"Wir bleiben vorsichtig optimistisch"

Obschon die Aktienhausse mittlerweile einen gewissen Reifegrad erreicht hat, gibt es immer noch genügend Gründe, zuversichtlich zu bleiben, wie Scott Berg, Portfolio Manager des T. Rowe Price Global Equity Funds, im Gespräch mit Fondstrends meint.
04.01.2018 22:35

Was hat vielen Aktienmärkten 2017 zu Höchstständen verholfen – und sind diese gerechtfertigt?

Scott Berg: Das Ausmass der globalen Finanzkrise ist mitverantwortlich dafür, dass ausgehend von sehr niedrigen Bewertungen hohe Renditen eingefahren werden konnten. Auch die umfassenden jahrelangen geldpolitischen Massnahmen als Antwort auf die globale Finanzkrise haben den Auftrieb an den Aktienmärkten nachhaltig angeheizt.

Zuletzt verlängerte sich der Höhenflug aufgrund weniger dramatischer Faktoren wie Stabilität und geringer Verbesserungen. Das globale Wachstum war zwar bescheiden, verzeichnete aber einen Aufwärtstrend. Die politischen Entwicklungen waren abgesehen von Nordkorea weniger extrem, als Worst-Case-Szenarien befürchten liessen. Am wichtigsten ist jedoch, dass die zuvor schwachen Unternehmensgewinne auf breiter Basis nach oben tendierten. Dies untermauert aus fundamentaler Sicht die steigenden Anlegererwartungen. Hinzu kommt, dass viele Alternativen zu Aktien teuer sind. Deshalb erscheinen Aktien sowohl in fundamentaler als auch in relativer Hinsicht attraktiv.

Sie sehen also derzeit keine Bewertungsblase bei Aktien?

Auch wenn diese Hausse eine gewisse Reife erreicht haben mag, sind die meisten Aktien noch angemessen bewertet. Zumindest wenn man wie wir der Ansicht ist, dass wir uns in einem stabilen oder sich verbessernden Wachstumsumfeld befinden. Anleger sind in einem solchen Umfeld durchaus bereit, für Aktien einen Aufschlag gegenüber den langfristigen Durchschnittswerten zu zahlen.

Werden steigende Zinsen das Ende der Hausse herbeiführen?

In mancher Hinsicht könnte eine deutliche geldpolitische Straffung in Form einer spürbaren Zinserhöhung tatsächlich eine Herausforderung für die Weltwirtschaft und die globalen Aktienmärkte darstellen. Die Verschuldung ist in vielen Segmenten der Weltwirtschaft kontinuierlich gestiegen, und es ist unwahrscheinlich, dass alle Inhaber von Schuldpapieren für eine deutliche Straffung der Geldpolitik bereit sind.

Während jedoch viele Experten in der späten Phase des Zyklus umdenken und sich für einen Zinserhöhungszyklus positionieren und Pessimisten bereits von einer "Kreditkrise II" sprechen, scheinen die Inflationstrends, die Ende 2016 und Anfang 2017 verzeichnet wurden, ins Stocken geraten zu sein. Das ist ein positives Signal für Optimisten, denn eine aggressive Straffung der monetären Bedingungen könnte ausbleiben.

Das Umfeld erscheint komplizierter denn je. Wie gehen Sie das in Ihrer Strategie an?

Wir streben in dieser komplexen Situation ein ausgewogenes Portfolio an. Auf regionaler Ebene erwarten wir, dass US-Unternehmen ihre positiven Trends beim Gewinnwachstum fortsetzen werden. In Europa dürfte sich das Wirtschaftswachstum dank robustem Konsum privater Haushalte, besserem Geschäftsklima und stärkerem Welthandel allmählich verbessern.

Wir verfügen über ein hohes Engagement in Schwellenländern, wobei unser Schwerpunkt auf China, Indien, Indonesien, den Philippinen und Peru liegt. Diese Länder weisen getragen vom Binnenkonsum starke langfristige Wachstumsaussichten auf. Sie profitieren zudem von einer günstigen demografischen Entwicklung, die in einer Welt des niedrigen bis moderaten Wachstums eben jenes ankurbeln kann. Dadurch könnten sie auf lange Sicht einen wirtschaftlichen Vorteil erlangen und die Unternehmen hohe Gewinne einfahren, was die Aktienmärkte unseres Erachtens noch nicht eingepreist haben.

Es sei jedoch daran erinnert, dass wir nicht nach Regionen oder Ländern investieren. Vielmehr betrachten wir die Märkte aus einer Bottom-up-Perspektive, und unsere Positionen bestimmen sich in erster Linie durch fundamentale, titelspezifische Einschätzungen. So setzen wir weiterhin auf jene Unternehmen, die von den heutigen Veränderungen profitieren und mit bahnbrechenden Innovationen ihren Konkurrenten Marktanteile abnehmen.

Welche Titel werden von den Veränderungen direkt profitieren?

