Achim H. Pollert: «You can say you to me»

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18.04.2012 13:56
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Achim H. Pollert: «You can say you to me»


Achim H. Pollert: «YOU CAN SAY YOU TO ME»

Achim H. Pollert (*) darüber, wie man Gauner erkennt


Eigentlich eine alte Geschichte.

Zunächst verunsichert die Verwendung der Anrede mit Du oder Sie alle, deren Muttersprache nicht Deutsch ist und in deren eigener Muttersprache es diese Anredeform gar nicht oder mit anderen Regeln gibt. Das Französische ist z.B. weitgehend gleich der Anwendung im Deutschen – allenfalls redet man Jugendliche früher mit Sie an und geht innerhalb desselben sozialen Umfelds früher zum Du über. Folglich haben Romands und Franzosen hier weniger zu leiden.

Aber ich wurde schon von einigermassen ratlosen Briten gefragt, wie das denn nun wäre mit dem Du. Ob es denn so wäre, dass man immer mit dem Vornamen auch das Du verwenden könnte… ja – aber wenn etwa ein Bonze einen jungen Angestellten mit dem Vornamen anredet, was in der englischen Kultur üblich ist, dann entspreche das nicht dem Du auf deutsch. Und als junger Mann erlebte ich einmal einen ebenfalls jungen Amerikaner, der sich auch redlich darum bemühte, Deutsch zu lernen, und der die Gleichaltrigten im Wirtshaus siezte.

Uebrigens ein Tip für alle verzweifelten “Anglos”, die uns fragen: im Deutschen wird überall dort gesiezt, wo im Englischen “sir” oder “madam” verwendet würde.

Abgesehen von vereinzelten solchen Ausnahmen, haben natürlich alle, die Deutsch als Muttersprache sprechen, von Flensburg bis nach Siders und Saarbrücken bis nach Wien, kaum Schwierigkeiten, das Du und das Sie einzuordnen.

Trotzdem vorab die

PROTOKOLLARISCHE REGEL

Die gibt es tatsächlich.

Sie lautet: Im Privatleben bietet grundsätzlich der/die Aeltere dem/der Jüngeren das Du an.

Im öffentlichen Leben (Arbeits- und Geschäftswelt u.s.w.) gilt das nicht. Hier bietet grundsätzlich der/die Ranghöhere dem/der Rangniedrigeren das Du an.

Natürlich gibt es hier eine Unzahl von Ausnahmen und Sonderfällen. Es gibt Firmen, womöglich ganze Branchen und Berufssparten, in denen man sich generell duzt. Auf all den Online-Plattformen haben wir uns weitgehend daran gewöhnt, dass wir einander von vorne herein duzen. In allen Discos und den meisten Wirtshäusern duzt man sich. Und so weiter. Und so fort.

Das Ganze ist in einem ständigen Wandel, und vieles von früher lässt uns heute nur noch schmunzelnd den Kopf schütteln. Beispielsweise soll es bis in die 1950er Jahre hinein noch Studenten gegeben haben, die einander siezten.



http://www.piazza.ch/inserat/10040771/ghostwriter_-_zuverlaessig_diskret...


Vielleicht ist es diese Buntheit in der Handhabung, die es vielen Leuten auch so schwer macht, einem Ausländer die Regel zu erklären, wann was zu verwenden ist.

Zunächst gilt die vorgenannte protokollarische Regel.
Sie gilt bekanntlich aber nicht alleine.

AUSGEGLICHENHEIT

Die Verwendung des Du basiert auf einer bestimmten Ausgeglichenheit. Es war die Rede vom Vorgesetzten, der den Untergebenen das Du anbieten kann. Im Bereich des Managements kann dies eine höchst heikle Angelegenheit sein.

Denn immer mal wieder ist zu beobachten, dass Vorgesetzte mit einzelnen Untergebenen per du, mit anderen dagegen per Sie sind.

