"Japan möchte Japan sein"

Jesper Koll, Head of Japan bei WisdomTree, sieht die Lage von Japan positiv. Jedoch fällt es ihm im Moment schwer damit zu überzeugen. Das Vermächtnis der verlorenen Jahrzehnte Japans wiegt extrem schwer. Daher zeigt er vier politische und strukturelle Veränderungen auf, die Anlass zum Optimismus geben.
27.02.2018 23:33

Als Japan-Optimist treffe Jesper Koll oft auf ähnliche Reaktionen wie die von eingefleischten Elvis-Fans, wenn sie darauf bestehen, dass "der King noch lebt". Doch im Gegensatz zum King des Rock’n’Rolls ist die japanische Wirtschaft höchst lebendig. In der Tat gibt es eine Vielzahl an harten empirischen Fakten, die beweisen, dass Japan sich nicht nur verändert, sondern auch das Zeug dazu hat, zu einer Wirtschaftsmacht aufzusteigen und aufgrund seiner wirtschaftlichen Nachhaltigkeit von der ganzen Welt beneidet zu werden.

Der Experte fragt sich also: "Warum wird Japan nicht erneut in ein verlorenes Jahrzehnt abrutschen?", und nennt vier grundlegende Kräfte, die sich in den letzten Jahren vom Negativen ins Positive gewandelt haben.

Die Eigentümerschaft japanischer Unternehmen
Die Eigentümerstruktur japanischer Unternehmen hat sich von einem geschlossenen, Insider-basierten System zu einem offenen und wettbewerbsorientierten System gewandelt. Die Eigentümerschaft spielt in der Wirtschaft eine zentrale Rolle. Das Anteilseigentum bildet die Grundlage der Macht für alle wesentlichen Unternehmensentscheidungen – finanziell, strategisch und personell. Die Unternehmenskultur wird durch die Eigentümerschaft definiert. "Vor zwanzig Jahren war in der japanischen Wirtschaft mehr als die Hälfte des Anteilseigentums in Kreuzbeteiligungen nach dem 'Mochiai'-Prinzip gebunden. Heute beträgt dieser Anteil weniger als fünf Prozent", erklärt Jesper Koll.

Dieser Zusammenbruch der japanischen 'Keiretsu'-Eigentümerstruktur ist der Grund für Kolls optimistischen Ausblick für Japan. Früher bestand die japanische Wirtschaft aus einem System des Insider-Kapitalismus, das Anreize für schlechte wirtschaftliche Entscheidungen bot – Gruppen von Banken gewährten Gruppen von Unternehmen nicht auf der Grundlage wirtschaftlicher Leistungen Kredite, sondern um Beziehungen zu pflegen. Dies zwang Gruppen von Unternehmen in der Supply Chain in eine völlige Abhängigkeit gegenüber den Mischkonzernen und ihren Banken, deren Eigentum sie waren. Jegliche Preispolitik wurde dadurch verhindert und es gab keinen Spielraum für eine wettbewerbliche Diversifizierung oder Unabhängigkeit. Wenn beispielsweise der Schwager als Lieferant am Aufbau des eigenen Unternehmens beteiligt war, wäre es im Prinzip unmöglich, ihn fallen zu lassen, sobald ein effizienterer und besserer Lieferant gefunden werden würde. Ihn durch Anreize dazu zu bringen, sich zu ändern, würde zudem Zeit in Anspruch nehmen und sowohl die Kapital- als auch die Opportunitätskosten nach oben treiben.

Im Finanzwesen führten die "Mochiai"-Kreuzbeteiligungen so zu einer Schuldenblase und hielten als Folge "Zombie"-Unternehmen sehr viel länger am Leben, als ihr wirtschaftlicher Wert es rechtfertigte. "Im Management sorgte dies für eine Unternehmenskultur der 'geschlossenen Festung'", erklärt der Experte. Sie bestand aus Regeleinhaltern und Ja-Sagern, die im Fall eines Misserfolgs nirgendwo anders hingegen konnten – die anderen Festungen standen ihnen nicht offen. Im Gegensatz dazu haben sich japanische Unternehmen heute aus der Zwangsjacke des Gruppeneigentums befreit und sich von einem geschlossenen Club mit streng kontrollierter Mitgliedschaft zu einer geschäftsorientierten Struktur gewandelt.

