Aktienbewertung

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26.02.2007 09:09
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Aktienbewertung

Interessanter Artikel aus der heutigen NZZ

http://www.nzz.ch/2007/02/26/bm/articleEY01Y.html

Wie teuer sind Aktien?

Gesunder Menschenverstand im «Bewertungs-Dschungel»

Die Bewertung von Aktien ist eine Kunst und keine exakte Wissenschaft. Anleger, die wissen wollen, ob ihre Titel überbewertet sind, stehen einer Vielzahl von Kennziffern gegenüber.

cae. Wenn die Aktienkurse über mehrere Quartale steigen, fragen sich viele Investoren nervös, ob ihre Aktien nicht vielleicht schon überbewertet sind. Zwar versichern ihnen die Spezialisten, Aktien seien nach wie vor fair bewertet, und raten entsprechend noch immer zum Kauf, doch der Zweifel bleibt: Wie teuer sind Aktien wirklich?

Relative Bewertung

Es gibt in der Aktienanalyse eine Vielzahl von Kennziffern, nach denen der Wert einer Aktie beurteilt werden kann. Das bekannte Kurs-Gewinn- Verhältnis (KGV oder im Englischen P/E) ist nur eine unter vielen. Leider gibt es jedoch keine Kennzahl, die allen anderen überlegen und somit allein das Mass aller Dinge wäre. Vielmehr müssen die Anleger von Fall zu Fall, d. h. von Titel zu Titel, beurteilen, welche Bewertungsmethoden am aussagekräftigsten sind.

Eine grobe Unterteilung der Kennziffern unterscheidet absolute von relativen Bewertungsgrössen. Relativ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass sie ein Verhältnis darstellen, wie beispielsweise das KGV die Relation zwischen dem Aktienkurs und dem Gewinn pro Aktie abbildet. Da das KGV sehr anfällig auf verschiedene Buchhaltungsmethoden ist (die Art, wie beispielsweise Abschreibungen verbucht werden, hat einen direkten Einfluss auf den Gewinn), wird anstelle des Gewinns pro Aktie oft auch der Cashflow pro Aktie verwendet, woraus dann das Kurs-Cashflow-Verhältnis (P/CF) entsteht. Beide Kennziffern haben den Nachteil, sehr kurzfristig ausgelegt zu sein. Zum aktuellen Aktienkurs wird lediglich der letztjährige Gewinn (oder Cashflow) dargestellt. Das setzt aber voraus, dass der Gewinn (oder Cashflow) auch repräsentativ ist. Viele Anleger wissen jedoch aus eigener Erfahrung, wie volatil gerade der Gewinn eines Unternehmens sein kann.

Sogenannte Enterprise-Value-Methoden versuchen, den Unternehmenswert (EV) in Beziehung zur Art der Unternehmensfinanzierung zu setzen. Der EV - hier definiert als Marktkapitalisierung zuzüglich Verschuldung und Minderheitsbeteiligungen abzüglich liquide Mittel - kann relativ zum Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) betrachtet werden. Das somit berechnete EV/Ebit zeigt, wie viel die Kapitalgeber eines Unternehmens (Aktionäre und Obligationäre) für den Gewinn zu zahlen bereit sind, den das Unternehmen erwirtschaftet. Um zudem die Steuersituation eines Unternehmens zu berücksichtigen, kann das EV/OPFCF verwendet werden, das den Unternehmenswert zum operativen freien Cashflow (OPFCF) abträgt. Auch die EV- Kennziffern sind kurzfristig ausgerichtet.

Auf den Vergleich kommt es an

Sogenannte Price-to-Book-Kennzahlen setzen den Aktienkurs in Relation zum Buchwert eines Unternehmens. Wegen ihrer starren Konzentration auf rein buchhalterische - und somit sehr diskretionäre - Werte kommen sie aber nicht häufig zur Anwendung. Andere bekannte Verhältnisse wie der Unternehmenswert zum Umsatz oder zur Produktionskapazität werden nur für spezifische Branchen gebraucht. Sämtliche relative Bewertungsmethoden sagen ohne Vergleichsbasis gar nichts über den Wert einer Aktie aus. Als Vergleich kann die gleiche Kennziffer für ein Konkurrenzunternehmen (EV/Ebit von Roche im Vergleich mit EV/Ebit von Novartis) oder für eine ganze Branche (P/CF von ABB im Vergleich mit dem P/CF der Industriebranche) dienen oder aber die Kennzahl für einen ganzen Aktienindex (KGV von UBS gegenüber dem KGV des Swiss- Market-Index). Ebenfalls aufschlussreich ist ein Vergleich der Kennzahlen mit ihrem historischen Durchschnitt (P/FC von Sulzer heute verglichen mit dem durchschnittlichen P/CF von Sulzer in den vergangenen zehn Jahren).

