Achim H. Pollert: Das Geschäft mit dem Vertrauen

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07.05.2010 17:05
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Achim H. Pollert: Das Geschäft mit dem Vertrauen

Das Geschäft mit dem Vertrauen

Achim H. Pollert über die Schuldenmacherei im Euroland

Die Frage beschäftigt derzeit viele Menschen.

Nicht nur in Europa. Nicht nur in der Bevölkerung. Nicht nur in den Geberländern der EU.

Wer soll am Ende die Zeche bezahlen, wenn einzelne Staaten der Euro-Zone zahlungsunfähig werden? Wer kommt am Ende für die Schulden auf, die die wirtschaftlich schwächeren Euro-Mitglieder aus eigener Kraft nicht mehr zurückzahlen können?

Pleite gehen lassen... ?

Da gibt es natürlich Stimmen, die dafür plädieren, Länder wie Griechenland wirklich auch in die Zahlungsunfähigkeit abgleiten zu lassen. Aus dem Geschichtsunterricht kennen wir den Begriff des "Staatsbankrotts", der vom französischen Königreich im 18. Jahrhundert - bezeichnenderweise im Vorfeld der Revolution, die die königliche Oberschicht grossenteils den Kopf kostete - mehrfach angewendet wurde.

Wie bei jeder Insolvenz wären auch in diesem Fall alle diejenigen die "Lackierten", die diesem Staat Geld geliehen haben. Sicher nicht zuletzt die grossen internationalen Banken, vielfach aber auch das Heer von Anlegern und Sparern, die z.B. Staatsschuldverschreibungen aus dem betreffenden Land gekauft haben.

Das wiederum hätte zur Folge, dass das internationale Anlagekapital sich grossenteils aus dem Euro zurückziehen und sich neue Investitionsangebote in anderen Währungen suchen würde.

Ein solcher Trend wiederum würde zu einem massiven Absinken des Kurswerts des Euro gegenüber den anderen Währungen führen, und das wiederum hätte einen gehörigen Teuerungsschub im Euroland zur Folge.

Die Kosten, die durch einen solchen Preisschub auf Grund eines drohenden Staatsbankrotts entstünden, wären besonders auch in den grossen Geberländern gewaltig. Nicht nur würde jeder Liter Rohöl, jedes Kilo Erz und jede andere Importware durch den schwächeren Euro-Kurs verteuert. Auch müsste die EZB mit einer Anhebung der Leitzinsen reagieren, was auch zur Folge hätte, dass die enormen Staatsschulden der einzelnen Euro-Staaten mit erheblich höheren Zinszahlungen bedient werden müssten.

Zum Vergleich: Bei Anhebung des Zinsniveaus um einen halben Prozentpunkt müsste die deutsche Staatskasse für ihren heutigen Schuldenberg von 1,600 Milliarden alleine acht Milliarden Euro jedes Jahr zusätzlich an Zinsen aufbringen.

Somit käme es unter dem Strich vermutlich deutlich teuerer, das eine oder andere Euro-Mitglied in die Insolvenz gleiten zu lassen, als ihm helfend zur Seite zu stehen und damit das internationale Anlegervertrauen in die Währung und ihren Kapitalmarkt als Ganzes zu stärken.

Wie immer ist auch hier das Anlagegeschäft zu allererst das Geschäft mit dem Vertrauen.

Wer nicht mehr darauf vertraut, dass ihm dort sein Geld auch zurückbezahlt wird, wird es nicht in eine bestimmte Anlageform an einen bestimmten Kreditnehmer geben.

Und einen solchen Vertrauensverlust mit all seinen Folgen können sich die Euro-Mitglieder nicht leisten. Gerade auch die grossen Geberländer wie Deutschland und Frankreich nicht.

Deshalb gilt es allgemein auch kaum als ernst zu nehmende Option, solche Länder Pleite gehen zu lassen. Nicht zuletzt aus diesem Grund erweisen sich die "Junk Bonds" in Euro aus diesen Ländern mit ihren hohen Zinsen als recht interessante Anlage... solange die anderen Euro-Mitglieder dafür einstehen, ist das Verlustrisiko wahrlich nur gering.

