Trumps Wahlkampfrethorik vs. Realität

Bei seinem Amtsantritt als US-Präsident wird sich Donald Trump mit drei grossen Themen auseinandersetzen. Seine Wahlkampfrhetorik wird dann auf die raue wirtschaftliche Realität stossen, meint Lukas Daalder von Robeco.
24.11.2016 10:40

Der Immobilienmagnat Donald Trump hat die ehemalige First Lady, Hillary Clinton, am 8. November im Rennen um den Einzug ins Weisse Haus geschlagen und wird nach seiner Vereidigung als 45. US-Präsident am 20. Januar 2017 an der Spitze der grössten Volkswirtschaft der Welt stehen.

"Die erste grosse Unsicherheit ist, wie sich Trump jetzt verhalten wird, nachdem er sich den Wahlsieg gesichert hat", sagt Daalder, Chief Investment Officer von Robeco Investment Solutions, dessen Multi- Asset-Fonds Aktien- und Anleihepositionen reduziert hat und inzwischen in bargeldnahen Anlagen übergewichtet ist. "Wie viele seiner befremdlichen Ankündigungen nicht mehr als Wahlkampfrhetorik waren und wie viele er tatsächlich umsetzen wird, vermag derzeit niemand zu sagen."

Daalder hält es aber für sehr unwahrscheinlich, dass Trump über Nacht zu einem moderaten Politiker wird. Zum einen deute Trumps Charakter und bisheriger Werdegang nicht darauf hin, dass er nur grosse Töne spucke: "Er wird den Menschen zeigen wollen, dass er auch ein Mann der Tat ist."

Die eigentliche Unsicherheit liege darin, welche Politik Trump im Einzelnen verfolgen werde. Es gab viele Ankündigungen. Vom Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko bis zu einer strafrechtlichen Verfolgung von Hillary Clinton; von der Vernichtung des sogenannten Islamischen Staats bis zur Rückholung von Arbeitsplätzen aus China. ""r kann aus einer Vielzahl von Optionen auswählen", sagt Daalder.

Steuern: Ankurbelung der Wirtschaft und Erneuerung der Infrastruktur
Nach Daalders Ansicht werden drei Themen im Mittelpunkt seiner Politik stehen: "Steuersenkungen und Investitionen in Infrastruktur stehen weit oben auf der Liste möglicher politischer Veränderungen", meint Daalder. "Trump will Mexiko für die Mauer zwischen beiden Ländern bezahlen lassen, was völlig unrealistisch ist. Wenn er tatsächlich mit dem Bau einer Mauer beginnt, wird dies grösstenteils zu Lasten der US-Staatsfinanzen gehen."

"Rein wirtschaftlich betrachtet mag dieses Vorhaben sogar positiv sein, weil Infrastrukturinvestitionen die Konjunktur in Schwung bringen. Doch während bspw. der Bau einer Brücke Transportkosten senkt und sich längerfristig positiv auf die Wirtschaft auswirkt, ist dies bei einer Mauer nicht der Fall. Der sogenannte Multiplikatoreffekt solcher Massnahmen wird begrenzt sein."

Handel: Handelsabkommen aufzukündigen, ist leichter, als sie abzuschliessen
Jeder US-Präsident hat weitreichende Handlungsvollmachten in Bezug auf Handelsabkommen. Der Abschluss solcher Abkommen sei ein langwieriger Prozess. Sie aufzukündigen, sei dagegen viel einfacher und erfordere nicht die Zustimmung des US-Kongresses, betont Daalder. "Es ist der Weg des geringsten Widerstandes, und Trumps Wähler werden ihm applaudieren. Das scheint also ein offensichtliches Risiko zu sein."

"China steht hier offensichtlich im Fokus; denn Trump will Arbeitsplätze zurück in die USA bringen. Angesichts von Deutschlands hohem Leistungsbilanzüberschuss liegt aber auch Europa sicher nicht ausserhalb der Gefahrenzone. Das mag unbedeutend klingen. Der Hauptgrund, warum die Grosse Depression in den 1930er Jahren so lange gedauert hat und so schmerzvoll war, waren aber die Handelskriege, die damals stattfanden. Natürlich prognostizieren wir nicht einen solchen Gang der Dinge. Aber es sollte klar sein, dass in diesem Punkt erhebliche negative Risiken bestehen.”

Die Aktienmärkte seien wegen der Aussicht auf eine Ankurbelung der Wirtschaft kräftig gestiegen. Sie würden aber die Kehrseite ignorieren. "Wir stellen die Wirksamkeit von Trumps geplanten Massnahmen zur Konjunkturförderung wegen ihres geringen Multiplikatoreffekts und möglicher politischer Widerstände in Frage. Und unserer Meinung nach ist es der Weg des geringsten Widerstandes, stattdessen einen Handelskrieg anzuzetteln", erklärt Daalder.

Einwanderung: Abschiebung von Einwanderern könnte die Wirtschaft schrumpfen lassen
"Ein weiteres Thema, zu dem sich Trump oft und deutlich geäussert hat, sind die Einwanderer, die keine gültigen Papiere besitzen", sagt Daalder. "Auch hier wissen wir nicht, wie viel davon reine Wahlkampfrhetorik war. Schätzungen zufolge wären aber 5 bis 6,5 Millionen Einwanderer von seinem Plan betroffen." 

Würden diese – wie von Trump angekündigt – tatsächlich ausgewiesen, hätte das ziemlich negative Folgen für die Wirtschaft der US-Bundesstaaten an der Grenze zu Mexiko. Ein solcher Schritt würde, laut Daalder, die Binnennachfrage drastisch reduzieren und hätte für bestimmte Branchen, in denen diese Menschen zurzeit beschäftigt sind, drastische Folgen. ”Was auch passiert: Es wird mehr Unsicherheit geben. Auch wenn die schlimmsten vorstellbaren Entwicklungen nicht eintreten, steht Anlegern mindestens ein Jahr der Unsicherheit bevor. „Klar ist auf jeden Fall, dass das Wahlergebnis die Unsicherheit in einem ohnehin schon recht wackligen System deutlich erhöht hat", meint Daalder. 

Im Ausblick für 2017 hatte Robeco für die Weltwirtschaft recht positive Erwartungen. Und die hätten sie inzwischen nach unten revidiert. Angesichts der Risiken, denen China und Deutschland wegen ihrer Handelsbilanzen möglicherweise ausgesetzt sind, habe sich der Ausblick für die Weltwirtschaft sicher nicht aufgehellt, sagt Daalder.

"Eine Zunahme der Unsicherheit – verbunden mit niedrigeren Wachstumsaussichten für die Weltwirtschaft insgesamt – bedeutet aus unserer Sicht, dass sich das Chance-Risiko-Verhältnis von risikobehafteten Finanzmarktaktiva verschlechtert hat. Aus taktischen Überlegungen heraus haben wir unsere Positionen in Aktien und High-Yield-Anleihen in unserem Musterportfolio reduziert und sind zu einer Übergewichtung bargeldnaher Anlagen übergegangen."

"Was sonstige Anleihen betrifft, sind die Aussichten uneinheitlicher. Das höhere Staatsdefizit, die Inflationszunahme (in Verbindung mit möglichen Importzöllen) und die Gefahr, dass China im Falle eines eskalierenden Handelskrieges Verkaufsdruck ausüben wird, könnten Anleihen unter Druck setzen", schlussfolgert Daalder.

Dieser Artikel wurde cash durch fondstrends.ch zur Verfügung gestellt.
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