"Es gibt viel zu verlieren, du kannst nur gewinnen", beginnt der Refrain des Songs, der vor ein paar Jahren Nummer eins in den Charts war. Als Mario Draghi vergangenen November Nachfolger des Franzosen Jean-Claude Trichet an der Spitze der EZB wurde, hätte man dem 64-jährigen Römer auch diese Worte mit auf den Weg geben können. Denn die Fußstapfen, die "Monsieur Euro" nach acht Jahren im Amt und vier Jahren Krisenmanagement hinterließ, waren groß. Doch nach Ansicht vieler hat Draghi seine Sache gut gemacht.
"Draghi hat einen hervorragenden Start gehabt", lobt Stefan Schilbe, Chefökonom bei HSBC Trinkaus in Düsseldorf. "Er hat zudem an Statur gewonnen - weil er Trichet eben nicht kopiert, sondern eigene Akzente gesetzt hat." "Und es gab nach außen keinerlei Bruch zwischen Trichet und Draghi, wie man das doch vielleicht hätte erwarten können", ergänzt Michael Schubert, langjähriger EZB-Analyst der Commerzbank, seinen Eindruck vom neuen Währungshüter Nummer eins. Und doch hat Draghi beileibe nicht alles so gemacht, wie es Trichet angepackt hätte.
Vor allem in seiner Kommunikation hat der neue starke Mann der EZB nicht alles anders, aber durchaus manches besser gemacht als sein Vorgänger. "In seiner Kürze liegt die Würze", findet Schubert und verweist auf die vergleichsweise geringe Zahl öffentlicher Auftritte des Neuen und seine im Vergleich zu Trichet viel deutlichere Art bei den Pressekonferenzen nach den Zinsentscheidungen des EZB-Rats oder bei Parlamentsanhörungen. Nur ein einziges Mal war Draghi zu undeutlich und wurde prompt missverstanden. Anfängerpech.
Erholung ist wichtig
Auch nach Innen legt Draghi dem Vernehmen nach einen anderen Stil als Trichet an den Tag. "Er delegiert mehr und ist kein Mikromanager", fasst ein langjähriger Mitarbeiter der Notenbank, der nicht namentlich genannt werden will, zusammen. Und während bei Trichet oft bis in die Nacht in der Chefetage des Frankfurter Euro-Towers Licht brannte, weiß Draghi offenbar, dass Erholung gerade in einer Position wie seiner wichtig ist, um den Wald vor lauter Bäumen noch zu sehen. Dass recht viele Golfplätze rund um Frankfurt von Wald umgeben sind, ist deshalb doppelt gut für Draghis Work-Life-Balance. Dank moderner Kommunikationstechnik lässt sich eine Notenbank heutzutage schließlich selbst in Krisenzeiten wenigstens stundenweise vom Grün am 11. Loch führen.
Womit wir zur überraschend hohen Zahl wichtiger und nach Ansicht vieler Experten richtiger Entscheidungen kämen, die Draghi schon in seinen ersten 100 Tagen getroffen hat: zwei Zinssenkungen, ein ganzes Bündel zusätzlicher Krisenmaßnahmen und heikle Personalentscheidungen gehen maßgeblich auf sein Konto.
Elegant löste er etwa einen durch die Neubesetzungen im EZB-Direktorium drohenden deutsch-französischen Konflikt durch die Wahl des Belgiers Peter Praet als neuen EZB-Chefvolkswirt. Er gab Jörg Asmussen dessen Traumjob als "Außenminister" der EZB. Und den Deutschen zugleich eine Beruhigungspille, damit der Schmerz über den Verlust des als Erbhof betrachteten Postens an der Spitze der volkswirtschaftlichen Abteilung nicht allzu groß ausfällt.
Griechisches Drama könnte Draghis Bilanz verderben
Von der Personalpolitik zurück zur Krisenpolitik der EZB: "Draghis Geniestreich war zweifellos, dass er den Banken eine Versicherung gegen die Krise gab und zugleich damit aufhörte, in Vorleistung für die Politik zu gehen, wie es der späte Trichet tat", zollt ein hochrangiger Mitarbeiter einer der 17 nationalen Zentralbanken der Euro-Zone dem neuen "Signore Euro" Respekt. Glaubt man Analysten, hat die EZB einen waschechten Kollaps des Bankensystems und eine Kreditklemme verhindert, als sie kurz vor Weihnachten ihre Geldschleusen öffnete und eine halbe Billion Euro an die krisengeplagten Banken verteilte. Die zweite Euro-Schwemme folgt Ende Februar.
Einzig das griechische Schuldendrama könnte Draghi seine Bilanz verderben. Denn es ist wahrscheinlich, dass auch die EZB ihren Teil zur Umschuldung Athens beitragen muss - schließlich ist sie mit Abstand größter Einzelgläubiger der Griechen. Ob es am Ende gelingt einen Verlust für die Zentralbank zu vermeiden, bleibt abzuwarten.
Die Entscheidung für die Staatsanleihenkäufe, die nun zum Bumerang zu werden droht, fiel im Mai 2010, als noch viele den damaligen Bundesbank-Chef Axel Weber im Rennen um die Nachfolge Trichets vor Draghi sahen. Weber trat später wegen der umstrittenen Anleihekäufe zurück. Draghi muss die Suppe jetzt auslöffeln. Zuspruch kommt von Herbert Grönemeyer: "Durchquer den Hades zum Ziel. Genug ist zu wenig - oder es wird so wie es war."
(Reuters)
