Achim H. Pollert: So wie ich sind alle...

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26.04.2007 14:31
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Achim H. Pollert: So wie ich sind alle...

Achim H. Pollert (*) über eine verbreitete Unsitte

Fritz war ein guter Freund.

Dass er eine Neigung hatte, die mir nicht gefällt, fiel mir erstmals auf, als wir von Hunden sprachen. Ich selbst habe Hunde gern. Allerdings würde ich mir nie so ein Vieh anschaffen einfach nur, damit ich einen Hund habe sondern immer nur, wenn ich eine Aufgabe für ihn habe.

Als ich einst zu Fritz sagte, ich hätte ein "sachliches" Verhältnis zu meinem Hund, riss er, selber närrischer Hundehalter, darauf die Augen weit auf. Beinahe als hätte ich etwas besonders Verwerfliches von mir gegeben.

Wie ich denn so etwas sagen könnte. Das glaubte ich ja selber nicht. Er hätte in seinem Leben auch Hunde gehabt. Und er wisse auch, was für ein Verhältnis man zu so einem Tier hat.

Und so fand ich heraus, dass Fritz hier reflexartig von sich selbst auf mich schloss.

Weil ER ein besonders inniges Verhältnis zu seinem Hund hatte, ging er unmittelbar davon aus, dass dies bei mir - und allen anderen - ebenso ist. Es handelte sich dabei um einen regelrechten Reflex, der keiner weiteren Prüfung unterzogen wurde. Und es betraf bei ihm sämtliche Lebensbereiche. So kannte er alle Raucher immer als schwerst suchtabhängig, die nur mit grössten Mühen auch nur kurze Zeit ohne Zigarette sein können. Fortwährend leiden sie selbst unter ihrer eigenen Not. Und nur mit grösstem Aufwand können sie überhaupt aufhören.

Denn so hatte es sich bei Fritz selber abgespielt. Jahrelang gegen den eigenen Willen gepafft, schwer abhängig, vieles erfolglos versucht. Nur unwillig nahm Fritz deshalb zur Kenntnis, dass es Leute gibt, die eher kontrolliert rauchen, dass es Leute gibt, die auch über Tage hinweg nicht rauchen, nur nach dem Essen und nicht mehr als fünf Zigaretten. Dass es vielleicht Menschen gibt, denen es schmeckt, das kam in der Vorstellungswelt von Fritz nicht vor.

In Fritz' Augen war das alles nichts weiter als die Sucht schön zu reden. Schutzbehauptungen! Ausflüchte! Alles nicht wahr!

Unter menschlichen Gesichtspunkten ist das Verhalten durchaus verständlich. Es zeugt sogar grundsätzlich von einem hohen sozialen Verantwortungsbewusstsein. Denn Fritz wollte die Empfindungen seiner Mitmenschen nachvollziehen. Und nichts ist einfacher nachzuvollziehen als das, was einen selber bewegt.

Somit glaubte Fritz durchaus, auf diese Weise seinen Angehörigen, Untergebenen, Geschäftspartnern, Freunden mit wahrhaft mitmenschlichem Interesse zu begegnen.

Es gibt es da auch noch eine Kehrseite: Meist, wenn wir von diesem Phänomen sprechen, dann geht es auch um menschliche Schwäche. Die kleine Schwäche - wie Rauchen, besondere Anhänglichkeit an ein Tier, Faulheit u.s.w. Aber durchaus auch grössere menschliche Schwäche.

Und da ist dann dieses nahtlose Von-sich-auf-andere-Schliessen eben auch der Versuch, sich selbst ein wenig zu entschuldigen. Denn immerhin sagt man damit ja nur "Alle anderen haben alle genau dieselbe Schwäche wie ich".

Und so ist jeder, dem man diese Schwäche zuschreiben kann, auch willkommene Gelegenheit, wieder von sich selbst auf andere zu schliessen. Denn es ist Bestätigung dafür, dass man selber gar nicht so schlimm mit seinem kleinen Malheur ist.

Und sicher: Betrifft dies nur die kleinen menschlichen Nöte, ist das alles zum Schmunzeln. Natürlich ist man selber auch von solchem Verhalten nicht frei. Man wird wohl nicht jeden Mitmenschen als "Original" auffassen sondern ihn durchaus auch am eigenen Charakter messen.

Problematisch, in leitender Position richtig gefährlich, wird diese Neigung, wenn es in den ernsthaften Bereich geht.

Will man Menschen in ihren tatsächlichen Fähigkeiten, Absichten und Eigenschaften beurteilen, ist dieses Von-sich-auf-andere-Schliessen ein gewaltiges Problem. Es entstehen massive Fehleinschätzungen und Situationsverkennungen. Und massive unternehmerische Fehlentscheidungen folgen.

Beispiel Ehrgeiz...

Wie ist das nun?

Ein Vorgesetzter hat grossen persönlichen Ehrgeiz und geht natürlich davon aus, dass es bei den Untergebenen gleich ist. Erscheint dem ein Mitarbeiter nicht einfach nur undankbar, wenn der auf in Aussicht gestellte besondere Aufstiegschancen nicht weiter reagiert?

Wie motiviert ein Chef, der von selbstverständlich von der Ehrgeiz-Vermutung ausgeht, diejenigen Leute, für die eben nicht der Ehrgeiz im Vordergrund ihres Antriebs steht?

Und wie soll er vermeiden, dass er sich über die Jahre nicht einen Stall von Ehrgeizlingen heranzüchtet, während solche Leute, die über den Ehrgeiz eben nicht motivierbar sind - das gibt es wirklich!-, schon vor langer Zeit ausgestiegen sind?

Beispiel Eignungstests

Hier auch die Problematik der psychologischen Eignungstests.

