Die Wahlen in Grossbritannien: Ein arbeitsunfähiges Parlament?

Die Premierministerin hat keine eindeutige Mehrheit im Parlament hinter sich. Was bedeutet dieses "Hung Parliament" für die Handlungsfähigkeit der Regierung? Wie werden die Märkte auf dieses Wahlergebnis reagieren? Und was bedeutet es für die anstehenden EU-Austrittsverhandlungen? Die Experten der Boutiquen von BNY Mellon Investment Management IM geben ihre Einschätzung.
09.06.2017 22:36

Paul Hatfield, Global Chief Investment Officer bei Alcentra (BNY Mellon IM):

"Der Umstand, dass es im Parlament nun keine klaren Mehrheitsverhältnisse mehr gibt, dürfte die sowieso bereits schwierigen Brexit-Verhandlungen noch zusätzlich erschweren, und die daraus resultierende Unsicherheit ist für die Märkte nicht gerade förderlich. Angesichts des unklaren politischen Umfelds, in dem konkrete Veränderungen nur schwer umzusetzen sein werden, gehe ich davon aus, dass die Märkte langsam abwärts tendieren werden. Derweil dürfte das Pfund Sterling von der gerade aktuellen Nachrichtenlage bestimmt werden – je nachdem, mit welchem Ausgang man bei den Verhandlungen über die zukünftigen Handelsbeziehungen rechnet."


Paul Brain, Leiter Anleihen bei Newton Investment Management  (BNY Mellon IM):

"Ein Parlament ohne klare Mehrheitsverhältnisse könnten die Märkte wegen der damit verbundenen Unsicherheit zwar zum Schwanken bringen, doch auch eine solche Entwicklung dürfte lediglich vorübergehender Natur sein. Wir können ein Ringen um die politische Führung und auch eine weitere Wahl nicht ausschliessen. Dies verlängert die Unsicherheit. Weitere Sparmassnahmen sind wahrscheinlich, da die Konservativen nicht in der Lage sein werden weitere Einsparungen durchzusetzen. Das wird sich negativ auf den Markt für britische Staatsanleihen (Gilts) auswirken und die Renditen könnten steigen.

Darüber hinaus wird es vermutlich zu einer Abwertung des Pfund Sterling kommen. Diesem Trend widerspricht allerdings die Tatsache, dass das britische Pfund relativ günstig ist. Zudem könnte sich der Glaube, dass die Regierung einen sanfteren Ansatz bei den Brexit-Verhandlungen wählt, als Irrtum erweisen."


Howard Cunningham, Anleihen-Portfoliomanager bei Newton Investment Management (BNY Mellon IM):

"Ein Parlament ohne klare Mehrheitsverhältnisse wird vermutlich eine relativ heftige Reaktion des Marktes auslösen, weil dieses Szenario in den Kursen momentan nicht berücksichtigt wird. Dadurch würde die Unsicherheit nämlich noch zunehmen, wodurch das Pfund Sterling beeinträchtigt werden würde. Parallel dazu würden britische Staatenleihen (Gilts) von der daraus resultierenden "Flucht in Qualität" (im Hinblick auf britische Vermögenswerte und Investoren) zunächst profitieren. Mit der Wahrscheinlichkeit einer von den Konservativen angeführten Regierung könnten zumindest einige Zugeständnisse bei den Staatsausgaben notwendig werden, um auf diese Weise eine andere Partei als Juniorpartner für eine Regierungskoalition zu gewinnen. Dadurch jedoch würden die Gilt-Renditen sowie das Emissionsvolumen britischer Staatsanleihen dann ebenfalls nach oben getrieben werden. Ausserdem würde eine eher instabile Koalitionsregierung dazu führen, dass die Investoren höhere Risikoaufgelder einfordern, so dass sich die Zinskurve britischer Staatsanleihen versteilen sollte.

Falls sich eine Labour-geführte Koalition abzeichnen sollte, würden die Gilt-Renditen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ansteigen. In diesem Fall hätten steigende Staatsausgaben nämlich ein höheres Emissionsvolumen britischer Staatspapiere zur Folge. Gleichzeitig würde ein rasanterer Anstieg der Mindestlöhne, der Lebenshaltungskosten sowie der Gehälter im öffentlichen Dienst auch für eine höhere Inflation sprechen (beides wäre für Anleihen negativ). Indexgebundene Gilts könnten sich vor diesem Hintergrund zwar besser entwickeln als konventionelle britische Staatsanleihen, würden Anlegern aber vermutlich trotzdem Verluste bescheren.

Was den Brexit betrifft, der die Wechselkurse sowie die Renditen britischer Staatsanleihen auf längere Sicht ja nach wie vor massgeblich bestimmt, so wäre die Verhandlungsposition Grossbritanniens ohne eindeutige Mehrheitsverhältnisse im Parlament wahrscheinlich nicht mehr so entschlossen wie zuletzt noch. Dann nämlich dürfte die interne Verständigung auf eine gemeinsame Verhandlungsposition länger dauern, so dass für die letztendlichen Verhandlungen mit der EU noch weniger Zeit bliebe. Dadurch aber würden die Chancen auf ein (für alle Beteiligten) optimales Ergebnis geschmälert werden. Obwohl eine weniger geschlossene (und nicht so gut vorbereitete) britische Delegation am Verhandlungstisch durchaus im Sinne der EU-Institutionen sein könnte, dürften sich die Staats- und Notenbankchefs auf beiden Seiten des Ärmelkanals vor den potenziellen Auswirkungen dieser grösseren Unsicherheit auf Volkswirtschaften und Märkte aber trotzdem eher fürchten."


Rowena Geraghty, Staatsanleihen-Analystin bei Standish Mellon (BNY Mellon IM):

"Dieser Wahlausgang hat eine instabile Regierung zur Folge, welche die schwierigen Brexit-Verhandlungen möglicherweise nicht überstehen wird. Deshalb könnten Ende 2018/ Anfang 2019 – wenn die finalen Rahmenbedingungen für den Brexit feststehen – erneut vorgezogene Neuwahlen angesetzt werden. Die geringe Mehrheit der Konservativen wird wahrscheinlich auch Auswirkungen auf die Parteiposition von Premierministerin May haben, die sich nun vermutlich mit euroskeptischen Parlamentariern auseinandersetzen muss. Letztendlich könnte es sogar dazu kommen, dass die Konservativen einen neuen Parteivorsitzenden ernennen. Ausserdem sorgt dieser Wahlausgang für grosse Unsicherheit um die zukünftige Haushaltspolitik. Aufgrund der Besorgnisse, dass Grossbritannien aus der EU austreten könnte, ohne dass zuvor eine Einigung über die künftigen Beziehungen ausgehandelt worden ist, rechnen wir ferner mit einer Abwertung des Pfund Sterling. Gleichzeitig sollten britische Staatsanleihen (Gilts) durch mögliche Schwankungen der Stimmungslage unter Druck bleiben."

Dieser Artikel wurde cash durch fondstrends.ch zur Verfügung gestellt.
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