Was war und was bleibt

2015 neigt sich dem Ende zu. Es wird wohl bis zum Schluss ein Jahr bleiben, in dem die Zentralbanken die Märkte in Atem gehalten haben. Ihre teilweise überraschenden Beschlüsse haben immer wieder heftige Kursbewegungen nach sich gezogen, sagt Yves Longchamp, Head of Research bei ETHENEA Independent Investors (Schweiz) AG.
24.12.2015 11:19

Besonders die China-Episode im August hat für viel Nervosität gesorgt und bemerkenswerte Kreise an den weltweiten Börsen gezogen. Die Abwertung des Renminbi durch die People’s Bank of China wurde als Reaktion auf einen plötzlichen und starken Rückgang der Wirtschaftstätigkeit Chinas verstanden. Tatsächlich war sie aber vielmehr begründet durch die weitere Internationalisierung der chinesischen Währung auf ihrem Weg zur Integration in den Korb des IWF-Sonderziehungsrechts (SZR)1. Das vermeintlich ungewisse Schicksal Chinas führte zu Ängsten bei den Investoren, die dann weiter von den beiden mächtigsten Notenbanken der Welt, also Fed und EZB, geschürt wurden. Die Fed hatte nämlich daraufhin ihre erste Zinserhöhung hinaus­gezögert und die EZB ihrerseits hat ständig wiederholt, dass die Verlangsamung in den Schwellenländern ein grosses Risiko für die europäische Wirtschaft darstelle und somit ihr Szenario eines Abwärtsrisikos bestätigt. ­

Wie aber kann ein Währungsschritt so missverstanden werden? Sind die gut informierten Zentralbanker womöglich doch nicht allwissend? Persönlich habe ich den ehemaligen Fed-Präsidenten Ben Bernanke bei einer Konferenz in New York erlebt, wo er unverblümt preisgab, dass die Zentralbanker keine Ahnung haben, was die Wirtschaft im Moment des Geschehens gerade tue. Oft stelle sich erst Monate später heraus, was wirklich passiert sei. Und so sind wohl die Aussagen der Zentralbanker mit Vorsicht zu geniessen, wie übrigens auch die der Ökonomen insgesamt.

Geht man nun nach Zahlen, ist die Wirtschaft im dritten Quartal 2015 sowohl diesseits als auch jenseits des Atlantiks weiter gewachsen, allerdings in unterschiedlicher Ausprägung. Die US-Wirtschaft wuchs im Vergleich zum Vorquartal mit annualisierten 2,1 Prozent. In der Eurozone waren es 1,2 Prozent2. Was lässt sich nun aus diesen Zahlen für das kommende Jahr schliessen?

Ein Blick auf die Arbeitsmarktstatistiken in beiden Wirtschaftsräumen ist aufschlussreich. Der Wirtschaftszyklus der USA ist merklich weiter fortgeschritten. Die Arbeitslosigkeit befindet sich nahe bzw. im Gleichgewicht. Dies bedeutet, dass sich die Dynamik am US-Arbeitsmarkt wahrscheinlich in den kommenden Monaten verändern wird. Die Produktionslücke ist geschlossen und es wird schwieriger, neue Arbeitskräfte zu finden. In der Folge sollten die Löhne steigen. In der Eurozone hingegen gibt es noch deutlichen Nachholbedarf, vor allem in der Peripherie. Die Arbeitslosenquote verzeichnet nämlich für die Eurozone noch hohe 10,8 %2. Dennoch zeigt der Arbeitsmarkt deutliche Anzeichen einer Erholung. Im zweiten Quartal wurden beispielsweise fast eine halbe Million Arbeitsplätze geschaffen. Dies kommt auch dem Verbrauchervertrauen zugute. Damit ist es das beste Quartal seit sieben Jahren. Hier schliesst sich der Kreis, denn diese ermutigenden Zahlen werfen die Frage nach der Notwendigkeit der Anfang Dezember beschlossenen Verlängerung des QE der EZB für die Eurozone auf. ­


1 Das Sonderziehungsrecht ist ein Währungskorb bestehend aus den Währungen der weltweit grössten Exporteure. Für China ist die Aufnahme in diesen Korb eine offizielle Anerkennung als Mitglied der Champions League.

2 Quelle : Bloomberg

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