cash: Herr Leuschel, Sie werden als Crash-Prophet bezeichnet. Wie lebt es sich mit dem Ruf als notorischer Pessimist?

Roland Leuschel: Ich bin nicht Pessimist. Es gibt Zeitungsartikel mit dem Titel: 'Roland Leuschel, der ewige Optimist'.

Wann war denn das?

Das war in den 80er Jahren. 1982, nachdem die USA eine Steuerreform beschlossen hatte, wurde ich Optimist. Danach legte ich während Jahren die gleiche Platte auf und wurde irgendwie langweilig. Heute würde ich mich als Optimisten mit Erfahrung bezeichnen, dass heisst ein Realist. Es gab in meiner Berufslaufbahn viele Finanzzusammenbrüche und Börsen-Crashs. Ich liebe Aktien, aber man muss sie nach einem Crash kaufen.

Haben Sie Aktien?

Ja.

Sie hatten 2006 alle Aktien vor der Finanzkrise verkauft, inzwischen haben sie also wieder dazu gekauft.

Ich habe Indizes. Long habe ich nur einige Aktien in asiatischen Märkten, und short bin ich bei allem, was im Westen ist. Die einzigen Märkte, die langfristig interessant sind, sind die asiatischen.

Wie entwickeln sich die Börsen in nächster Zeit?

Ich erwarte in den nächsten Monaten einen Aktien-Crash. Die Aktien-Euphorie ist derzeit ja wieder phantastisch. Viele Leute gehen von einer Konjunkturerholung aus und damit von einer Erholung bei den Unternehmensgewinnen. Dieses Szenario wird wahrscheinlich nicht eintreffen. Wir haben jetzt eine sogenannte Echo-Blase, und ich bin Aktien-negativ. Denn die Aktien sind derzeit überbewertet.

Wie stark könnten denn die Aktienmärkte fallen?

Etwa 20 Prozent. Dies wird, im Gegensatz etwa zu 1987, aber nicht an einem Tag geschehen, sondern wir werden einen Salami-Crash sehen: Stückchen für Stückchen.

Was sind die Gründe für den von Ihnen vorausgesagten Crash?

Überbewertung der Märkte, enttäuschende Konjunkturdaten, die Probleme in Europa. Es kann auch einen Auslöser geben, etwa einen geopolitischen Konflikt.

Machen Sie nicht etwas gar auf Panikmache?

Nein, nein. Ich bin Realist. Ich habe ja Gold, das ist die einzige Währung der Welt, die profitiert, wenn der Euro und der Dollar sinken. Gerade der Euro ist noch immer etwas Künstliches.

Wieviel macht denn Gold bei Ihrer Asset Allocation aus?

Das ist eine sehr unbequeme Frage für mich. Aber da ich nicht lügen kann, gebe ich Ihnen eine Antwort. Bei den meisten Portfolio und Risikostrategien macht Gold höchstens 5 Prozent aus. In meinem Buch «Das Greenspan Dossier», das 2004 erschien, empfahlen wir, mindestens 25 Prozent des Geldvermögens in physischem Gold anzulegen. Nicht unbedingt Münzen, sondern kleinere Barren. Daran habe auch ich mich gehalten. Mittlerweile macht Gold bei mir 70 Prozent aus.

Ein schönes Klumpenrisiko, das Sie sich da aufgebaut haben.

Ich bin mir dessen voll und ganz bewusst. Aber wenn ich heute Gold verkaufe zu guten Preisen, stellt sich die Frage. Was mach mit dem Geld? Ich kann ja nicht alles in Schweizer Franken anlegen (lacht).

Der Goldpreis hat sich in den letzten Jahren vervielfacht. Beim Gold baut sich eine Spekulationsblase auf.

Das glaube ich nicht, noch nicht. Das kann kommen.

Gold ist ja kein rationaler Markt mehr, der von Angebot und Nachfrage getrieben wird. Er wird bestimmt durch Panikkäufe.

Schauen Sie, wenn Sie 500 Millionen Franken haben…

..das habe ich definitiv nicht.

Egal. Wenn Sie soviel hätten, dann würden Sie sich auch Gedanken machen darüber, ob das, was Papier ist, morgen noch einen Wert hat. Reiche Leute machen sich solche Gedanken und investieren in ausgesuchte Immobilien und in Gold. Diese Leute denken an die Zeit nach der Krise. Gold und andere Edelmetalle haben einen allgemeinen Verkaufswert, und ich sehe keine Alternative dazu. Ich glaube auch, dass es eine Währungsreform unter Einbeziehung von Gold gibt.

