Achim H. Pollert: Der Original Schweizer Halsabschneider

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23.08.2006 13:08
#1
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Achim H. Pollert: Der Original Schweizer Halsabschneider

Achim H. Pollert (*), Journalist und Ghostwriter,

über eine kollektive Selbsttäuschung

Vorneweg zunächst einmal eine Selbstverständlichkeit. In diesem Artikel wird von der einen oder anderen Meinung gesprochen. Natürlich ist das NICHT meine persönliche Meinung. Aber es ist natürlich auch recht unglücklich, wenn jemand sich so verhält, wie das (möglicherweise schäbigste) Vorurteil nahelegt.

Umso wichtiger wäre es, diese Vorurteile auch wirklich zu kennen.

Und wie sieht es da aus mit den lieben Schweizern?

"Der Schweizer" (wer immer das im einzelnen ist) sieht sich selber wohl gerne als in sich gekehrten Biedermann, der eher im bäuerlichen Milieu verwurzelt ist, seine unterschwellige Freiheitsliebe mit etwas Sturheit paart und bei allem doch recht langsam ist. In diesem Vorstellungsprofil spielt die Bauernschläue ebenso eine Rolle wie auch die eine oder andere humanitäre und demokratische Tradition, auf die man im Lande doch recht stolz ist (wenigstens solange es vertretbar ist, diese ganz eindeutig als "schweizerisch" einzuordnen). "Bünzligkeit" - also eine kleinkarierte Beschränktheit - stellt dabei dann wohl die negative Kehrseite des Ganzen dar.

Und dann trifft einen plötzlich diese Erkenntnis, dass die anderen draussen ein ganz anderes Bild von einem haben.

Ziemlich überrascht war ich etwa, als vor einigen Jahren der Mitarbeiter eines Baumarkts im nordfranzösischen Arras, teils augenzwinkernd, aber auch durchaus ernsthaft, zu mir sagte: "C'est les suisses qui nous coupent les gorges."

Sicher: Keine besonders qualifizierte Anmerkung, kein besonderes Niveau. Aber gerade auch deshalb das Abbild für ein Vorurteil, wie es durch die Köpfe der Massen geistert.

Man braucht mir nicht zu sagen, dass Vorurteile meist nichts mit der Realität zu tun haben, dass oft in Wirklichkeit sogar das Gegenteil der Fall ist (denkt man etwa an die französische Kochkunst und die deutsche Fähigkeit zur Organisation...)

Aber was das Halsabschneider-Image der Schweizer angeht, dann bin ich spätestens seit der zweiten Hälfte der 90er Jahre doch auch hellhörig geworden.

Und da gibt es - so leid es mir tut - kaum noch einen Zweifel. Beim Normalverbraucher draussen in der Welt "erfreut" sich der Schweizer grundsätzlich ein wenig dieses Rufs des Halsabschneiders. Und zwar schon lange bevor Max Frisch oder Jean Ziegler mit mehr oder weniger zutreffenden, ernst gemeinten Produkten das Nest "beschmutzten".

Unter einem Schweizer stellt man sich da draussen ganz und gar keinen etwas langsamen, begriffsstutzigen Biedermann vor.

DER WITZ VON GOTT UND DEM SCHWEIZER

Wie etwa ist der Witz zu verstehen, der in Deutschland immer mal wieder an den Stammtischen auftaucht?

Gott erschafft für den Schweizer die Berge, das Land, die Seen, einen Bauernhof und eine Kuh. Die melkt der Schweizer dann und gibt Gott ein Glas Milch zu trinken. Und als Gott dann fragt, ob er noch etwas wünsche, dann verlangt der Schweizer zwei Franken für das Glas Milch.

Selbst von demjenigen, dem man alles verdankt, was man hat, will man noch etwas abstauben.

DAS ist das Bild des Schweizers in der Welt. Der Halsabschneider. Der schräge Geschäftlimacher. Der Profiteur.

Raffgierig und ein bisschen hinterfotzig. Und dabei eher schamlos.

Traurig ist, wie gesagt, wenn Menschen sich gemäss dem Vorurteil verhalten.

Und auch das hat es gegeben. Als etwa die Amerikaner aus Versehen während des Krieges einzelne Häuser in der Schweiz bombardiert hatten, kamen sie selbstverständlich nach Kriegsende für die verursachten Schäden auf. Nur: Die mit amerikanischem Blut gerade befreiten Schweizer verlangten aber von ihren Befreiern zusätzlich zum Schadenersatz auch noch 5 % Zins p.a.

Daran mag nach rein kaufmännischen Usancen möglicherweise gar nichts auszusetzen sein. Das Bild vom hässlichen Schweizer wird dadurch jedenfalls für Aussenstehende bestätigt.

Schon ganz selbstverständlich kommt in jedem einschlägigen amerikanischen und englischen Krimi der Mafioso vor, der seine Millionen und Milliarden von einem Schweizer Bankier verwalten lässt (der seltsamerweise häufig den Namen "Jörg" trägt).

DIE "GUTEN DIENSTE"

In der Schweiz gefiel man sich schon immer, wenn man von den guten Diensten des eigenen Landes sprach. Man meint damit das Humanitäre, das Diplomatische. Alles, was irgendwie mit dem Mythos der Neutralität zu tun hat.

Die Welt da draussen, wie gesagt, versteht darunter etwas ganz anderes.

