Achim H. Pollert: Das Appartement

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25.01.2007 16:47
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Achim H. Pollert: Das Appartement

Stichwort: Geheimnisse des Reichtums I

Das Appartement

Achim H. Pollert (*), Journalist und Ghostwriter,

über ein Geheimnis des Reichtums

Ich war ein ganz junger Mann und wohnte im Personalwohnhaus meines ersten Arbeitgebers, einer grossen Schweizer Bank. Die Miete war niedrig. Die Ausstattung war einfach. Und das Regiment, das ein selbstgefälliger Hausmeister führte, war jugendherbergsmässig streng.

Ideal als Zwischenstop, wenn man noch nicht so recht weiss, wie es weitergehen soll.

Und ganz bestimmt: Wenn ich nicht so ein kleiner Angestellter und Berufseinsteiger gewesen wäre und mehr verdient hätte, dann hätte ich mir auch mehr geleistet. In diesem Geiste war ich aufgewachsen.

Etwas Merkwürdiges stellte ich damals dann aber auch noch fest. An einem der Briefkästen drunten in der Eingangshalle nämlich fiel mir ein Name auf. Nennen wir die Familie de Précédent, und sagen wir, dass ein ganz alt eingesessener Schweizer Clan so heisst. Durchaus wohl eine der reichsten Familien der Schweiz überhaupt. Und massgeblich an der Bank beteiligt, bei der ich arbeitete.

Das überraschte mich nun aber doch sehr. Es sollte also ein Ignace de Précédent hier in dieser Notunterkunft hausen! In einer dieser verwohnten Buden, die im Lauf der Jahrzehnte Dutzenden von Praktikanten ein Dach über dem Kopf geboten hatten, sollte der Spross einer so bedeutenden altreichen Familie wohnen.

Irgendwie konnte das doch nicht sein.

Das sind doch diejenigen, die sich alles leisten können. Wenn von denen einer nach Zürich muss, könnte er doch genausogut im Carlton Elite oder im Baur au Lac wohnen. Und wenn nicht, dann doch wenigstens in einer gediegenen Wohnung. Wahrscheinlich gehörten der Familie ein paar hundert gediegene Wohnungen!

Nachdem ich somit also beschlossen hatte, dass das nicht sein konnte, folgerte ich daraus weiter, dass es sich um eine zufällig Namensgleichheit handeln musste.

Und damit war dann die Sache für mich zunächst erledigt.

Der Namensträger

Allerdings wurde meine Schlussfolgerung alsbald erschüttert, als mir im Treppenhaus der Namensträger dann begegnete. Ein junger Mann wie ich selbst damals, der im eher entspannten Bänkler-Aufzug daherkam - nicht so wie ich damals.

Es war ihm allerdings auf Anhieb anzusehen, dass er direkt mit dem alten Clan-Chef verwandt sein musste. Die Familienähnlichkeit mit dem alten René de Précédent war einfach nicht zu verkennen. Den alten Herrn kannte man aus den Medien. Er sass damals in vielen Verwaltungsräten, Vertretungen und sonstigen Gremien und äusserte sich immer mal wieder öffentlich zur einen oder anderen Wirtschaftsfrage.

Und der junge Mann, der hier einen Verschlag im inzwischen schon etwas abgenutzten Personalhaus bewohnte, war ganz offensichtlich ein Enkel dieses alten Herrn und somit ein Ableger einer der ganz alteingesessenen gediegenen Familien der Schweiz.

Und das liess mich dann doch zunächst dreimal leer schlucken. Denn damals konnte ich das nicht so recht einordnen. Immerhin hätte ich selbst, wäre ich einem solchen Clan entstammt, anders gewohnt. Und wäre mein Aufenthalt in Zürich auch nur drei Monate gewesen, dann hätte ich mich mit diesen Möglichkeiten dann doch wohl nach etwas anderem umgeschaut.

Alleine schon die Tatsache, dass es Leute für dergleichen gibt, spricht ja hier für sich. Die Sekretärin des Verwaltungsratspräsidenten organisiert einem da schon etwas - und zwar nichts Zweitrangiges. So etwas wird der ja schon gar nicht angeboten.

Als ich selber wenige Jahre später als Angestellter bei der Bank ein wenig aufgestiegen war, würde ich selber ja durchaus auch solche Stückchen bieten - immer im Rahmen des Wohlwollens meiner Vorgesetzten, natürlich.

