Opec signalisiert Bereitschaft für Erhöhung der Fördermenge

Nach erreichen der USD 80/Barrel Marke am 22. Mai fällt der Brent-Ölpreis wieder. Nitesh Shah, Rohstoffexperte bei Wisdom Tree, beschäftigt sich mit der aufkommenden Frage, ob die Opec mit ihren Drosselungen zu weit gegangen ist.
22.06.2018 22:34

Der jüngste Monatsbericht der Opec vom 12. Juni zeigt, dass die venezolanische Ölförderung rückläufig ist. Das Land produziert 580'000 Barrel weniger als seine zugeteilte Quote und es hat den grössten Beitrag zum Rückgang der gesamten Opec-Förderung geleistet. Dieser Umstand ist auf die wirtschaftliche Implosion im Land zurückzuführen, die es ihm schwer macht die Produktion zu erhöhen. Etwas mehr als die Hälfte der Opec-Mitglieder konnte im vergangenen Monat die Produktion steigern, allen voran Saudiarabien mit einer Produktionssteigerung von 86'000 Barrel. Nitesh Shah meint: "Da die Opec nach ihrem Treffen am 22. Juni einen anderen Kurs einschlagen wird, ist davon auszugehen, dass Saudiarabien bei der Produktionssteigerung an der Spitze stehen wird, denn das Land hat die meisten freien Kapazitäten zur Verfügung."

Nach dem Anstieg des Ölpreises auf USD 80/Barrel waren die Opec und ihre Nicht-Opec-Partner gezwungen, ihre Strategie zu überdenken. Im Mai 2018 hatten die Ölpreise eine Spitze erreicht, nachdem die Förderung Venezuelas weiter rückläufig war und vom Markt allgemein erwartet wurde, dass das Damoklesschwert der – bei den Handelspartnern unbeliebten – extraterritorialen US-Sanktionen gegen den Iran das Ölangebot verringern wird. Shah erklärt: "2014 hatte die Opec die Fördermenge erhöht, um kostenintensiven Produzenten wie den USA Marktanteile abzunehmen." Die Rückkehr zur Steuerung des globalen Outputs 2017 habe das 2014 vorhandene Problem wieder zutage gefördert: Die Opec verliert Marktanteile und damit Einnahmen aus dem Ölgeschäft.

Aus dem Marktgleichgewicht: Opec unter Druck
Dass es dem 14 Mitglieder starken und zehn weitere Länder umfassenden Kartell gelang, sich derart einhellig auf ein Programm zur Produktionsdrosselung zu einigen, galt als Meilenstein. Mit Geschlossenheit hatte sich die Opec in der Vergangenheit schwergetan, obschon der "Übereifer" dieses Mal zu einem grossen Teil auf die wirtschaftliche Implosion Venezuelas zurückzuführen war. Inzwischen spüren Saudiarabien und Russland den Druck, das Förderdefizit ausgleichen zu müssen, das Venezuela und der Iran hinterlassen dürften.

Die Wiederherstellung des Marktgleichgewichts für die Opec-Mitgliedstaaten beruht nicht auf rein uneigennützigen Motiven. Fakt sei, so Shah, dass zahlreiche Opec-Nationen 2017 eine konjunkturelle Abkühlung verbucht haben und demgemäss auf höhere Öleinnahmen angewiesen sind, um in diesem und im nächsten Jahr eine Erholung herbeizuführen. "Statt weitere Preiserhöhungen abzuwarten, ist dies für Länder, die die Fördervolumen erhöhen können, eine einfachere Strategie zur Steigerung der Einnahmen", führt Shah aus.

Ölpreis liegt in vielen Opec-Ländern über dem Breakeven-Preis
Die USA dürften die Förderung dieses Jahr um 1,4 Millionen Barrel pro Tag erhöhen. Shah ist überzeugt: "Deshalb muss die Opec die Gelegenheit beim Schopf packen und den Marktanteil absorbieren, bevor die USA die Produktion so stark erhöhen, dass Opec-Öl aus dem Markt gedrängt wird." Zum Vergleich: Im letzten Jahr wurde die US-Produktion um 0,5 Millionen Barrel pro Tag erhöht.

Auch wenn gemeinhin angenommen wird, dass sich die Opec unter Verweis auf den fiskalischen Breakeven-Preis (Ölpreis, bei dem sich Einnahmen und Ausgaben eines Staates ausgleichen) eine Fortsetzung der Hochpreisära wünscht, sei nach Meinung von Shah festzustellen, dass der gegenwärtige Ölpreis in vielen Ländern über diesen Breakeven-Preisen liege, unter anderem im Iran, dem Irak sowie in Kuwait, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Zahlreichen Opec-Nationen konnten Ölpreise, die jahrelang deutlich unter den fiskalischen Breakeven-Preisen lagen, nichts anhaben. Tatsächlich hat die Ära der niedrigeren Ölpreise von 2014–2017 diesen Ländern ermöglicht, sich in Sparmassnahmen zu üben und den Fokus stärker auf die Diversifizierung ihrer Volkswirtschaften zu richten. Indes hat Saudiarabien unter Führung des Kronprinzen Mohammad bin Salman bin Abdulaziz al-Saud (MbS) das Projekt "Vision 2030" angestossen, das Wirtschaftsreformen mit Schwerpunkt auf Umstrukturierung und Diversifizierung vorsieht.

Internationaler Börsengang von Saudi Aramco liegt auf Eis
Häufig wurde angenommen, dass Saudiarabien auch deswegen höhere Ölpreise will, um die angestrebte Bewertung von Saudi Aramco vor deren Börsengang zu erreichen. "Nach den uns vorliegenden Informationen liegt der internationale Börsengang derzeit jedoch auf Eis und der inländische Börsengang an der saudiarabischen Tadawul-Börse wird frühestens 2019 erfolgen", hält Shah fest. Für eine gleichzeitige oder nachfolgende Notierung an einer ausländischen Börse sind die Voraussetzungen derzeit nicht vorhanden. Shah fügt hinzu: "Bislang haben die saudischen Verantwortlichen nicht einmal entschieden, ob sie den Börsengang in London oder New York durchführen wollen. Es kann also nicht länger das Leitmotiv von Saudiarabien und der Opec sein, aus diesem Grund die Ölpreise nach oben zu treiben."

Der De-facto-Opec-Führer Saudiarabien und Russland, der grösste Nicht-Opec-Partner im Programm zur Produktionsdrosselung, führten am letzten Wochenende Gespräche und brachten die Idee ins Spiel, die Fördermenge um 1 Million Barrel pro Tag zu erhöhen. Shah schliesst: "Angesichts der gesamten Opec-Reservekapazität von rund 2 Millionen Barrel könnten die politischen Gespräche der Gruppe am 22. Juni in eine weitere Erhöhung der Förderung münden."

Dieser Artikel wurde cash durch fondstrends.ch zur Verfügung gestellt.
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