Oft hat das harmlose Hintergründe. Als der heutige Chef vor 15 Jahren als Praktikant in die Abteilung kam, war er selber ganz jung und wurde von allen geduzt. Und heute sind eben aus jener Zeit noch zwei, drei altgediente Angestellte übrig. Mit denen ist der Chef eben nach wie vor per du… und mit allen anderen per Sie.

Eine alltägliche Beobachtung – und gerade das geht nun eben nicht. Das Du zwischen den Menschen schafft eben auch eine Nähe, die die Gesiezten alle nicht empfinden. Als Vorgesetzter wäre man gehalten, dies einheitlich zu regeln, d.h. man müsste mit allen immer per du oder immer per Sie sein.

Schlimmer noch sind etwa die Fälle, in denen die Unausgeglichenheit eine “Einbahnstrasse” darstellt.

Wenn also – was zumindest noch bis in die 1970er Jahre an der Tagesordnung war – Menschen alle anderen unaufgefordert duzen, sich von denen allerdings ebenso hemmungslos siezen lassen. Das mag im einen oder anderen patriarchalisch geführten Betrieb der Fall sein. Das mag vielleicht auch noch in mancher Bildungsstätte der Fall sein.

Wie es heute in der Praxis ist, weiss ich nicht. In den 70er Jahren jedenfalls konnte man als junger Erwachsener ohne weiteres mit etwas älteren Zeitgenossen zusammentreffen – den Eltern von Freunden, Lehrern, Militärgesichtern u.ä. -, die einen unaufgefordert duzten, sich aber wohl siezen liessen.

Ich ganz persönlich hatte damals als Jugendlicher diesen amüsanten Zusammenstoss mit einer vielleicht 30-jährigen Sekretärin an der Schule, die ich dann zu duzen begann. Und einige Jahre später, als aufstrebender Managernachwuchs, das weniger amüsante Erlebnis im hausinternen Seminar einer Grossbank.

Dergleichen ist grundsätzlich schlichtweg eine Sauerei. Und jeder Mensch ist gehalten, solche Dinge zu vermeiden. Natürlich “darf” man die Freunde seiner erwachsenen Kinder duzen – aber man sollte darauf achten, dass man für die dann nicht weiter “Herr Meier” bleibt.

Denn es gilt hier natürlich die altbekannte Feststellung:

SPRACHE IST MACHTAUSÜBUNG

Wer gegen seinen Willen geduzt wird, der wird in eine schwächere Position geschoben. Der wird zum Junior. Dessen Gleichberechtigung als Mensch wird in Frage gestellt.

Neben dieser fiesen Masche des unaufgeforderten Duzens kann das Ganze natürlich auch in der betrieblichen Welt zur Machtkomponente werden.

So etwa gibt es jene Unternehmen, in denen es – stillschweigend – üblich ist, dass man sich ab einer bestimmten hierarchischen Stufe (Abteilungsleiter, Direktionsmitglied o.ä.) untereinander dutzt. Durch eine solche zunächst harmlose Gepflogenheit, die von vielen oft noch als Zeichen besonderer Kollegialität positiv bewertet wird, entstehen allerdings elitäre Strukturen, die ein- und ausgrenzen.

Dergleichen fördert den Korpsgeist und stellt eine subtile Form der Machtausübung dar – und zwar dort, wo es für den Zweck des Ganzen nicht nötig ist. Eher im Gegenteil: Durch solche sprachlichen Gewohnheiten bildet sich eine Gruppe von Leitenden, die untereinander verbunden sind, mit den von ihnen Geführten aber gar nicht.

Also auch hier eine kontraproduktive Machtausübung. Es gibt dafür reichlich Beispiele aus der Geschichte. Etwa die kaiserliche Armee Oesterreich-Ungarns, wo sich alle Offiziere vom Feldmarschall bis zum Leutnant dutzen (und meist auch noch Adelige waren).

Das Du schafft Nähe. In diesem konkreten Beispiel schafft es eine Nähe, die die anderen auf Distanz hält. Die wichtige Beziehungen abschwächt.

