Achim Pollert: Und dann die richtige Person am richtigen Ort

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29.09.2008 12:58
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Achim Pollert: Und dann die richtige Person am richtigen Ort

Und dann die richtige Person am richtigen Ort...

Achim H. Pollert (*) über eine Führungsfrage

Es ist schon einige Monate her, als sich der deutsche Finanzminister Steinbrück wieder einmal in so manchen Wirtschaftskreisen unbeliebt machte, als er davon sprach, dass es seiner Meinung nach im Finanzfach durchaus Leute an Funktionsstellen gibt, die ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind.

Das war wohl noch eine ganze Weile vor dem ganz grossen Crash, dem wir jetzt beizuwohnen hatten.

Und natürlich dürfen alle sich fragen, wie berufen ein Politiker zu einer solche Begutachtung ist, betrachtet man die Fähigkeit der classe politique, drängende Probleme anzupacken und überdies auch mit dem Geld anderer Leute umzugehen.

Gerade auch in Deutschland.

Nehmen wir nun aber einmal an, es entspräche nicht nur der publikumswirksamen Aussage eines deutschen Berufspolitikers, sondern vielleicht auch der Alltagsbeobachtung von vielen Menschen, dass in grossen Strukturen in der Tat viele Entscheidungsträger hocken, die von ihrer Aufgabe hochgradig überfordert sind.

Und zwar ganz und gar nicht nur in den obersten Etagen.

Nehmen wir also an, es entspräche unserer Alltagserfahrung, dass viele Menschen an vielen Funktionsstellen hochgradig überfordert sind.

Zum Beispiel die Aufnahmeprüfung

So etwa wenn wir - die Weltöffentlichkeit - mit ansehen müssen, dass junge Leute in Deutschland zunächst eine aufwändige staatliche Schule durchlaufen und die Hochschulreife erwerben. Und diese jungen Menschen, die eben studieren könnten, bewerben sich im Anschluss um eine Lehrstelle.

Zum Beispiel für eine kaufmännische Lehre.

Oder als Krankenpfleger/in.

Nun kommen in Deutschland, wo es ohne Lehre sowieso nicht geht, meist auf die eine Lehrstelle zahlreiche Bewerber. Und zahlreiche von ihnen mit der Hochschulreife in der Tasche.

Folglich gibt es dann Aufnahmeprüfungen, so dass wir immer mal wieder eine Reportage im deutschen Fernsehen verfolgen können, bei der so ein junger Mensch sich auf den langen Marsch macht. Beim Landratsamt, irgendwo bei einer Grossbank, einer Versicherungsagentur, in einem Zeitschriftenverlag, überall sind offene Lehrstellen ausgeschrieben.

Und überall sind die gefürchteten Aufnahmetests zu machen.

Fragen wie etwa: "Wenn ein Motor 7.3 Liter Benzin verbraucht, um 100 km weit zu fahren, wieviel braucht er dann, um 350 Kilometer weit zu fahren?" oder: "'kalt' steht zu 'heiss' im selben Verhältnis wie 'langsam' zu ..."

Und dergleichen.

Befremdlich mag für Aussenstehende zunächst einmal erscheinen, dass Menschen in einem zivilisierten Land dreizehn Jahre lang die Schulbank drücken, eine höhere Schule abschliessen, um dann Lehrjunge oder Lehrmädchen zu werden. Es gibt immerhin Länder, in denen eine höhere Schulbildung eher Grundlage für eine Tätigkeit als Lehrlingsausbilder bildet.

Aber wirklich problematisch ist ja, dass die Absolventen einer höheren Schulbildung in einem zivilisierten Land nicht nur gehörig Angst vor relativ einfachen Testfragen aus dem Bereich der simplen Logik oder der Allgemeinbildung haben, sondern dass sich unter ihnen nicht wenige finden, die durch solche Fragen überfordert werden.

Dem Vernehmen nach scheint dies zwar durch die PISA-Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung auch bestätigt zu werden. Aber so weit brauchen wir ja gar nicht zu gehen. Ganz überzeugte Deutschnationale, die dieses lesen, können sich übrigens trösten: So richtig satt signifikant besser oder schlechter ist unter den ersten 30 in dieser Studie kaum ein Land. (Hier die Details: http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,521201,00.html ).

