Politische Börsen

Aktien sind natürlich nicht alternativlos. Aber immerhin eine gute Alternative in politisch unruhigen Zeiten. Kurspotenziale ergeben sich dabei unterhalb der Indexebene, so Henning Gebhardt, Global Head of Equities der Deutschen AM.
19.08.2016 10:20

Politische Risiken spielen in Anlageentscheidungenderzeit eine tragende Rolle. Am Beispiel des Brexit-Votums liess sich erkennen,dass Aktien regelmässig weniger stark von politischen Umbrüchen beeinträchtigt werden als andere Vermögensklassen. Die Kursreaktionen bei Devisen und Anleihen waren deutlich nachhaltiger als bei den Aktienindizes,die sich schnell wieder erholten. Doch das Votum wird Europa wohl über Jahre prägen. Noch ist nicht abzusehen, ob es die Flieh- oder die Kohäsionskräfte der Europäischen Union (EU) stärken wird. Zwar sagt man politischen Börsen kurze Beine nach, doch letztlich basieren die zyklusprägenden Investitionsentscheidungen auch auf Stimmungen.

Vorerst erwartet die Deutsche AM jedoch zyklische Verbesserungen, welche sich in steigenden US-Gewinnen niederschlagen sollten. Auch in Europa und Japan sieht die unternehmerische Lage meist besser als die politische aus.

Auf Indexebene sieht die Deutsche AM für viele Börsen jedoch auf Jahressicht wenig Potenzial. Auch der Blick in die Vergangenheit ernüchtert. Keine der grossen Börsen hat, in US-Dollar gerechnet, ihre 2000er oder 2007er Hochs wieder erreicht. Mit einer Ausnahme, den USA.

Der MSCI AC World ex U.S. Index hingegen handelt rund ein Viertel unter seinem 2007er Hoch. Sicher sprechen flexible Strukturen, hohe Eigenkapitalrenditen sowie erfolgreiche Technologiefirmen für die Staaten. Zusätzlich könnten US-Aktien vom Status als risikoärmere Anlagedestination profitieren. Das ist dieser Tage sicher ein wichtiger Faktor, spiegeln sich die Anlegersorgen doch im Kassenbestand institutioneller Investoren wider – er ist so hoch wie seit 2001 nicht mehr. Doch es überrascht, wer im US-Markt wirklich den Ton angibt.

Wer kauft US-Aktien?
Dank Europäischer Zentralbank (EZB) kaufen US-Firmen noch mehr eigene Aktien. Was zunächst komisch klingt, ist näher an der Realität, als man glaubt. Die Niedrigzinspolitik der EZB strahlt ohnehin bereits auf das Zinsniveau der USA aus. Mit ihrem erweiterten Anleihekaufprogramm können US-Firmen jetzt noch direkter in den Genuss günstiger Refinanzierungskosten kommen: Sollte sich die EZB nämlich entscheiden, Euro-Anleihen von einer in der Eurozone registrierten Tochter einer US-Firma zu kaufen. Wie gern solcherart subventionierte Fremdfinanzierung in Anspruch genommen wird, zeigt die Tatsache, dass die Emissionstätigkeit jener Firmen, deren Anleihen in das Kaufschema der EZB passen, überdurchschnittlich hoch ist. Die Mittelaufnahme richtet sich also nicht nach dem Bedarf, sondern nach Verfügbarkeit und Preis. Und was machen die Firmen dann mit all dem Geld? In den USA kauft man davon bevorzugt eigene und fremde Firmenanteile.

Zwischen 2013 und 2015 haben S&P 500 Index-Mitglieder für Dividenden und Aktienrückkäufe 21 Prozent und für bar gezahlte Akquisitionen gar 156 Prozent mehr Mittel aufgewendet. In Sachanlagen wurden lediglich zwei Prozent mehr investiert. Es fehlt also der Mut, in eigene Projekte zu investieren, dafür nimmt man Abkürzungen, um Firmenwachstum oder den Gewinn pro Aktie voranzutreiben. Der Niedrigzins macht’s möglich. So blieb die Zinsbelastung über die vergangenen vier Jahre nahezu konstant, trotz deutlichen Anstiegs der Nettoschulden. Bei den Bruttoschulden, gemessen in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP), knüpfen die nicht-finanziellen US-Firmen sogar wieder an ihre Rekordstände an. Grund zur Panik?

Unmittelbar gefährlich für stark verschuldete Unternehmen wären steigende Zinsen oder sinkende Gewinne. Für ersteres sieht die Deutsche AM wenig Spielraum. Bei den Gewinnen erwarten sie 2016 und 2017 wieder Wachstum. Damit bleiben US-Unternehmensschulden ein Faktor, der sich mittelfristig, aber nicht unmittelbar, zu einem Risiko entwickeln könnte.

Dieser Artikel wurde cash durch fondstrends.ch zur Verfügung gestellt.
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