Schweizer Vermögensverwalter hinken hinterher

Die Digitalisierung verändert das Vermögensverwaltungsgeschäft und bietet Chancen. Eine von EY durchgeführte Studie zeigt jedoch auf, dass sich Schweizer Vermögensverwalter mit dem Wandel schwer tun.
08.12.2017 22:37

Jeder sechste Vermögensverwalter in der Schweiz (17%) hat bislang noch keine Schritte in Richtung IT-Strategie für die digitale Transformation unternommen, so das Ergebnis der Studie "Digital Disruption in Wealth Management" von EY. Während rund 50% dabei sind, eine Strategie für den technologischen Wandel zu entwickeln, haben nur knapp ein Drittel der Vermögensverwalter eine Digitalstrategie bereits im Einsatz.

Ähnliche Zurückhaltung wird bei der Anwendung von Robo-Advice in der Vermögensberatung ersichtlich.  Bislang nutzen oder planen lediglich 17% der Schweizer Vermögensverwalter den Einsatz von Robotic Process Automation (RPA) und künstlicher Intelligenz zur Automatisierung ihrer Prozesse. Robert Rümmler, Spezialist für Vermögensverwaltungstechnologie bei EY in Zürich, sieht den Grund dafür bei der Priorisierung: "Schweizer Vermögensverwalter sind nach wie vor mit der Umsetzung von sich ändernden Regulierungsanforderungen beschäftigt und kümmern sich zu wenig um zukünftige digitale Geschäftsmodelle."

Andere Zentren setzten stärker auf digitale Technologien
Die Schweiz galt in der Vergangenheit unbestritten als eines der führenden Vermögensverwaltungszentren. Mittlerweile haben ihr jedoch andere Zentren den Rang abgelaufen, weil sie ihre Dienstleistungsmodelle digitalisieren und eine höhere Innovationskraft an den Tag legen. "Die Schweizer Akteure riskieren, bei der Innovation und Digitalkompetenz ins Hintertreffen zu geraten, während aufstrebende Märkte wie Asien-Pazifik Innovationen und Digitaltechnik mit Hochdruck vorantreiben", sagt Bruno Patusi, Managing Partner im Bereich Wealth and Asset Management bei EY Schweiz.

Dies wäre schade, denn der Wandel wird vom Markt international erwartet. 63% der weltweit befragten Vermögensverwalter erwarten von IT-Innovationen im Zuge des angestrebten Ertragswachstums eine transformative Wirkung auf die Geschäftsstrategien. In der Schweiz haben die Vermögensverwalter diesen Trend jedoch noch nicht erkannt, denn nur 33% der Befragten teilen die Prognose. 

Fehlende Wertschätzung von IT-Mitarbeitern 
Die meisten Branchen sehen IT und Technologie zunehmend als zentrale Bausteine der Unternehmensstrategie. Im Gegensatz dazu, nehmen die Schweizer Vermögensverwalter die IT weiterhin als blosse Unterstützungsfunktion wahr.

Diese Haltung spiegelt sich auch in der mangelnden finanziellen Wertschätzung von IT-Mitarbeitenden wider: Während die Zahl der IT-Fachkräfte im Verhältnis zum Gesamtpersonalbestand in Unternehmen seit 2013 um nahezu 7% zugenommen hat, sind ihre Gehälter etwa im selben Mass gesunken. Da zugleich die Gehälter anderer  Mitarbeitenden in der Vermögensverwaltung stabil geblieben sind, hat sich die Schere zwischen der Vergütung von IT- und Nicht-IT-Mitarbeitenden weiter geöffnet (von 56% 2013 auf 64% 2016).

Rümmler kommentiert diese Entwicklung wie folgt: "Vermögensverwalter, welche die Markttrends bei Vergütungs- und Anreizfragen ignorieren, werden Probleme bekommen, den Rückstand bei den Technologietalenten aufzuholen. Der scharfe Konkurrenzkampf mit anderen Branchen um diese gefragten Spezialisten ist bereits im Gang."

Um die fehlenden internen Kompetenzen auszugleichen, wenden sich die Unternehmen zunehmend an externe IT-Anbieter. Nur wenigen Unternehmen gelingt es jedoch, ein optimales Gleichgewicht zwischen internen IT-Ressourcen und Auslagerung zu finden. Dies belegt auch die enorme Kluft zwischen Unternehmen, die bezüglich Outsourcing führend sind, und dem Grossteil der Vermögensverwalter.

Erneuerung der IT-Infrastruktur dringend nötig
Die meisten Vermögensverwalter haben die längst fällige Modernisierung ihrer IT-Kernsysteme aufgeschoben. Dazu gehören nicht nur die Infrastruktur, sondern auch andere kritische Bereiche der IT – zum Beispiel die Cybersicherheit: Der Angriff mit der WannaCry-Ransomware belegt, wie wichtig das Einrichten von Schutzvorkehrungen gegen Cyberangriffe ist.

Obwohl die Unternehmen immer häufigeren und schwerwiegenderen Cyberangriffen ausgesetzt sind, steht die Risikobegrenzung (einschliesslich Cybersicherheit) weit unten auf der Liste der Unternehmensprioritäten. Der Grossteil der Schweizer Vermögensverwalter legt den Fokus der IT-Strategie nach wie vor auf die Einhaltung der Regulierungsvorschriften (80%), während sich nur rund die Hälfte (53%) auch auf die Risikobegrenzung, einschliesslich Cybersicherheit, konzentriert. 

Sofortmassnahmen sind unerlässlich
Um zu vermeiden, dass weitere Marktanteile verloren gehen, sollten Schweizer Vermögensverwalter unter anderem erforderliche digitale Fähigkeiten beurteilen und deren Implementierung auf kurz-, mittel- und langfristige Sicht priorisieren sowie eine allgemeine Roadmap für die Digitalisierung ausarbeiten. 

Dieser Artikel wurde cash durch fondstrends.ch zur Verfügung gestellt.
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