Mit anderen Worten: Wohl auch in manch anderem Land könnte man unter voll ausgebildeten Erwachsenen mit der Schätzfrage, wie gross denn so ungefähr eine Holzplatte 60x160 cm ist, Angst und Schrecken verbreiten. Im Baumarkt... aber möglicherweise auch im Büro einer Bauleitung, wenn der Taschenrechner gerade kaputt gegangen ist.

Aber uns reicht es ja, wenn wir jetzt einfach einmal annehmen, dass es unserer Alltagserfahrung entspricht, dass die Menschen schon vom Einfachen überfordert sind. Möglicherweise oft dermassen überfordert, dass ihnen die Unkenntnis so normal vorkommt, dass man ihnen damit nicht einmal mehr Angst und Schrecken einjagen kann (... es sei denn, es hänge im Erwachsenenalter ihre Lehrstelle davon ab).

Und dann der Ruf nach der Persönlichkeit

Und in dieser Situation, in der fachliche und intellektuelle Ueberforderung eins der Schlüsselwörter ist, ist dann plötzlich wieder die Rede von den Werten. Da soll dann die Rückbesinnung auf die Werte alles wieder ins Lot rücken. Topmanager sollen auf Werte verpflichtet werden. Nachwachsendes Führungspersonal soll im Hinblick auf die Werte ausgebildet und erzogen werden.

Ueberhaupt, so melden sich dann reichlich Pädagogen zur Wort, ist ja jede Bildung und Erziehung an Werten ausgerichtet. Und weil es ein Professor ist, traut sich oft auch keiner, etwas dagegen zu sagen.

Und Wirtschaftsethiker sind ganz sicher, dass alle Probleme überhaupt auch nur aufgetreten sind, weil die Wirtschaftsbonzen sich nicht an den wahren tieferen Werten orientieren. Und weil ein Professor das sagt, ... aber das ist nun ja schon bekannt.

Die Persönlichkeit soll es richten.

Soll die Sache in die Hand nehmen. Soll entscheiden, was er wirklich will - an Hand seiner Grundwerte. Und soll dann die Karre aus dem Dreck ziehen, bzw. es gar nicht erst so weit kommen lassen.

Vom Charismatiker ist dann plötzlich die Rede, der auf Grund seiner eigenen Orientierung an den Werten eine Pflicht zu führen hat.

Moralisch wenigstens.

Wobei wir gleich schon wieder bei den ethischen Werten wären.

Die Persönlichkeit, die einzigartige menschliche Persönlichkeit, der Charakter, der Charismatiker soll es richten.

Der Uebervater soll herabsteigen, sich in die Pflicht genommen fühlen und eben führen. Selbst wenn der Uebervater im Einzelfall vielleicht auch erst 26 Jahre alt ist. Da wird dann ein Motiv der antiken Philosophie von Platon und Aristoteles bemüht, wonach es für die Ausübung von Macht immer nur eine Rechtfertigung gibt. Demnach nämlich ist man selber vor allem zur Machtausübung berechtigt, weil man dadurch die Machtausübung von Dritten verhindert, die dessen unfähig sind.

Diese simple Idee wird neuerdings umgedreht, so dass dem begabten Einzelnen eben diese moralische Pflicht zur Führung zugesprochen wird, eben damit er so die Führung durch weniger Fähige verhindert und Schaden von seinen Mitmenschen abwendet.

Und all das, was bisher schief gelaufen ist, wird dann auch gleich dem Mangel an echten Persönlichkeiten an der Spitze zugeschrieben. Nicht nur die vermeintlichen Fachidioten soll das Berufssystem hervorbringen, sondern eben wirkliche Persönlichkeiten, die ihren Grundwerten verpflichtet sind und die das Ganze dann pannenfrei wieder richten.

Die Literaturwissenschaft nennt so etwas "deus ex machina", und es gilt in der Dichtung grundsätzlich als Ungeschicklichkeit, wenn nicht als dramaturgischer Fehler.

