Truthähne oder die Macht von Prognosen

Seit Jahrtausenden weiss die Menschheit um die Unwägbarkeiten von Vorhersagen – dennoch glauben auch heute noch viele an die Macht der Kristallkugel. Investoren stürzen sich noch immer unbeirrt auf Wirtschaftsprognosen und Anlageempfehlungen als Grundlage wichtiger finanzieller Entscheidungen.
04.07.2016 09:05

Jahrelang haben Ökonomen, Wirtschaftsstrategen und Anlageberater Prognosen für ein breites Spektrum verschiedener Variablen wie BIP-Wachstumsraten, Wechselkurse, Ölpreise, Unternehmensgewinne und viele mehr erstellt. Derartige Vorhersagen sind durchaus üblich, verdeutlichen jedoch die menschliche Neigung, aktuelle Trends in die Zukunft extrapolieren zu wollen. Nun weiss man aber nur zu gut, dass die Welt keine lineare Entwicklung befolgt – nicht zuletzt und vor allem aufgrund der Unvorhersehbarkeit der menschlichen Natur. Investoren wollen Gewissheit, daher befriedigen Ökonomen, Börsenhändler und andere Akteure mit ihren Prognosen und Einschätzungen ein Bedürfnis nach Quantifizierung, obwohl sich die Ergebnisse oft als falsch erweisen.

Nassim Taleb bringt in seinem Buch Black Swan (Der schwarze Schwan) eine interessante Anekdote, die die Problematik von Vorhersagen anschaulich demonstriert. Er beschreibt einen Truthahn, der jeden Tag von einem "freundlichen" Metzger gefüttert wird. "Das tägliche Füttern verleitet den Vogel zur Schlussfolgerung, dass es die Regel ist, jeden Tag von freundlichen Mitgliedern der menschlichen Rasse – in seinem besten Interesse, wie ein Politiker es sagen würde – gefüttert zu werden. Am Mittwochnachmittag vor Thanksgiving wird dem Truthahn dann jedoch ein Erlebnis besonderer Art widerfahren, so dass er seine Meinung revidieren muss..."

Die Problematik von Prognosen ist hinreichend bekannt. Der bekannte Aktieninvestor Philip Fisher warnte beispielsweise vor der Erstellung präziser Prognosen und dem blindem Vertrauen in sie. "Ich glaube, dass Wirtschaftswissenschaften, die Prognosen von Konjunkturtrends erstellen, gerade einmal so weit fortgeschritten sind wie die Chemie zu Zeiten der Alchemisten im Mittelalter."

Auch die Experten von Aberdeen Asset Management sind der Ansicht, dass Prognosen nicht richtig verwendet werden, vor allem, wenn sie für einen breiteren makroökonomischen Kontext – und Märkte, deren Schicksal mit ihnen steht und fällt – gelten sollen. Warum also messen wir angesichts der empirisch unzweifelhaften Erkenntnis, dass die Zukunft nicht fassbar ist, präzisen wirtschaftlichen und finanziellen Prognosen dennoch eine so grosse Bedeutung bei?

Zwei SystemeDie Vermutung der Aberdeen Asset Management Experten ist, dass dies der Funktionsweise des Verstandes geschuldet ist. Die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky haben die Funktionsweise unseres Verstandes in zwei "Systeme" eingeordnet – System 1 und System 2. System 1 funktioniert automatisch und schnell, ähnlich wie das Bauchgefühl. System 2 fokussiert die Konzentration auf mentale Aktivitäten, die eine Anstrengung erfordern. Das Spektrum der Aktivitäten, die den Verstand unter Ausreizung der Grenzen von System 2 verarbeiten kann, ist beschränkt.

Man stellt sich gerne vor, dass sich das Weltgeschehens linear entwickelt, und sobald man diese lineare Gerade festgelegt hat, kann man sich mental nicht mehr von dieser Zukunftssicht freimachen. Man hat seinen Einsatz gemacht und möchte daran glauben, dass die Zukunft wie erwartet verläuft. Ersetzt man hingegen eine diffuse Vorstellung von der Zukunft durch eine Reihe unfassbarer Ereignisse, dann kommt Unbehagen auf. Ausserdem ist das mentale Durchexerzieren sämtlicher Varianten äusserst strapaziös – dagegen ist es erheblich einfacher und beruhigender, an einer
Einschätzung festzuhalten.

