Achim H. Pollert: Der Stammtisch

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29.03.2012 13:39
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Achim H. Pollert: Der Stammtisch

Achim H. Pollert: DER STAMMTISCH

Achim H. Pollert (*) über die
Deformation der Organisation

Wer es schon einmal erlebt hat, weiss, wovon ich rede.

Ich hatte in einem Diskussionsforum einen meiner kleinen Aufsätze veröffentlicht. Es ging um Glauben und Wissen und darüber, wie sehr die Information durch den individuellen Glauben gefärbt ist.

Das Ganze setzte ich in ein Öko-Forum, wohl auch im Hinblick darauf, dass da vielleicht der eine oder andere produktive Gedanke in Gang kommen würde. Gerade im Umweltbereich, angesichts teilweise enormer Katastrophen, neigen wir schliesslich alle dazu, unsere Wünsche und unseren Glauben in die Dinge mit einfliessen zu lassen.

Nun meldete sich nachgerade ohne Verzug einer der alteingesessenen Teilnehmer dieser Gruppe. Der griff aus meinem Text eine einzige Wendung heraus und kommentierte sie in einigermassen flapsigem Ton.

Natürlich hätte ich darauf nicht reagieren sollen. Natürlich hätte ich das Ganze auf sich beruhen lassen sollen. Leider fügte ich aber hinzu, dass das nun so gar nicht Gegenstand des Beitrags wäre, sondern dass das eher ein Beispiel für das in meinem Text geschilderte Problem wäre. Und leider war ich in meiner Bemerkung eine Note zu ironisch.

“DIE GUTEN ALTEN ZEITEN”

Sofort meldete sich dann ein Dritter zu Wort, der so ein wenig im Tonfall des erhobenen Zeigefingers das Wort an mich richtete – auch ohne sich um den eigentlichen Sachbeitrag zu kümmern -, um mir zu erklären, Ironie käme online eben nicht so durch.

Und schon waren die Anfangszeiten des Internet wieder da.

Damals erlebte man dergleichen laufend. Als das Usenet der Newsgruppen noch eine wichtige Rolle beim Online-Austausch spielte, wo das universitäre Milieu grossen Einfluss hatte. Als die eine oder andere Zeitschrift eine solche Diskussionsplattform unterhielt und dort ebenfalls besucht und gemanagt wurde von einigen so grunderfahrenen  Online-Pionieren…

Es gab seinerzeit diese Foren – ein Grossteil der Newsgruppen, aber auch kommerziell orientierte Plattformen -, in denen genau deswegen kein vernünftiger Gedankenaustausch stattfinden konnte.

Prompt auch kam in dem betreffenden konkreten Fall der erste der beiden mit einer weiteren dummfrechen Bemerkung. Ich habe dann natürlich sämtliche Beiträge von mir aus der Gruppe gelöscht und mich von dem Forum abgemeldet.

Damit war das momentane Problem auch gelöst. Ich brauchte mich nicht weiter aufzuregen und kann mich für den interessanten sachlichen Austausch mit anderen Plattformen befassen.

Und natürlich ist inzwischen das Gros der Online-Begegnungsstätten entsprechend eingerichtet, dass man dergleichen heute nur noch ausnahmsweise erlebt. Die unerfreulichen Plattformen von damals sind grossenteils – wie das ganze Usenet – in einer ganz bizarren Bedeutungslosigkeit versunken, oder sie wurden inzwischen komplett aufgegeben.

Vom Gesichtspunkt des Managements allerdings reicht dieses Problem weiter.

Denn tatsächlich sind an solchen Zuständen Strukturen erkennbar, die viel weiter reichen als nur das eine oder andere soziale Netzwerk. Diese Strukturen – sagen wir das Milieu des Stammtischs – können überall entstehen, wo Menschen miteinander verkehren.

Und überall, wo sie entstehen, können sie das ordnungsgemässe Funktionieren stören oder allenfalls auch ganz zum Stillstand bringen. Das kann eine Betriebskantine sein. Das kann ein Servicebereich mit Portiers und Büroboten in einem Grossunternehmen sein. Das kann eine Arbeitsgruppe irgendwo in einem Unternehmen sein. Ebenso bei öffentlichen Serviceanbietern wie Schwimmbädern, Sportvereinen, Clubs u.s.w. Überall können sich solche Stammtisch-Strukturen bilden, die Betriebsablauf empfindlich stören.

Die Störung besteht dabei darin, dass unqualifizierte – meist langjährige – Gruppenmitglieder sich Kompetenzen der Ausführung anmassen und andere entsprechend befehligen wollen. Das Ergebnis davon ist, dass ein Gros von Mitgliedern (Angestellten, Kunden u.s.w.) durch die Stammtisch-Minderheit ausgegrenzt wird.

MERKMALE

Erstes und wichtigstes Merkmal einer solchen Stammtisch-Struktur ist ein umfassendes Regelwerk, das sowohl wörtlich niedergeschrieben als auch rein informell sein kann. Das kann eine umfangreiche Charta eines soziales Netzwerks ebenso sein wie die eine oder andere mehr oder weniger sinnvolle Regeln, die sich Leute so zusammengereimt haben.

