Nordkorea lässt die Märkte weiter im Dunkeln

Das kommunistische Regime hat überraschend schnell atomar aufgerüstet. Die Spannungen nehmen zu und keine einfache Lösung ist in Sicht. Eine Einschätzung von Phil Poole, Head of Global Research bei Deutsche AM.
07.09.2017 22:36

Kim Jong-un hat die Spannungen weiter angeheizt. Am vergangenen Sonntag hat sein Regime verkündet, erfolgreich eine Wasserstoffbombe getestet zu haben, mit der man eine Langstreckenrakete bestücken könne. Nur wenige Tage zuvor hatte Nordkorea bereits mehrere Raketen abgefeuert, darunter eine, die über japanisches Gebiet flog. Obwohl das Basisszenario nicht von einem ungeordneten/bewaffneten Konflikt ausgeht, gibt es gute Gründe, diesen Konflikt nicht zu vernachlässigen. Zum einen ging die nukleare Aufrüstung Nordkoreas wesentlich schneller voran als vom Westen erwartet. Derzeit erprobt Nordkorea Langstreckenraketen, die Nuklearsprengköpfe tragen und die Vereinigten Staaten erreichen können.

Zum anderen teilen die Führungspersönlichkeiten der beiden Konfliktparteien, auch wenn der Einsatz von Waffen nicht unbedingt ihr Ziel zu sein scheint, eine gewisse Unberechenbarkeit und ähnliche Motive: Beiden ist an einem internationalen Konflikt gelegen, um von Schwierigkeiten im eigenen Land abzulenken. US-Präsident Trump scheint darüber hinaus seinen unkonventionellen Führungsstil ohne Rücksicht auf diplomatische Gepflogenheiten unterstreichen zu wollen. Obwohl sich Kim Jong-un noch weniger um diplomatische Konventionen schert, scheint er seine Trümpfe bisher gut auszuspielen. Die staatliche zentrale Nachrichtenagentur Nordkoreas provozierte den US-Präsidenten gezielt, nannte ihn "die Ursache für Kopfschmerzen im eigenen Land und anderswo" und fügte hinzu, seine politischen Vorhaben würden entweder ignoriert oder hinausgezögert. Da sich die Vereinigten Staaten kaum gegen diese provokanten Äusserungen wehren können, macht Kim damit einfache Stiche im eigenen Land.

Gleichzeitig hat Trump die gemässigteren US-Wähler mit seinen Rechtsextremisten in Schutz nehmenden Äusserungen nach den Ereignissen in Charlottesville und der Begnadigung des umstrittenen Ex-Sheriffs Joe Arpaio vor den Kopf gestossen. Auslandspolitisch gibt es jedoch zwei Hinweise für eine etwas konventionellere Diplomatie: die Entlassung seines Beraters Steve Bannon und seine Rede über die "neue" Afghanistan-Strategie, die im Grunde genommen eine Fortsetzung der alten ist.

Auch die Tatsache, dass China und Russland vor kurzem erstmalig UN-Sanktionen zustimmten, sprechen dafür, dass die diplomatischen Bemühungen aufrecht gehalten oder sogar intensiviert werden dürften. Aber auch an der diplomatischen Front gibt es (US-)hausgemachte Probleme. US-Aussenminister Rex Tillerson muss das Nominierungsverfahren für viele unbesetzte Positionen in seinem Ministerium beschleunigen. Auch die Stelle des US-Botschafters in Seoul zur Ablösung des interimistischen Geschäftsträgers ist nach wie vor vakant.

Bislang haben einige der von diesem Konflikt am stärksten betroffenen Anlagen, wie südkoreanische Aktien oder der südkoreanische Won, nur verhalten reagiert. Aber dieser Konflikt könnte den Risikoappetit internationaler Anleger deutlich verschieben. Das Basisszenario geht von einer Fortsetzung der aktuellen instabilen Lage aus. Zwar haben sich die internationalen Verhandlungsbemühungen beschleunigt, doch gleiches gilt für die Gefahr einer abrupten Eskalation.