Taleb hat sogar eine Bezeichnung für diese Experten erfunden, die Wirtschaftssysteme durch die Verstärkung einer bestimmten "fassbaren" und "sicheren" Einschätzung der Zukunft in höchstem Masse gefährden. Derartige Personen, die Unsicherheit erzeugen, weil sie zu wissen glauben, was Sache ist, bezeichnet er als "Fragilistas". Es liegt einfach nahe, sich um Fragilistas mit ihrer vermeintlichen überragenden Prognosefähigkeit zu scharen – so entstehen "Informational Cascades" (kaskadenförmige Informationsflüsse). Besonders gefährlich ist der sogenannte Rückschaufehler –
die Tendenz, vorher vorhandene Informationen unter dem Einfluss des Ereignisses neu zu betrachten und dabei zu einer Überschätzung der Vorhersagbarkeit des Ereignisses zu kommen. Vorhersagen von
Personen ohne persönliche Beteiligung an einer Angelegenheit sind ebenfalls mit Vorsicht zu geniessen.

Eines der frappierendsten Beispiele der jüngsten Zeit für unsere Akzeptanz des Unvorhersehbaren ist der Ölpreis. Anfang 2014 waren die meisten Investoren und Marktteilnehmer davon überzeugt, dass der Ölpreis nicht mehr unter USD 80 pro Barrel fallen würde. Der CFO eines multinationalen Ölkonzerns erklärte uns, dass sich aus dem blossen Verhältnis von Angebot und Nachfrage eine Preisspanne
von USD 80-90 pro Barrel ergeben würde, wobei höhere Preise aufgrund geopolitischer Spannungen denkbar wären. Ein grosser Luft- und Raumfahrtkonzern, den wir im November 2014 besuchten, war der Auffassung, dass höhere Ölpreise "auf lange Sicht dominieren würden". Eine derartige Überschätzung erinnert an den Truthahn von Taleb – wir wissen alle, was seither mit dem Ölpreis passiert ist.

Langfristig investieren als wichtigste Regel
Im Lichte dieser Erkenntnis: Wie sollen sich Anleger an den Finanzmärkten angesichts der Unvorhersehbarkeit der Zukunft denn nun verhalten? Die wichtigste Regel ist wahrscheinlich, dass Investoren langfristig investieren sollten. Die Märkte sind kurzfristig zwar volatil und unsicher, doch langfristig sind stets fundamentale Faktoren ausschlaggebend. Für eine langfristige Positionierung ist ein Bottom-up-Ansatz beim Kauf von Wertpapieren oder Fondsanteilen ausschlaggebend. Anleger sollten sich nicht auf die Top-Down-Prognose von Konjunkturdaten verlassen. Die Methode funktioniert, weil weniger Variablen analysiert werden und deshalb weniger Prognosefehler auftreten. So sollte man in Wertpapiere oder Fonds mit einem herausragenden Angebot und hohem Wachstumspotenzial investieren, die unabhängig von den externen Rahmenbedingungen Wertzuwächse erzielen können.

Genauso wichtig ist aber eine ausreichende Diversifikation des Portfolios. Gut diversifizierte Fonds hängen wiederum weniger stark von der Fähigkeit ihrer Manager zur Generierung von Renditen ab,
und erzielen deshalb unter dem Strich bessere Ergebnisse. Obwohl eine sinnvolle Diversifikation nur schwer nachweisbar ist, können Manager, die Allokationen auf ein breites Spektrum von Anlagen vornehmen, Anlagen mit attraktiven Renditeprofilen und folglich mit unterschiedlichen Renditevektoren auswählen. In Stressphasen werden sie deshalb wahrscheinlich geringere Verluste einfahren.

Dieser Artikel wurde cash durch fondstrends.ch zur Verfügung gestellt.
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