Solche Regelwerke sind vor allem dadurch gekennzeichnet, das die grosse Mehrheit der Betroffenen sie nicht kennt.

Wer da am Stammtisch Platz nehmen darf, auf wessen Empfehlung, was und wieviel er zu konsumieren hat, wen er wie zu begrüssen hat u.s.w. Das alles weiss eine kleine Gruppe im Zentrum dieser Struktur. Alle anderen wissen das nicht, und das Regelwerk wird grundsätzlich auch nicht allzu offen und plausibel propagiert.

Unter dieser Annahme klärt sich plötzlich auch die Frage, wieso solche Stammtische bevorzugt auch im IT-Milieu zu beobachten sind, wo die Wenigen besonders einfach vorgeben können, im Besitze von echtem Geheimwissen und langjähriger Erfahrung zu sein.

Wie was zu geschehen hat, was im einzelnen erlaubt und verboten ist und wer Vollmacht hat, was zu tun, das bleibt für Aussenstehende so ein wenig nebelverhangen. Wohl aber wird jeder, der gegen dieses Regelwerk handelt, in recht barschem, zurechtweisendem Ton darauf hingewiesen, dass dies ein Verstoss ist und dass es so nicht geht.

Und eben dann die Ergänzung, dass ein Dritter – ebenfalls Mitglied der Stammtisch-Hierarchie – hinzukommt und einem wohlmeinend und hilfsbereit erklärt, wie es richtig geht und wie es sich gehört.

Ob es nun um eine Verwaltungsangestellte geht, die Schlüssel für bestimmte Türen selbst auf Vorgesetztenweisung nicht herausgeben will. Oder ob der Hauswart einer Berufsschule ausnahmslos alle Jugendlichen auf den Schulhof scheucht, weil er während den Pausen absolutes Verbot des Aufenthalts im Gebäude konstituiert hat. Oder ob ein paar Alteingesessene in einem Sauna-Verein die Neuankömmlinge mit immer neuen Weisungen piesacken. Oder ob das ein Portier ist, der Passanten in einem Eingangsbereich fernsteuern will.

Das alles ist unerheblich. Das sind nur einzelne Ausprägungen dieses Phänomens Stammtisch.

Am Anfang steht ein komplexes Regelwerk sowie Personen, die sich darauf berufen – und die das benutzen, um individuelle Machtmotive zu realisieren.

FOLGEN

Natürlich.

Die Folgen sind je nach den Umständen des Einzelfalls vielfältig. Der Sinn der Einrichtung insgesamt wird vernichtet, das Klima vergiftet.

In einem öffentlich-rechtlichen Vereinsumfeld, wo es den Kostendruck nicht gibt, wird so etwas so langsam – ähnlich wie die Newsgruppen – zur bedeutungslosen Nebensache werden. Man kennt auch solche Behörden und sonstige Einrichtungen, die so nach und nach ihren Sinn verloren haben und nur noch mit sich selber beschäftigt sind.

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In einer Bildungseinrichtung steht im Vordergrund wohl das Bestreben der Schüler und Studenten, möglichst schnell darüber hinweg zu kommen, und alle sind sie froh, wenn sie es hinter sich haben. Mangelhafte Mitarbeit, zuweilen auch Vandalismus können die Folgen sein davon.

Im kommerziellen Umfeld sind die Auswirkungen gewichtiger, weil sie mit Funktionsfähigkeit, Arbeitszufriedenheit, Kosten und Marktorientierung zu tun haben. Dort kann es immer grössere Probleme mit der Betriebsleistung geben, weil einerseits viele Menschen durch den Stammtisch verunsichert werden, andererseits sich aber auch schwere Mängel in der Motivation ausbreiten.

Vielfach erstickt nicht nur der interne Arbeitsablauf, sondern jeder Kundendienst in der Schwerfälligkeit und Unmotiviertheit dieser Abwicklung.

Die Vergiftung des Klimas durch solche Stammtisch-Strukturen in Arbeitsorganisationen äussert sich darüber hinaus in der Bildung weiterer informeller Zirkel bei Personal, die sich dann gegenseitig demotivieren.

Oft ist eine massive allgemeine Verachtung aller zu erkennen, die sich mit den Unternehmenszielen irgendwie noch identifizieren.

Im Wirtschaftsunternehmen ist eine weitreichende “Verstammtischung” ein Vorzeichen des Zusammenbruchs. Wo es solche Regelwerke gibt, auf die sich die Alteingesessenen berufen, um die anderen auszugrenzen und zu massregeln, wo die Debatte zunehmend darum geht, diesen Regelwerken gerecht zu werden, dort wird bald nichts mehr gearbeitet, weil alle sich eben damit beschäftigen.

Und ausserdem, immer wieder: Gute Leute seilen sich aus einem solche Milieu ab, entweder komplett oder in die innere Kündigung, so dass einem solchen Unternehmen dann über kurz oder lang auch die personellen Ressourcen abhanden kommen, um eine qualitativ hochwertige Betriebsleistung zu erbringen.

