Achim H. Pollert: Dann hat Ihr Geld auch kein anderer

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17.10.2008 17:26
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Achim H. Pollert: Dann hat Ihr Geld auch kein anderer

Stichwort Kapitalanlage VII

Dann hat Ihr Geld auch kein anderer

von Achim H. Pollert (*)

Es war dies der Witz während des Zusammenbruchs der Börsen nach dem IT-Boom.

"Dein Geld ist ja nicht weg", hiess es da ironisch. "Das hat jetzt halt ein anderer."

Das war natürlich ein Witz, der quasi dem schmerzlichen Verlust des einzelnen Anlegers noch etwas bitteren Spott obendrauf setzte. Nicht zuletzt weist dieser Witz auch darauf hin, dass es sich bei den all den börsennahen Transaktionen um Nullsummengeschäfte handelt, bei denen also nicht so sehr neue Werte geschaffen werden, sondern vor allem vorhandenes Geld umgeschichtet wird.

Betroffen konnten sich von diesem Witz vor allem jene Scharen von kleineren Anlegern fühlen, die zunächst durch die offensichtlich extreme Kursentwicklung angezogen wurden, mit ihrem Gesparten zu den übersetzten Preisen Aktien kauften - natürlich in der Hoffnung, ihrerseits später dann auch wieder jemanden zu finden, dem sie diese Papiere wieder zu einem noch höheren Kurs würden verkaufen können.

Nur ist es dann so, dass diese letzte Welle von Anlegern eben keinen mehr findet, dem sie ihre Papiere für noch mehr verkaufen könnte. Nach der "Kleine-Leute-Hausse" folgt dann die Talfahrt.

Durch diese Talfahrt drückt sich dann gleich auch der Nullsummencharakter des Ganzen aus. Das Geld, das die letzten der Kette abgegeben haben, war dasselbe Geld, das diejenigen davor eingenommen haben.

Und natürlich gibt es auch hier die Chance, sein Geld wieder zu sehen.

Man muss eben mit dem Verkaufen nur lange genug warten können. So lange nämlich, bis der Börsenkurs der gekauften Aktien nach einer Talfahrt wieder das Niveau des Kaufpreises erreicht hat, plus Zinsen.

Das kann allerdings sehr, sehr lange dauern.

Hätte man etwa im Jahr 2000 in den DAX investiert, dann hätte es bis 2007 gedauert, bis man sein Geld wieder sieht... ohne Verzinsung. Danach wäre der Wert des Kapitals dann wieder stetig gesunken - um ein Drittel und mehr. Man hätte also über viele Jahr hinweg kein Geld brauchen dürfen - und auch die erste Gelegenheit beim Schopf packen müssen, um keine massiven Verluste zu realisieren.

Unter solchen Umständen wird überhaupt erst erkennbar, wie abenteuerlich und fragwürdig doch das immer wieder nachgeplapperte Gerücht ist, "auf lange Sicht" wären Aktien die günstigste aller Kapitalanlagen.

Und natürlich bestätigt diese kleine Tatsache auch, dass die Kunst der Anlage in Aktien stets - und vor allem - die KUNST DES VERKAUFENS ist.

Volkwirtschaftlich betrachtet

Neben dem Aspekt der blossen Umschichtung von Geld - also keinesfalls der Schaffung von Werten - steht das Ganze nun auch unter einem volkswirtschaftlichen Gesichtspunkt.

Für die Volkswirtschaft als Ganzes ist es gleichgültig, wer nun im einzelnen den Geldbetrag sein eigen nennt.

Wenn etwa ein Käufer und ein Verkäufer ihre Konten bei derselben Bank haben, dann handelt es sich einer solchen Transaktion auch "mechanisch" um eine reine Umschichtung. Das Geld wird nämlich vom einen Konto abgebucht und dem anderen Konto gutgeschrieben.

Für die Bank ändert sich dann nichts.

Und für die Wirtschaft als Ganzes auch nicht.

Dann dieses Geld, das da innerhalb des Finanzsystems verschoben wird, bleibt nach wie vor für den Wirtschaftskreislauf erhalten. Es wird investiert und ausgegeben - allerdings eben nicht mehr von Ihnen, sondern eben von demjenigen, der Ihr Geld jetzt hat.

Das ist für den einzelnen Menschen natürlich bitter. Und aus dessen Optik ist in erster Linie auch völlig egal, ob das Geld nun einfach nur "weg" oder im Besitz eines anderen ist.

Eben gerade noch gut für einen schadenfrohen Witz.

Ansonsten nur wirklich tragisch für diejenigen, die ordentlich Federn lassen mussten und die Gewinne der anderen bezahlen.