Es handelt sich dabei um diese Konstruktion, bei der am Ende eines Theaterstücks oder einer Romanhandlung der Gott aus dem Himmel herabsteigt und in allgemeiner Allmacht die Handlung auflöst, ohne sich dabei an logische Zusammenhänge, an Sachzwänge oder bisherige Abläufe zu halten.

Der im ersten Kapitel ermordete Vater kehrt dann aus dem Jenseits zurück. Oder die verheirateten Geschwister sind dann doch nicht mehr miteinander verwandt. Oder der Sachbearbeiter hatte den Abteilungsleiter dann doch letzte Woche gefragt, ob man die paar Millionen Deckung für das Devisengeschäft mit der amerikanischen Pleite-Bank wirklich noch vergüten sollte - oder ob man warten sollte, bis der Gegenwert eingegangen ist.

Oder der "Gott aus der Maschine" sorgt eben nachträglich dafür, dass vor vier Wochen in allen Führungspositionen der Wirtschaft nur noch hochbegabte Menschenführer gesessen sind, die über alle nur erdenklichen Kenntnisse, Fähigkeiten und Eigenschaften verfügen, die man braucht, um eine Organisation erfolgreich zu führen.

Welche immer das auch sein mögen.

Und so mutet einen der laute Ruf nach der Persönlichkeit dann eben doch wie so ein gekünsteltes, konstruiertes Deus-ex-machina-Happyend an, das wir eher aus dem Kitschroman oder dem Märchenfilm kennen.

Einmal ganz davon abgesehen: Wir wissen aus der längerfristigen Geschichte, dass die grossen Menschenführer, die einzigartigen Charismatiker meist ganz üble Charakterlumpen waren, die vor jahrzehntelangem Krieg ebensowenig zurückschreckten wie vor Folter und Massenmord.

Und aus der jüngeren Zeit wissen wir auch, dass es Menschen mit grösster charismatischer Begabung gibt, die dann intellektuell und nach ihrer allgemeinen Bildung aber überhaupt nicht auf einer nennenswerten Höhe liegen. Die überzeugten Deutschen unter den Lesern mögen da doch nur an den einen oder anderen Ministerpräsidenten im einen oder anderen Bundesland in der Nachkriegsgeschichte denken, der zwar mit einer flammenden Rede ganze Bierzelte und Gewerkschaftstage zu Beifallstürmen mitreissen konnte, jedoch bei der richtigen Wiedergabe selbst einfacherer logischer Zusammenhänge schon erkennbare Mühe hatte.

Somit sehen wir uns gefragt, ob denn eine solche begeisternde Persönlichkeit auch wirklich anständig genug wäre, um die Dinge akzeptabel über die Bühne zu bringen, und - vor allem - intelligent genug, um das Richtige und Nötige auch wirklich zu tun.

Einige Stufen tiefer

Wenn wir vor so einer Krise stehen, vor einem Konkurs, einer schwierigen Problemlage, einer Sackgassen-Situation oder auch dem internationalen Zusammenbruch von ganzen Wirtschaftsbranchen, dann ist häufig ist da häufig zunächst einmal eine grössere Portion alltäglicher Vernunft gefragt.

Weniger um das Mitreissende, um die tiefgehende Motivation, um die Gruppendynamik geht es da, die uns alle alles vergessen und nur noch dem einen Ziel zustreben lässt, das uns da unser Alpha vorgibt, sondern vielmehr um eigentlich ganz simple, nachvollziehbare Einsichten.

Um als Bänkler zu wissen, dass ich einem potentiellen Sozialhilfeempfänger nicht einen jahrzentelangen Hypothekarkredit gewähre - und zwar in einer Höhe, die über einem realistischen Schätzwert der Liegenschaft liegt -, dazu brauche ich kein besonders gefestigter willensstarker Charakter zu sein. Dazu brauche ich auch kein besonderes Charisma.

Das liegt etliche Stufen darunter.

Um zu erkennen, dass ein solches Geschäftsgebaren zwangsläufig in den Zusammenbruch führt, dazu brauche ich eventuell eine solide bankfachliche Grundausbildung, auf jeden Fall aber brauche ich dafür ein kleines bisschen gesunden Menschenverstand.