GEGENMASSNAHMEN

Und was kann man tun?

Sicher… um das Beispiel des Hauswarts der Schule aufzugreifen. Bei uns damals war das der neue Rektor, der kurzerhand sagte: In meiner Schule können sich die erwachsenen Menschen in der Pause aufhalten, wo sie wollen. Auch da probierte es der Hauswart natürlich noch, indem er sich melden liess, wo sie denn während der Pause herumlungerten, um dort dann aufzukreuzen und im kollegialen Stil anzufangen mit: “So, Männer, was macht ihr denn hier…”

Aber solche Strukturen sind in der Regel nicht auf dem Weisungswege aufzulösen.

Natürlich kann man als Vorgesetzter die eine oder andere Hilfskraft, die sich Befugnisse gegenüber ihren Mitmenschen anmasst, im Einzelfall gehörig stauchen. Das muss man auch.

Aber das Problem als Ganzes bekommt man so nicht in den Griff. Denn zumindest solange sich der Stammtisch auf das vorhandene Regelwerk (“Hausordnung” u.ä.) berufen kann, läuft das Ganze von selbst weiter. Und gerade als Geschäftsführer möchte man möglicherweise auch nicht zu viel Zeit darauf verschwenden, nun immer neuen von diesen kleinen Sonderspielchen nachlaufen.

Der erste Ansatz zu Lösung liegt in der Bekämpfung der “Reglementitis”.

Meist manifestiert sich dieses Umfeld in einem umfangreichen, oft deutlich sichtbaren System von Vorschrift und Kontrolle. Jedes nur mögliche Thema unterliegt einer Vorschrift, und aller Orten trifft man auf solche Hinweise.

“In der Sauna ist textilfreie Zone” – hängt dann dort als Hinweisschild.

“Kein Geschirr auf dem Tisch stehen lassen” – steht in der Kantine auf jedem Tisch.

“Damenbinden gehören nicht ins WC” – hängt auf jeder Toilette im Haus.

Und so weiter. Dadurch entsteht eine Omnipräsenz des Regelwerks. Es ist eine Frage des Klimas, das dann zur Massregelung durch Wenige missbraucht werden kann. Besser ist es, solche kleinen Reglementierungshinweise ab und zu vorübergehend anzubringen. Allenfalls kann diesen Hinweisen dann auch durch ein wenig Humor die Schärfe genommen werden. (“Wer will, kann im Abendanzug in die Sauna – wir gehen nackt” o.ä.)

Besserung ist zu erhoffen, wenn die Reglementation selber sowie auch der “Schilderwald” im öffentlichen Raum – insbesondere, wenn es um reine Vorschriften ohne jeden Informationswert oder komplette Banalitäten geht – deutlich eingedämmt wird.

Versucht man, dem Problem auf dem Weisungsweg beizukommen, besteht eher die Gefahr, dass dem Uebermass an Reglementation noch weitere Vorschriften, Ge- und Verbote zugefügt werden.

Die zweite Gegenmassnahme besteht in der Verunsicherung des Stammtisch-Charakters schlechthin. Denn eins der grossen Probleme daran ist, dass die betreffenden Personenkreise sich ihrer Sache zu sicher sind. Sie wissen, wie es richtig ist. Sie kennen die Vorschriften. Sie haben einen Hintergrund, auf den sie sich berufen können.

Soll der Stammtisch aufgelöst werden, muss diese Selbstsicherheit seiner Angehörigen gebrochen werden.

Das ist zu erreichen zunächst mit verallgemeinerten Vorschriften. Beispielsweise ein Passus wie: “Alle Mitglieder sind gehalten, sich im Umgang stets grösster Höflichkeit, Hilfsbereitschaft und gegenseitiger Rücksichtnahme zu befleissigen” beugt einer Anmassung gezielt vor.

Denn was “grösste Höflichkeit, Hilfsbereitschaft und gegenseitige Rücksichtnahme” konkret ist, darüber muss man nachdenken. Und das verunsichert insbesondere diejenigen, die sich in einem umfassenden Detail-Regelwerk wohl fühlen.

Ferner ist  angeraten, mit einer Vorschrift aus einem Regelwerk jeweils eine Kompetenz zu verbinden, die nicht zu niedrig angesetzt werden sollte. Etwa: “Missachtungen der Zutrittsordnung ist dem Abteilungsleiter zu melden, der disziplinarische Massnahmen erwägt”. So wird bereits in der Formulierung der Anweisung die Zuständigkeit klar geregelt, so dass eine Anmassung durch lokale Subalterne ebenfalls einen Verstoss gegen das Regelwerk darstellt.

Und das ist dann der grosse Zapfenstreich für den Stammtisch.

Wohl bekomm’s…

http://www.piazza.ch/inserat/10040771/ghostwriter_-_zuverlaessig_diskret_preiswert.html

http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Der-Ghostwriter-/story/27055107

 

Aufklappen

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