Für den Finanzplatz Frankfurt hätte der "Brexit" dagegen zumindest kurzfristig positive Auswirkungen. Geschäfte und Arbeitsplätze der Banken könnten dann von der Themse an den Main verlagert werden. "Ein 'Brexit' wäre für Frankfurt das grösste Geschenk seit der Stadtgründung", frohlockt ein hochrangiger deutscher Finanzmanager. Mittel- und langfristig würde eine Abkopplung Grossbritanniens Europa und seinen Finanzmarkt aber schwächen, warnen Experten und Banker unisono. Und das würde früher oder später dann auch "Mainhattan" zu spüren bekommen.

Premierminister David Cameron will die Briten über die Mitgliedschaft des Landes in der EU abstimmen lassen. Das Referendum findet möglicherweise bereits im Sommer statt, in jeden Fall aber bis Ende 2017. "Ein 'Brexit' würde dem Finanzplatz Frankfurt kurzfristig einen Schub verleihen", sagt Lutz Raettig, Frontmann der Branchenvereinigung Frankfurt Main Finance, der Nachrichtenagentur Reuters. "Ich gehe davon aus, dass sich dann noch mehr Unternehmen aus der Versicherungs- und Bankenbranche in Frankfurt niederlassen würden, schliesslich sind hier bereits ihre Aufsichtsbehörden beheimatet." Sowohl die Europäische Zentralbank als auch die Versicherungsaufsicht Eiopa haben sich am Mainufer niedergelassen.

Von London nach Frankfurt

Schon heute beschäftigen Finanzinstitute in Frankfurt über 60'000 Mitarbeiter. Raettig ist Aufsichtsratchef von Morgan Stanley in Deutschland und Vorsitzender des Börsenrats der Frankfurter Wertpapierbörse. Er erwartet, dass bei einem "Brexit" einige Geschäfte von London abwandern, besonders im Euro-Devisenhandel. "Davon würde unter anderem die Deutsche Börse profitieren. Die meisten Finanzmarktgeschäfte, die derzeit in London getätigt werden, können grundsätzlich auch von Frankfurt aus gemacht werden."

Für Europa insgesamt wäre ein Brexit aber schlecht, sagt Raettig. Auch in der Mainmetropole drohten dann Engpässe. "Wenn zahlreiche Finanzkonzerne Geschäfte nach Frankfurt verlagern, wird es nicht genügend gut ausgebildete Mitarbeiter für alle geben."

"Es gibt einige, die davon träumen"

Die Deutsche Bank, die in Grossbritannien rund 9000 Mitarbeiter beschäftigt, hat schon vor einiger Zeit eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die mögliche Reaktionen auf einen Brexit durchspielt. Dazu gehört auch die Verlagerung von Geschäften in andere EU-Länder. "Wir werden handlungsfähig sein, wenn es notwendig sein sollte", sagt Co-Chef Jürgen Fitschen. Auch die US-Investmentbank Goldman Sachs würde bei einem Brexit "ganz sicher mehr Ressourcen nach Frankfurt stecken", ist sich Europa-Co-Chef Richard Gnodde sicher.

Die beiden Top-Banker hoffen jedoch, dass es am Ende nicht dazu kommt. "Wir sollten nicht die Illusion haben zu glauben, dass London über Nacht von irgendwem anderen auf kontinental-europäischer Ebene ersetzt werden kann", sagt der Deutsche-Bank-Chef. Im Falle eines Brexit würde Geschäft nicht nur nach Frankfurt abwandern, sondern auch nach Dublin, Paris und in andere Städte, sagt die Ratingagentur S&P voraus.

Welche Konsequenzen ein Brexit hätte, hängt aus Sicht von Experten vor allem vom Status ab, den Grossbritannien dann erhalten würde. Sollte das Land wie etwa Norwegen Mitglied im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) bleiben, könnten viele Institute ihr Europa-Geschäft weiter von London aus steuern. Sollte Grossbritannien jedoch den Zugang zum EU-Binnenmarkt verlieren, hätte das "erhebliche negative Effekte" für beide Seiten, warnt Helaba -Chefvolkswirtin Gertrud Traud. Derzeit profitiere der gesamte europäische Finanzmarkt von der Expertise und dem Netzwerk Londoner Finanzmanager, betont auch Felix Hufeld, der Chef der deutschen Finanzaufsicht BaFin.

"Es gibt einige, die schon davon träumen, dass Frankfurt und vielleicht auch Paris und Luxemburg davon profitieren", erzählt Deutsche-Bank-Chef Fitschen. Er ist überzeugt, dass es am Ende nur Verlierer geben würde: "Deutschland verliert seine Mittellage. England wird reduziert auf ein kleines England, denn Schottland wird nicht dabeibleiben. Und das deutsch-französische Verhältnis wird angespannter sein." Europa sei im Vergleich zu den USA und China schon heute ein kleiner Wirtschaftsraum, betont Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des deutschen Bankenverbands. "Wenn dieser kleine Wirtschaftsraum noch kleiner wird, weil ein wesentliches Mitglied rausgeht, würde die Bedeutung Europas weiter sinken."

S&P-Analysten weisen in einer Studie darauf hin, dass der Status von Finanzmetropolen immer auch von der Entwicklung ihrer Heimatländer abhängt. Amsterdam sei im 18. Jahrhundert beispielsweise wichtiger gewesen als London. "Was auch immer in Europa in den nächsten Jahren passiert: Langfristig droht London aus Asien mehr Konkurrenz als aus Kontinentaleuropa."

(Reuters)