Achim H. Pollert:: Belletristik auf die Sommerpause...

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16.06.2011 11:04
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Achim H. Pollert:: Belletristik auf die Sommerpause...

Achim H. Pollert, alle Rechte vorbehalten:

Darf es einmal ein kleiner Roman aus dem Banking-Milieu sein?

Hier das zweite Kapitel (Nummer eins auf meiner Homepage):

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II.

Betty arbeitete in meiner Abteilung.

Ledig, wohnhaft in einer Gemeinde am Zürichsee, drei Jahre jünger als ich.

Wozu hatte ich schliesslich Zugang zu den Personaldaten.

Passte ja ideal.

Der aufstrebende Jungmanager und die etwas jüngere Büroangestellte, die dann zu gegebener Zeit - wenn die Kohle reicht und Kinder da sind - die Arbeit aufgibt, um ihm den Rückhalt einer Familie und ein schönes Zuhause zu bieten.

Er erfolgreich, belastbar, intelligent und einigermassen humorvoll. Sie sinnlich, gutaussehend, hoffentlich fruchtbar und präsentabel in Gesellschaft.

Der Stoff, aus dem man Präsidentenpaare schmiedet.

Natürlich: Ich war zunächst einmal verknallt, wie ich feststellte, und wollte von solchen Gedanken nichts wissen. Aber irgendwie waren sie da, die Gedanken. Gleich von Anfang an. Die Gedanken daran, ob es auch auf Dauer funktionieren könnte, ob es mit dem eigenen - diffusen - Lebensplan im Einklang war und ob es überhaupt passte.

Aber zunächst dachte ich nicht in erster Linie daran.

Zunächst wollte ich näher an Betty heran.

Drei Tage waren immerhin schon vergangen, seit es mich sozusagen erwischt hatte mit ihr. Drei Tage, in denen ich dieses schöne Gesicht nicht mehr aus meiner Erinnerung herausbrachte. Das silberhelle Lachen, der regelmässig geformte Mund mit den vollen Lippen, so herrlich rot getönt, wahrscheinlich nicht einmal geschminkt.

Ich sah die Frau vor mir. Während ich meine Aktennotizen und Protokolle in die Schreibmaschine hackte. Während ich drunten im Haupteingangsbereich auf der Sitzbank neben dem Springbrunnen sass und mein Mittagssandwich verdrückte. Während ich im Tram fuhr. Während ich am Abend auf dem Sofa lungerte und meine Flasche Château Ailleurs genoss. Während ich morgens unter in der Badewanne stand und heiss und kalt duschte. Während ich abends im Konsum meine Einkäufe tätigte. Während ich zu früher Stunde meine fünf Zigaretten paffte und meine drei Tassen Kaffee trank und dabei den Schlager aus dem Radio nachbrummte.

Immer war dieses Bild da von der schönen Frau, die da so strahlend lachte.

Drei Tage lang, ohne dass es einmal aufhörte.

In diesen drei Tagen, wenn ich morgens meinen Weg durch die Pausenzone in mein Büro nahm, sass Betty nicht mehr da. Weder mit, noch ohne Doktor Zickler.

Und dann startete ich den ersten Streifzug in die Gruppe, wo sie arbeitete. Irgendein Vorwand, warum ich mit ihrem Chef zu reden hatte. Schreibblock unter dem Arm. Und ab die Post.

Da sass sie.

Weniger aufregend als noch vor drei Tagen in der Morgenstunde. Mit einer türkisfarbenen Hose, einem geblümten Sweat-Shirt und ein paar bequemen Schuhen. Aber wieder atemberaubend gutaussehend.

Sie schaute einen Stapel von Papieren durch, vermutlich diejenigen, die sie jetzt einzutippen hatte, rauchte dabei.

Guten Morgen, Fräulein Brenner.

Sie hob den Kopf und schaute mich an.

Und ein ganz kurzer Augenblick wurde zur Ewigkeit. Unsere Blicke begegneten sich und versenkten sich ineinander. Dieser Augenblick, in dem es nur die Augen des Gegenübers gibt und in dem die ganze Welt rundherum vergessen und verloren ist.

Dieser Augenblick, in dem allen passieren könnte.

Wer kennt ihn nicht?

In dem man sprachlos ist. Betroffen. Und irgendwie glücklich.

Dann kam Karl, der Gruppenchef, aus seinem Büro. Ein gestandener Mann in mittleren Jahren, der mich anlächelte und mich jäh aus diesem Augenblick riss.

"Guten Morgen, Joachim. Was kann ich für dich tun?"

Ach, es ist nur...

Dann sah ich den Schlumpf auf Bettys Tisch. Die kleine blauweisse Figur grinste bösartig zu mir herauf. Und sie hielt ein kleines Schild aus Karton an einem Stöcklein in ihrer rechten Hand, fast so, als würde sie es an einer gewalttätigen Demo gehässig vor meinen Augen hin und her wedeln. Und auf dem kleinen Stück Karton stand vorgedruckt: "Denk an mich"... und darunter krakelig geschrieben "Rainer".

Und ich merkte, dass Betty das merkte, dass ich das mit dem Schlumpf merkte.

In dem Augenblick hatte ich ein Gefühl, als würden meine Triebwerke zurückgefahren. So ein ganz merkwürdiges stufenweises Abkühlen, bei dem die nächst niedrige Stufe die vorherige zu übernehmen schien.

Ich meinte jetzt auch, irgendwo im Vorbeigehen aus den hausinternen Buschtrommeln gehört zu haben wie: Die Betty Brenner hat etwas mit dem Glaser vom Kurierdienst.

Da muss ich ja gleich dann mal im Haus-Telefonbuch nachschauen, wie der Glaser mit Vornamen heisst!

Ich beachtete Betty nicht mehr weiter.

Und ganz fern, wie von einer anderen Welt, drang dann eine Stimme zu mir herüber.

"Ist noch früh am Morgen... wir schlafen ja alle noch ein bisschen..."

Und ich schaute in das lächelnde Gesicht von Karl, der mich noch einmal fragte: "Was ist denn nun? Gehen wir in die Pausenzone, um zu reden?"

Ja, gerne. Vergiss deine Pfeife nicht. Es dauert nicht lange.

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Das erste Kapitel findet ihr:

http://textepollert.wordpress.com/2011/05/23/kapitel-i-meistbietend/

http://de-de.facebook.com/people/Achim-H-Pollert/100001880320908

http://www.piazza.ch/inserat/10040771/ghostwriter_-_zuverlaessig_diskret...

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