Massiv gesunkene Risikotoleranz und noch kürzerer Anlagehorizont

Heather McPherson, Portfolio Manager, US Large-Cap Value Equity Strategy bei T. Rowe Price, beobachtete über das letzte Jahrzehnt hin weg zwei bedeutende Verhaltenstrends und erklärt im Interview deren Auswirkungen auf das Anlegerverhalten.
21.03.2017 23:33

Frau McPherson, Sie haben kürzlich betont, dass Value-Investoren im heutigen Umfeld schneller reagieren müssen denn je – schnelleres Identifizieren von falsch bewerteten Möglichkeiten und schnelleres Reagieren, wenn diese aufgespürt sind. Woher kommt dieser Druck? Und wie gehen Sie damit um?

Heather McPherson: Ein Kernprinzip des Value-Investierens liegt im Erkennen der Tatsache, dass die Volatilität im Markt normalerweise die Volatilität im eigentlich zugrundeliegenden Business bei Weitem übersteigt. Hier sind die wahren Möglichkeiten für Value-Investoren zu finden.

In diesem Zusammenhang sind für Value-Investoren das Aufkommen von Hedgefonds und der zunehmende Aktionärs-Aktivismus wesentliche Trends des letzten Jahrzehnts. So wurden Corporate Events wie zum Beispiel Ausgliederungen, Restrukturierungen und post-Konkurse von Investoren historisch gesehen kaum beachtet, welche oft gute Chancen bieten, attraktive Bewertungsanomalien zu finden. Die Verbreitung von Hedgefonds und aktiven Investoren hat nun zur Folge, dass derart entstehende Bewertungsdifferenzen heutzutage sehr schnell verschwinden – und das Zeitfenster, in welchem Unternehmen noch "unterbewertet" sind, immer kürzer wird.  Genau hier kommt der Research-intensive, aktive Anlageprozess, wie wir ihn bei T. Rowe Price betreiben, zum Tragen.

Das ändernde Investoren-Verhalten wird häufig als zusätzlicher Druck auf den Investitions-Entscheidungsprozess genannt. Haben Sie von einer Value-Perspektive aus signifikante Verhaltensänderungen erkannt, die diese Aussage bestätigen?

Es gibt zwei bedeutende Verhaltenstrends, die über das letzte Jahrzehnt aufgetreten sind: Die massiv gesunkene Risikotoleranz und der noch kürzere Anlagehorizont. Seit der globalen Finanzkrise ist die Angst vor Verlusten extrem geworden, insbesondere unter grossen institutionellen Anlegern wie Pensionskassen. Der Dominoeffekt davon ist, dass von Investment Managern heutzutage verlangt wird, den Markt über immer kürzere Zeitrahmen zu schlagen. Dieses risikoaverse, kurzfristige Denken kann manchmal zu bedeutenden Markt-Störungen führen. Als Beispiel kann die globale Finanzkrise genannt werden, als das Interesse an niedriger Volatilität und defensiveren Aktien massiv zunahm. Ironischerweise kann dies zu einer Risikokonzentration innerhalb jener Segmente führen, die normalerweise als relativ defensiv angesehen werden. Als aktiver, fundamental orientierter Investment Manager versuchen wir eher, die langfristigen Aussichten von Marktchancen ins Auge zu fassen.

Value-Investing tendiert dazu, gegen den Konsens zu handeln. Ist es manchmal schwierig, Ihre Überzeugung aufrechtzuerhalten, wenn die verbreiteten Meinungen gegen Sie sprechen?

Ein fester Bestandteil des Value-Investings besteht darin, "contrarian" zu sein; unabhängig zu denken; und, wenn Möglichkeiten auftauchen, das Vertrauen in sein eigenes Urteil entgegen dem Herdentrieb zu haben. Wir haben Analysten, die ihre Sektoren teilweise bereits mehr als ein Jahrzehnt abgedeckt haben und die Firmen, die sie verfolgen, in- und auswendig kennen. Dieses Niveau an Erfahrung und Verständnis macht es uns möglich, früh einzusteigen und von einem Preisrückgang zu profitieren – teilweise im Wissen, dass es vielleicht seine Zeit brauchen wird, bevor sich der Titel erholt. Dennoch bleiben wir hinsichtlich des langfristigen Potenzials optimistisch.

2016 war ein starkes Jahr für Value-Aktien. Angesichts der Rally, die wir seit November gesehen haben, gibt es einige die glauben, dass Value- und US-Aktien allgemein bereits vollständig bewertet sind. Was erwarten Sie für das Jahr 2017?

Aus der Bewertungsperspektive sehen die Märkte heute weniger vielversprechend aus als noch vor sechs Monaten. Zyklische Bereiche des Marktes, wo Value-Aktien am stärksten vertreten sind, verzeichnen in einem sich verbessernden Wirtschaftsumfeld normalerweise eine überdurchschnittliche Performance. Entsprechend profitierten Value-Bereiche, als der Markt Gewinner und Verlierer der neuen, wachstumsfördernden Regierung rasch einpreiste. Banken erholten sich dank höherer Zinsraten und der Hoffnung eines weniger regulatorischen Regimes, Stahlfirmen konnten dank Ausblick auf limitierte günstige Importe aus Asien zulegen, und Ingenieur- und Baumaterialhersteller profitierten von Vorschlägen für weitreichende Infrastrukturausgaben.

Selbstverständlich besteht das Hauptrisiko für Value-Aktien – und für US-Aktien allgemein – darin, dass die wirtschaftliche Realität nicht der Rhetorik entspricht. Sollte dies passieren, gibt es reale Aussichten auf erneut angeheizte Volatilität im US-Aktien-Marktumfeld, da Unsicherheit vorherrschen würde und Investoren sich einmal mehr an einem Pfad von abwechselnd positiven und negativen Meldungen orientieren müssten.

Zum Schluss, wo sehen Sie kurzfristig Potenzial für Value-Aktien?

Die laufende Herausforderung für Value-Investoren über das kommende Jahr wird es sein, Gewinner in einem Umfeld zu finden, in welchem weniger Bereiche stark unterbewertet sind. Dennoch ist die breite Marktbewertung immer eine Mischung von günstigen und teuren Aktien und wahre aktive Manager können nach wie vor substanziellen, langfristigen Wert schaffen. Detailliertes Research und starke Titelauswahl sind in diesem Umfeld wichtiger denn je. Wir verstehen, dass Volatilität für viele Investoren entnervend sein kann, doch sie kann disziplinierten, aktiven Managern Möglichkeiten für eine erfolgreiche Aktienauswahl eröffnen. 

Dieser Artikel wurde cash durch fondstrends.ch zur Verfügung gestellt.
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