Aber zu der Zeit jedenfalls konnte ich es nicht einordnen, dass sich jemand von solcher Herkunft so etwas antat. Immerhin stellte ich mir schon die Frage, ob da nicht auch so etwas wie Spleenigkeit und Understatement eine Rolle spielten. Immerhin gab es unter den Bankangestellten auch einige, die wegen eines vergleichsweise kleinen Einkommens eher darauf angewiesen waren, so ein kleines preiswertes Appartement anmieten zu können. Ob es überhaupt im Sinne des Urhebers war, dass nun jemand aus wohlhabendsten Verhältnissen hier eine solche Wohnung belegte, bleibt offen. Schliesslich war das ursprünglich ja einmal gebaut worden für Leute, die billigen Wohnraum wirklich auch brauchten.

Wie die anderen...

Tatsächlich machte der junge Mann auch nicht den Eindruck von besonders grossspuriger Glücklichkeit. Einen besonderen Geschmack von Reichtum und Abenteuer stellte er jedenfalls nicht zur Schau, wenn man ihm auf dem Korridor begegnete. So gar nicht etwa im auffälligen Designer-Outfit mit Rolex und teueren Accessoires, festgeschraubtem Blöd-Grinsen im Gesicht und etwa links und rechts je eine appetitlich zurechtgemachte Dame am Arm - und das ständig.

Eher im Gegenteil.

Wie eigentlich die meisten von uns wirkte er eher ein wenig in sich gekehrt, dem Sachzwang ergeben, unterschwellig begleitet von etwas Zurückhaltung und leiser Traurigkeit.

Meine weiteren Abklärungen ergaben, dass der junge Herr in einer schon etwas geachteten Abteilung wie der Anlageberatung oder dem Börsenhandel arbeitete, dort aber nichts weiter als den Titel "Assistent" führte und einem recht beliebigen Vorgesetzten unterstellt war.

Das Ganze würde so ungefähr ein Jahr dauern, und ich würde dem Enkel während dieser Zeit vielleicht ein Dutzend Mal im Treppenhaus begegnen. Jeweils kurz, freundlich, unauffällig.

Und dann war der Enkel des Quasi-Inhabers auch wieder verschwunden. Entschwunden in andere Gefilde dieses gewaltigen Familienunternehmens. In Zürich war er wahrscheinlich nur gewesen, um den einen oder anderen Aspekt des Bankgeschäfts in der Praxis zu erlernen - so jedenfalls reimte ich es mir zusammen.

Und dergleichen hört man ja auch häufiger: Dass eben die Nachwuchs-Millionäre überall im Konzern herumgeschickt werden, um hier und da ein Praktikum zu machen und so das Geschäft quasi von Grund auf zu erlernen. Besonders auch dort, wo das grosse Vermögen nicht nur in mehr oder weniger abstrakten Kapitalbeteiligungen besteht sondern noch mit einem tatsächlichen Gewerbe verbunden ist, wird das häufig beobachtet.

Immer mal wieder werden solche jungen Menschen dann auch bei Geschäftspartnern oder Verwandten "in die Lehre" geschickt.

Typisches Verhalten

Mein damaliges Einordnungsproblem war vorerst gelöst.

Der künftige Milliardär spielte hier ein Jahr lang ganz farblos und unauffällig den kleinen Angestellten. Und ganz offensichtlich gehört dies mit zum normalen, zum typischen Verhalten der ultramontan Altreichen. Nicht von ungefähr auch kommt wohl, dass uns dieser Ausdruck des Lernens "von der Pike auf" vertraut ist und ein geflügeltes Wort darstellt.

Ein zweites Problem, diese meine Beobachtung richtig einzuordnen, habe ich damals zunächst auf die Seite geschoben.

Durch meine Herkunft hatte ich selbst davor eigentlich ganz andere "Reiche" kennengelernt. Das waren in viel grösserem Mass die Champagner-Trinker, Porsche-Fahrer und Golf-Spieler. Die lernte unsereiner wenigstens von weitem noch kennen in den Kreisen, in denen ich mich bewegte. Diese Champagner-Reichen waren in der Regel viel weniger reich als etwa eine Familie de Précédent, auf jeden Fall aber weniger lange eingesessen. Und ganz anders etwa als der farblose, zurückhaltende Ignace de Précédent im Personalwohnheim der Bank, waren die Kinder der Champagner-Reichen, wie ich sie so kannte, meist sehr laut und auffällig.