UND JETZT DIE GAUNER…

Und woran also erkennt man die Gauner?

Im Geschäftsleben ist es nach wie vor üblich, sich zu siezen. Das wahrt eine gewisse Distanz. Das erleichtert immer auch die Möglichkeit, unangenehme Dinge zu bereden. Sich zu siezen, das macht es einfacher, ausstehende Forderungen einzuklagen. Das macht es leichter, genauere Erklärungen zu verlangen.

Und somit ist stets Vorsicht geboten, wenn einem im Rahmen eines Geschäftsverhältnisses gleich zu Anfang und ohne deutlichen Anlass das Du vom Gegenüber quasi aufgedrängt wird.

Bei allem Wenn und Aber – auf die Situation angepasst – ist das frühzeitige Du, womöglich nicht einmal angeboten, sondern einfach verwendet, im geschäftlichen Bereich eher eine Gaunermasche.

Der Gauner will dadurch eine Nähe schaffen, die es für sein Opfer schwieriger macht, später auf vertragliche Absprachen und erworbene Rechte zu pochen. Der Gauner will dadurch anderen gegenüber den Eindruck erwecken, mit wie vielen Menschen er persönlich auf vertrautem Fuss steht und wie lange er alle schon kennt. Der Gauner senkt damit seine eigene Hemmschwelle, um bei Gelegenheit mit seinem Gemaule anfangen zu können – auch dies eine Gaunermasche.

Wie gesagt: Beileibe nicht jeder, der einen duzt, ist ein Gauner. Ich selber bevorzuge im bestimmten Umfeld natürlich auch das Du.

Aber es gibt so bestimmte Situationen – im Geschäfts- und Berufsleben -, in denen das Du zum gegebenen Zeitpunkt irgendwie unpassend erscheint.

Und genau in solchen Augenblicken, wo jemand mit dem Du so unpassend daher kommt, wäre es wieder einmal an der Zeit, die Alarmglocken läuten zu hören.

Als etwa Didi gleich bei unserer ersten persönlichen Begegnung, noch bevor wir über eine mögliche Zusammenarbeit zu reden anfingen, mir zu allererst das Du aufdrängte, war das irgendwie komisch. Aber im journalistischen Umfeld ist so etwas nicht ganz unüblich. Es war mehr so das Zwanghafte, das dringende Anliegen, das hätte misstrauisch machen sollen.

Schlimmer dagegen Paul, Anzugträger, der vorgab, einem ernstzunehmenden grösseren Unternehmen vorzustehen, für das er angeblich einen Presse- und Medienverantwortlichen suchte. Beim ersten Besprechungstermin wollte er keine Referenzen haben und keine Aufgabenbeschreibung angeben. Aber per du wollte er mit mir sein… um mich dann zwei Tage später mitzuschleppen zu einem Termin (wohl um denen dort vorzumachen, er hätte einen Pressechef).

Und Sabina etwa, die während der Erledigung eines Auftrags von einem E-Mail auf das andere vom Sie zum Du wechselte. Das war so ganz stillschweigend, so selbstverständlich, und zwar zu dem Zeitpunkt, als erkennbar war, dass die Arbeit fristgerecht und qualitativ in Ordnung ausgeführt würde. Danach fing Sabina dann gleich mit Gemaule an, das sie dann als Begründung verwandte, um das Honorar zu drücken (was nichts daran änderte, dass sie den Text so ablieferte).

Immer wieder begleitet vom Du… in so irgendwie unpassender Weise.

Und wer duzt noch? Wer legt noch gar so grossen Wert darauf, möglichst alle zu duzen?

Ach ja: der Betrüger mit seinem Schnellballsystem und seinen “Tschakka-Du-schaffst-es”-Auftritten an den rauschenden Galas.

Wie gesagt: Die Alarmglocken…

http://www.piazza.ch/inserat/10040771/ghostwriter_-_zuverlaessig_diskret...

http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Der-Ghostwriter-/story/27055107

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