in der Schweiz rezeptpflichtig sind und doppelt so viel kosten. Auch in England verlässt man sich auf die Eigenverantwortung der Konsumenten. In den Supermärkten sind Packungen mit 16 Aspirin-Generika seit Jahren für 30 Rappen erhältlich. Es ist nicht bekannt, dass dies zu vermehrtem Pillen-Abusus im Vergleich zu anderen Ländern geführt hat.
Warum kann man nicht in eine Schweizer Apotheke gehen ohne ständig belehrt zu werden? Warum wird man daselbst nicht als mündiger Bürger behandelt? Eine Vermutung liegt nahe: Die hohen Medikamentenpreise in der Schweiz müssen mit absolut überflüssigen Serviceleistungen gerechtfertigt werden.
Die Apotheken täten gut daran, diesen "Beratungsansatz" zu überdenken.
