Bis zum 23. Dezember bringt cash jeden Werktag ein Interview mit bekannten Vertretern aus der Schweizer Wirtschaftswelt. Sie halten Rückschau auf das ablaufende Jahr, erinnern sich an wichtige und schöne Begegnungen, sprechen aber auch von Enttäuschungen und Ärger - und genau so wichtig: Sie werfen einen Blick auf das neue Jahr und formulieren ihre Erwartungen für die Konjunktur und für ihre Branche.
Lassen Sie sich bis Weihnachten jeden Tag neu überraschen. Teil zwei der Interview-Serie mit Martin Naville, CEO der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer.
Wie hat sich dieser Zwist auf die Arbeit der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer ausgewirkt?
Zum Glück nicht negativ, wenn man vom direkt betroffenen Bankenwesen absieht. Im Bereich des Handels und der Direktinvestitionen läuft der Austausch zwischen der Schweiz und Amerika trotz des starken Frankens sehr gut, viel besser als mit unseren direkten Nachbarn Frankreich und Italien.
Die Weltwirtschaft ist von den zwei Schuldenkrisen in Europa und den USA geprägt. Werden wir 2012 einen Durchbruch sehen?
In Amerika ist die Problematik weniger schlimm als in Europa, hier kommen zur Schuldenkrise noch die Frage nach der Stabilität des Euros und der Zeitdruck dazu. In Amerika kennt man diese Strukturprobleme nicht. Der Dollar ist die Weltleitwährung und wird sie bleiben. Der Euro wäre ein Kandidat gewesen, ist es aber derzeit nicht mehr. Das ist positiv für Amerika. Gleichzeitig heisst das aber nicht, dass die USA nicht auch vor sehr schwierigen Problemen stehen. Es muss ganz klar etwas gemacht werden. Allerdings kann man sich für nächstes Jahr nichts wünschen. 2012 ist Wahljahr, und während des Wahlkampfs werden keine schwierigen Entscheide getroffen. Amerika wird deshalb erst ab 2013 seriöse Lösungen suchen.
Und in Europa?
Alle Parteien haben Interesse daran, dass der Euro bestehen bleibt. Aber wir wissen, dass keine einfache Lösung möglich ist. Es wird deshalb eine grosse Kombination aus Sparen, Schuldenschnitt und Zentralisieren von Autorität beim Finanz- und Fiskalwesen notwendig. Ich rechne mit mindestens zehn Jahren, bis sich die Lage wieder normalisiert.
Wie sehen Sie die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz 2012?
Es gibt keine Anzeichen, dass es nächstes Jahr zu einem Aufschwung kommt. Ich rechne mit einem minimalen Wachstum, sofern die Euro-Zone stabil bleibt, bis hin zu einer kleinen Rezession, falls die Lage wieder turbulenter wird. Für die Schweiz ist klar: Zwei Drittel unserer Exporte gehen in die EU. Und wenn es der EU schlecht geht, geht es uns auch schlecht. Dazu kommt die Währungsproblematik: Gut 85 Prozent unserer Exporte gehen in den Euro-, Dollar- oder dollarverwandte Raum. Hier können wir keine Wunder erwarten. Export, Tourismus und Zulieferer stehen unter Druck.
Und was wünschen Sie sich für 2012?
Es wäre schön, wenn wir einige der offenen Baustellen schliessen könnten. Aus wirtschaftlicher Sicht erhoffe ich mir eine grössere Planungssicherheit für die Schweizer Unternehmen. Und drittens wünsche ich mir, dass wir mit wichtigen Partnern wie den USA und Europa die anstehenden fiskalischen Fragen lösen können.
In dieser Serie bereits erschienen:
Jean-Claude Biver (CEO Hublot): «Das Geld muss fliessen» (Donnerstag, 15. Dezember 2011)