Open Banking in der Schweiz: Zwischen Hype und Realität

Der standardisierte und gesicherte Austausch von Daten zwischen einer Bank und Drittanbietern sei ein Hype, so Richard Hess von der Bankiervereinigung. Entscheidend sei nun, die strategische Dimension von Open Banking für den Finanzplatz rechtzeitig zu erkennen,
10.07.2020 22:33

In einer Lagebeurteilung zeigt die Bankiervereinigung auf, wo der Finanzplatz Schweiz in Bezug auf Open Banking steht. (Bild: Shutterstock.com)

In einer Lagebeurteilung zeigt die Bankiervereinigung auf, wo der Finanzplatz Schweiz in Bezug auf Open Banking steht. (Bild: Shutterstock.com)

Open Banking, das ist in erster Linie die Ambition, Finanzdienstleistungen für Kunden noch einfacher, schneller und verlässlicher zu machen. Hinter dem Konzept steckt die Vision, Daten in einem Ökosystem aus verschiedenen Akteuren – Banken, Versicherungen, FinTech-Unternehmen u.v.m. – gegenseitig auszutauschen. Damit sollen beispielsweise Zahlungen in Echtzeit ausgeführt und auf dem Konto verbucht, das auf mehrere Bankkonten verteilte Vermögen in einem beliebigen E-Banking-Dashboard aggregiert oder auch die Hypothek mit den besten Konditionen für das Eigenheim direkt auf der Immobilienplattform verglichen und abgeschlossen werden können. Geschäftskunden wie KMUs können wiederum durch die Einbindung von Buchhaltungssoftware beispielsweise ihre Liquiditätsplanung verbessern. Im Zentrum stehen dabei stets die Kundinnen und Kunden sowie deren Daten, über die sie jederzeit verfügen können.

"Der Schweizer Finanzplatz steht hierbei mitten drin im kreativen Getümmel – zwischen Hype und produktiven Anwendungen rund um Open Banking", sagt Richard Hess, Leiter Digitalisierung bei der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg). Jetzt sei Übersicht gefragt. Zu diesem Zweck hat die SBVg zusammen mit einer Arbeitsgruppe aus Bankenvertreterinnen und -vertretern eine Auslegeordnung erarbeitet. Diese soll mehr Klarheit über die aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen in Bezug auf die Umsetzung von Open Banking in der Schweiz schaffen,

Die Schweiz verfolgt einen marktwirtschaftlichen Ansatz

Die Vorteile von Open Banking lägen auf der Hand, darin sei man sich einig. Die Frage sei indes weniger das "Was" als vielmehr das "Wie", so Hess. Und hier würden sich die Geister scheiden. Der Hype rund um Open Banking sei nicht zuletzt aufgrund der regulatorischen Vorgaben zum Datenaustausch in der EU und weiteren Finanzplätzen – z.B. Brasilien, Singapur und Hong Kong – befeuert worden. Es gehe aber auch anders, wie die Schweiz zeige.

Wie der Leiter Digitalisierung bei der SBVg weiter ausführt, beschreitet die Schweiz hier einen liberaleren Weg. Aktuell bestehen hierzulande keine spezifischen regulatorischen Anforderungen, die Banken zum Austausch von Bankdaten verpflichten würden. Grundsätzlich können Banken daher frei bestimmen, mit wem sie kooperieren und entsprechend Zugang zu ihren Schnittstellen gewähren möchten – natürlich mit dem Einverständnis der Kunden. Dadurch werde sichergestellt, dass die Zusammenarbeit zwischen Bank und Drittanbietern auf marktwirtschaftlichen Überlegungen und konkreten Anwendungsfällen basiere, so Hess.

Der bisherige Ansatz habe sich bewährt. Die ersten Plattformen und Marktplätze, die innovative Lösungen basierend auf offen standardisierten oder eigenen APIs entwickeln, werden umgesetzt. Ein Beispiel hierfür ist die b.Link Plattform der SIX. Gleichzeitig arbeiten auch einzelne Banken an der Entwicklung von standardisierten APIs für spezifische Geschäftsbereiche.

Mehrere Initiativen arbeiten an einheitlichen Standards

Mit der zunehmenden Anzahl an unterschiedlichen Angeboten taucht immer wieder auch die Forderung nach einem einheitlichen API (Application Programming Interface)-Standard für den Schweizer Finanzplatz auf. "Dies ist auch zu begrüssen. Denn grundsätzlich führt Heterogenität zu Komplexität und höheren Kosten", so Hess. Entsprechend arbeiten Initiativen wie Common-API von SFTI und openbankingproject.ch daran, einheitliche und offene Standards für Bereiche wie Zahlungsverkehr, Kreditwesen und Vorsorge zu definieren und durchzusetzen. Hess sagt, die Interessen seien hierbei klar: "Drittanbieter möchten möglichst einheitliche und offene Standards, um mit dem gleichen Stecker bei möglichst vielen Banken andocken zu können. Und dies ohne Adapter. Die Banken möchten wiederum den Aufwand bei der Anpassung ihrer bestehenden Systeme mit eigenen Schnittstellen optimieren."

Ob die Vision Open Banking im gewünschten Umfang realisiert werden könne, werde sich zeigen. Nicht zuletzt würden die Kunden über die Entwicklung in der Schweiz bestimmen. "Unabhängig vom Erfolg oder Misserfolg der heutigen Initiativen und Plattformen werden BigTech-Unternehmen aus den USA und China die Kundenerwartungen weiter formen und nicht gedeckte Kundenbedürfnisse noch so gerne bedienen. Der Schweizer Finanzplatz ist daher gut beraten, sich mit den strategischen Dimensionen von Open Banking und Ökosystemen auseinanderzusetzen – bevor es andere tun", sagt der Leiter Digitalisierung der SBVg.

Dieser Artikel wurde cash von Investrends.ch zur Verfügung gestellt.
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