Novartis, Credit Suisse und Nestlé; Sie sorgen mit Millionen-Boni an das Management für Schlagzeilen - und zunehmend auch für rote Köpfe in wirtschafsliberalen Kreisen. Unternehmer wie Trybol-Chef Thomas Minder, Initiant der Abzocker-Initiative, ärgern sich lauthals über die «Exzesse an den Spitzen». «Inzwischen sind wir bei zweistelligen Millionen-Abfindungssummen, Milliardenverlusten und Staatshilfen. Trotzdem geschieht auf Seiten Unternehmen und Politik nichts. Was braucht es denn noch?», fragte er in einem Gespräch mit cash im Januar.
Selbst Thomas Held, Direktor der Denkwerkstatt Avenir Suisse, kann die Gründe für die Abzocker-Initiative und den Ärger der kleinen und mittleren Unternehmen nachvollziehen. Das machte er kürzlich in einem Interview mit «Blick» klar. «Was mich wirklich beunruhigt, ist der Zorn der KMU. Dieser 'Zorn der Minders', wenn Sie so wollen.» Das sei das, was die Gesellschaft und das politische System wirklich erschüttert.
Tatsächlich läuft der Graben zwischen den KMU und den Grosskonzernen inzwischen quer durch alle Institutionen und Parteien; durch die FDP, und vor allem durch den Wirtschaftsdachverband Economiesuisse. «Was die Managersaläre betrifft, fechten wir in der Economiesuisse einen offenen und harten Kampf aus», sagt denn auch Verbands-Vizepräsident Johann Schneider-Ammann. Im Interview mit cash spricht er sich unmissverständlich für eine Begrenzung der Vergütungen und mehr Verantwortungsbewusstsein der Manager aus: «Es darf so nicht weitergehen!»
cash: Schaden die hohen Manager-Vergütungen bei Grossunternehmen den KMU?
Johann Schneider-Ammann: Einen direkten Schaden konnte ich bisher nicht ausmachen. Indirekt schaden die Auswüchse der gesamten Wirtschaft. Diese verliert an Glaubwürdigkeit mit der Konsequenz, dass die Menschen zum Staat flüchten, dieser Gesetze und Erlasse verfügt, der Unternehmensspielraum kleiner wird und damit die Wirtschaft schleppt und sie nachhaltig beschädigt wird. So gesehen sind die Auswüchse auch für die KMU schädlich.
Führt die zunehmende Resignation im Volk gegenüber den Millionen-Gehältern zu einer negativen Grundstimmung gegenüber der Wirtschaft?
Wie eben gesagt, ja. Im Wort Resignation steckt viel Bedrohliches: Wenn sich der Einzelne nicht ernst genommen fühlt, wenn der Einzelne sich nicht mehr für sich und auch das allgemeine Wohl zu engagieren bereit ist, dann dreht die Spirale immer schneller in die falsche Richtung. Verstehen Sie mich richtig: Ich will nicht Gleichmacherei. Wer mehr leistet, soll mehr bekommen und haben. Aber die Bandbreite kann nicht beliebig offen sein. Teuflisch am Ganzen ist die Kurzfristigkeit. Wir müssen in ein System zurück finden, das für die Allermeisten Perspektive und eine Einladung zum Beitragen bedeutet.
Wie wollen Sie der negativen Grundstimmung begegnen?
Ich setze mich dauerhaft für den Erhalt und die Schaffung von Arbeitsplätzen ein. Meine Idealvorstellung ist, dass in diesem Land jede und jeder einen Arbeitsplatz, damit eine Perspektive und eine positive Grundstimmung hat respektive mitbringt. Dies unabhängig davon, auf welchem Niveau der Einzelne die Chance hatte, ausgebildet zu werden. Kurz: Je mehr Arbeitsplätze, je geringer die Arbeitslosigkeit, umso positiver die Grundstimmung.
