Staatsfonds setzen 2017 stärker auf Immobilien

Die von Invesco befragten Staatsfonds und Zentralbanken erachten die USA als attraktivste Region. Knapp die Hälfte will 2017 Immobilien übergewichten.
16.06.2017 22:36

Invesco hat die fünfte Invesco Global Sovereign Asset Management Studie veröffentlicht, eine umfassende jährliche Analyse des komplexen Anlageverhaltens von Staatsfonds und Zentralbanken. Wie die Ergebnisse der diesjährigen Studie zeigen, passen diese Investoren ihre Allokationen derzeit weniger stark an als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in den letzten fünf Jahren, obwohl der Abstand zwischen den Renditezielen und der tatsächlichen Rendite immer grösser wird. Grund für die abwartende Haltung sind die geopolitischen Unsicherheiten und die begrenzten Optionen für eine stärkere Umschichtung in Risikoanlagen.

Für die diesjährige Studie wurden 97 Staatsinvestoren und Reservemanager von Zentralbanken aus aller Welt aufgefordert, die Bedeutung unterschiedlicher wirtschaftlicher und geopolitischer Faktoren für ihre Anlagestrategien zu bewerten. Die befragten Investoren stehen für ein Anlagevermögen von insgesamt 12 Billionen USD.

Wie die Studie zeigt, betrachten Staatsinvestoren die niedrigen Zinsen als wichtigsten Faktor in der taktischen Vermögensaufteilung und investieren auf der Suche nach alternativen Ertragsquellen derzeit verstärkt in Immobilien. Wie die längerfristigen Auswirkungen der Zinsentwicklung aussehen, bleibt jedoch abzuwarten, da mit einer allmählichen Verlagerung von quantitativer Lockerung zu quantitativer Straffung gerechnet wird. So erwarten die befragten Investoren auch, dass die künftige Vermögensaufteilung stärker durch die Folgen des Brexit und des Wahlergebnisses in den USA beeinflusst sein werden (die um +82% bzw. +68% an Bedeutung gewinnen werden), wenn deutlicher wird, wie sich die politischen Verschiebungen auf die Investmentperformance auswirken.

Trump ganz oben
Staatsinvestoren stufen die USA seit drei Jahren als attraktivsten Markt ein. Auch in diesem Jahr hat das Land seinen Spitzenplatz mit einem Gesamtwert von 8,0 (aus 10) erneut verteidigt. Auch bei den tatsächlichen Allokationen haben die USA die Nase vorn: 37% der Befragten geben an, den nordamerikanischen Markt bei ihren Neuanlagen im Verhältnis zum Gesamtportfolio im Jahr 2016 übergewichtet zu haben – also dort mehr als in jede andere Region investiert zu haben. Unter dem Strich planen 40%, diesen Markt auch 2017 zu übergewichten. Das vergleicht sich mit gerade einmal 4%, die hier 2016 weniger als in anderen Regionen neu angelegt haben, und 4%, die auch 2017 von einer Untergewichtung ausgehen – der Rest (59% im Jahr 2016 und 56% im Jahr 2017) haben ihre Allokationen nicht angepasst und beabsichtigen auch keine Veränderung der regionalen Gewichtung.

Die Attraktivität des amerikanischen Marktes beruht vor allem auf den steigenden Zinsen und der Hoffnung auf eine wirtschaftsfreundliche Steuerreform unter der seit Januar 2017 amtierenden Trump-Regierung. Die langfristige Zuversicht wird aber weiter durch gewisse Zweifel an Trumps Fähigkeit gedämpft, seine politischen Vorhaben durchzusetzen. Den positiven Erwartungen an potenzielle Infrastrukturinvestitionen in den USA stehen Sorgen wegen einem zunehmenden Protektionismus gegenüber, wodurch ausländische Staatsinvestoren nur schwerer Zugang zu diesem Markt erhalten könnten.

Rückläufige Allokationen in Grossbritannien durch Pfund-Trend
In der Attraktivitätswertung der staatlichen Investoren ist der britische Markt am stärksten zurückgefallen – von 7,5 im Vorjahr auf jetzt 5,5. Der Brexit wird ganz klar negativ bewertet. Angesichts der Unsicherheiten in Bezug auf künftige Einfuhrsteuern und den künftigen Marktzugang sehen in Europa anlegende Investment-Investoren die Zukunft Grossbritanniens als zentralen europäischen Investitionsstandort skeptisch.

Die befragten Staatsinvestoren haben ihr Engagement am britischen Markt 2016 zurückgeführt: 33% der Befragten geben an, den britischen Markt bei ihren Neuanlagen untergewichtet zu haben (mehr als jede andere Region). Nur 13% berichten über neue übergewichtete Positionen in Grossbritannien, während der Rest (54%) angibt, keine Anpassungen an der Allokation vorgenommen zu haben. Unter Berücksichtigung der Abwertung des britischen Pfundes sind die Allokationen in Grossbritannien allerdings relativ stabil geblieben. So ist der berichtete Rückgang um -15% vermutlich vor allem auf die 16-prozentige Abwertung des GBP gegenüber dem USD zurückzuführen und weniger auf den tatsächlichen Abzug von Anlagegeldern. Dabei hat der Wertverlust des Pfundes am britischen Aktienmarkt gleichzeitig für eine kräftige Rally gesorgt.