"Gebt denen die Drachme zurück!"

Ebenso dürfte es sich bei der verschiedentlich geäusserten Meinung, man sollte solche Länder aus dem Euro wieder hinauswerfen, nicht um eine praktikable Lösung handeln. Was zunächst vielleicht ganz einleuchtend tönt, lässt bei näherem Hinsehen dann doch wesentliche Fragen offen.

Das würde schliesslich bedeuten, dass die Millionen von Personen, die heute in Griechenland ein Konto in Euro haben, dieses Geld zurück in Drachmen gewechselt bekämen. Zunächst wäre hier die Frage zu klären, zu welchem Kurs dies zu erfolgen hätte.

Viel schwieriger aber wäre dann die Frage, ob die denn alle diesem Wechsel einverstanden wären. Würden die alle freiwillig ihr Geld von Euro in Drachmen wechseln? Oder würden die alle ihre Euros noch schnell ausser Landes schaffen? Oder würden die alle ihre Euros noch schnell am Bankschalter in bar beziehen und daheim aufheben?

Müsste man hier - wie einst so viele Staaten in den 70er und 80er Jahren - frühzeitig schärfste Devisenbeschränkungen schaffen? Würde es Sonderregelungen brauchen, z.B. für eine griechische Firma, die von einem französischen Autohersteller einen Lieferwagen kauft und den in Euro bezahlen muss? Wie würde man den deutschen Rentner behandeln, der auf Rhodos in seiner Ferienwohnung lebt und "eigentlich" seine Ruhestandsbezüge in Euro aus Deutschland bezieht?

Fragen über Fragen - und keine ernsthafte Lösung.

Viel problematischer aber wäre auch hier der Vertrauensverlust, den der Euro durch einen solchen "Rauswurf" auf den internationalen Kapitalmärkten erleiden würde.

Bis jetzt konnte man als Anleger recht sicher sein, dass z.B. eine Staatsschuldverschreibung in Euro kaum mit Risiken verbunden ist. Wäre es nun aber so, dass der betreffende Staat im Ernstfall - d.h. wenn Risiken drohen - aus dem Euro ausgeschlossen würde, dann müsste dies zwangsläufig das Anlegervertrauen erschüttern.

Denn dann könnte man schliesslich nirgendwo mehr sicher sein - etwa bei einer mittel- oder langfristigen Anlage -, ob man diese Euros, die man in einem Land anlegt, in dieser Form jemals wieder sieht. In fünf oder zehn Jahren kann viel passieren, und ob bis dahin auch andere Euro-Mitgliedstaaten einfach ausgeschlossen werden - solche, die heute als sicher gelten? -, das kann heute noch niemand sagen.

Und weil kein Wirtschaftsraum der Welt sich leisten kann, das in ihn gesetzte Vertrauen so zu sabotieren, ist somit der Ausschluss einzelner Euro-Länder eben keine wirkliche Option, von den unüberschaubaren Mängeln der Machbarkeit hier einmal ganz abgesehen.

Wie es gemacht wird

Vertrauen also ist das Schlüsselwort.

Nun ist der wesentliche Teil des Problems, dass das Vertrauen der Investoren in die einzelnen Mitgliedstaaten des Euro sehr unterschiedlich ist. Während einige Staaten immer noch Vertrauen geniessen und vergleichsweise günstig Geld auf den Kapitalmärkten aufnehmen können, bekommen wankende Mitglieder ein Junk-Rating verpasst und müssen erheblich höhere Zinsen anbieten.

Weil nun aber die Gesamtheit aller Mitgliedstaaten grundlegend daran interessiert sein muss, das Vertrauen in den Euro zu erhalten, bietet sich eine Sanierung der Wackel-Kandidaten auf eigentlich ganz einfachem Wege an.

