Von der US-Steuersenkung profitieren vor allem kleinere Firmen

Tiefere US-Steuern sind nur ein Grund, US Small&Mid Caps im Auge zu behalten, meint Thorsten Becker von JO Hambro Capital Management im Gespräch mit Fondstrends. Auch sonst findet der erfahrene Stockpicker immer wieder attraktive Aktienperlen.
07.12.2017 01:40

Herr Becker, wie definieren Sie Small und Mid Cap?

Thorsten Becker: Wir betrachten Unternehmen ab einer Börsenkapitalisierung von 500 Millionen Dollar. Denn bis zu dieser Grösse sind Firmen am anfälligsten für Probleme aller Art, zum Beispiel Startups, die manchmal nur ein Produkt und noch keine Umsätze haben. Wir haben lieber Firmen, die schon mal einen Marktzyklus durchlebt, eine gewisse Marktposition und ein professionelles Management haben. Wir setzen also eher auf das 2 bis 10 Milliarden-Dollar Segment.

Und wenn die Firma Erfolg hat und die 10 Milliarden Dollar-Schwelle überschreitet?

Wir müssen nicht automatisch verkaufen, sondern behalten aussichtsreiche Positionen. Ein Beispiel ist die First Republic Bank, die wir schon drei Jahre im Portfolio haben. Dies obwohl die Bank ihren Marktwert inzwischen auf 15 Milliarden gesteigert hat. Wir schauen immer auf das Gesamtportfolio und achten darauf, dass dieses noch einigermassen mit dem Russell vergleichbar ist. Unternehmen mit einer Kapitalisierung von 50 Milliarden würden dieses Bild stören.

Das Portfolio fokussiert auf 45 bis 60 Titel …

Ja, wir liegen fast immer bei 50.

Dann beträgt das durchschnittliche Gewicht pro Position 2%!

Genau, die Gewichte liegen zwischen 1 und 5%. Weniger als 1% macht keinen Sinn, da der Einfluss zu gering ist. Und bei über 5% ist uns das Risiko zu hoch.

Also Stock-Picking im klassischen Sinn?

Ja genau, dies macht langfristig gesehen Sinn, ist es doch einfacher, die aussichtsreichsten Unternehmen auszuwählen als korrekte Marktprognosen zu stellen.

Mit extrem hohem Active Share…

Wir wollen nicht von allem ein bisschen haben, sondern wählen aus dem Benchmark-Universum von 2'500 Titeln 50 aus. Dadurch haben wir einen sehr hohen Active Share.

Auch Stock Picker können sich den Marktrisiken nicht ganz entziehen. Wo sehen Sie die grössten Risiken?

Da der Markt schon seit sieben, acht Jahren nach oben geht, ist das Downside-Risiko entsprechend gestiegen. Die Bewertungen sind hoch und die Investoren euphorischer. Doch die Wirtschaftsentwicklung ist gut und die Inflationsentwicklung relativ ok. Die Zinserhöhungen stufen wir nicht als dramatisch ein. Deshalb kann ich mir gut vorstellen, dass wir in den nächsten 12 bis 18 Monaten einen guten Aktienmarkt erleben können.

Und sollte es doch mal nach unten gehen?

Obwohl wir sehr konzentriert sind, sind wir auch sehr diversifiziert. Ausserdem schauen wir auf Qualität und verzichten auf spekulative Wetten. Deshalb werden wir den Index auch nie um 20% übertreffen. Das bedeutet aber auch, dass wir – so glauben wir – nicht 20% unter dem Index liegen, wenn es nach unten geht. Im Jahr 2015 ging der Markt 3% runter, und wir lagen 1,5% über dem Index. 2016 ist der Markt 16% gestiegen, und wir schnitten leicht besser ab.

Small and Mid Caps sind also weniger volatil als viele denken!

Genau, unser Fokus auf grössere Firmen, mehr Qualität und eine breite Diversifizierung hat sich über die letzten zehn Jahre ausgezahlt. Das ist gerade für institutionelle Anleger sehr interessant.