Der Bankenkrach

Das ändert sich allerdings, wenn dann nicht mehr - wie in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts - künstlich aufgeblasene vermeintliche High-Tech-Konzerne in sich zusammensackten wie angestochene Luftballons, sondern wenn es grössere Banken sind, die den Halt verlieren und krachend den Hang hinunter ins Schwarze Loch von früher begangenen Todsünden sacken.

Geraten nun solche grösseren Banken ins Rutschen, dann ist es für den kleinen Anleger zunächst einmal nicht anders als wenn etwa der wie ein Pilz in den Himmel geschossene Medienkonzern zum Sanierungsfall wird und dessen Aktien noch die Hälfte des ehemaligen Höchstkurses einbringen.

Dann ist es für einen Anleger nicht anders als wenn das seit hundert Jahren bestehende Geschäft eines soliden Maschinenbaubetriebs scheinbar von einem Tag auf den anderen auf null zusammenbricht und das Traditionsunternehmen Konkurs anmeldet und man sich dessen Aktien dann gerade einmal noch als Dekoration gerahmt ins Wohnzimmer hängen kann. Rahmen nicht inbegriffen.

Für den Anleger - besonders den Kleinanleger - ist sein Geld zunächst einmal genauso "futsch" wie wenn er es in die Aktien oder auch das sonstige Anlageangebot einer Bank investiert hätte.

... auch wenn es nicht bei der Bank ist

Je nach einzelnem Anlagetyp, Begleitumständen und Rechtslage ist nämlich ohne weiteres möglich, dass das Geld auch "futsch" ist bei einer eigentlich bombensichere Anlage, die einfach nur über die betreffende Pleite gegangene Bank abgewickelt wurde.

Wenn etwa die bombensicheren Staatsanleihen bei einer Bank im Depot gelegen sind... wenn die Bank den Auftrag hatte, die zu verwalten und bei Fälligkeit einzukassieren... dann wäre man als Anleger zunächst einmal auch von der grössten Finanzkrise wenig beeindruckt. Schliesslich hätte man sein Geld in Bundesanleihen oder Treasury Bonds angelegt, für die Uncle Sam oder die Eidgenossenschaft im Ernstfall geradestehen.

Wenn nun aber diese Papiere bei Lehman Brothers im Depot gelegen sind...? Dann wird für den Anleger daraus eine hoch komplizierte Frage. Wie lauten die Bestimmungen des jeweiligen Konkursrechts und des Bankenrechts? Gibt es da vor Ort eine gesetzliche Einlagenversicherung, und gilt die für Wertpapiere? Fallen solche Papiere in eine bestimmte Konkursklasse? Was passiert, wenn während des Konkursvorgangs diese Papiere fällig werden? Könnte man dann die US-Treasury oder deutsche Pfandbriefzentrale dazu bewegen, die Rückzahlung nicht an die konkursite Bank sondern anderswo hin vorzunehmen?

Wie steht es mit Treuhandgeldern, die im Namen der Bank bei Dritten angelegt wurden, die aber jeweils einem Kunden als Auftraggeber gehören? Wie sieht es aus mit einer Zahlung, die man sich im Geschäftsverkehr auf sein Bankkonto hat überweisen lassen?

Schon diese kleine Auswahl an Futter für Juristen belegt deutlich, dass hier das absolut sicher angelegte Geld eben doch "futsch" sein kann - wenn die Bank selber in die Pleite geht.

Betroffen sind somit nicht nur die Gelder, die bei der Bank selber angelegt sind. Betroffen sind vielmehr viele Gelder, die einfach über diese Bank abgewickelt wurden. Beziehungsweise "werden sollten".

...oder ganz woanders

Betroffen sind unter Umständen aber auch Geschäfte, die zunächst einmal ganz und gar nichts mit der einzelnen Pleite-Bank zu tun haben.

Wie sieht es zum Beispiel aus mit Geldern, die man angelegt hat und für die die betreffende Bank eine Garantie ausgestellt hat?

So gibt es in Frankreich etwa eine verbreitete Form der Immobilienverwaltung, bei der der Eigentümer der Liegenschaft eine förmliche Garantie für die Mietzinse erhält. Da mag man als Anleger das Schäflein auf jeden Fall im Trockenen wähnen. Da hat man mit seinem Gesparten eine Wohnung gekauft. Die wurde vermietet. Und dafür, dass brav jeden Monat die Ueberweisung der Miete aufs Konto kommt, hat man eine Garantie.

Wenn das aber nun eine Garantie eben von der betreffenden Pleite-Bank ist?

Dann ist das Geld möglicherweise nicht "futsch", wohl aber bei weitem nicht mehr so ertragsicher wie vorher.