Neben der wissenschaftlichen Stümperei solcher Tests bergen sie eben auch diese Gefahr, dass die Durchführenden sehr bereitwillig von sich selbst auf andere schliessen.

Und dann wird einem da dann - etwa weil man Violett als seine Lieblingsfarbe bezeichnet... - als Ergebnis eine "homophile Neigung" oder "innere Unsicherheit" oder "starke emotionale Ansprechbarkeit" bescheinigt. Gegen solche pseudowissenschaftlichen Erkenntnisse noch etwas auszurichten, dürfte meist schwierig sein.

Geht so ein Urteil nämlich auf den Schluss zurück, den der Urheber oder Auswerter des von sich auf den Probanden zieht, dann sind Einwände kaum noch möglich.

Irgendeine Einsicht, eine Zugänglichkeit für Vernunftargumente, gibt es dann auf der Gegenseite nicht mehr. Wer von sich auf den Rest der Menschheit schliesst, dem kommen seine "Erkenntnisse" nämlich völlig normal, natürlich und selbstverständlich vor. Kein Platz mehr für anderslautende Erwägungen.

Jeder Einwand gegen solche "Ich-Du-alles-eins"-Erkenntnisse wird dann zur Ausflucht. (Und der Einwand wird dann sehr rasch zur weiteren Bestätigung der Richtigkeit umgewertet...)

Aus Deutschland ist in dieser Hinsicht ja der sogenannte "Idiotentest" der Strassenverkehrsbehörden berüchtigt, bei dem auf Grund der Antworten in einem Fragebogen festgestellt werden soll, ob jemand die Anlage zum Verkehrsrowdy hat. Auch hier fruchten vernunftbegründete Einwände seit Jahrzehnten nichts. Die einmal gefasste Meinung, der Rest der Menschheit wäre genauso wie man selber, lässt andere Ueberlegungen hinwegschmelzen wie Schnee an der Sonne.

Also Vorsicht: Wer in gespiegelten Tintenklecksen eben nur Tintenkleckse sieht - und keine Tänzer, Schmetterlinge, Blumenfelder -, braucht deswegen weder abnormal noch minder begabt zu sein.

Wie überhaupt niemand abnormal zu sein braucht, der nicht so ist wie man selber.

Beispiel Eifersucht

Ich bin nicht eifersüchtig.

Wer glaubt es?

Die Erfahrung zeigt, dass man sich, wenn man selber sehr eifersüchtig ist, nur mit grosser Mühen vorstellen kann, jemand anders wäre von dieser Leidenschaft frei.

Bei vielen Menschen führt das zu kontraproduktivem Werbungsverhalten.

Flirtet man nämlich besonders auffällig vor den Augen des Objekts der Begierde mit einem anderen, dann riskiert man den kompletten Verlust des Menschen, der nicht eifersüchtig ist.

Ganz entgegen der landläufigen Vorstellung (vgl. auch TV-Filmchen und Komödienstadel) wird ein nicht-eifersüchtiger Mensch keineswegs dazu bewegt, sich nun heftig ins Zeug zu legen und den/die Nebenbuhler/in auszubooten.

Ganz im Gegenteil ist viel wahrscheinlicher, dass sich der nicht-eifersüchtige Mensch "mit bestem Dank" abwendet und sich nicht in eine bestehende Beziehung drängen will. Je nach grundlegender Veranlagung wird der Nicht-Eifersüchtige sich bei solcher "Fleischversteigerung an meistbietend" durchaus angeekelt abwenden

Dahinter bleibt ein Mensch, der die eigene Eifersucht wie selbstverständlich allen anderen auch zuschreibt, ohne jedes Verständnis zurück. Daraus kann die feste Ueberzeugung wachsen, vom Gegenüber nicht geliebt zu werden - dies dann ein weiterer Punkt, wo dieses selbstverständliche Schliessen von sich selbst auf die anderen zum ernsthaften zwischenmenschlichen Problem wird.

Was tun?

Bekanntlich ist es nicht so ohne weiteres möglich, einen mit dem Verstand erkannten Zusammenhang umzusetzen, wenn - über Jahrzehnte gepflegte - Bauchgefühle dem entgegenstehen.

Sicher sind wir auch gut beraten, wenn wir uns von bestimmten Boulevard-Meinungen freimachen - in der Hoffnung, dass sie dann auch nicht mehr allzu sehr publiziert und strapaziert werden.

Und letztlich ändern kann man doch nur sich selbst.

Nur wenn man selber den Weg weg von diesem Verhalten des Schliessens auf die anderen findet, wird man zum wirklich freien Menschen.

Zu einem, der sich nicht selber mit Gemeinplätzen betrügt.

Der seine Urteilsfähigkeit behält.

Der die Dinge unter Kontrolle behält.

Möglicherweise fähiger zu einer reifen Beziehung als andere.

Möglicherweise der bessere Unternehmer und Vorgesetzte als andere.

Ist alles lernbar?

Ob man so etwas lernen und üben kann?

Ich weiss es nicht.

Man könnte es immerhin versuchen.

Also fangen wir an.

Machen Sie die folgenden Aussagen mit sich ganz alleine ab:

"Mir ist egal, was die anderen Menschen über mich denken."

"Mir ist egal, was die anderen Menschen über mich reden."

"Frauen gehen nur fremd, wenn sie Beziehungsprobleme haben. Männer können auch fremdgehen, wenn sie glücklich verheiratet sind."

"Alle Dicken sind unglücklich und wollen unbedingt abnehmen - sie wissen nur nicht wie."

Und wenn Sie mit diesen Punkten durch sind, dann nehmen Sie sich einfach einige weitere vor.

Vielleicht nützt es.

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(*) Achim H. Pollert ist freier Journalist, Fachautor und Ghostwriter

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