Keine einfache Lösung
Unabhängig von der aktuellen Führung in Washington und Pjöngjang ist Nordkorea schon lange ein Krisenherd, für den es keine einfache Lösung gibt. Das Problem hat sich über Jahrzehnte entwickelt. Am Ende des Krieges von 1950 bis 1953 stand nicht ein Friedensvertrag, sondern nur ein Waffenstillstand. Auseinandersetzungen prägen die Vergangenheit des geteilten Landes. Obwohl die historischen Verbündeten von Nord- und Südkorea ihrem jeweiligen Schützling weitgehend treu geblieben sind, scheinen die Verbündeten Nordkoreas jetzt zunehmend weniger zu bedingungsloser Unterstützung bereit. Weder China noch Russland sind sonderlich erpicht auf einen weiteren Nachbarn mit Nuklearwaffen (der erste Nuklearversuch Nordkoreas fand 2006 statt), besonders mit einer derart unberechenbaren Führung. Gleichzeitig wird China wohl weder einen gescheiterten Staat vor seiner Haustür noch eine Wiedervereinigung oder erhöhte US-Präsenz in der Region wollen. Die Interessen Russlands dürften ähnlich sein. Aber die Positionen sind in Bewegung geraten. Vor kurzem nahmen China und Russland erstmalig an einer Abstimmung des UN-Sicherheitsrats über Nordkorea teil, sodass die UN-Sanktionen einstimmig verlängert werden konnten. Zwar bestehen Zweifel über die Ernsthaftigkeit, mit der Russland die Sanktionen auch umzusetzen bereit ist. Doch China beschloss vor kurzem, keine neuen Joint-Ventures mit nordkoreanischen Unternehmen oder den Ausbau bestehender Beteiligungen zu erlauben. Dies dürfte sich drastisch auf die Wirtschaft Nordkoreas auswirken. Wie kommt es zu dieser Veränderung? Dass US-Präsident Trump das Verhalten Chinas zu Nordkorea mit den Handelsbeziehungen zwischen den USA und China verknüpft hat, könnte durchaus hilfreich gewesen sein. Wie dem auch sei, Peking scheint zu mehr Kooperation bereit.

Offen bleibt die Frage, wie viel – politischen oder wirtschaftlichen – Einfluss China auf Nordkorea ausüben kann. Da Nordkorea in vielen Bereichen von Waren- und Rohstoffimporten abhängt, allen voran Energie, könnte China seine Trümpfe ausspielen. Dennoch argumentieren einige Beobachter, dass Kim Jong-un eher Lieferengpässe und das Leid seiner Bevölkerung in Kauf nehmen würde als eine Kursänderung.

Wirtschaftliche Auswirkungen
Die militärischen Eskapaden Nordkoreas würden die Kapitalmärkte wohl relativ kalt lassen, wäre da nicht Südkorea. Weniger aufgrund seines Bruttoinlandsprodukts (zwei Prozent des globalen BIP, beinahe 50-mal das BIP Nordkoreas), sondern wegen seiner zentralen Position in der globalen Lieferkette und seiner dominanten Marktposition in einigen Branchen, besonders in der Unterhaltungselektronik und anderen Elektronikbereichen. Südkorea produziert 40 Prozent aller LCDs und 17 Prozent aller Halbleiter weltweit. Seine Stärke liegt bei Speicherchips – über 70 Prozent aller DRAM und fast die Hälfte aller NAND-Flash-Speicher werden hier produziert. Südkorea ist der fünftgrösste Exporteur weltweit. Daher könnten auch durch einen konventionellen Angriff Nordkoreas gegen Südkorea nicht nur die nationale Wirtschaft, sondern auch internationale Lieferketten massiv gestört werden. Noch gravierender wäre die humanitäre Katastrophe, die Pjöngjang auslösen könnte, da Südkoreas Hauptstadt mit seiner Bevölkerung von 10 Millionen nicht einmal 50 km von der Grenze zu Nordkorea liegt.

