Achim H. Pollert: Die Urheber-Klausel (betr. Ghostwriting)

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16.07.2007 11:23
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Achim H. Pollert: Die Urheber-Klausel (betr. Ghostwriting)

DIE URHEBER-KLAUSEL

Achim H. Pollert (*), Journalist und Fachautor,

über einen Aspekt beim Ghostwriting

"Ghostwriting" - es gibt den Ausdruck in verschiedensten Branchen.

Politiker und Konzern-Geschäftsführer haben ihre Redenschreiber. Mittlere Manager lassen sich von Assistenten und Sekretärinnen ihre Texte schreiben. Viele Sachbuchautoren beauftragen professionelle Lektoren, um ihr Deutsch auf Vordermann zu bringen. Vereinzelt soll es Liebeskranke geben, die sich von berufenen Lyrikern Briefe und Gedichte für das Objekt ihrer Begierde verfassen lassen. Stellungsuchende lassen sich CVs und Bewerbungsschreiben erstellen.

Richter lassen sich Urteilsbegründungen von Assessoren fertig ausformulieren (dort bemerkt man es oft noch am ehesten). Desgleichen soll sich so mancher gestandene Professor seine Vorlesungen und Publikationen von Assistenten verfassen lassen (um sie dann allenfalls über Jahre und Jahrzehnte hinweg zu verwenden).

IT-Ingenieure lassen sich Gebrauchsanleitungen schreiben für ihre Software. Und mittelständische Unternehmer bemühen PR-Berater für ihre Pressedokumentationen.

Irgendwo steht immer drauf, Mister X. habe das geschrieben, während es in Wirklichkeit so ist, dass Mister Y. gegen Bezahlung zumindest intensiv den Text überarbeitet hat.

Das Ganze ist etwas verpönt, obwohl es durchaus gängige Praxis im Geschäftsalltag ist. Mehr noch: Wir sind geneigt, die Einzelfälle durchaus entspannter zu sehen. So finden wir vielleicht nicht allzu viel Verwerfliches an der gekauften Bewerbungsunterlage, während viele Leute etwa bei der gekauften akademischen Diplomarbeit durchaus empört die Nase rümpfen.

DIE ANFRAGE

Unlängst erhielt ich eine Anfrage aus der Redaktion eines privaten Fernsehsenders.

Man bereite einen Beitrag über Studenten vor, die ihre Diplomarbeiten von einem Ghostwriter verfassen lassen anstatt sie selbst zu schreiben. Ich wäre da nun vom Fach, so die Anfrage, und ob ich da also bereit wäre, entsprechendes Hintergrundmaterial zu liefern.

Zum Abschluss hiess es dann noch in dieser Anfrage, man würde mir natürlich absolute Vertraulichkeit zusichern. Schliesslich wäre das Thema ausgesprochen heikel.

Sehr zum Erstaunen der Redaktion erklärte ich denen, ich würde auch unter Nennung meines Namens ohne weiteres in einer Fernsehsendung auftreten und live Auskunft geben. Man konnte sich wohl gar nicht erklären, wie so jemand wie ich ganz entspannt in der Oeffentlichkeit auftreten und von seinem Metier erzählen könnte.

So als müsste ich, der Ghostwriter, mich ein wenig schämen und mich ein wenig in Acht nehmen.

Wäre dem so, dann müsste sich mancher mittlere Bankangestellte schämen für die eine oder andere Leistung, für die sich Ackermann & Co. in aller Oeffentlichkeit feiern lassen (und sich Millionengagen genehmigen).

DAS UMGEKEHRTE VORZEICHEN

Ganz im Gegenteil: Heikel und mit Risiken behaftet ist Ghostwriting viel eher für den Kunden als für denjenigen, der die Leistung erbringt.

Während es für Top-Manager eher ungewöhnlich wäre, überhaupt einen Text selber zu verfassen, während es auch für Redaktionsleiter noch eher die Ausnahme darstellt, einen spezifischen Fachbeitrag selber zu schreiben, ist im akademischen Bereich doch einige Vorsicht geboten.

Immerhin regen wir uns nicht allzu sehr darüber auf, dass Politiker ihre Reden schreiben lassen. Und wer wäre schon sehr überrascht davon, wenn herauskäme, dass auch legendäre Aussprüche letztlich nicht aus der Feder des betreffenden Staatsmannes stammen? Natürlich behaupte ich das hier nicht. Aber würde etwa herauskommen, dass die Rede vom "Ruck" letztlich nicht von Roman Herzog selbst verfasst wurde, dann wäre man möglicherweise nicht einmal enttäuscht, aber wohl kaum sonderlich empört. Ebenso wie bei der Regierungserklärung von Willy Brandt, in der er "mehr Demokratie wagen" wollte.