Da wird dann die Vorstellung wach vom schleimigen Mittelsmann, der seine Hände darin wäscht, dass andere miteinander Streit haben. Der Bankier, der das alles zunächst einmal finanziert, ohne nach moralischen Dingen zu fragen. Der Diplomat, der dann neutral schlichtet - und dabei durchaus auch den Verbrechern gegenüber neutral bleibt. Und schliesslich der Politiker, der dann dem ganzen Konflikt bei sich Heim und Sitz bietet, ohne sich aus dem Fenster zu lehnen und sich selbst an dem ganzen Handel zu beteiligen.

Das ist in erster Linie, was die Menschen draussen in der Welt sich unter den guten Diensten der Schweiz vorstellen.

Und ebenso passt in diesen Vorurteilsrahmen die Vorstellung, dass Schweizer überhaupt nur etwas machen, wenn sie dafür bezahlt werden. So etwa gab es in den 80er Jahren einen englischsprachigen Humoristen, der reihenweise Bücher über die Schweiz und die Schweizer schrieb und in denen es nur darum ging. Etwa darum, dass man in der Schweiz in einem Restaurant für 40 Franken essen kann und dann bei der Rechnung gefragt wird "Hänzi Brötli gha?".

In diese Richtung geht auch die Berichterstattung vor einigen Jahren, in Zürich wollten die Restaurants für Leitungswasser Geld verlangen - und zwar mit zwei Franken pro Glas gar nicht wenig.

Natürlich birgt es ein Benimm-Problem in sich, wenn der Schweizer Notarzt sich bei der ausländischen Ehefrau erkundigt, ob sie es denn gleich bezahlen wollte, als er ihren Ehemann nach einem nächtlichen Herzinfarkt mitnahm. Aber das ändert nichts daran, dass ein Engländer mit launigem Lachen feststellt, in der Schweiz könnte man nicht sicher sein, dass einem vom Arzt geholfen wird, wenn man nicht krankenversichert ist.

WOLLEN WIR ES GLAUBEN?

Noch einmal: Es hat wenig Sinn, wenn wir in einem Aufschrei der nationalen Empörung feststellen wollen, dass das alles nicht den Tatsachen entspricht. Und ebenso ist es nicht hilfreich, darauf hinzuweisen, dass die anderen ja schliesslich auch Dreck am Stecken hätten.

Aber vielleicht fangen wir an zu verstehen?

Wir alle - Inländer wie Ausländer - sind bekanntlich bereit, alle die Sprüche auf Anhieb zu glauben und nachzuplappern, die unsere lange gepflegten primitiven Instinkte bedienen. Und nachdem in jedem Konsumentenmagazin im ausländischen Fernsehen schon einmal dieses Bild des hässlichen Schweizers vorgeführt wurde, ist man bereit, das auch zu glauben.

Allzu gerne war die ganze Welt bereit anzunehmen, dass die Schweizer Banken ganz selbstverständlich die Ersparnisse ermordeter Juden einbehalten wollten.

Und durchaus als "typisch" empfand es der Durchschnittsbürger draussen in der Welt, wenn dem Schweizer Geschäftsführer einer deutschen Grossbank Bereicherung vorgeworfen wurde. Dass der sich dann durch entsprechendes tolpatschiges Auftreten noch weiter in die Kritik brachte, schien für viele Menschen diesen Eindruck vom Schweizer, der hauptsächlich den eigenen Vorteil im Sinn hat, noch weiter zu bestätigen.

Ebenso wie es eine Bestätigung darstellte, als der bekannte Selbstmordverein nach Deutschland drang und dort den Suizid gegen Bezahlung anbot. Und zwar auch, so hiess es, von Leuten die Bezahlung verlangte, die es sich inzwischen anders überlegt hatten und sich gar nicht mehr umbringen wollten.

Solche Images werden in den Medien gerne gepflegt. Und zwar sowohl in der reinen Unterhaltung, wo es jeweils der Schweizer Anwalt ist, der den Verbrecher dann vor der verdienten Strafe rettet, oder auch in der journalistischen Berichterstattung, wo sich die Spur eines Anlagebetrügers irgendwo bei einer innerschweizerischen Briefkastenfirma verliert.

Und so sind alle irgendwie auch bereit, dergleichen zu glauben.

Ob sich daran etwas ändern lässt, etwa mit breit angelegten Image-Kampagnen, ist grundsätzlich zweifelhaft. Und auf die Schnelle schon gar nicht.

Was also kann man als einzelner tun?

Man könnte z.B. an sich selber ein wenig arbeiten.

Damit ist weniger gemeint, sich nun zwanghaft darum zu bemühen, nicht mehr als der Schweizer Halsabschneider dazustehen. Eher könnte man sich selber ein wenig in die Richtung trainieren, dass man auf solche unsinnigen Vorurteile nichts mehr gibt.

Und wenn ich mich auf die Seite derjenigen geschlagen habe, die auf diesen Unsinn nichts geben, dann ist es im Lager der Vorurteilsgläubigen doch schon wieder einer weniger geworden...

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(*) Achim H. Pollert ist freier Journalist, Fachautor und Ghostwriter

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26.09.2006 15:25
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Halsabschneider...

Wirklich ein sehr schöner, gelungener Artikel über das (leider) wahre Leben von Herr und Frau Schweizer. Lol

greez

Wer riskiert, kann verlieren. Wer nichts riskiert, der hat schon verloren.