Denkt man an all die Geschäfte, die in der einen oder anderen Form über Bankgarantien abgesichert werden, dann sieht man auch hier, wer alles noch dazu betroffen ist vom Zusammenbruch einer Bank. Etwa bei der Projektfinanzierung oder im internationalen Warenhandel.

Was passiert, wenn eine Bank als Aussteller eines Performance Bond zusammenbricht - beispielsweise auf halber Strecke der Projektarbeit vor Ort? Oder wenn die Schiffsladung auf dem Wege ist und die Bank, die das Akkreditiv ausgestellt hat, inzwischen insolvent ist? Wie sieht es aus, wenn man einen Vertrag erfüllt hat jetzt Anspruch hätte auf das Guthaben auf einem Kautionskonto, das aber bei der zusammengebrochenen Bank geführt wird? Man bedenke an das in der englischsprachigen Welt verbreitete Escrow Account, bei dem eben solche Kautionsverhältnisse abgesichert werden.

Betroffen sind hier Leute, die mit der betreffenden Bank ursprünglich nicht das Geringste zu tun haben - und zwar keineswegs nur Anleger. Und "futsch" kann das Geld natürlich immer auch sein.

... oder wenn man nichts zugute hat

Wenn der Anlagesektor wankt, dann meinen wohl alle, die selber verschuldet sind, sie hätten Grund zur Freude. Schliesslich hat man dann selber nichts angelegt, sondern die anderen - Hypothekenbanken, Kleinkreditbanken u.s.w. - haben einem dereinst Geld gegeben, das man in Raten abbezahlt.

Dieser Aspekt wird im Rahmen von dramatischen Ereignissen auf dem Finanzsektor generell kaum gewürdigt.

Geht nämlich die Bank in Konkurs, bei der man selber in der Kreide steht, dann stellt sich auch hier die Frage, was denn nun passiert. Muss dann der Häusli-Bauer, der jeden Monat brav seine Hypothek abgestottert hat, innerhalb von wenigen Tagen eine sechsstellige Summe aufbringen, weil der ausstehende Restbetrag konkursrechtlich fällig wird zugunsten der Bank-Gläubiger? In extremen Fällen könnte dies sogar der volle Betrag sein, der als Grundschuld beim Katasteramt auf die betreffende Liegenschaft eingetragen ist.

Muss sich dann das junge Paar, das über einen Konsumkredit seine erste Wohnungseinrichtung abbezahlt, innerhalb von einigen Tagen den vollen Kreditbetrag von irgendwo her besorgen und zurückzahlen, um nicht selber Konkurs anmelden zu müssen?

Müssen alle Kontoüberziehungen, alle Auto-Leasingverträge, alle Vorschüsse, die eine Pleite-Bank gewährt hat, dann innerhalb kürzester Zeit abgedeckt werden.

Sicher ist dieser Gedanke zum Teil beängstigender als der Verlust von ein paar Tausendern Erspartem.

Aber beim Konkurs gilt der Grundsatz, dass die Gläubiger die vorhandenen Aktiven des Schuldners verwerten können. Und wenn nun der konkursite Schuldner eine Bank ist, dann sind die ausstehenden Kredite, Vorschüsse und Finanzierungen eben auch verwertbare Aktiven.

"richtig futsch..."

Geht also eine Bank in Konkurs, dann ist es wohl so, dass viele Menschen ihr Geld verlieren.

Eigentlich ebenso wie diejenigen, die auf der Höhe des High-Tech-Börsenfiebers Aktien einer Suchmaschine oder eines Online-Providers gekauft haben.

Nur ist es beim Zusammenbruch einer Bank wohl auch so, dass dieses Geld nicht einfach nur den Besitzer wechselt. Denn da verschwindet Geld, das bisher in Form von Kontoguthaben und ausstehenden Forderungen vorhanden gewesen ist. Das ist dann nicht einfach nur irgendwo anders gutgeschrieben worden und steht der Volkswirtschaft und dem Wirtschaftskreislauf weiterhin zur Verfügung.

Schon gar nicht, wenn eine ganze Reihe von Banken - ja, gar das ganze Finanzsystem - zusammenbricht.

Dann nämlich ist Ihr Geld wirklich weg.

Dann hat es auch kein anderer, der es investieren oder damit etwas kaufen könnte.

Vielleicht ist deshalb so wichtig, dass das Finanzsystem als Ganzes unter dem besonderen staatlichen Schutz steht. Denn bricht eine einzelne grosse Bank zusammen, dann reisst sie andere mit sich. Und die wiederum reissen wieder andere mit sich.

Und jedes Mal wird Geld wirklich vernichtet.

Und ganz schnell hat dann keiner mehr Geld.

(*) Achim H. Pollert ist freier Journalist und Ghostwriter

Er ist Autor des Buchs "Schreiben Sie geil - ein Leitfaden für sauberes Deutsch in der Praxis"

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