Wahrscheinlich so wie ich es gewesen wäre, hätten meine Eltern auf eine mehr oder weniger zufällige Art und Weise ein kleines Vermögen erworben.

Wo die Vorlieben des Einzelnen für Aeusserlichkeiten liegen, bleibe einmal dahingestellt. Bei mir wären vielleicht weniger die Designer-Klamotten und mehr das Fünf-Sterne-Restaurant angesagt gewesen. Aber ganz bestimmt hätte ich nicht in diesem Personalwohnheim gehaust, wenn meinen Eltern beachtliche Finanzmittel zur Verfügung gestanden wären.

Später würde ich dann in diesem typischen Verhalten von Alt- und Neureich tatsächlich auch Methode erkennen.

Sicher: Wo es um Menschen geht, ist stets die ganze Bandbreite vertreten. Es gibt die ältesten Geschlechter - und die von ihren stammende heutige Generation besteht aus nichts weiter als einer Bande von genuss- und geltungssüchtigen Snobs. Und es gibt langjährige Sozialhilfeempfänger, die einen Lotteriegewinn oder eine Zufallserbschaft machen und die daraufhin Stück für Stück grundsolide ein Vermögen aufbauen.

Aber so richtig der Normalfall ist beides eben nicht.

Zum "Altreichen" scheint man in aller Regel nicht zuletzt auch erzogen und ausgebildet zu werden. Weitergegeben von Generation zu Generation.

Dabei geht es um das Erlernen des Reichseins selbst, weniger um das angestammte Familiengewerbe. Denn die Beobachtung zeigt, dass gerade auch Menschen, die mit dem familiären Kerngewerbe gar nichts mehr zu tun haben, durchaus in der Lage sind, das Vermögen zu erhalten und weiterzureichen. Diese Generationen der Erben sind oft schon lange nicht mehr Bankiers, Grossbauern, Maschinenindustrielle, Forstbesitzer, Glasproduzenten, Minenbesitzer oder Chemie-Unternehmer.

Möglicherweise sind sie Kunsthändler, Lehrer, Wissenschaftler, Schriftsteller, Musiker, Rechtsanwälte, Architekten, Heilpraktiker oder Biobauern. Aber sie scheinen auf jeden Fall in der Lage, dieses gewaltige ursprüngliche Familienvermögen zu erhalten und an die nachfolgende Generation weiterzureichen.

Und so erklärt sich dann wohl auch der offenkundige Normalfall. Viele dieser Leute haben das Reichsein - nicht unbedingt das Geschäftemachen - richtiggehend erlernt. Und folglich können sie in der Regel auch damit umgehen. Während daneben mancher Zufallsmillionär durch Börsenerfolg oder Lotteriegewinn zwar zu einem Vermögen kommt, oft aber wenige Jahre später auch schon wieder von der Fürsorge leben muss.

Wer kennt sie schliesslich nicht, diese Geschichten von den Lottokönigen und den High-Tech-Unternehmern, die an die Börse gegangen sind? Und am Ende blieb nicht nur nichts sondern sogar noch ein Haufen Schulden übrig.

"Grundkurs Millionär"

Und eine Lektion in diesem Grundkurs des Millionärseins scheint unvermeidlich dieses "Lernen von der Pike auf" zu sein. Oft ist das durchaus auch bei jungen Leuten der Fall, die gar nicht mehr dieses angestammte Gewerbe der Familie einschlagen und somit den Beruf eigentlich gar nicht können müsste.

Möglicherweise also steckt da etwas anderes dahinter.

Zum Onkel nach Amsterdam, um dort ein halbes Jahr lang Textil-Grosshändler zu lernen. Irgendwo in einer Konzernabteilung als einer von vielen ein Praktikum zu machen. Allenfalls einige Jahre lang eine ganz normale Existenz als kaufmännischer Angestellter, Kindergärtnerin, Berufssoldat oder Bauer zu führen - auch das ist immer mal wieder zu beobachten in solchen Kreisen.