Deshalb wird bei vielen Abstürzen hinterher ja stets festgestellt, dass das alles ja ganz am Anfang schon absehbar war. Man konnte es sehen. Selbst ganz einfach gestrickte Laien hatten Zweifel daran, ob das alles tragfähig und seriös war.

Was fehlte, ist schlicht die hinreichende fachliche Ausbildung und ein Mindestmass an Intelligenz.

Und somit scheint der Ruf nach dem Menschenführer, der einzigartigen Persönlichkeit, die die anderen begeistert, angesichts dieser Sachlage eher problematisch. Zumindest ist wohl fragwürdig, ob ein solcher Charismatiker diese erforderlichen Eigenschaften Intelligenz und Grundlagenbildung überhaupt mitbringen könnte.

Und hüten sollten wir uns vor allem dann davor, in der Führungspersönlichkeit, dem beeindruckenden Charakter, dem Ausnahmemenschen eben den "Gott aus der Maschine" zu sehen und ihm immer gerade die Eigenschaften zuzuschreiben, die wir in bestimmten Krisensituationen für nötig halten.

Mit solchen Projektionen macht man nichts anderes, als sich eine andere Realität zu wünschen.

Etwa: Bei der Aufnahmeprüfung müsste eben eine Ausnahmepersönlichkeit sitzen. Die wüsste dann, dass man das ausrechnet, indem man 7.3 mit 3.5 multipliziert. Die wüsste dann auch, dass multiplizieren malnehmen bedeutet. Ein solcher Ausnahmecharakter würde dann den Test mit Erfolg abschliessen und dürfte dann Bauzeichner lernen.

Oder: Würden überall Leute sitzen, die ihrer Aufgabe gewachsen sind, dann käme das alles nicht vor. Und als Vermutung setzen wir dann noch hinzu: ... und der Ausnahmecharakter wäre den Herausforderungen immer auch gewachsen.

Natürlich wäre es immer schön, wenn an entsprechenden Schaltstellen Leute mit einigermassen ausreichender Fachkenntnis oder auch etwas praktischer Intelligenz sitzen - von irgendwelchen nebulösen Qualitäten der Menschenführung dabei einmal ganz abgesehen.

Das Problem als solches wird man mit solchen Deus-ex-machina-Rufen jedenfalls nicht lösen.

Genausowenig wie sich die Erfolgsquote bei Aufnahmeprüfungen verbessert, nur weil wir uns wünschen, dass da mehr junge Leute sässen, die die Aufgaben lösen könnten.

Sind das die sprichwörtlichen "frommen Wünsche"?

Wer weiss

(*) Achim H. Pollert ist freier Journalist, Schriftsteller und Ghostwriter

http://www.heisetreff.de/anz-27f2b6e2b6471611465770251bbc33c2

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Ghostwriter Leseproben http://textepollert.wordpress.com :yahoo:

07.10.2008 18:53
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reckefoller wrote:

ja genau, denk ich bei meinem depot jetzt auch: vielleicht sind diese aktien ja gar nicht in meinem depot, vielleicht stelle ich mir ja nur vor, dass sie in meinem depot sind. :mrgreen:

BiggrinBiggrinBiggrin

Sehr gut! So machen wir es!

Ach - das Leben kann mit der richtigen Einstellung (Vorstellung) so einfach sein!!!

Ich weiß, dass ich nichts weiß!



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07.10.2008 18:20
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ja genau, denk ich bei meinem depot jetzt auch: vielleicht sind diese aktien ja gar nicht in meinem depot, vielleicht stelle ich mir ja nur vor, dass sie in meinem depot sind. :mrgreen:

07.10.2008 18:15
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Interessante Gedankengänge... :roll:

Einer meiner Lehrer in meiner aktuellen Schule sagte kürzlich zu uns in der Klasse:

"Vielleicht sind Sie gar nicht wirklich in dieser Klasse - vielleicht stelle ich mir nur vor, dass Sie sich gerade in diesem Raum befinden."

Anfänglich dachte ich, dass diese Vorstellung total verrückt sei. Aber wenn man sich die Welt einmal ein wenig genauer anschaut (wie z.B im obigen Text) - so würde die Aussage meines Lehrer's vieles erklären.

Ich weiß, dass ich nichts weiß!



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