Der Handelsstreit im Fokus

Der Finanzmarkt reagierte in den letzten Wochen negativ auf die angekündigten US-Zölle für Stahl- und Aluminiumimporte. Im Market Insight von J.P. Morgan beantworten Strategen vier Schlüsselfragen rund um den Handelskrieg.
28.03.2018 22:34

Im Folgenden nennen und beantworten David P. Kelly, Chief Global Strategist sowie die Global Market Strategists Samantha Azzarello, David Lebovitz, und Gabriela Santos von J. P. Morgen vier Fragen, die Anleger ihnen zum Thema gestellt haben. 

1. Warum ist der Handel wichtig?
Auf diese Frage gibt es zahlreiche Antworten, die unterschiedliche Aspekte berühren. Die drei wichtigsten sind aber vermutlich: Effizienz. Wettbewerbsfähigkeit und internationale Zusammenarbeit.

Im Hinblick auf die Effizienz weisen die einzelnen Länder unterschiedliche Stärken auf. Beispielsweise ist die Erwerbsbevölkerung in den USA gut ausgebildet, aber teuer. Dagegen sind die Arbeitnehmer in Bangladesch günstiger, dafür aber weniger qualifiziert. Beide Länder könnten dazu übergehen, im eigenen Land Hemden herzustellen und innovative Arzneimittel zu entwickeln. Doch beide Länder profitieren, wenn sie ihre jeweiligen Stärken nutzen – die USA mit der Herstellung und dem Export von Arzneimitteln und Bangladesch mit der Herstellung und dem Export von Hemden.

Dieser Ansatz, mit dem beide Länder ihren Lebensstandard erhöhen können, ist nicht nur kurzfristig sinnvoll, sondern auch langfristig. Der Wettbewerb mit dem Ausland spornt Unternehmen zu besseren Leistungen an – die Qualität von US-Fahrzeugen ist heute weitaus besser als noch vor einigen Jahrzehnten. Dies ist hauptsächlich auf den Wettbewerbsdruck zurückzuführen, der in den 1980er Jahren von Japan ausging. Schlussendlich stellt der Handel ein internationales Wirtschaftsinteresse dar. Denn, wenn der Handel floriert, profitiert davon die ganze Welt.

2. Wie gestaltet sich die derzeitige US-Handelsposition?
Die USA weisen seit vielen Jahren ein Handelsbilanzdefizit auf. Hierbei wird das grosse Handelsdefizit beim Warenhandel nur teilweise durch den geringfügigen Überschuss bei Dienstleistungen ausgeglichen. Im letzten Jahr belief sich das Handelsungleichgewicht auf -568 Mrd. USD oder rund 2,9 % des BIP, da der bei Dienstleistungen verzeichnete Überschuss von 243 Mrd. USD durch das Defizit beim Warenhandel in Höhe von 811 Mrd. USD mehr als aufgezehrt wurde. Wie aus Abbildung 1 hervorgeht, trugen die fünf wichtigsten Handelspartner – China, die Europäische Union, Mexiko, Japan und Kanada – mit 684 Mrd. USD grösstenteils zu diesem Defizit beim Warenhandel bei.

Doch zwei weitere Faktoren sind wahrscheinlich wichtiger: der US-Dollar und das Haushaltsdefizit. Zum einen war der Wechselkurs des US-Dollar in der Regel so hoch, dass die USA kein Handelsgleichgewicht erreichen konnten. Vereinfacht ausgedrückt: US-Amerikaner kaufen woanders ein, weil es günstig ist – aber keiner kauft in den USA ein, weil es teuer ist.

Ein weiterer Faktor ist das US-Haushaltsdefizit. Man stelle sich zur Veranschaulichung ein Land mit einem privaten Sektor, einem staatlichen Sektor und einem Handelssektor vor. Im privaten Sektor sind die Haushalte normalerweise Nettosparer, bei denen die Unternehmen Kredite aufnehmen, um Investitionen zu tätigen. Doch selbst wenn der private Sektor mehr oder weniger das verdient, was er ausgibt: Wenn die Regierung mehr Güter und Dienstleistungen anfordert, als sie durch Steuern einnimmt, wird die Nation als Ganzes dasselbe tun. Im letzten Jahr ist das US-Haushaltsdefizit um 100 Mrd. USD gewachsen. In diesem Jahr dürfte das Defizit um rund 150 Mrd. USD zunehmen und im nächsten Jahr möglicherweise um weitere 300 Mrd. USD steigen. Das allein dürfte schon ausreichen, alle Versuche, die auf eine Begrenzung des US-Handelsbilanzdefizits abzielen, aussichtslos zu machen.