Was die weitere Entwicklung im Jahr 2017 angeht, planen 41% der befragten Staatsinvestoren eine Untergewichtung und nur 5% eine Übergewichtung des britischen Marktes. Die Mehrheit (54%) will an ihrer aktuellen Allokation festhalten, bis die längerfristigen Auswirkungen des Brexit klarer werden.

Alex Millar, Head of EMEA Sovereigns, Middle East and Africa Institutional Sales bei Invesco, kommentiert: "Trotz der scheinbar negativen Einstellung zum britischen Markt haben viele Staatsinvestoren bekräftigt, dass sie auch nach dem Brexit an ihrem langfristigen Engagement in diesem Markt festhalten wollen – das gilt insbesondere für Immobilienanlagen und mehrere prominente Infrastrukturinvestitionen wie Thames Water und den Flughafen Heathrow. Hier dürfte es keine Änderungen geben, bis klarer wird, ob Grossbritannien auch künftig ein bevorzugter Investitionsstandort bleibt."

In Kontinentaleuropa steht Deutschland im Mittelpunkt
Im Vergleich zum Vorjahr sind die Allokationen der Staatsinvestoren in Kontinentaleuropa von 12,8% des verwalteten Vermögens auf zuletzt 11,2% gesunken. Grund war das scheinbar grössere Risiko einer zunehmenden Auflösung der EU. Als eines der attraktivsten globalen Investitionsziele für staatliche Investoren hebt sich Deutschland mit einer von 7,0 auf 7,9 verbesserten Wertung allerdings deutlich von seinen europäischen Nachbarn ab. Entscheidend dafür sind die Wahrnehmung des deutschen Marktes als "sicherer Hafen" sowie die zuletzt stärkere Wirtschaftsentwicklung.

Immobilien bieten laufende Erträge bei sinkenden Neufinanzierungen
Das aktuelle Renditeumfeld stellt Staatsinvestoren weiter vor Herausforderungen. Im Schnitt haben sie ihre Renditeziele um 2% verfehlt. Angesichts der schwachen Wachstumsentwicklung in den letzten 3 Jahren haben die Regierungen die Neufinanzierung staatlicher Investitionsvehikel reduziert (im Schnitt von 8% im Jahr 2015 auf 5% im Jahr 2017) und Investitionen gestrichen (von -1% im Jahr 2015 auf -3% im Jahr 2017).

Wie die Studie 2016 zeigt, haben die geringeren Anlagemöglichkeiten in den Bereichen Infrastruktur und Private Equity die Anlagen in Sachwerte insgesamt gedämpft. Tatsächlich geben 71% der befragten Investoren an, aufgrund von Schwierigkeiten in der Ausführung in Infrastruktur aktuell untergewichtet zu sein. Dadurch ist das Interesse an Anlageklassen wie Immobilien, die ähnlich attraktive Anlageergebnisse ermöglichen, weiter gross.

Mehr als zwei Drittel (67%) der befragten Staatsinvestoren geben an, in globalen Immobilien 2016 übergewichtet gewesen zu sein; 46% rechnen in diesem Jahr mit einer Übergewichtung dieser Anlageklasse. Die Zahlen für Immobilienanlagen am Heimatmarkt waren ähnlich positiv: 2016 waren 58% der Investoren in diesem Segment übergewichtet; 38% rechnen in diesem Jahr mit einer Übergewichtung. Im Schnitt haben die Staatsinvestoren ihre Allokation an den heimischen Immobilienmärkten im Vergleich zum Vorjahr stärker ausgeweitet (um 1,2% der AUM) als ihre globalen Immobilienallokationen (Anstieg um 0,3% der AUM).

Die befragten Staatsinvestoren nennen unterschiedliche Gründe für ihre höheren Immobilien-Zielallokationen: zum Beispiel die Möglichkeit, Liquiditätsprämien zu vereinnahmen oder auf mittel- bis langfristige Verbindlichkeiten abgestellte Erträge zu generieren, sowie die potenzielle Internalisierung und Kontrolle des Asset Managements. Da eine Währungsabsicherung entfällt, sind Anlagen am heimischen Immobilienmarkt für Liability- und Investment-Investoren besonders attraktiv. Die Zunahme der Allokationen am Heimatmarkt spiegelt sich im übergreifenden Interesse der Staatsinvestoren an Immobilienanlagen mit laufenden Erträgen wider, mit denen sie höhere Einnahmen generieren können als mit inländischen Anleihen, um ihre in ihrer Heimatwährung denominierten Verpflichtungen zu bedienen.

Die Ausweitung der internationalen Immobilienallokationen dürfte vor allem mit taktischen Faktoren in Verbindung stehen, zum Beispiel Beschränkungen am heimischen Markt oder Schwierigkeiten, die Zielallokationen in Infrastruktur- und Private-Equity-Anlagen zu erreichen. Staatliche Investoren bevorzugen erstklassige Büro- und Handelsimmobilien gegenüber Logistik- und Wohnimmobilien. Grund sind die längerfristigen Mietverträge und entsprechend verlässlichen regelmässigen Erträge aus Büro- und Handelsimmobilien im Vergleich zum Potenzial für Kapitalwachstum und Entwicklung aus Logistik- und Wohnimmobilien. Die befragten Investoren schätzen den Anteil von Büro- und Handelsimmobilien an ihren Immobilienportfolios in den nächsten drei Jahren auf jeweils rund 40%, den von Logistik- und Wohnimmobilien auf 16% bzw. 28%.

Dieser Artikel wurde cash durch fondstrends.ch zur Verfügung gestellt.
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