Schweizer im Fintech-Fieber

Schweizer Finanzanalysten zeigen sich deutlich überzeugter von Fintech-Innovationen als ihre internationalen Kollegen. Dies ergab eine Umfrage von CFA Institute, der weltweiten Vereinigung von Investmentprofis. Über 80% der Schweizer Befragten erwarten, dass Robo-Advisor das Massengeschäft umkrempeln werden. Zudem zeigen sich die Schweizer Finanzexperten im internationalen Vergleich besonders von der Blockchain-Technologie begeistert.
13.05.2016 16:30

Unter dem wachsenden Angebot an Fintech-Innovationen dürften Robo-Advisor langfristig den stärksten Einfluss auf die Finanzdienstleistungsindustrie haben, während die Bedeutung von Crowdfunding und Marketplace Lending in einem Fünf-Jahres-Horizont eher abnehmen dürfte. Dies ergab eine Umfrage von CFA Institute, der weltweiten Vereinigung von Investment Profis, unter den Mitgliedern. Weltweit meinen 40% der Antwortenden, dass Robo-Advisor in den nächsten fünf Jahren die Finanzindustrie besonders stark beeinflussen werden. Interessant ist, dass in London 44% der Antwortenden dieser Meinung sind und in der Schweiz nur 35%. Dies könnte auf die starke Stellung der Schweiz im individualisierten Privatkundengeschäft zurückzuführen sein. Denn Robo-Advisors dürften vor allem das Massengeschäft umkrempeln.

Insbesondere Retailmarkt betroffen
70% der Antwortenden, also eine markante Mehrheit, denken, dass die breite Masse der vermögenden Anleger von der automatischen Finanzberatung positiv betroffen sein wird, dies dank tieferen Kosten, verbessertem Zugang zu Beratung sowie breiterem Produktangebot. In der Schweiz teilen sogar über 80% diese Ansicht. Je vermögender jemand ist, desto weniger dürfte er gemäss der Umfrage von Robo-Advisors profitieren. 70% der Umfrageteilnehmer glauben, dass Kunden mit Vermögen von mehr als 30 Mio. Dollar (Ultra High Net Worth Individuen) überhaupt nicht von der Roboterberatung tangiert werden. Mit gut 55% zeigen sich die Schweizer diesbezüglich deutlich skeptischer bzw. erwarten, dass auch dieses Segment betroffen sein würde.

Die Fintech-Umfrage erachtet es dementsprechend als weniger wahrscheinlich, dass die automatisierten Finanzinstrumente den menschlichen Berater in den institutionellen sowie Ultra-High Net Worth-Segmenten ersetzen werden. Die massgeschneiderten Lösungen in diesem Anlegerbereich können nicht einfach standardisiert und automatisiert werden, wie es Robo-Advisor üblicherweise machen. Diese Investorengruppe mit grossen Portfolios und diversen sowie komplexen Anlagebedürfnissen dürfte weiterhin persönliche Beratung aus menschlicher Hand bevorzugen. Weltweit sind rund 70% der Umfrageteilnehmer dieser Ansicht. In London ist die Überzeugung besonders ausgeprägt, dass Roboter bei den Ultra-Reichen keine Chance haben. Die Schweizer wirken diesbezüglich weniger überzeugt. Ganz anders sieht dies im Massengeschäft aus. So zeigen sich die Schweizer hier aussergewöhnlich optimistisch in Bezug auf das Ersatzpotential für direkte menschliche Interaktionen. 80% gaben an, dass Roboter im Retailgeschäft den Menschen ersetzen werden. In London glauben dies nur 45%, weltweit lediglich 34%.

Risiken durch Robo-Berater
Nach den grössten Risiken von Robo-Beratern gefragt, nannte weltweit fast jeder Zweite mögliche Fehler in den automatischen Algorithmen, rund ein Drittel das Mis-selling. Im Gegensatz zu London und im internationalen Vergleich hegen die Schweizer zudem überdurchschnittlich hohe Bedenken bezüglich des Datenschutzes und des Schutzes der Privatsphäre.

Zudem untersuchte die Umfrage auch die Meinungen zum Einfluss der sogenannten Blockchain-Technologie, welche Finanzdienstleister entwickeln, um Transaktionen reibungslos abzuwickeln, beispielsweise bei virtuellen Währungen wie Bitcoin. Die CFA-Mitglieder meinen, dass die Blockchain-Technologie höchstwahrscheinlich die Entwicklung der drei Bereiche Clearing und Settlement, alternative Währungen sowie das Commercial Banking beeinflussen wird. Auffällig ist, dass vor allem die Schweizer Befragten von der Blockchain-Technologie überzeugt sind: 20% gaben an, dass die Blockchain-Technologie bereits in einem Jahr einen grossen Einfluss auf die Finanzindustrie haben wird. Bei einem Horizont von 5 Jahren glaubt dies sogar jeder zweite Schweizer CFA. In London waren dies hingegen nur 4% bzw. 24%.

„Die Umfrageergebnisse zeigen die Faszination und den Respekt der befragten Finanzfachleute bezüglich Fintech. Gerade die Schweizer Kollegen sind begeistert von allem, was damit zu tun hat. Sie weisen aber auf einen zentralen Aspekt hin, der bei aller Begeisterung für das Thema meist ausgeblendet wird, nämlich ob das heute existierende Regelwerk für Kunden von Fintech-Unternehmungen ähnlich effektiv ist wie für konventionelle Geschäftsmodelle. Von einer technologie- und wirkungsorientierten Regulierung sind wir weit entfernt“, fasst Christian Dreyer, CFA, CEO von CFA Society Switzerland, zusammen.

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