Die heute als vertrauenswürdig eingestuften Mitglieder der Währungsgemeinschaft können dasselbe Geld zu viel niedrigeren Zinsen aufnehmen als Junk-Kandidaten. Und genau das tun sie - quasi in Vertretung -, um den Junk-Kandidaten das so aufgenommene Geld weiter zu reichen und sie zahlungsfähig zu halten.

Die erregten Debatten in den Geberländern, die nach dem Muster ablaufen: "Wir müssen denen unser gutes Geld hinterher werfen", treffen also den Kern der Sache nicht wirklich.

Es ist nicht so, dass die Geberländer grosse Geldsummen in ihren Kellern herumliegen hätten, mit denen sie schöne Dinge anstellen könnten und die sie jetzt stattdessen an ihre wirtschaftlich schwachen Währungspartner abgeben müssten.

Vielmehr machen sie ihrerseits Schulden, um ihre Partner zu stützen.

Und wer zahlt die Schulden?

Wenn nun also bei einer Geldaufnahme aussen drauf steht, Schuldner wäre nicht die Republik Griechenland oder das Königreich Spanien, sondern eben die Bundesrepublik Deutschland oder die République Française, dann gibt es auf Grund des grösseren Vertrauens in diese Schuldner das Geld auch zu einem niedrigeren Zinssatz..

Natürlich: Bei Fälligkeit muss dann auch derjenige das Geld zurückzahlen, der da als Schuldner genannt wird.

Kommen die verliehenen Milliarden also nicht aus dem jeweils wackelnden Euro-Staat zurück, dann müssten diejenigen die Rückzahlung leisten, die da als Schuldner darauf stehen. Würde man meinen.

Und spätestens dann würde das Wirtshaus doch auch recht behalten. Spätestens wenn die jetzt für Griechenland, Portugal, Spanien und wen auch sonst noch gemachten Schulden zurückbezahlt werden müssen, dann wäre es doch wohl so, dass "wir für die bluten müssen". Würde man meinen...

Nur: Die grossen Industrieländer Europas haben doch seit Jahrzehnten keine Schulden mehr zurückbezahlt.

Seit den siebziger Jahren schon ist es so gewesen, dass sämtliche öffentlichen Kassen am Ende des Jahres höher - oft viel höher - verschuldet waren als am Anfang. Das heisst nun aber nichts anderes, als dass jede Rückzahlung von einzelnen Schulden (Staatsobligationen, Kredite u.s.w.) vom jeweiligen Staat nur so geleistet wurde, indem er neue - höhere - Schulden aufnahm.

Der Ausbau des Sozialstaats in den Siebzigern, die militärische Hochrüstung während den Achtzigern, die Erschliessung des zusammengebrochenen Ostblocks in den Neunzigern - das alles wurde damals mit Schulden finanziert. Und noch viel mehr...

Diese Schulden sind - wenn man so will - bis heute noch vorhanden. Falls sie bezahlt wurden, dann eben mit Geld, mit dem der Staat sich später noch höher verschuldet hat.

Wer weiss wohl, wie lange die Kredite unbezahlt bleiben, die die Euro-Geberländer jetzt für ihre schwachbrüstigen Partner aufnehmen? Bleiben die auch offen bis zum Jüngsten Tag?

Es ist in der Tat das Geschäft mit dem Vertrauen.

Solange die Kapitalmärkte Vertrauen haben in die starken Euro-Mitglieder, werden diese dann auch bei Fälligkeit ihrer Schulden die Möglichkeit haben, neues Geld aufzunehmen, um die Fälligkeiten zu decken. Und wenn diese Schulden dann fällig werden, geht es so weiter.

Wie bisher.

Wie gesagt: Solange das Vertrauen da ist...

Nur stellt sich natürlich die Frage, was passiert, wenn das Anlegervertrauen dann irgendwann einmal nicht mehr da ist...

http://www.piazza.ch/inserat/10040771/ghostwriter_-_zuverlaessig_diskret...

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