Achim H. Pollert: Ein Würgehalsband...

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19.11.2008 11:56
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Achim H. Pollert: Ein Würgehalsband...

Ein Würgehalsband...

Achim H. Pollert (*) über eine Führungsfrage

"An Ihrem Hund erkennen Sie Ihre Führungsqualitäten."

Kennen Sie all die "Hundeflüsterer" mit ihren Fernsehsendungen? Wie da hilflose Normalverbraucher mit den unterschiedlichsten Hunden zum Spezialisten kommen. Halbwüchsige mit Dobermännern. Hausfrauen mit Cocker Spaniel. Jüngere Single-Frauen mit dänischen Doggen. Kaufmännische Sachbearbeiter mit Dackeln.

Und alle haben sie das Problem, das sich in der Aussage zusammenfassen lässt: "Ich habe dem Hund gesagt, er soll folgen. Er macht es aber nicht."

Und der Hundeflüsterer zaubert aus seinem Brotsack zauberhafte Ratschläge, die sich besonders im Fernsehen dann auch wunderbar verkaufen. Da ist dann das Fehlverhalten vom Hund "gar kein Problem". Und sobald der Hund "verstanden" hat, wird es auch schlagartig besser - sagt der Experte.

... und wir alle, die wir bis zu dem Zeitpunkt vielleicht noch keinen Freund mit der kalten Schnauze bei uns gehalten haben, nicken mit offenstehendem Mund vor uns hin und sind so sehr dankbar, dass es auch hier wieder eine Lösung gibt.

Ein kurzhaariger Vorstehhund

Der erste Hund, den ich als Erwachsener hielt, war ein Deutsch-Kurzhaar. Eine eigentlich für die Jagd gezüchtete Rasse, die aber auch als Wachhund gut zu gebrauchen ist.

Dieser Hund wog im ausgewachsenen Zustand 40 Kilo.

Und wie es sich gehört für einen Jagdhund, riss er von klein an mit urmächtiger Gewalt an der Leine, an der man ihn führte. So als wäre er als Zugtier vor einen Karren gespannt. Dabei schien für den Hund selber unerheblich, dass er dabei so keuchte, dass man als weniger erfahrener Halter durchaus auch hätte Angst haben können, er wäre am Ersticken.

Befand sich nun am anderen Ende der Leine ein Mensch, der - anders als ich selbst - nicht mehr als das doppelte Gewicht auf die Waage brachte, dann wäre derjenige dem Hund praktisch hilflos ausgeliefert gewesen.

Dann wäre der Hund mit dem Herrn spazieren gegangen.

Dann wären arglose Passanten, die diesem Duo auf der Strasse begegneten, heftig verbellt worden, ohne dass jemand dem eigentlich angeleinten Hund hätte Einhalt gebieten können.

Dann hätte man nicht sicher sein können, ob da nicht vielleicht auch einmal ein etwas zu lebhaftes Kind von diesem angeleinten Hund gebissen worden wäre - obwohl der Mensch anderen Ende der Leine es ihm vielleicht noch ausdrücklich untersagt hätte.

Was ich damals mit meinem ersten Hund erlebte, ist ja durchaus eine Alltagsbeobachtung in der zivilisierten Welt. Immer mal wieder trifft man auf der einen oder anderen städtischen Promenade so ein Paar mit einem zerrenden Hund und einem in seinen Körperkräften überforderten Herrn. Und immer mal wieder kommt es bekanntlich auch zu Zwischenfällen, bei denen ein zerrender Hund sich auf einen Dritten stürzt und ihn verletzt.

Nicht zuletzt gab es seinerzeit in der Stadt Zürich ja wohl auch den Fall, dass ein angeleinter Polizeihund nach vorne preschte und einen so weit friedlichen dunkelhäutigen Mitbürger biss. Polizeischule hin, Hundetraining her.

Für den Hundehalter sind solche Entgleisungen am anderen Ende der Leine in jedem Fall ärgerlich. Zudem besteht ja regelrecht öffentliche Gefahr, wenn es sich beim betreffenden Hund um etwas handelt, das grösser ist als ein Cocker Spaniel.

Und nun der Rat...

Natürlich ist es nur verständlich, wenn man als Hundehalter solchen Zuständen ein Ende bereiten will. Und zwar möglichst schnell und reibungslos. Selbst wenn man - wie ich - rein physisch im Stande ist, so ein zerrendes Kraftpaket an der Leine zu halten.

Mein erster TV-Hundeflüsterer äusserte sich zu diesem Problem wie folgt: "Zerren Sie ein paarmal hintereinander kurz und kräftig an der Leine. Das bringt den Hund aus dem Konzept - und dann begreift er bald, dass er sich so nicht verhalten darf."

Auf dem Bildschirm führte er das Ganze dann auch gleich noch einmal vor.

Allerdings nicht mit einem Hund an der Leine sondern einem einbetonierten Metallpfosten. "Wegen der Anschaulichkeit..."

Dann zerrte er einige Male an seinem Metallpfosten. "So wird das gemacht."

Und dann wurde ein zufrieden hechelndes Hundegesicht eingeblendet, allerdings nicht an der Leine.