Und dabei ist die Unterbringung im Personalwohnheim (und nicht im Deluxe-Hotel oder der Prachtvilla) eher der Normalfall und gar nicht so sehr die Ausnahme.

Wer es nicht besser kennt, denkt zunächst natürlich einmal an Geiz. Der "Geiz der Reichen" ist ja schon beinahe sprichwörtlich. Und ganz besonders in diesem Umfeld reden wir ja insbesondere von den Superreichen. Von denjenigen, die genug Geld haben, um zehn Leben in Saus und Braus zu führen. Von denjenigen, die im Ritz wohnen könnten, Tag für Tag und Jahr für Jahr, ohne dass auch nur die Zinsen ihres Kapitalstocks ganz aufgefressen würden.

Was gewinnen solche Leute, wenn sie nun an ihren Kindern einen Tausender im Monat sparen? Oder zwei, fünf oder zehn Tausender? Was macht es für einen Unterschied für ein solches Milliardenvermögen, wenn da fünf Kinder sind und jedes dieser Kinder zehntausend Euro im Monat mehr ausgibt als der Normalmensch?

600,000 Euro jedes Jahr. Zusätzliche Kosten von Promille-Bruchteilen. So als müsste ein Normalmensch für ein elementares Belang zehn Euro im Jahr zusätzlich aufbringen. Also nicht nur ein lächerlich kleiner Betrag sondern ein Verhältnis der Grössenordnungen, das unsere Vorstellungskraft übersteigt. Dasselbe, was für unsereinen wenige Pfennigbruchteile am Tag wären.

Damit lässt sich ernsthaft nicht sparen. Und solche Beträge können auch am Umfang eines Milliardenvermögens nichts ändern, weder es mindern noch es steigern.

Mit dem sprichwörtlichen Geiz, den man so vielen Superreichen nachsagt, kann man dieses Verhalten also wohl nicht in vollem Umfang erklären (wobei das beim einzelnen Menschen als Charaktereigenschaft natürlich auch noch zusätzlich eine Rolle spielen kann).

Das Leben kennen

Ganz offensichtlich nun steckt hinter diesem Verhalten das schlichte Bestreben, den Nachwuchs mit dem Alltagsleben vertraut zu machen. Nicht so sehr um das Erlernen beruflicher Fertigkeiten geht es dabei sondern darum, den jungen Menschen mit dem alltäglichen Leben von Otto Normalverbraucher vertraut zu machen.

Schon die einfache Alltagserfahrung scheint zu bestätigen, dass dies ein ganz anderes Verhalten ist als man es etwa bei emporgekommenen Reichen vorfindet, die aus kleinsten Verhältnissen heraus aufgestiegen sind. Solche Neureichen neigen ja wohl eher dazu, sich und ihre Angehörigen abzuschotten. Allenfalls wird da der eigene Wohlstand öffentlich am Opernball oder der Filmpreisverleihungen zur Schau gestellt.

Hin und wieder taucht auch im Fernsehen eine Home Story auf, bei der so jemand unbedingt klar machen muss, dass er ganz und gar nicht so lebt wie der Normalmensch. Dass ganz im Gegenteil überall nur das Feinste in Frage kommt und für jede Handreichung ein Angestellter bemüht werden muss.

Das wären dann diejenigen, für die auch im entferntesten nicht in Frage käme, noch einmal ernsthaft in die Rolle eines Durchschnittsmenschen zu schlüpfen.

Daneben die Altreichen, die das oft schon in ganz jungen Jahren lernen. Manche von ihnen führen ihr ganzes Leben fast so wie ein beliebiger Normalbürger. Die wissen dann, wie es ist, sich in gegebenen räumlichen Verhältnissen zurechtzufinden. Wie es ist, jeden Morgen irgendwo an einer Arbeitsstelle aufzukreuzen. Wie es ist, sich um seine Wäsche kümmern zu müssen. Einzukaufen. Auf Zuschriften von Behörden zu reagieren. Bei der Post einen Nachsendeauftrag zu deponieren. Einen Parkplatz zu suchen. Ein gültiges Billet in der Tasche haben zu müssen, wenn man in die S-Bahn einsteigt. Für ein paar Freunde ein Nachtessen zu kochen. Und so weiter.

All die grossen und kleinen Dinge, die den Alltag eines Normalmenschen ausmachen.

