Chinas ökonomischer Balanceakt

Chinas Führung will das Tempo des Schuldenanstiegs zwar begrenzen, gleichzeitig aber die Entwicklung bei den Investitionen nicht belasten. „Dies gleicht einem Balance-Akt, bei dem der Umbau der Wirtschaft im Vordergrund steht“, erklärt Xueming Song, Chefökonom Asien bei der Deutschen Asset Management.
21.07.2017 22:36

Chinas Regierung reagierte mit Unverständnis. Erstmals seit 1989 senkte Moody's die Bonitätsnote von Aa3 auf A1. Im Fokus standen bei der Neueinschätzung des Kreditrisikos im Mai die steigenden Schulden im Reich der Mitte. Insgesamt kletterten die Schulden der Unternehmen, privaten Haushalte und des Staates, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, von Ende 2008 bis Ende 2016 von 141,3 auf 257,1 Prozent, wobei ein Grossteil des Schuldenanstiegs auf die Staatsunternehmen und Lokalregierungen entfällt. Der im Vergleich zur Wirtschaftsleistung sehr viel stärkere Anstieg der Schulden bewog Moody's zu diesem Schritt. 

Gleichzeitig erklärte die Ratingagentur jedoch auch, dass der Rückgang der Kreditqualität nur graduell ist und durch eine Vertiefung der Reformen eingedämmt werden kann. Chinas Regierung reagierte mit Unverständnis auf die Abstufung. Sie sieht keine Gefahr einer Schuldenkrise und verwies darauf, dass bereits Massnahmen zur Stabilisierung des Finanzsektors eingeleitet wurden. Die Gebietskörperschaften und Staatsunternehmen wurden angewiesen, ihre Schuldensituation zu analysieren und Konsolidierungsmassnahmen in Angriff zu nehmen.

Weiter auf Schuldenkurs
China hatte in den Vorjahren das Ausgaben- und Kreditwachstum gebremst und damit zugleich das Investitions- und Wirtschaftswachstum geschwächt. Positiv ist zu werten, dass die Wirtschaft trotz der monetären Bremsung auf Wachstumskurs geblieben ist. Nach der Einschätzung der Deutschen AM dürfte das auch so bleiben. Allerdings könnte das Schuldenwachstum weiterhin über dem Wirtschaftswachstum liegen. Die Schuldenquote der Wirtschaftsakteure in China erhöht sich damit weiter, was zwingend Nervosität mit sich bringt.

Ziel der Regierung unter Premierminister Li Keqiang ist daher, durch Regulierung und Steuerung des Finanzsektors für Vertrauen zu sorgen. Zahlreiche Infrastrukturprojekte regionaler Gebietskörperschaften sowie eine lockere Geldpolitik führten zu einem Bauboom und zu Preissprüngen bei Immobilien. Durch verschärfte Kreditvergaberegeln und Zinserhöhungen haben die Regierung und die Notenbank damit begonnen, den Bau- und Preisboom einzudämmen. 

Dies dämpfte in den vergangenen zwei Quartalen den Immobilienpreisanstieg in den Metropolen des Landes deutlich. Zudem rückte im vergangenen Jahr auch der Schattenbankensektor verstärkt ins Visier des Staates. Da Kreditausfälle zu Verunsicherung führen und die Realwirtschaft belasten könnten, steuert die Regierung gegen. Sie weiss jedoch, dass Massnahmen zur Stabilisierung des monetären Bereichs allein nicht ausreichen, um das Reich der Mitte wirtschaftlich voranzubringen.

Stabilisierung plus Reformen
Mit der Bekämpfung der Korruption und mit strukturellen Reformen wird gleichzeitig versucht, die Realwirtschaft des Landes zu stärken. Seit 2014 gab es 1,16 Millionen Ermittlungsverfahren und 2016 erste Erfolge bei der Eindämmung der Korruption. Im Hinblick auf strukturelle Reformen stehen die wenig rentablen Staatsunternehmen im Mittelpunkt. Sie sollen ihre Investitionspläne kürzen. Dadurch will die Regierung Überkapazitäten in Sektoren wie Stahl, Aluminium, Zement, Raffinierung von Erdöl oder Papier reduzieren und gleichzeitig Investitionsmittel freisetzen, die von wachstumsstarken Privatunternehmen genutzt werden können. Tatsächlich gab es in den vergangenen beiden Quartalen einen deutlichen Rückgang des Investitionswachstums bei den Staatsbetrieben, während die Privatunternehmen, auf die etwas mehr als die Hälfte der Investitionssumme entfällt, ihr Investitionswachstum ausdehnen konnten. 

Fazit
Festhalten lässt sich, dass Chinas Führung das Tempo des Schuldenanstiegs zwar begrenzen, gleichzeitig aber die Entwicklung bei den Investitionen nicht belasten möchte. Zudem will die Regierung den Finanzsektor stärker regulieren, dabei aber nicht die Investitionsmittel für innovative Wirtschaftsbranchen behindern. „Dies gleicht einem Balance-Akt, bei dem der Umbau der Wirtschaft im Vordergrund steht“, erklärt Xueming Song, Chefökonom Asien bei der Deutschen Asset Management. Die Wirtschaft muss auf Wachstumskurs gehalten und gleichzeitig der Schuldenanstieg gebremst werden. Notwendige strukturelle Reformen wie der Abbau von Überkapazitäten bremsen die Wirtschaft. Kreditfinanzierte Ausgaben sorgen für wirtschaftliche Belebung, erhöhen aber die Schulden.

Der Ausweg für Chinas Regierung: Kredite, die in sinnvolle Investitionen fliessen und damit zu zusätzlichem Wachstum führen. Ein Blick auf die Relation von Investitionsquote zu Wachstum in verschiedenen Ländern zeigt, dass China bei der Verwendung von Investitionsmitteln im Schwellenländervergleich unterdurchschnittlich abschneidet. Einen weit besseren Platz belegt in diesem Punkt Indien. Es dürfte daher ein Ziel von Chinas Führung sein, die Investitionseffizienz deutlich zu erhöhen: schnelleres Wachstum durch besseren Einsatz der Investitionsmittel. Das sollte wiederum helfen, den Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Schuldenquote des Landes zu reduzieren.

Dieser Artikel wurde cash durch fondstrends.ch zur Verfügung gestellt.
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