Aber nach wie vor neigt man dazu, mit Fingern auf Akademiker zu zeigen, selbst wenn die sich nichts weiter haben zuschulden kommen lassen, als etwa den deutschen Schreibstil einer vorhandenen Arbeit von professioneller Hand etwas aufpolieren zu lassen.

Und zwar sowohl beim Dozenten wie auch beim Diplomanden oder Doktoranden.

Wer sich im akademischen Bereich auf diese Weise helfen lässt, geht darüber hinaus ein nicht unbeträchtliches Risiko ein. Kommt das Ganze nämlich heraus, dann läuft man Gefahr, die akademischen Würden aberkannt zu bekommen - selbst Jahre später und auch, wenn man sich inzwischen auf dem einen oder anderen Gebiet in unabhängiger Leistung ohne weiteres profiliert hat.

Man denke nur etwa an die Gerüchte, die seinerzeit umhergingen, die Doktorarbeit von Helmut Kohl wäre unauffindbar. Dergleichen fanden die Menschen erwähnenswert, als der schon omnipotenter Weltpolitiker war und schon langsam auf das Ende seiner politischen Laufbahn zuhielt.

Also Gefahr für den Kunden!

Für den Ghostwriter ist es gleichgültig, ob er nun für einen Politiker eine Regierungserklärung oder für einen Studenten die Semesterarbeit verfasst. In aller Regel geht es für den Schreiber bei solchen Arbeiten ohnehin eher um die Einfassung des Ganzen in einen lesbaren Sprachstil und weniger um den Inhalt selbst. Letzterer, die eigentliche Aussage mit ihrer Begründung und den dazugehörigen Recherchen, macht bekanntlich in aller Regel der Kunde selbst.

Und so wird dann überhaupt erst klar, wie problematisch es ist, wenn man im Zusammenhang mit Ghostwriting von "Betrug" redet...

Betrug immerhin würde voraussetzen, dass durch Täuschung jemand geschädigt wird.

ABSICHERUNG FUER DEN KUNDEN

Damit kommen wir zunächst einmal zum springenden Punkt: Wer überhaupt die Dienste eines Ghostwriters in Anspruch nehmen will, braucht sich - nach meinem Dafürhalten - dadurch nicht in besondere persönliche

Gewissensnöte bringen zu lassen - ob Student oder nicht. Er tut nichts, was andere nicht auch täten. Und einen Schaden im engeren Sinne fügt er auch niemandem zu.

Aber das ist wohlgemerkt etwas, was jeder Mensch mit sich selbst klären muss. Persönliche Bedenken und moralische Vorbehalte fallen in den Gefühlsbereich des einzelnen. Oft ist es sogar schwierig für Dritte, solche Vorbehalte überhaupt nachzuempfinden (beispielsweise auch beim Doping im Sport).

Darüber hinaus sollte sich jeder Auftraggeber eines Ghostwriters darüber im klaren sein, dass NICHT etwa - wie offenbar als Meinung vielfach verbreitet - der Ghostwriter selber sich in Gefahr bringt. Vielmehr ist es der Kunde, der sich absichern sollte. Denn ihm ist mehr als dem Ghostwriter daran gelegen, dass das Ganze nachträglich auf sich beruhen bleibt.

Wer zu viele Krimis gesehen hat, der macht sich nun schon die ersten bangen Gedanken. Da wird die verkrachte Journalisten-Existenz in ihrer Dachkammer gezielt erschossen. Und die wackere Tatort-Kommissarin ermittelt gegen den aufstrebenden Professor, der kurz vor der Erteilung des Nobelpreises steht. Ergebnis ist dann, dass der Nobelpreisträger vom Ghostwriter erpresst wurde, weil der sich vor zwanzig Jahren die Doktorarbeit von dem hatte schreiben lassen.

Gewiss: Es gibt heute viele durchaus ernstzunehmende Menschen - sogar Juristen -, die den Unsinn aus den TV-Krimis selber für bare Münze nehmen.

Aber fragen wir uns im Ernst. Was könnte eigentlich passieren? Wogegen müsste man sich wirklich absichern?