Durch diese Krise könnten aber auch Handelsbeziehungen beschädigt werden. Häufig schon hat Trump geäussert, China mit der Einführung von Zöllen für seine "unfaire" Politik bestrafen zu wollen – jetzt könnte er dies damit rechtfertigen, dass China Nordkorea nicht ausreichend unter Druck setzt. Ähnlich könnte Südkorea zum Opfer von Vergeltungsmassnahmen Pekings zur Bestrafung von US-Verbündeten werden. Regionale Auseinandersetzungen könnten den Welthandel stärker belasten als ein rein chinesisch-amerikanischer Handelsstreit, da über die Hälfte der asiatischen Exporte in Asien bleibt.

Die Deutsche AM geht von drei Hauptszenarien aus:

  1. Basisszenario: Eine militärische Eskalation wird vermieden, die atomare Bedrohung durch Nordkorea bleibt bestehen, wird aber durch Sanktionen und impliziten Druck beherrscht. Die Deutsche AM hält es für illusorisch, dass Nordkorea jemals sein nukleares Arsenal freiwillig aufgibt; genauso wenig wird eine ausländische Macht mit einem chirurgisch präzisen Präventivschlag alle Nuklearwaffen Nordkoreas vernichten können. Besser abgestimmte und schärfere Sanktionen, vor allem von Russland, China und den USA, könnten Nordkorea gefügig machen und weitere Provokationen beenden. Bis letzteres wirklich sichtbar wird, werden die Finanzmärkte auf sporadische regionale Eruptionen und Veränderungen in der Tonlage besonders aus Nordkorea und den USA reagieren.
  2. Risikoszenario 1: Der militärische Konflikt bleibt begrenzt und weitet sich nicht zu einer globalen Krise aus. Die verbale Konfrontation würde auf die nächste Stufe gehoben und letzten Endes in eine Militäraktion münden. Ausgelöst werden könnte diese durch das Überschreiten einer roten Linie durch Nordkorea, zum Beispiel durch Abfeuern einer Rakete in Richtung des US-Militärstützpunkts Guam. Sollte China Nordkorea nicht militärisch unterstützen und der UN eine einheitliche Position gegenüber Nordkorea gelingen, könnte der Konflikt begrenzt und eine weitere militärische Eskalation vermieden werden.
  3. Risikoszenario 2: Der Konflikt eskaliert auf globaler Basis, sollten die USA beispielsweise einen Präventivangriff starten oder eine nordkoreanische Rakete amerikanisches Festland erreichen. Ausgelöst durch Eskalation und Vergeltungsschläge könnten China und Japan eingreifen. Am härtesten getroffen würde aufgrund seiner Nähe zu Nordkorea, auch beim Einsatz nur konventioneller Waffen, Südkorea. Viele Opfer an Menschenleben, erhebliche Störungen des Welthandels und ein langer Handelskrieg zwischen den USA und China wären mögliche Folgen.

Für beide Risikoszenarien sieht Poole die Wahrscheinlichkeit im einstelligen Prozentbereich.

Mit Feuer und Zorn
Anfang August nahmen die Spannungen erneut zu. Auf einer Pressekonferenz am 8. August erklärte US-Präsident Trump, dass weitere Drohungen von Kim Jong-un "... mit Feuer und Zorn und einer Macht erwidert werden, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat." Wörtlich genommen und mit dem 2. Weltkrieg einschliesslich des Atombombenabwurfs auf Hiroshima und Nagasaki als Ausgangsgrösse wollte US-Präsident Trump damit wohl mindestens auf einen Atomschlag anspielen. Angesichts dieser verbalen Eskalation reagierten die Kapitalmärkte eher verhalten. Der Korea Stock Price Index (KOSPI) verlor an diesem Tag 1,1 Prozent und an den beiden Folgetagen weitere 2,1 Prozent, hat die Verluste aber seitdem grösstenteils wieder wettgemacht. Der südkoreanische Won konnte in diesen drei Tagen sogar zulegen. Auch der MSCI World Index verlor am 10. August 1,1 Prozent, doch war dies erst der zweite Tag mit einem Verlust von über 1 Prozent in diesem Jahr. Auch wenn eine militärische Aktion ausgeschlossen wird, könnte jede weitere Eskalation dieses Konflikts die Marktteilnehmer zu einer geringeren Risikobereitschaft in den ohnehin bereits reifen Kapitalmärkten veranlassen.

Dieser Artikel wurde cash durch fondstrends.ch zur Verfügung gestellt.
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