Bis zum 23. Dezember bringt cash jeden Werktag ein Interview mit bekannten Vertretern aus der Schweizer Wirtschaftswelt. Sie halten Rückschau auf das ablaufende Jahr, erinnern sich an wichtige und schöne Begegnungen, sprechen aber auch von Enttäuschungen und Ärger - und genau so wichtig: Sie werfen einen Blick auf das neue Jahr und formulieren ihre Erwartungen für die Konjunktur und für ihre Branche.

Lassen Sie sich bis Weihnachten jeden Tag neu überraschen. Teil zwei der Interview-Serie mit Martin Naville, CEO der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer.


cash: Martin Naville, wenn Sie das Jahr 2011 Revue passieren lassen: Welche Eindrücke bleiben zurück?

Martin Naville: Wir haben nirgendwo Unsicherheiten eliminiert, sondern eher noch welche hinzukommen lassen – sei dies nun wirtschaftlich, politisch oder aussenwirtschaftspolitisch. In fast keinem Bereich wurde etwas abgeschlossen. Vor allem, was die Wirtschaft betrifft, haben wir für das kommende Jahr viele offene Fragezeichen und Baustellen. 

Gibt es auch erfreuliche Erinnerungen an 2011?

Auf der Geschäftsseite eher weniger, auf der persönlichen Seite sehr wohl. Aber unter dem Strich war 2011 tatsächlich eher ein ernüchterndes Jahr. 

Ein sehr zwiespältiges Fazit...

Durchaus. Es ist zwar nichts Schlimmes passiert. Das ist die gute Nachricht. Aber wir konnten keine der Probleme, die auf dem Tisch lagen, im Guten lösen. Ich denke da an das Bankgeheimnis, die Zusammenarbeit mit Europa und Amerika, die generelle wirtschaftliche Entwicklung. 

Ein für Sie zentrales Thema 2011 war der Steuerstreit zwischen der Schweiz und den USA. Was ist hier zu erwarten?

Das ist genau eine der offenen Fragen. Auf der einen Seite sind die Amerikaner auf die Schweizer sauer, weil aus ihrer Sicht die Schweiz Steuerverbrecher geschützt hat. Die Schweizer wiederum sind auf die Amerikaner sauer, weil diese aus Schweizer Sicht mit der Hammermethode vorgegangen sind. Hier bestehen gegenseitig viele Missverständnisse. Das muss gelöst werden, weil es eine grundsätzlich positive Wirtschaftszusammenarbeit zwischen den beiden Ländern überschattet. 

Wie hat sich dieser Zwist auf die Arbeit der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer ausgewirkt?

Zum Glück nicht negativ, wenn man vom direkt betroffenen Bankenwesen absieht. Im Bereich des Handels und der Direktinvestitionen läuft der Austausch zwischen der Schweiz und Amerika trotz des starken Frankens sehr gut, viel besser als mit unseren direkten Nachbarn Frankreich und Italien. 

Die Weltwirtschaft ist von den zwei Schuldenkrisen in Europa und den USA geprägt. Werden wir 2012 einen Durchbruch sehen?

In Amerika ist die Problematik weniger schlimm als in Europa, hier kommen zur Schuldenkrise noch die Frage nach der Stabilität des Euros und der Zeitdruck dazu. In Amerika kennt man diese Strukturprobleme nicht. Der Dollar ist die Weltleitwährung und wird sie bleiben. Der Euro wäre ein Kandidat gewesen, ist es aber derzeit nicht mehr. Das ist positiv für Amerika. Gleichzeitig heisst das aber nicht, dass die USA nicht auch vor sehr schwierigen Problemen stehen. Es muss ganz klar etwas gemacht werden. Allerdings kann man sich für nächstes Jahr nichts wünschen. 2012 ist Wahljahr, und während des Wahlkampfs werden keine schwierigen Entscheide getroffen. Amerika wird deshalb erst ab 2013 seriöse Lösungen suchen. 

Und in Europa?