Dagegen etwa, später erpresst zu werden, braucht man sich nicht allzu sehr abzusichern. Denn in einer solchen Konstellation würde sich vor allem der Ghostwriter in Schwierigkeiten bringen. Er würde durch Drohung mit einem erheblichen Nachteil versuchen, sich einen Vermögensvorteil zu verschaffen. Damit riskierte der Ghostwriter selber eine Bestrafung wegen Nötigung oder Erpressung.

Die ursprüngliche "Tat" des Kunden jedoch - wie auch immer sie rechtlich zu werten ist - dürfte in den meisten solcher Fälle schlicht verjährt sein, so dass unser Nobelpreisträger aus dem Tatort seinen Text-Berater nicht umbringen müsste, sondern ihn ohne jedes Risiko bei der nächsten Polizeidienststelle würde anzeigen können.

Dass der Ghostwriter später also "auspackt" oder wenigstens mit dem "Auspacken" droht, diese Gefahr ist eher theoretisch und irreal - und wird mit einigen Jahren Abstand dann wirklich minimal.

Real ist dagegen für den Kunden eines Ghostwriters eine ganz andere Gefahr. Und die droht nicht nur denen, die sich bei der einen oder anderen akademischen Arbeit haben ein wenig helfen lassen, was nicht herauskommen soll. Vielmehr droht diese Gefahr allen, die sich von einem anderen einen Text schreiben lassen.

In der Praxis ist das Problem nicht so sehr, dass ein Ghostwriter mit einer Straftat droht und dabei selber Kopf und Kragen riskiert. Vielmehr könnte ein solcher Ghostwriter - wenn nichts sonst vereinbart ist - nachträglich möglicherweise ganz legal SEINE RECHTE einklagen.

PROBLEMKREIS URHEBERRECHT

Immerhin könnte ein Ghostwriter nachträglich ganz normal vor Gericht sein Urheberrecht an dem erstellten Text geltend machen. Und eine Gerichtsverhandlung hätte als solche schon einmal die unausweichliche Folge, dass alles herauskommen würde.

Ob ein Gericht sich dann auch wirklich dazu durchringen würde, dem Autor die Urheberrechte zuzusprechen, ist natürlich ein anderes Thema. Aber die Gefahr immerhin besteht.

Und das Urheberrecht hat es in sich, was die Fristen angeht.

Da verjährt so schnell gar nichts. So spricht man bei literarischen Werken von Schutzfristen von 50 oder gar 70 Jahren, durchaus auch nach dem Ableben des Urhebers.

Und wenn es nun etwa so ist, dass sich eine Medienberühmtheit von einem Autor nach genauen Angaben eine Biographie erstellen lässt, um sie unter eigenem Namen zu veröffentlichen, dann könnte eben die Verlockung für den Autor gross sein, hier auf sein Urheberrecht zu klagen, sollte sich beispielsweise das veröffentlichte Buch als Bestseller erweisen.

Ergebnis eines solchen Verfahrens könnte dann etwa sein, dass der Kunde des Ghostwriters SAEMTLICHE RECHTE AN SEINER ARBEIT VERLIERT!

Also beileibe nicht nur, "dass es herauskommt"...

Das Herauskommen wäre hier eher der mehr oder weniger unangenehme Nebeneffekt des Ganzen.

Der Verlust der Rechte an dem Werk hätte dann eine lange Reihe von schwerwiegenden Folgen. Im Falle der wirtschaftlichen Auswertung drohen etwa Rückzahlungspflichten - möglicherweise für Gelder, die man selber schon seit langem ausgegeben hat.

Somit muss man sich vor allem gegen diese Gefahr absichern.

Und da gibt es einen ganz einfachen und trockenen Passus, den jeder Vertrag zwischen Auftraggeber und Texter enthalten sollte. Im Vertrag sollte festgehalten werden, dass mit dessen abschliessender Erfüllung sämtliche Rechte an dem Werk auf den Auftraggeber übergehen.

Mit einer solchen Klausel im Vertrag wäre dann ausgeschlossen, dass man vom beauftragten Text-Berater zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal unter dem Urheberrecht in Anspruch genommen wird.

Und es versteht sich von selbst, dass ein seriöser Texter und Ghostwriter eine solche Klausel ohne weiteres gerne unterschreiben wird.

(*) Achim H. Pollert ist freier Journalist, Fachautor und Ghostwriter

http://www.pinwand.ch/Dienstleistungen-Freelancer/inserat.aspx?Id=219365

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Ghostwriter Leseproben http://textepollert.wordpress.com :yahoo:

03.05.2009 13:18
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