In Zeiten tiefer Zinsen suchten einkommensorientierte Anleger ihr Heil in Dividendenaktien. Sehen Sie hier auch Chancen?

Unternehmen mit hohen Dividenden weisen oft kein attraktives Gewinnwachstum auf. Nehmen wir als Beispiel die US-Stromversorgungsbranche. Viele Anleger investieren hier, weil sie drei oder vier Prozent Dividendenrendite haben wollen. Doch sie sind sich nicht darüber im Klaren, dass das ein hoch regulierter Bereich mit tiefem Wachstum ist. Daher sind wir in diesem Bereich sehr vorsichtig.

REITs sind bei einkommensorientierten Anlegern ebenfalls beliebt…

Bei Real Estate Investment Trusts sieht die Lage etwas besser aus. Aber auch hier stehen einige Teilbereiche unter Druck. Im Detailhandelsbereich haben es momentan die sogenannten Strip Malls, eine Art Einkaufsstrasse, schwer, sich im Wettbewerb gegen Amazon zu behaupten. Oft werden die Strip Malls von grossen Warenhäusern wie ein JCPenney oder Macy’s, dominiert. Diese stehen vor schwierigen Zeiten. Falls diese künden, dürfte es für die Strip Mall-Betreiber schwierig sein, Ersatz zu finden.

Der Onlinehandel leitet also einen Strukturwandel ein!

Ja, der Onlinehandel macht es den Konsumenten immer einfacher und gewinnt an Boden. Wenn ich in Boston an einem Samstagabend etwas bestelle, bekomme ich meine Ware schon am nächsten Tag an die Haustüre geliefert. Diese Entwicklung zwingt selbst grössere Anbieter wie Wal-Mart oder Target, in ihre Online-Infrastruktur zu investieren, um mithalten zu können.

Hohe Beachtung bei Anlegern hat auch das Thema Elektroautos und die Trends in der Batterietechnologie. Wie sehen Sie das?

Gewiss, der Verbrennungsmotor kommt langsam unter Druck. Das ist ein langfristiger Trend, den wir intensiv beachten. Eine Chemiefirma, wo wir uns sehr stark engagiert haben, ist FMC. Das Unternehmen setzt auf die lithiumbasierte Batterietechnologie, die sehr gut zu laufen scheint.

Auch das sogenannte Fracking stösst auf hohes Interesse.

Die USA sind führend im Fracking-Bereich, und wir setzen da auch auf ein paar Firmen. Die Unternehmen haben in Folge der stark gesunkenen Ölpreise die Kosten stark gesenkt. Ein Teil der Kostenreduktionen basiert auf Innnovationen und ein anderer auf Rationalisierungen und Einsparungen bei Zulieferern. Die Innovation in dieser Branche ist sehr dynamisch und die Branche hat sowohl auf der biologischen Seite wie auch auf der operativen Seite wertvolle Erfahrungen gesammelt. Die Fracking-Firmen können rascher auf höhere oder tiefere Ölpreise reagieren als Offshore-Unternehmen. Nicht nur in der Öl- sondern auch in der Gasförderung gibt es attraktive Innovations- und Investitionsmöglichkeiten.

Zurzeit gilt das Interesse der Anleger vor allem den geplanten Steuersenkungen in den USA. Werden kleine und mittlere Unternehmen davon profitieren?

Gewiss, denn die momentan gültige offizielle Steuerrate von 35% wird fast nur von diesem inlandorientierten Firmensegment bezahlt. Die multinationalen US-Konzerne haben demgegenüber die Möglichkeit, über internationale Holdings und Schlupflöcher Steuern zu sparen. Viele grosse Firmen zahlen so weniger als 10 Prozent. Von einer Senkung der US-Unternehmenssteuern auf 20% würden also vor allem die KMUs profitieren.

Dieser Artikel wurde cash durch fondstrends.ch zur Verfügung gestellt.
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