Kennziffern können auch in Relation zum Wachstum gesetzt werden. Daraus ergeben sich Wachstumskennzahlen wie die PEG-Ratio, die das KGV zum Gewinnwachstum abträgt. Der Vergleich zwischen einzelnen Aktien wird aussagekräftiger, wenn die Kraft zu wachsen bei der Unternehmensbewertung berücksichtigt wird.

Absolute Bewertungsmethoden versuchen, von einem längerfristigen Zeithorizont auszugehen. Die berühmteste dieser Methoden, der Discounted Cash Flow (DCF), schätzt die zukünftigen Zahlungsflüsse eines Unternehmens und diskontiert sie mit den Kapitalkosten. Indem die Kapitalkosten mittels eines Kapitalmarktmodells (CAPM) ermittelt werden, wird das Risiko des zukünftigen Cashflows erfasst. Dem DCF-Ansatz sowie anderen ähnlichen Methoden wie dem EVA (Economic Added Value Approach) haftet die Kritik an, dass sie unsicher sind, weil sie Prognosen für die sehr lange Frist machen und weil die Wahl des Diskontierungssatzes bis zu einem gewissen Grad willkürlich ist.

Faustregeln und kritische Fragen

Investoren, die den «wahren» Wert ihrer Aktien kennen wollen, haben es angesichts dieser Kennziffern-Fülle nicht leicht. Spezialisten benutzen aber ein paar Faustregeln, wann welche Methode am erfolgreichsten ist. So werden absolute Kennziffern vor allem für stark wachsende und sehr zyklische Unternehmen verwendet. Unternehmen, die ungefähr in der gleichen Phase ihres Lebenszyklus sind, bewertet man auch mit Wachstumskennziffern. Firmen in einem reifen Stadium werden oft mit relativen Bewertungsmethoden verglichen, weil sie ziemlich stabile Geschäftsaktivitäten haben. So vergleicht man beispielsweise die Kennziffern der Unternehmenswert-Methoden (EV) von Konkurrenzunternehmen in einer ähnlichen (reifen) Phase.

Ausgerechnet das KGV, die populärste aller Methoden, ist bei Spezialisten eher verpönt. Sie ist gängig und verbreitet, weil sie einfach und entsprechend für viele Unternehmen, Branchen und Indizes verfügbar ist. Wegen ihrer Abhängigkeit von «Buchhaltungstricks» sollte sie aber nur als erster grober Anhaltspunkt dienen. Letztlich müssen Anleger, die ihre Aktien bewerten wollen, verschiedene Kennziffern anschauen und vor allem den Vergleich nicht scheuen: mit Konkurrenzfirmen, mit Branchen-Kennzahlen und mit den historischen Daten. Allein mit gesundem Menschenverstand kommen Anleger weit, oder wie viel Enttäuschung hätte während der New- Economy-Euphorie vermieden werden können, hätten sich die Anleger bei gewissen Technologiefirmen die simple Frage gestellt: Kann diese Firma ihren Gewinn verzweihundertfachen, was die derzeitige Bewertung rechtfertigen würde?

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Benjamin Franklin

15.02.2016 09:00
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Aktienbewertung für den Hausgebrauch

Manchmal ist es gar nicht so einfach, die relevanten fundamentalen Kennzahlen zur Beurteilung der Entwicklung an den Finanzmärkten zu finden. Wir erläutern ein paar einfach zugängliche Quellen.

Weiter finden sich Nachschlagemöglichkeiten z.B. bei Finanz und Wirtschaft Online: Aktienführer.  Eine ausgesprochen umfangreiche Datenquelle insbesondere für die US Märkte findet sich auch hier.  Und letztlich natürlich die Daten von Prof. Shiller selbst, die sich hier finden.

http://www.fintool.ch/aktienbewertung-fuer-den-hausgebrauch

 

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