Eine wunderbare Lösung.

Für jeden ohne weiteres zu handhaben. Zu jeder Zeit verfügbar. Einfach. Ohne Aufwand. Souverän.

... und funktionieren tut es auch nicht.

Ich habe das seinerzeit dann mit meinem Riesenkalb auch probiert. Ein paar Tage bekam das arme Vieh meine durchaus heftigen Rucke zu spüren. Dann kamen wir aus einem Kiosk auf die Strasse. Und wieder ging das Hin und Hergezerre los. Ich verpasste dem Hund seinen gewohnten Ruck, worauf der Karabinerhaken zerbrach, mit dem die Kette am Halsband festgemacht war.

Die Kette wiederum flog nun in hohem Bogen nach hinten, knallte mir an den Schädel und hinterliess dort eine Schramme und eine Beule. Allenfalls hätte ich bei der Aktion zum Beispiel ein Auge verlieren können. Aber das hätte dem Hundeflüsterer aus dem Fernsehen sicher auch sehr leid getan, hätte er je davon erfahren.

Die Alternative

Nachdem ich mich so weit erholt hatte, verliess ich mich nicht mehr auf den guten Rat vom Hundeflüsterer sondern nur noch auf meine körperliche Ueberlegenheit. Ich persönlich war schliesslich kräftig genug, um meinen Hund zu halten... und wie die anderen Leute das machten, konnte mir schliesslich egal sein.

Und immerhin war ich ja der Mensch.

Ich machte meinem Hund also klar, dass er zu gehorchen hatte. Wenn er es nicht tat, hatte er meinen Missmut zu tragen. Dass ich damals bei meinen Zurechtweisungen gelegentlich auch über das Mass des Gebotenen hinausgegangen bin, weiss ich heute selber.

Aber ein Hund, der ein paarmal den Hintern versohlt bekommt, ist deutlich besser als ein Hund, der in einer Nachbarschaft Angst und Schrecken verbreitet und womöglich ein ganzes Wohnquartier terrorisiert.

Mein Hund zeigte sich damals ausgesprochen empfänglich für meine Massregelungen. Er bemühte sich sehr intensiv herauszufinden, was ich von ihm erwartete. Mehr noch: Es war dem Hund ein sichtliches Vergnügen, alles richtig zu machen. So führte er nur zu gerne Besuchern vor, wie wortgenau er meine Anweisungen befolgte.

Und natürlich begriff er auch, dass er jegliches Gebelle, jegliches Imponiergehabe und, was auch immer sonst ihn gerade inbrünstig beschäftigte, zu unterlassen hatte in dem Augenblick, in dem ich ihn ansprach.

Und von da an waren wir ein richtig gutes Team.

Nachdem der Hund begriffen hatte, was hier sein Job war und wie die Befehlskette funktionierte, funktionierte dieses Team hervorragend, und alle waren glücklich. Und alle konnten sich darauf verlassen, dass die anderen ihre Rolle in diesem Team zuverlässig wahrnahmen.

Das Team

Der Hund konnte sich darauf verlassen, dass er die Dinge geregelt bekam, die er selber nicht regeln konnte, dass er einen klaren Weisungsrahmen hatte, an den er sich halten konnte, dass ihm innerhalb der Gruppe ein fester Platz mit einem bestimmten Aufgabenprofil zukam. Und - nicht zuletzt! - dass er Probleme eigentlich nur bekam, wenn er gegen die Gruppenregel handelte.

Ich konnte mich darauf verlassen, dass ich einen treuen Gefährten hatte, der das Grundstück von ungebetenen Besuchern fernhielt.

Und der Rest der Menschheit konnte sich darauf verlassen, dass von der schönen Bestie an meiner Seite keinerlei Gefahr ausging, solange ich gegenwärtig war.

Also im wahrsten Sinne des Wortes: Alles im Lot.

Und dazu sogar noch kostenlos eine Erkenntnis: In diesen Belangen der Teamführung gibt es keine Rezepte aus der Dose.

Diese detaillierten Hinweise und gute Tips, wie man was nun wann zu machen hat, mit welchen Tricks das alles dann ganz einfach wird und wie man sich im einzelnen zu kommunizieren hat, nützen demjenigen einen feuchten Dreck, der von vorne herein nicht weiss, was für eine Aufgabe er in diesem Team zu erfüllen hat.

Tips aus der Dose hin, Fertigrezepte her: Ich hatte zu lernen, dass ich innerhalb dieses Verbands die Aufgaben des Menschen zu übernehmen hatte. Der Mensch, der im Team entscheiden, anordnen, planen, vorsorgen und dergleichen muss, weil sein Gehör halt nur begrenzt und sein Geruchssinn verkümmert ist. Und ausserdem kann der Mensch bei weitem nicht so schnell rennen (... ich wenigstens nicht) und sieht auch im Dunkeln nicht so gut.

Das ist die Zielvorstellung.