Das Undenkbare ist eingetreten: Verkauf von Vermögenswerten, Ausgliederungen, Direktoren und Führungskräfte von aussen. Dennoch sollte man sich, so Koll, keinen Illusionen hingeben – die neue Offenheit Japans werde durch den Abbau der Kreuzbeteiligungsstruktur möglich gemacht. Die japanische Wirtschaft hat sich von einem geschlossenen und Insider-orientierten System zu einem System entwickelt, das nicht nur geschäftlich offen ist, sondern auch offen ist gegenüber neuen strategischen Partnerschaften, Open-Source-Innovationen und der Vorstellung, die Vermögenswerte der Kernkompetenz so schwer arbeiten zu lassen wie nie zuvor.

Neue Mittelschicht bildet sich
Japan befindet sich aktuell an einem Optimalpunkt, was seine Demografie anbelangt. Koll prognostiziert sogar, dass Japan die einzige entwickelte Wirtschaft sein wird, die das von politischen Entscheidungsträgern verfolgte ultimative Ziel erreicht – die Entwicklung einer neuen japanischen Mittelschicht in den kommenden drei bis fünf Jahren. Die Zahlen sprechen für sich selbst: Obwohl die absolute Zahl der Gesamtbeschäftigten – alle Menschen zwischen 15 und 65 Jahren – in den vergangenen zwei Jahren um rund ein halbes Prozent zurückgegangen ist, steht dem ein stetiger Anstieg der Beschäftigungsquote von rund 1,5 Prozent entgegen. Die Belastung durch sinkende Bevölkerungszahlen wird also durch einen Anstieg der Menschen, die arbeiten und am wirtschaftlichen Leben teilhaben, mehr als ausgeglichen.

Da das Angebot an Arbeitskräften sinkt, bieten Unternehmen bessere Beschäftigungsbedingungen und höhere Gehälter. "Es geht hierbei jedoch nicht nur um eine höhere Vergütung. Es ist das Gesamtpaket an Beschäftigungsbedingungen, das darüber entscheidet, ob eine Arbeitsstelle angetreten wird oder man lieber zu Hause bleibt – Arbeitsplatzsicherheit, Karriereentwicklung, Vereinbarkeit von Beruf und Familie usw", sagt Koll.

Positive Veränderungen lassen sich bereits beobachten. Unternehmen schaffen nun Netto-Vollzeitarbeitsplätze – eine komplette Kehrtwende der Entwicklung der vorhergehenden 20 Jahre. Von 1995 bis 2015 zerstörte die japanische Wirtschaft Vollzeitstellen, da nur Teilzeitstellen geschaffen wurden. Dadurch stieg der Anteil der Teilzeitbeschäftigung an der Gesamtbeschäftigung von 20 auf fast 40 Prozent. Vor ca. zwei Jahren begann sich dies zu verändern, und 2017 waren mehr als die Hälfte aller neu geschaffenen Stellen Vollzeitstellen. Viele führende Unternehmen haben damit begonnen, in Teilzeit Beschäftigte auf Vollzeitbasis neu einzustellen. Dadurch sind die Einkommen nicht nur höher, sondern auch vorhersehbar, was die Aufnahme von Fremdkapital und Krediten ermöglicht. Ein guter Arbeitsmarktzyklus führt zu einer besseren und stabileren Gesellschaft. Beispielsweise gehen die Zahlen der Haushaltsgründungen und Eheschliessungen wieder nach oben.

