2020: Der Wandel der Frontiermärkte

Welche Länder künftig den Sprung von den Frontiermärkten zu den Emerging Markets schaffen könnten, analysiert Oliver Bell, Portfolio Manager, Frontier Markets Equity Strategy bei T. Rowe Price.
07.08.2017 22:36

In den letzten Jahren haben Pakistan, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate den Sprung von den Frontiermärkten in die Emerging Markets geschafft. Angesichts der Tatsache, dass sich weitere Länder in Richtung Wohlstand bewegen; wer ist als nächstes an der Reihe? Und wie könnten die Frontiermärkte im Jahr 2020 aussehen? Oliver Bell von T. Rowe Price mit einer Einschätzung.

Pakistans Rückkehr gerechtferigt
Pakistan hat im Mai den Emerging Markets Status zurückerlangt, wodurch sich die Anzahl der Länder im MSCI Frontier Markets Index auf 23 reduziert. Diese Veränderung war für Pakistan absolut gerechtfertigt. Bedeutende Verbesserungen des wirtschaftlichen, politischen und sicherheitstechnischen Hintergrunds bedeuten, dass sich das relativ volatile Umfeld in ein stabileres gewandelt hat, in welchem gutgeführte Unternehmen Potenzial für Erfolg haben.

Die Wachstumsrate des Bruttoinlandprodukts (BIP) in Pakistan hat sich weiter beschleunigt. Mittlerweile hat das Land die tiefsten Inflations- und Zinsraten seit Generationen, während die Währung sich relativ stabil gehalten hat. Zugleich hat sich die politische Stabilität verbessert: Gerade hat zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit vor fast 70 Jahren eine Regierung eine ganze Amtszeit absolviert.

Pakistan war für Investoren über die letzten Jahre zwar ein gutes Thema, doch bilden sich sowohl in der wirtschaftlichen als auch in der politischen Sphäre Risiken. Längerfristig werden weitere Reformen und Entwicklungen nötig sein, um Pakistan in einen wahren "Asiatischen Tiger" zu verwandeln. Damit diese Wachstumsraten erreicht werden können, muss das Land eine Reihe von Problemen in Angriff nehmen, allen voran die Infrastruktur. Der Fortschritt des Infrastrukturprojekts "Wirtschaftskorridors China/Pakistan (CPEC)" für 46 Milliarden US-Dollar ist hierfür ein guter Anfang.

Saudi-Arabien: Eintritt in EM-Index 2018?
Saudi-Arabien ist derzeit als "standalone"-Land klassifiziert. Es gibt Mutmassungen darüber, ob es – nach Reformen und Verbesserungen – in den MSCI Frontier Markets Index oder direkt in den MSCI Emerging Markets Index aufgenommen wird.

MSCI verwies im Juni auf die Möglichkeit eines direkten Eintritts in den Emerging Markets Index im Jahr 2018. Zurzeit geht das Land durch eine Konsultationsphase, aber das Potenzial von Saudi-Arabien ist riesig. Der Grund für den Optimismus liegt darin, dass Saudi-Arabien bei weitem der grösste Markt des Nahen Osten ist – mit mehr als 165 Aktien, einer Marktkapitalisierung von rund USD 530 Milliarden (etwa 50% der Marktkapitalisierung der Länder des Golfkooperationsrats) und einem Handelsvolumen von bis zu USD 4 Milliarden pro Tag. Hinsichtlich Grösse und Liquidität übertrifft der dortige Aktienmarkt alle anderen der Nahost-Region. Er ist überdies diversifizierter als in anderen Ländern, weil weder der Energie- noch der Finanzsektor den Index dominieren.

Die Wirtschaft Saudi-Arabiens hat sich zwar verlangsamt, doch haben tiefere Ölpreiseinnahmen Druck auf das Haushaltsdefizit, die internationalen Reserven und die Liquidität ausgeübt. Das Land muss seine Wirtschaft nach wie vor vom Öl weg diversifizieren. Die "2030 Vision", die letztes Jahr angekündigt wurde, gibt Hoffnung auf einen Gesinnungswandel des Königreichs, auch andere Teile der Wirtschaft zu fördern.