Das Würgehalsband

Und innerhalb dieses Teams von Tier und Mensch es ist Aufgabe des Menschen, das jeweilige Ziel zu erkennen und sich dann zu überlegen, wie er es erreichen kann. Und natürlich steht man vor dieser Aufgabe auch, wenn man nun als eher zierlicher Mensch von fünfzig Kilo Körpergewicht einen Bernhardiner kontrollieren soll, der gleich schwer ist.

Es gibt da beispielsweise im Zoofachhandel sogenannte Würgehalsbänder.

Das sind Kettenbänder, die Metallstifte nach innen besitzen und die sich enger zusammenziehen, je stärker man an ihnen zieht. Ein Hund, der ein solches Halsband trägt, drückt sich selber Metallstifte gegen den Hals, je stärker er an der Leine zerrt. Das wiederum führt dazu, dass der Hund sich von Anfang an schon eher vorsichtig verhalten wird beim Zerren an der Leine.

Und mehr noch: Er wird auch sehr darauf bedacht sein, von seinem Herrn nicht zu fest an dieser Leine gezogen zu werden... immerhin könnte das ja sogar schmerzhaft sein.

Das Entsetzen, das sich bei alledem auf den Gesichtern von Tierfreunden zeigt, dürfte zu allererst einmal vom Wort selber verursacht sein. "Würgehalsband"... das tönt schon so gemein, bösartig und gehässig.

Viel einfacher ist das da natürlich auf Französisch. Dort heisst dasselbe nämlich "collier de dressage". Also etwa "Dressur-Halsband". Und damit wird auch gleich das Wesentliche gesagt: Dass man nämlich so ein Ding nicht für den Rest des Hundelebens verwendet, sondern eben nur so lange, bis der Hund entsprechend abgerichtet ist.

Als geeignetes Mittel, um den Hund zum Folgen zu dressieren und ihm klarzumachen, was erlaubt ist und was nicht. Und nicht hinterher, um ihn zu quälen.

Eigentlich eine ganz einfache Sache, die einem da als Mensch in einem grösseren Verband, einem Team, abverlangt wird.

Was will ich sein?

Hier stossen wir dann auf eins der Geheimnisse, warum man an seinem Hund seine Führungseigenschaften erkennt. Führungskünstler wissen grundsätzlich, dass sie im einen oder anderen Verband dieselbe Rolle zu übernehmen haben, die der Mensch gegenüber seinem Hund einnimmt.

Es geht weniger darum, selber zum Hund zu werden.

Die Umgebung anzukläffen oder auch einmal in die Wade zu beissen. Die Mitglieder des Rudels mit allerlei faulen Machenschaften und Gewaltmethoden in Schach zu halten. Den anderen Fallen zu stellen, sie in Versuchung zu führen, um sie dann auf frischer Tat zu ertappen und zur Rede zu stellen. Eher schleimig mit immer neuen vermeintlichen Tricks aus der Dose anzukommen.

Wer solches Zeug anstellt, begibt sich eher auf das Niveau seines Hundes.

... und braucht sich nicht zu wundern, wenn seine Führung insgesamt zu wünschen übrig lässt.

Wie gesagt: der einzige Ausweg daraus ist die bewusste Einnahme der Menschenrolle im Team. Zielerkennung und Planung der Zielerreichung, Einsatz der geeigneten Mittel, solange sie für die Zielerreichung nötig sind, u.s.w.

Man wird erstaunt sein, wie gerne das Team solche klaren Zielvorgaben einhält. Ja, regelrecht dankbar wird das Team sein für einen solchen eindeutigen Rahmen.

Und der Hundeflüsterer?

Ich glaube, dass der letzte Hundeflüsterer, den ich im Fernsehen über das Würgehalsband habe reden hören, ein Engländer war. Mit hängenden Lefzen und einem weitgehend ausdruckslosen Gesicht wies er die Vorstellung, man könnte einem Hund ein solches Halsband anlegen, weit von sich.

Schliesslich gäbe es doch so hervorragende Motivatoren wie Nahrung...

"Denjenigen, die solche Halsbänder vorschlagen", verkündete der Herr mit dem bierernsten Doggengesicht, "sollte man selber solche Halsbänder anlegen."

Sicher, lieber Freund, auch das ist ein Standpunkt.

Nur bin ich eben kein Rottweiler, der vielleicht ein Kind tot beisst - und danach getötet werden muss -, wenn er sich von seiner Leine losreisst.

... und eben nicht von jemandem in Menschenposition geführt wird.

(*) Achim H. Pollert ist freier Journalist und Ghostwriter

Er ist Autor des Buchs "Schreiben Sie geil - ein Leitfaden für sauberes Deutsch in der Praxis"

http://www.piazza.ch/de/inserat/2426961/ghostwriter_-_zuverlaessig_diskr...

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Ghostwriter Leseproben http://textepollert.wordpress.com :yahoo:

19.11.2008 12:13
Bild des Benutzers Johnny P
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Achim H. Pollert: Ein Würgehalsband...

Der Text ist schon genug Scheisse, brauchst ihn nicht 2mal reinzustellen

„Alles was die Sozialisten vom Geld verstehen, ist die Tatsache, dass sie es von anderen haben wollen.“

Konrad Adenauer