Alle Parteien haben Interesse daran, dass der Euro bestehen bleibt. Aber wir wissen, dass keine einfache Lösung möglich ist. Es wird deshalb eine grosse Kombination aus Sparen, Schuldenschnitt und Zentralisieren von Autorität beim Finanz- und Fiskalwesen notwendig. Ich rechne mit mindestens zehn Jahren, bis sich die Lage wieder normalisiert. 

Wie sehen Sie die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz 2012?

Es gibt keine Anzeichen, dass es nächstes Jahr zu einem Aufschwung kommt. Ich rechne mit einem minimalen Wachstum, sofern die Euro-Zone stabil bleibt, bis hin zu einer kleinen Rezession, falls die Lage wieder turbulenter wird. Für die Schweiz ist klar: Zwei Drittel unserer Exporte gehen in die EU. Und wenn es der EU schlecht geht, geht es uns auch schlecht. Dazu kommt die Währungsproblematik: Gut 85 Prozent unserer Exporte gehen in den Euro-, Dollar- oder dollarverwandte Raum. Hier können wir keine Wunder erwarten. Export, Tourismus und Zulieferer stehen unter Druck.

Sie haben den Franken angesprochen. Sehen wir 2012 die ersehnte Abschwächung?

Es ist immer schwierig, auf zwölf Monate hinaus eine Prognose zu wagen. In diesem kurzen Horizont spielen nicht nur Fundamentaldaten eine Rolle, sondern auch die Stimmungslage. Allerdings gibt es sogar mittelfristig nur wenige Gründe, weshalb der Franken an Wert verlieren sollte, aber viel mehr Argumente, dass der Franken die globale Fluchtwährung bleibt. 

Wie sehen Sie die Börsenentwicklung im 2012?

Eine Vorhersage ist wahnsinnig schwierig. Die offenen Fragezeichen und Baustellen führen zu Unsicherheit, und diese ist Gift für die Börsen. Deshalb gehe ich von einem sehr stimmungsgetriebenen und volatilen Aktienjahr aus. Eine grössere Erholung kann man nicht erwarten. 

Wo soll der Anleger 2012 sein Geld anlegen?

Das ist genau die Frage. Der 20-jährige Eidgenosse bringt gerade noch knapp eine Rendite über einem Prozent. Das zeigt, wie schwierig es ist, möglichst risikofrei anzulegen. Vielleicht sollte man einfach auch mal wagen, nichts zu machen. Der Zoo Zürich, in welchem ich Verwaltungsratspräsident bin, hat beschlossen, die Hälfte der Gelder für die nächsten Jahre geplanten Investitionen in Cash zu halten. Die Swiss-American Chamber of Commerce hält Kassaobligationen von eins bis drei Jahren. Das bringt zwar nicht viel Zins, dafür relativ sicher angelegt. Wer heute mehr Rendite haben will, muss überdurchschnittlich viel Risiko eingehen. 

Und was wünschen Sie sich für 2012?

Es wäre schön, wenn wir einige der offenen Baustellen schliessen könnten. Aus wirtschaftlicher Sicht erhoffe ich mir eine grössere Planungssicherheit für die Schweizer Unternehmen. Und drittens wünsche ich mir, dass wir mit wichtigen Partnern wie den USA und Europa die anstehenden fiskalischen Fragen lösen können. 


Martin Naville (52) ist seit 2004 CEO der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer in Zürich. Zuvor war er während 16 Jahren in verschiedenen Funktionen für die Boston Consulting Group tätig, davon zehn Jahre als Partner und Direktor. Seit einigen Jahren ist er auch Verwaltungsratspräsident des Zoos Zürich und VR-Mitglied von Swissquote. Aufgewachsen ist Naville in Genf, lebt aber nun seit vielen Jahren in Zürich. 


In dieser Serie bereits erschienen:

Jean-Claude Biver (CEO Hublot): «Das Geld muss fliessen» (Donnerstag, 15. Dezember 2011)