Stabilität der öffentlichen Ordnung
Zwischen 1990 und 2012 hatte Japan eine der instabilsten politischen Führungen in der neueren Geschichte. Im Gegensatz dazu ist das heutige Japan zu einer Bastion der politischen Stabilität geworden. Premierminister Shinzo Abe feiert diesen Monat sein fünfjähriges Amtsjubiläum und, was noch wichtiger ist, die aktuellen Wahlergebnisse haben die Chancen, dass Team Abe auf absehbare Zeit im Amt bleibt, erhöht. "Das sind für uns alle im privaten Sektor gute Nachrichten – ob wir uns als Unternehmer, Wirtschaftsführer, Investoren, Konsumenten, Pensionäre oder eine Kombination daraus sehen", sagt Koll.

Die Vorhersehbarkeit und die Konstanz der Politik, sind oft wichtiger sind als die Inhalte. Ein Hin und Her ist das Schlimmste, was passieren kann. "Je weniger sich Unternehmer und Wirtschaftsführer darauf verlassen können, wie Steuergesetze, Investitionsvorschriften, die Energiepolitik, das Arbeitsrecht oder die Kosten für das Gesundheitswesen in ein paar Jahren aussehen werden, desto vorsichtiger werden sie", mahnt Koll. Ebenso wie die politische Stabilität Japans in den 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahren wichtig war für den wirtschaftlichen Erfolg, war die Falle der politischen Instabilität und einer unsicheren Regierung ein grosser Negativfaktor, der den Unternehmergeist und die Bereitschaft des privaten Sektors, Risiken einzugehen und in die Zukunft zu investieren, beeinträchtigte.

"Fraglos könnte mehr getan werden, um Unternehmertum und Wachstum zu fördern, doch die grundlegende Richtung ist jetzt eine konstruktive", so Koll. Insbesondere sei eine vorzeitige Verschärfung der Geldpolitik nun unwahrscheinlich. Während der Zeitraum 1990 bis 2012 von einer sich wiederholenden "Stop-and-Go"-Geldpolitik und fiskalischen Boom-Bust-Zyklen geprägt war, hält Team Abe den konstanten Kurs einer moderaten fiskalischen und geldpolitischen Unterstützung. Dies schaffe, nach Meinung des Experten, wiederum ideale Bedingungen für den privaten Sektor, um nicht nur ein stabiles Wachstum, sondern Fluchtgeschwindigkeit zu entwickeln.

Das gemeinsame Ziel der japanischen Elite
Die Veränderungen am Unternehmenseigentum und politische Stabilität sind die tiefen strukturellen Veränderungen, die stattgefunden haben, doch am wichtigsten ist vielleicht, dass die Motivation und der Ehrgeiz der herrschenden Elite Japans ein neues Ziel gefunden hat. Einfach ausgedrückt hat der Aufstieg Chinas von einer aufstrebenden Wirtschaft zu einem globalen Wettbewerber die Aufmerksamkeit der  japanischen Elite in den vergangenen Jahrzehnten wie nichts anderes fokussiert. Japan möchte auf keinen Fall zu einer wirtschaftlichen Kolonie Chinas werden. Premierminister Abe betonte in einer Rede im amerikanischen Kongress die Dringlichkeit grundlegender Veränderungen im wirtschaftlichen Aufbau Japans, indem er sie als unausweichlich bezeichnete.

In seinen rund 30 Jahren im Geschäft habe Koll die herrschenden Eliten – Politiker, Technokraten, unternehmerische und gesellschaftliche Vordenker, ob jung oder alt – noch nie so vereint in ihrem Eifer gesehen, den Status Japans als unangefochtene Nation der ersten Riege zurückzugewinnen. Während die vergangenen Jahrzehnte von Schwarzseherei und Fatalismus geprägt waren, zeichne sich das Japan von heute durch Ehrgeiz, Selbstvertrauen und einen neu gewonnenen Idealismus aus. "Japan möchte Japan sein, nicht Amerika und auch nicht China. Niemand kann im Moment sagen, wie das neue Japan aussehen wird, doch ein neues Japan ist zweifelsohne in der Entstehung", schliesst der Experte.

Dieser Artikel wurde cash durch fondstrends.ch zur Verfügung gestellt.
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