Rezession ist nicht gleich Rezession

Eine Kontraktion in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen bezeichnen Ökonomen als Rezession. Diese Definition greift für Thomas Heller von der Schwyzer Kantonalbank viel zu kurz und wird der Realität nicht gerecht.
08.11.2019 22:33

Thomas Heller, CIO und Leiter Research der Schwyzer Kantonalbank.

Thomas Heller, CIO und Leiter Research der Schwyzer Kantonalbank.

Wenn in Deutschland am 14. November die BIP-Zahlen für das dritte Quartal veröffentlicht werden, könnte es amtlich werden: Unser nördlicher Nachbar steckt nach gängiger Definition in einer Rezession. Nach -0.1% im zweiten Quartal rechnen laut Thomas Heller, Chief Investment Officer und Leiter Research der Schwyzer Kantonalbank (SZKB), die meisten Marktbeobachter für die Periode von Juli bis September mit einem neuerlichen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0.1% (jeweils zum Vorquartal). Und eine Kontraktion in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen bezeichnen Ökonomen als Rezession, wobei oft der Begriff "technische Rezession" bemüht wird.

Heller präzisiert: "Bei dieser Definition einer Rezession spielt das Ausmass keine Rolle, weshalb sie wenig sinnvoll ist. Denn es macht offensichtlich einen Unterschied, ob die Wirtschaft nacheinander um 1.6% bzw. 4.7% einbricht – wie Deutschland im 4. Quartal 2008 und im 1. Quartal 2009 – oder wie aktuell nur leicht rückläufig tendiert. Zudem wird nicht berücksichtigt, von welchem Niveau aus eine Volkswirtschaft schrumpft." Ein Rücksetzer nach einer Boomphase sei etwas ganz anderes als ein Einbruch nach einer bereits längeren Phase schwachen Wachstums.

Der Spezialist bleibt für seine weiteren Erklärungen beim Beispiel Deutschland: "Das Land durchläuft eine Abschwächungsphase. Insbesondere der wichtige Automobilsektor befindet sich in einer schwierigen Situation. Man sollte aber nicht eine Branche herausgreifen, sondern die Wirtschaft als Ganzes betrachten. Wie sieht die Auslastung der Produktionskapazitäten aus? Wie der Arbeitsmarkt? Die Kapazitätsauslastung der deutschen Industrie befindet sich trotz des deutlichen Rückgangs in diesem Jahr nur knapp unter dem langjährigen Durchschnitt. Die Arbeitslosenquote liegt auf dem tiefsten Stand seit den frühen 1980er Jahren." Ausserdem wirft er ein, dass sich der Dienstleistungssektor bislang vergleichsweise gut halte – allerdings ebenfalls mit Abschwächungstendenz. Selbst wenn die BIP-Zahlen am 14. November negativ ausfällt, geht Heller nicht davon aus, dass bei der breiten Bevölkerung bereits Rezessionsgefühle aufkommen.

"2 x Minus = Rezession" – diese Rechnung wird der Realität also gemäss Heller nicht gerecht. "Derzeit herrscht keine Rezession. Nicht in Deutschland, nicht global. Wir befinden uns in einem zyklischen Abschwung", verdeutlicht der CIO. Die Gefahr sei allerdings nicht gebannt. Die globale wirtschaftliche Entwicklung stehe an einem Scheidepunkt. Insbesondere vom Handelskonflikt drohe bei einer weiteren Eskalation Gefahr. Die jüngsten Anzeichen einer Entspannung und der mögliche "glimpfliche" Ausgang des Brexit haben für Heller die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die Abschwächung der letzten anderthalb Jahre die Talsohle bald erreicht haben wird und kein Abgleiten in eine Rezession erfolgt.

Dieser Artikel wurde cash von Investrends.ch zur Verfügung gestellt.
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