Die ökonomische Welt gerät aus den Fugen

Janus-Stratege Bill Gross ist von der Wirkungslosigkeit der Niedrigzinspolitik seitens der Notenbanken überzeugt.
23.02.2016 15:10

Die grossen Notenbanken hegen weiterhin den Glauben an einen Zinssatz, der so niedrig ist, dass er positive Vermögenseffekte an den Finanzmärkten früher oder später auf die reale Wirtschaft überspringen lässt. Doch bislang gibt es keine validen Anzeichen dafür, dass diese Annahme stimmt. Darauf weist Bill Gross, Fondsmanager und Anlagestratege des US-amerikanischen Asset Managers Janus Capital, in seinem aktuellen Investmentausblick hin: „Ich habe lange gegen diese Logik argumentiert und will die negativen Aspekte ultra-niedriger Zinsen und der auf diese Weise ausgeübten finanziellen Repression nicht wiederholen“, sagt er. „An dieser Stelle möchte ich einfach die Frage stellen: Wie erfolgreich waren die Notenbanken bisher mit dieser Strategie?“ Weiter bleibt auch offen, warum die japanische Volkswirtschaft nach mehreren Jahrzehnten eines faktischen Nullzinses noch immer nicht angesprungen ist. Ergänzend fragt sich Gross, warum die US-Wirtschaft seit dem Ende der durch die Finanzkrise erfolgten Rezession, nur um durchschnittlich zwei Prozent gewachsen ist. „ ‚Wie läuft es bis jetzt? ‘, wäre eine logische, auf eine präzise Zusammenfassung ausgerichtete Frage. Die Antwort würde dann beweisen, dass die niedrigen Zinsen unfähig sind, ein akzeptables Wirtschaftswachstum – wo auch immer auf der Welt – zu erzeugen“, bringt Gross seine kritische Haltung auf den Punkt.

Seiner Meinung nach tragen Notenbanker aufgrund ihrer Herkunft eine Art genetisch vorprogrammierten Code mit sich, der bisher im Zentrum jedes strategischen Wechsels ihrer Geldpolitik stand. Die damit verbundene Haltung wurde durch die Beobachtung ergänzt, dass höhere, kurzfristige Zinsen das Wirtschaftswachstum bremsen und die Inflation zügeln, und dass niedrige (oder negative) Sätze dementsprechend genau das Gegenteil erreichen. „Vor einigen Monaten nahmen die Märkte dem EZB-Chef Mario Draghi das Bekenntnis ab, dass er den Euro ‚ohne Einschränkungen‘ verteidigen und die Zinsen senken werde, um die Wirtschaft in der Eurozone anzuschieben – als wäre er ein zweifacher Pokerweltmeister“, kritisiert der Janus-Experte. „Dann hat vor einigen Wochen die Fed ihre Leitzinse um 25 Basispunkte wohl überlegt erhöht. Wenige Tage später beschloss das geldpolitische Komitee der Bank of Japan in einer knappen Abstimmung ebenfalls in das schwarze Loch der negativen Zinssätze hineinzufallen. So wie das zuvor schon die Europäische Zentralbank und drei weitere europäische Notenbanken getan haben. Fakt ist, dass die globalen Märkte und einzelne Volkswirtschaften mehr und mehr benebelt sind und die Zustände daher verzerrt werden.“ Für diese These führt Gross eine Reihe von aktuellen Beispielen an. So befinde sich etwa Brasilien in einer tiefen Rezession und habe dennoch hohe reale Zinssätze, um die negativen Effekte des schwachen Wachstums der Weltwirtschaft und die Abwertung des Reals zu bekämpfen. „Kein Land kann sich über längere Zeit zu sechs oder sieben Prozent verschulden und gleichzeitig ein negatives Wachstum haben. Das ist ein sicheres Todesurteil.“

"Wo Japan hingeht..."
Kaum besser sieht es gemäss Gross in Japan aus, dessen Verschuldung mittlerweile bei 260 Prozent des Bruttoinlandsproduktes liegt: „Technisch gesehen wird Japan wahrscheinlich nicht pleite gehen, aber jeder private Investor sollte dem Reiz widerstehen, eine Wette auf die am stärksten überalterte Volkswirtschaft der Welt einzugehen“, empfiehlt Gross. „Ich bin versucht zu sagen: Wo Japan hingeht, werden wir alle landen – doch, das würde einfach zu depressiv klingen.“

Die USA scheinen aufgrund der Binnenorientierung ihrer Volkswirtschaft unempfindlich gegenüber diesen verzerrten Entwicklungen. Doch mittlerweile haben auch US-Notenbanker Zweifel daran, ob alles so gut läuft. Anlässlich der Tatsache, dass die Fed momentan nicht abschätzen kann, ob die ökonomischen Risiken im Gleichgewicht sind, meint Robert Steven Kaplan, Chef der Notenbank von Dallas: „Wir brauchen etwas Zeit, um zu verstehen, was derzeit vor sich geht“. Gross fragt sich, ob man dahinter den Schatten von  2007 sehen könnte. „Die privaten Haushalte haben sich zwar seit der Finanzkrise entschuldet, aber der Unternehmenssektor hat das nie wirklich getan. Wenn nun die Renditen von Investment-Grade- und High-Yield-Anleihen um 200 bis 1‘000 Basispunkte gestiegen sind, was sagt das über kommende Umschuldungen, Unternehmenserträge und Solvenz in vielen rohstoffabhängigen Bereichen aus?“

Dementsprechend pessimistisch fällt der Ausblick von Gross aus. „Was ich weiss, ist, dass sich unsere finanz-basierte Weltwirtschaft in einem Übergangsprozess befindet, der von der Unfähigkeit einer auf niedrigen oder negativen Zinsen fokussierten Geldpolitik bestimmt ist“, sagt Gross und empfiehlt Investoren: „Halten Sie sich von Risiken fern und legen Sie Ihr Geld in sicheren, einfachen und leicht verständlichen Anlageformen an.“

Dieser Artikel wurde cash durch fondstrends.ch zur Verfügung gestellt.
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