 

3. Was wissen wir über die derzeitige Situation?
Am 8. März unterzeichnete der US-Präsident ein Dokument, mit dem alle Stahlimporte mit einem Zolltarif von 25% und alle Aluminiumimporte mit einem Zolltarif von 10% belegt werden. Die Auferlegung der Zölle beruht auf dem "Trade Expansion Act" aus dem Jahr 1962. Dieses Aussenhandelsgesetz wurde erlassen, um anderen Ländern wirtschaftlichen Schmerz zuzufügen.

Laut dem derzeitigen Stand sind Kanada und Mexiko von dieser Anweisung nicht betroffen. Ebenfalls haben Verbündete sowie Militär und andere Handelspartner die US-Regierung um Ausnahmeregelungen gebeten. Gleichzeitig äusserten Kongressabgeordnete erhebliche Bedenken, da sie scheinbar befürchten, dass der aktuelle handelspolitische Kurs zu Vergeltungsmassnahmen und nicht zu Zugeständnissen führen wird.

Es darf auch nicht in Vergessenheit geraten, dass diese Zölle nur einen Teil der umfassenderen Handelsagenda der US-Regierung darstellen – China ist nach wie vor ein Thema, und auch die Neuverhandlung des nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) steht noch aus. Der Versuch, NAFTA mit den kürzlich angekündigten Zöllen zu verknüpfen, stellt einen interessanten Ansatz dar. Erste Reaktionen von Kanada und Mexiko machen jedoch deutlich, dass diese Länder das Freihandelsabkommen und die Zölle auf Stahl- und Aluminiumimporte als zwei getrennte Themen betrachten.

Man kann davon ausgehen, dass der US-Präsident die potenziellen Zölle bei den zukünftigen NAFTA-Verhandlungen als Druckmittel einsetzen wird. Die aggressive Reaktion Europas und der Rücktritt von Gary Cohn machen jedoch deutlich, dass sich die Lage ständig wandelt. 

 

 

 

4. Sollten Anleger in Anbetracht der jüngsten Handelsmassnahmen beunruhigt sein?
Der freie Handel ist sowohl kurz- als auch langfristig von Bedeutung. Handelsrestriktionen könnten die globale Expansion aushöhlen, da sie die Produktion beeinträchtigen, Unternehmen höhere Kosten und/oder Verbrauchern höhere Preise aufbürden, den positiven Transmissionsmechanismus zwischen Volkswirtschaften begrenzen und letztendlich die Produktivität belasten. Es kommt jedoch auch auf den Umfang der Handelsbeschränkungen an: Die tatsächlichen Änderungen an der Handelspolitik waren in diesem Jahr bislang relativ gering und können von der Weltwirtschaft aufgefangen werden. Aus US-Perspektive entsprechen Stahl- und Aluminiumimporte nur 0,2% des BIP. Und aus der Perspektive der grossen US-Handelspartner machen die Stahl- und Aluminiumexporte in die USA nur 0,1% bzw. 0,3% des BIP aus. Deshalb dürften die bislang postulierten Massnahmen im Zollbereich nur begrenzte wirtschaftliche Auswirkungen haben, sodass sich das Rad des Konjunkturaufschwungs weiterdrehen würde.

Die Anleger schauen jedoch berechtigterweise in die Zukunft und fragen sich, ob weitere Handelsmassnahmen ergriffen und dadurch die negativen wirtschaftlichen Effekte verstärkt werden. Anders ausgedrückt: Werden diese Scharmützel zu einem Handelskrieg? Derzeit liegen schlichtweg keine ausreichenden Informationen vor. Anleger sollten Folgendes im Auge behalten: die Details zu Aluminium- und Stahlzöllen, mögliche Vergeltungszölle der US-Handelspartner und die Reaktion der USA, Anhaltspunkte für einen Fortschritt bei der Neuverhandlung von NAFTA und schliesslich die anstehende Entscheidung bezüglich des Diebstahls von geistigem Eigentum, der China vorgeworfen wird, was sich auf einen weitaus bedeutenderen Anteil an Importen auswirken könnte.

Die Geschichte lehrt uns, dass keine der Parteien ein echtes Interesse daran haben kann, die Truppen für die Schlacht zu rüsten, da die wirtschaftlichen Kosten eines Handelskrieges hoch sind. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass die Pattsituation anhält. In diesem Fall dürfte das Wirtschafts- und Gewinnwachstum sowohl in den USA als auch auf globaler Ebene weiter anziehen, wodurch sich das Umfeld für Risikoanlagen günstiger gestaltet als für Anleihen. 

 

Dieser Artikel wurde cash durch fondstrends.ch zur Verfügung gestellt.
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