Eines dieser Unternehmen ist Amazon, das vom Wachstum im Online-Handel und steigenden Umsätzen durch Amazon Web Services im Cloud Computing enorm profitiert hat. Das Online-Reiseunternehmen Priceline ist auch ein grossartiges Beispiel dafür, wie sich ein Unternehmen verändern und entwickeln kann. Gegenwärtig expandiert es rasch sowohl im amerikanischen Heimatmarkt als auch international. Der Elektrofahrzeugbauer Tesla wiederum hat grosse Innovationskraft bewiesen und sorgt für einen positiven tiefgreifenden Wandel in der Automobilbranche weltweit. Die langfristigen Auswirkungen im Markt für Elektrofahrzeuge, wo das Unternehmen über einen enormen technologischen Vorsprung verfügt und überlegene Produkte anbietet, werden unserer Meinung nach noch immer stark unterschätzt.

In den Schwellenländern sind die Alibaba Group, einer der grössten Akteure im E-Commerce in China, Tencent, der Betreiber der dominierenden Social-Media-Plattform im Reich der Mitte, und MercadoLibre mit einer der grössten Online-Handelsplattformen Lateinamerikas weitere gute Beispiele für Unternehmen, die von Veränderungen und Umwälzungen profitieren.

Praktischerweise eignen sich jene Segmente, die von Veränderungen und Umwälzungen gekennzeichnet sind – insbesondere zyklische Konsumgüter und Technologie – gut für ein aktives Management, da die Vorteile von Gewinnern gegenüber Verlierern deutlich ausgeprägter sind als in Marktsegmenten mit weniger dramatischen Veränderungen wie beispielsweise Basiskonsumgüter, Versorger und Telekommunikation.

Wie sollten Anleger jetzt positioniert sein?

Obwohl die Aktienmärkte wieder an Fahrt gewonnen haben, herrscht immer noch Unsicherheit. Dies ist zwar verständlich, aber wir bleiben optimistisch, dass es genügend Faktoren gibt, um die derzeitigen Marktniveaus zu unterstützen und weiter zu beflügeln, auch wenn wir es mit einer neuen und daher unsicheren Phase des Aktienzyklus zu tun haben. Ausserdem gilt es anzuerkennen, dass es trotz der Bedenken, die globale Wirtschaft habe in einem Umfeld der "neuen Normalität" ihren Höhepunkt erreicht, zu vielen Veränderungen, Innovationen und Verbesserungen kommen konnte.

Zwischen Bewertungsextremen orientieren sich die Märkte eher mehr an Daten, etwa dahingehend, ob sich die Wirtschaftsaktivität beschleunigt oder abkühlt und wie Unternehmen von den Trends auf Ebene der Gewinne betroffen sind. In diesen Bereichen deuten die Daten auf ein relativ günstiges Umfeld für eine mittelfristige Verbesserung der Fundamentaldaten hin.

Aufgrund der langfristigen Veränderungen in der Welt wird die Inflation wahrscheinlich niedrig bleiben und die Zinsen dürften nicht so hoch steigen, wie es Wirtschaftshistoriker und Lehrbücher für diese späte Phase annehmen würden. Das Wirtschaftswachstum dürfte ebenfalls niedriger bleiben, was mir als "Growth-Manager" allerdings entgegenkommt.

Die entscheidende Frage lautet: Werden Wachstum, Inflation oder Zinsen in den USA oder der US-Dollar wieder steigen? Derzeit können wir hierfür keine Gründe ausmachen, und wir sehen uns in den Schwellenländern und den Wachstumsbereichen des Marktes gut positioniert. Natürlich bestehen geopolitische Gefahren, doch ich kann genau wie jeder andere eine Krise nur schwer vorhersagen. Wir halten dennoch immer nach potenziellen Störungen Ausschau. Dabei stützen wir uns auf unser umfassendes Research, wobei vor allem unsere für Anleihen zuständigen Kollegen ziemlich gut darin sind, mögliche Bedrohungen zu erkennen.

Haben Sie eine abschliessende Botschaft für Anleger?

Wir sehen uns zwar nach wie vor vielen Schwierigkeiten ausgesetzt, doch wir bleiben vorsichtig optimistisch, dass dem alternden Bullen keineswegs so bald die Luft ausgehen wird. Langsames Wirtschaftswachstum ist mittlerweile die neue Normalität, aber es ist immer noch Wachstum. Sehr ermutigend sind die weiterhin soliden bis starken Beschäftigungsdaten weltweit.

In der nächsten Phase des Aktienzyklus wird letztlich das Gewinnwachstum entscheidend sein, denn mit den Bewertungen sind auch die Erwartungen gestiegen. Dies könnte zu einer gewissen kurzfristigen Volatilität führen, was aber nicht mit dem Ende der aktuellen Hausse verwechselt werden sollte. Durch die Unwägbarkeiten des Zyklus sollten sich Gelegenheiten ergeben, das Portfolio bei Kursschwächen aufzustocken, bevor die Hausse dann tatsächlich ein Ende finden wird.

Das fundamentale Umfeld ist also solide und bietet globalen Aktien das Potenzial, ihre Kurse zu halten oder weitere – wenn auch bescheidenere – Zugewinne zu erzielen. Wir suchen weiterhin aktiv nach nachhaltigen Unternehmen, die unseres Erachtens die besten Chancen für Wachstum und höhere Renditen bieten. Das ist der beste Weg, um potenzielle Renditen für unsere Kunden zu erzielen.

Dieser Artikel wurde cash durch fondstrends.ch zur Verfügung gestellt.
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