Aber in einer Zeit nach der Krise wäre Gold nicht mehr gefragt, sondern riskantere Anlageformen.

Das stimmt nicht. Erst etwa 1 Prozent der Geldvermögen sind bisher in Gold angelegt. Das ist nicht viel. Wenn der Goldpreis weiter steigt und weitere Leute durch die Hausse angezogen werden, dann werden es vielleicht 10 Prozent. Dann kämen die Übertreibungen. Doch bevor Gold nicht einen Preis von 2000 Dollar pro Feinunze erreicht, ist das Edelmetall nicht überbewertet. Der Preis war ja bereits dort, und zwar 1981. Damals lag der Preis bei 850 Dollar, inflationsbereinigt sind es aber ungefähr 2000 Dollar.

Sie prognostizierten einmal einen Goldpreis von 5000 Dollar für das Jahr 2014.  Gilt diese Voraussage noch immer?

Ja. Allerdings, wie ich gesagt habe, setzt dies eine Währungsreform voraus etwa mit einer Währung Euro-Gold: Man wird also das Geld an das Gold binden, um Vertrauen zu schaffen. Allerdings bin ich etwas pessimistischer geworden bezüglich Euro. Es wird wohl eher eine Gold-D-Mark geben.

Sie haben vorher den Schweizer Franken erwähnt, der gerade während der Europäischen Schuldenkrise massiv zugelegt hat. Auf was achten die Franken-Investoren denn besonders?

Sie achten auf die implizite Staatsverschuldung. Das heisst, nicht bloss auf die Anleihen und Kredite, welche die Schweiz aufgenommen hat, sondern auch auf die Verpflichtungen, die aus den Sozialsystemen entstehen. Diesbezüglich sind die meisten Industrieländer heute pleite. Die Schweiz ist die einzige Ausnahme, die ich kenne. Das Rentensystem auf drei Säulen war bei der Einführung sehr umstritten, aber sehr vorhersehend. Es wurden rechtzeitig die richtigen Weichen gestellt. Mit dem Anstieg des Frankens hat die Schweiz aber ein anderes Problem. Man kann nicht mehr so viel exportieren.

Legt der Franken weiter an Stärke zu?

Ja.

Wenn Sie unseren Lesern Ratschläge für eine Asset Allocation geben müssten: Sollten diese auch zu 70 Prozent des Vermögens in Gold anlegen?

Ich gebe nur ungern Ratsschläge. Zu den Grundregeln gehören aber: Sich täglich informieren und immer davon ausgehen, dass der Markt der Stärkere ist. Ich würde vor allem Investitionen Sachwerte vorschlagen: Sein eigenes Haus, dann für die Familie, wenn man eine hat, Edelmetalle. Ein Teil des Geldes kann man in cash halten und zwischendurch für die Aufs und Abs an der Börse gebrauchen. Und wer darüber hinaus noch Geld hat: Immobilien an guter Lage.

Die sind in der Schweiz aber kaum mehr bezahlbar.

Ach… (langer Seufzer). Jetzt warten Sie’s doch erstmal ab. Das hat man schon gesagt, als sich die Preise auf der Hälfte des heutigen Niveaus befanden.

Kommen wir nochmals zu Ihrem Ruf als Crash-Prophet. Sie haben einiges richtig vorausgesagt, zum Beispiel die Börsen-Kursstürze von 1987 und 1989, dann gab es aber auch eine Prognose von Ihnen, dass der DAX auf 2200 Punkte fallen werde. Davon sind wir meilenweit entfernt. Unfehlbar sind Sie nicht.

Um Gottes Willen, natürlich nicht. Aber Moment mal. Ich habe bei der Dax-Prognose keinen Zeitpunkt erwähnt. Den Dax können wir sehr wohl wieder bei 2200 Punkten sehen. Ich bitte um etwas Geduld.

Roland Leuschel (73) arbeitete während Jahrzehnten als Chefstratege für die belgische Banque Bruxelles Lambert. In den 60er Jahren war er Finanzanalyst bei EIR, der ersten Researchgesellschaft, die europäische Aktien auf breiter Basis untersuchte. Leuschel, der Wirtschaftsingenieurwesen in Karlsruhe studierte, begründete seinen Ruf als «Crash-Prophet» 1987 und 1989, als er die weltweiten Kursstürze an den Börsen vorhersagte. An seinen Wohnorten Brüssel und in der Algarve (Portugal) schreibt er heute Kolumnen und Bücher zu Finanzthemen. Das neuste Buch, «Die Inflationsfalle», erschien 2009.

Das Interview fand anlässlich der Morningstar Investment Conference am 19. November in Frankfurt statt.