Perus Status "on watch"
Peru war lange – und ist nach wie vor – eines der Länder Südamerikas mit dem besten Wachstum. Es hat es geschafft, ein ordentliches Niveau wirtschaftlicher Diversifikation zu erreichen – mit mehreren angesehenen Unternehmen innerhalb des Banken-, Immobilien- und Einzelhandelssektors.

Dennoch bleibt Perus Emerging Market Status "on watch", da nur drei seiner Aktien (eine davon ist US-gelistet) den Liquiditätsanforderungen des MSCI Emerging Markets Index entsprechen. Drei ist die Mindestanzahl, um die Eintrittsschwelle zu erreichen. Von einer Abstufung war letztes Jahr zunächst abgesehen worden, doch sie könnte immer noch vollzogen werden. Angesichts der steigenden Überprüfung einer Reihe peruanischer Qualitätstitel durch ausländische Investoren, würden die Experten von T. Rowe Price jegliche Art von Reklassifizierung als positiv erachten.

Iran: ein unternehmerisches und ressourcenreiches Land
Die grösste Unbekannte ist der Iran, die nach Saudi-Arabien zweitgrösste Wirtschaft der MENA-Region. Die Experten von T. Rowe Price begaben sich im Frühjahr 2016 auf eine "Faktenfindungs-Mission" ins Land – noch vor der Aufhebung der internationalen Sanktionen. Was sie vorfanden ist ein gut gebildetes, unternehmerisches und ressourcenreiches Land, das jedoch aufgrund der Sanktionen, die seit 1979 galten, kaum Cashflows generiert.

Neben der Politik verbleiben einige bedeutende Fragen. Beispielsweise rangiert der Iran regelmässig am unteren Ende der Geschäftstransparenz- und Korruptionsrankings. Überdies würden sich institutionelle Investoren wahrscheinlich mit Herausforderungen im Bereich der Liquidität und der Corporate Governance konfrontiert sehen.

Dennoch sind solche Herausforderungen nicht ungewöhnlich, wenn sich Märkte öffnen. Es gibt immer Bereiche für erfahrene Investoren, vernachlässigte Unternehmen mit einer gesunden oder sich verbessernden Geschäftstätigkeit zu entdecken. Von diesen Punkten abgesehen, wäre der etablierte und vielseitige Aktienmarkt im Iran eine willkommene Ergänzung für das Frontieruniversum.

Frontiermärkte: Kein serienmässig produziertes Paket
Alles in allem gibt es in den Frontiermärkten vieles, worauf man sich freuen könne, findet Bell. Die makroökonomischen Fundamentaldaten und die Demographie vieler Frontiermärkte zeigten sich heute günstig und gleichen in einigen Fällen jener der Emerging Market Länder vor etwa 15 bis 20 Jahren. Bell glaubt weiterhin an die langfristige Investitionsthese von T. Rowe Price für die Frontiermärkte. Diese basiert auf einer Kombination von zunehmendem Frieden und Stabilität, was ein besseres politisches und demokratischeres Umfeld schafft. Daraus wiederum sollten ein verbessertes wirtschaftliches Management und ein Zufluss ausländischer Investitionen resultieren. Zum Schluss gehen ein stärkeres Wirtschaftswachstum und somit ein Rückenwind für den Unternehmenssektor hervor.

Die Frontiermärkte werden sich über die nächsten Jahre weiterentwickeln, es wird also Gewinner und Verlierer geben. Für Investoren ist es wichtig zu erkennen, dass diese Märkte nicht als eine Art serienmässig produziertes Paket gekauft werden können. Sie sind von Natur aus sehr eigenwillig und erfordern eine vorsichtige Analyse. Das Identifizieren eines Themas oder eines Trends wird noch lange nicht automatisch zu einer erfolgreichen Wachstumsinvestition. Auch Aktienrenditen innerhalb eines Landes oder einer Industrie können beträchtlich voneinander abweichen.

Die Frontiermärkte werden gewiss auch weiterhin einen fruchtbaren Boden für erfahrene Investoren bieten, wo gutgeführte, schnell wachsende Unternehmen zu finden sind, die gleichzeitig Wachstum und Rendite liefern können.

Dieser Artikel wurde cash durch fondstrends.ch zur Verfügung gestellt.
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