Das kann, wie gesagt, eine befristete Lebenserfahrung sein. Aber es gibt eben auch diese Inhaber von alten Milliardenvermögen, die ihr ganzes Leben quasi als Normalmensch verbringen und deswegen durchaus nicht unglücklich scheinen.

Und der Sinn des Ganzen?

Das ist wohl die abschliessende Frage.

Wenn es doch in vielen dieser Fälle so ist, dass das zur Verfügung stehende Vermögen so gewaltig ist, dass man auch durch ein Leben in Saus und Braus nicht einmal die Zinsen durchringen könnte, dann fragt man sich tatsächlich, warum man sich denn diesbezüglich überhaupt so sehr bemüht.

Tatsächlich gibt es doch so schwerreiche Eltern, die ihren Kindern einen geradezu asketischen Lebenswandel zumuten. Dies ein Verhalten, das uns sehr hartherzig vorkommt, wenn es tatsächlich finanziell nicht mehr darauf ankommt. Warum musste Ignace de Précédent so leben wie ich, wenn es nicht darauf ankam, ob er 500,000 oder 5 Millionen Franken jährlich für seinen persönlichen Lebenswandel ausgab? (Wobei das natürlich noch nicht hartherzig war.)

Meist ist das von den Beteiligten gar nicht so genau geplant sondern geht auf das übliche, gewohnte Verhalten zurück.

Der tiefere Sinn dieser Vertrautheit mit der Existenz des Normalmenschen steckt jedenfalls darin, dass diese Art von Reichen, die nicht einfach nur reich sind sondern oft eine lange Familientradition weiterführen und ein Vermögen erhalten und an die nächste Generation weitergeben sollen, sich selber über die eigene Privilegiertheit klar werden sollen.

Ganz einfach: Wer sich nie mit den Mühen des Alltags auseinandersetzen musste, der wird natürlich immer davon ausgehen, dass ein Leben ohne Sachzwänge ganz selbstverständlich ist. Wer nie jeden Morgen irgendwo erscheinen muss, wer nie für seine Einkäufe noch vor Ladenschluss die Kurve kratzen muss, wer nie noch schnell bei der Bank etwas Bargeld holen muss, wer nie vor der Abfahrt noch schnell irgendwo volltanken muss, wird intuitiv ganz selbstverständlich annehmen, dass dies auch nicht zwingend so sein muss.

Und wer sich darüber nicht im klaren ist, der wird auch nicht wissen, dass er selber hochgradig privilegiert ist, wenn er von Haus aus nicht so zu leben braucht.

Und das ist der eigentliche Grund für diese Vertrautmachung mit dem durchschnittlichen Leben. Der schwerreiche Nachwuchs soll das durchschnittliche Leben des Alltagsmenschen kennenlernen - und dadurch dann eben begreifen, was für ein gewaltiges Geschenk es ist, eben nicht zu so einem Leben gezwungen zu sein.

Es ist eben nicht selbstverständlich sondern ein gewaltiges Privileg, von allen diesen Zwängen des Durchschnittslebens befreit zu sein. Links und rechts von mir lerne ich so Menschen kennen, die nicht dümmer sind als ich, die nicht hässlicher sind als ich, die nicht weniger persönliches Format und Niveau haben als ich. Und doch haben diese Menschen, die auch eben so gebildet sind, dieses grosse Privileg eben nicht.

Die können morgen nicht - so wie ich - morgen alles hinschmeissen, weil es ihnen zu dumm ist.

Wer das verstanden hat, wird mit diesem Geschenk um ein Vielfaches verantwortungsbewusster umgehen als jemand, der dies alles als gottgegeben und selbstverständlich betrachtet.

Erinnert fühlt man sich an die französische Königin Marie Antoinette, die auf den Hinweis, das Volk habe kein Brot, mit der Anmerkung antwortete, dann sollten die Leute eben Kuchen essen.

Wer weiss: Wäre Marie Antoinette eben mit dem Leben des Durchschnittsmenschen vertraut gemacht worden, dann wäre sie vielleicht nicht vom Revolutionstribunal mitsamt ihrer ganzen Familie einen Kopf kürzer gemacht worden.

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(*) Achim H. Pollert ist freier Journalist, Fachautor und Ghostwriter

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05.03.2009 19:19
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