Die «Abzocker-Initiative» und der SP-Vorstoss zur Lohn-Begrenzung treffen auf eine grosse Zustimmung. Fürchten Sie weitergehende Vorstösse, welche die unternehmerischen Freiheiten der KMU stärker einschränken?
Die Initiativen sind Reaktionen auf die Auswüchse. Ich wäre nicht erstaunt, wenn es noch mehr Vorstösse gäbe. Die beiden aufliegenden sind zu wenig zielführend. Das Parlament arbeitet hart an Verbesserungen. Es braucht zwingende Korrekturen, ohne dass wir uns, im internationalen Vergleich, benachteiligen. Denn dies würden wiederum die Schwächsten zuerst spüren. Klar ist: So, wie sich die Auswüchse jetzt wieder manifestieren, darf es nicht weiter gehen. Auf diese irrsinnige Art führen wenige Grossfirmen-Verantwortliche die freie Wirtschaft, die Wohlstandsrezept ist, ad absurdum und verantworten eine gesellschaftliche Zersetzung, die diese Herren ihren Enkeln hoffentlich nicht zumuten wollten, wenn sie denn etwas weiter dächten.
Die KMU sind auf Kredite der grossen Finanzinstitute angewiesen. Gleichzeitig schaden die stetig steigenden Managersaläre dieser Banken den Interessen der KMU. Wie wollen Sie diesen Spagat meistern?
Die Finanzindustrie ist für mich eine Infrastruktur. Damit will ich sagen, dass die Banken in erster Priorität die Realwirtschaft zu befördern haben, und nicht ihre eigenen Profite auf Kosten Dritter beliebig optimieren können. Auch wenn die Finanzierungskonditionen nie optimal sind, so konnten doch in den letzten Monaten viele Finanzierungen von KMU sichergestellt werden. Die Banken sind, nebenbei gesagt, am Geschäft mit den 'Kleinen' interessiert. Die Margen sind für sie interessant und das Einzelrisiko ist bescheiden.
Auf der anderen Seite hängen viele KMU an den Aufträgen von Konzernen. Droht diese Schicksalsgemeinschaft zu zerbrechen?
Die KMU sind tatsächlich auf Aufträge von Grossfirmen angewiesen. Im besten Jahr 2007 haben die sieben grössten Swissmem-Firmen rund 17'000 Zulieferern Aufträge im Wert von rund 2,5 Milliarden Franken erteilt. Es gibt keine Grossindustrie ohne die Kleinen und umgekehrt. Das haben wir in der Industrie sehr wohl begriffen. Und wenn uns Exporteuren im Moment der Franken/Euro-Kurs enorm zu schaffen macht, so darf diese Schicksalsgemeinschaft darob nicht zerbrechen.
Während Sie bei Swissmem die KMU vertreten, repräsentiert Economiesuisse zunehmend die Interessen der Grossunternehmen. Welche Bedeutung haben hier die hohen Managersaläre?
Die Industrie der Maschinen-, Elektro- und Metallerzeuger ist eine homogene Industrie. Grössere und Kleinere haben in etwa die gleichen Herausforderungen und damit auch die vergleichbaren Chancen und Risiken. Über die gesamte Economiesuisse hinweg gibt es dieses gegenseitige Verständnis viel weniger, zu unterschiedlich sind die Märkte und Wirtschaftszweige. Ich will in der Economiesuisse die Diskussion Gross/Klein nicht mehr. Auch die Economiesuisse weiss, dass unser Land schwergewichtig von den KMU lebt. Was die Managersaläre anbetrifft, fechten wir in der Economiesuisse einen offenen und harten Kampf aus.
Johann Schneider-Ammann ist Präsident der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (Swissmem) sowie Vizepräsident des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse. Der 58-Jährige ist seit 1990 Präsident und Delegierter des Verwaltungsrates der Ammann Group sowie Vorstand des Handels- und Industrieverein des Kantons Bern, des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes und der Vereinigung Schweizer Unternehmen in Deutschland. Bei den Unternehmen Mikron, Swatch und Trösch sitzt Schneider-Ammann im Verwaltungsrat.

