Achim H. Pollert: Die Polizistenkinder

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02.07.2009 08:37
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Achim H. Pollert: Die Polizistenkinder

Stichwort: Geheimnisse des Reichtums III

DIE POLIZISTENKINDER

Achim H. Pollert (*), Journalist und Ghostwriter, über ein Geheimnis des Reichtums

Schon immer habe ich das Publikum polarisiert.

So in der Mitte, im Hauptstrom, lassen mich die anderen meistens nicht mitschwimmen.

Schon als ich Kind war, gab es da auf der einen Seite die eine Fraktion, die hellauf begeistert war von mir und am liebsten eine Fanclub gegründet hätte. Und daneben dann eben die andere Fraktion, die mich aus tiefstem Herzen abgründig hasste und mir durchaus auch gerne nach dem Leben getrachtet hätte.

Beide ohne dass ich ihnen etwas getan hätte. Nichts Gutes und nichts Schlechtes.

Einfach nur dadurch, dass ich da war.

Als ich ein Kind war, wohnten meine Eltern in einem Mietshaus direkt neben dem Polizeiposten. Unten im Parterre waren die eigentlichen Diensträume, und darüber lagen die Wohnungen der einzelnen Beamten.

So wie ich selber lungerten auch die Kinder der Polizisten meist im Hof herum.

Beschäftigt waren sie irgendwie oft mit dem beruflichen Gezerre der Eltern untereinander. Welcher der Herren zugunsten eines anderen schon einmal bei einer Beförderung umgangen worden war. Wer wem schon einmal was angetan hatte. Wie sich die Beamten im Berufsalltag untereinander das Leben sauer machten.

Und so weiter.

Und dabei ging es ziemlich brutal zu.

Von der blutig geschlagenen Nase bis hin zur unverhohlenen Todesdrohung.

Der schon etwas ältere Sohn des Dienststellenchefs hatte so ein Lächeln wie die James-Bond-Bösewichte drauf. Der Fünfzehnjährige mit diesem irren Gesichtsausdruck, der dann den Sechsjährigen mit der Tötung drohte, das hatte durchaus beträchtliches Einschüchterungspotential.

MEIN PROBLEM

Mein grösstes Problem war aber Konrad.

Konrad war einige Jahre älter als ich. Einer der Söhne des stellvertretenden Dienststellenleiters.

Und vom ersten Tag an seit unserem Einzug in dem Haus hasste Konrad mich. Er war vielleicht zehn und ich vielleicht fünf, und Konrad hasste mich. Wenn ich im Hof war, fiel mir manchmal auf, wie er am Fenster stand und mich mit giftig verzerrtem Gesicht betrachtete. Wenn ich im Hof sass, kam er manchmal herunter, um mir Spielzeug abzunehmen und es kaputt zu machen. Wenn ich im Hof sass, kamen manchmal andere Kinder zu mir, um mich zu warnen, Konrad hätte es auf mich abgesehen.

Meine Eltern nahmen diese Rangelei zwischen Kindern zunächst auch nicht für voll.

Wenn ich, der Kleine, vom Hof kam und etwas sagte, dass ich Angst hätte, wurde zunächst abgewinkt. Die anderen Kinder würden mir schon nichts tun. Da bräuchte ich keine Angst zu haben. So etwas käme vor. Das wäre halt schon wie im richtigen Leben später einmal.

Als dann im Verlauf einiger Zeit die Geschichte mit den Polizistenkindern insgesamt etwas konkreter wurde. Als da dann schon einmal der Eine oder Andere verprügelt wurde. Als der Dienstchef-Stellvertreter im vertrauten Kreis dann auch einmal ansatzweise sein Leid klagte über seinen missratenen Konrad, der doch so starke Minderwertigkeitskomplexe hätte, und dass man sich das gar nicht so recht erklären konnte. Als das Ganze also insgesamt etwas heisser wurde, gaben mir meine Eltern den Rat, mich doch etwas mehr zu wehren gegen solche Anfeindungen. Es brauchte ja nicht unbedingt Konrad, der Sohn von einem Polizisten, zu sein. Es würde da ja völlig ausreichen, wenn ich mir einmal einen herausgreife und mir den ordentlich vornehme.

Mein Vater erzählte mir seinerzeit, wie er selber als Kind in meinem Alter von Sträuchern Stöcke geschnitten und die Vierzehnjährigen verdroschen hätte. Und meine Mutter riet mir, ich sollte eben auch das Gute sehen, dass ich eben darauf vorbereitet würde, mich im späteren Leben einmal durchzusetzen.

Also in der Tat mein Problem.

Berichtet wurde mir aus der Verwandtschaft von solchen Kindern, die, wenn sie auf der Strasse verhauen wurden und das daheim ihrer Familie erzählten, dort gleich noch einmal ihre Schläge bekamen. Eben dafür, dass sie dabei versagt hatten, sich draussen im Leben durchzusetzen.

Mein Problem mit Konrad erledigte sich schliesslich nach einiger Zeit.

Als er mir wieder einmal irgendwo hinter einer Ecke auflauerte, hatte er übersehen, dass ich - zufällig - in Begleitung meiner Mutter war. Als er dann auf mich losging und meine Mutter ihn davon abhielt, beschimpfte er sie als "Sau". Das wiederum hatte zur Folge, dass mit dem Vater von Konrad ein ernstes Wort gewechselt wurde, der seinem Sohn daraufhin Anweisung gab, mich in Zukunft nicht mehr zu hassen.

Von da an waren Konrad und ich - und die anderen Polizisten- und Nicht-Polizistenkinder - Freunde.

Von da an war ich Teil des Hof-Clans, und unsere gemeinsame Aktion richtete sich gegen andere. Zunächst einmal beispielsweise gegen den kleinen Michael, den Sohn von einem neu in die Dienststelle versetzten Beamten, der sich nicht so recht in die Ordnung am Arbeitsplatz einfügen wollte.

Von da an begann meine Karriere als Gassenkind.

DIE GASSE

Die Welt der Gasse bestand zunächst einmal daraus, dass sie keine Substanz hatte.

Der Schein war alles, was zählte. Die Angeberei. Die vermeintliche Ehre.

Der Umgang war rücksichtslos, laut und brutal.

Einen echten Inhalt hatte das Ganze nicht. Es gab kein wirkliches Wissen. Es gab kein wirkliches Können. Es gab keine Werte, keine Verantwortung, keine achtenswerten zwischenmenschlichen Gefühle. Stattdessen die pure zur Schau gestellte Aeusserlichkeit, das inhaltslose Geschwafel, Lug und Trug, Gemeinheit, Hinterlist und Missgunst.

Und ich mitten drin. Ich dachte, das müsste so sein.

Ich dachte, die Welt wäre so und bestünde aus Wirtshäusern.

Das fing an mit den Bierschwemmen, in die mich mein Vater mitnahm, wo am Stammtisch geschwafelt wurde. Das ging über die jugendlichen Saufclubs, in denen bis zur Ohnmacht "abgefüllt" wurde. Und das hörte auf mit den Fünfsterne-Schuppen, wo man den momentanen eigenen wirtschaftlichen Erfolg zur Schau trägt... und vielleicht sogar dem einen oder anderen Prominenten über den Weg läuft.

Ich dachte, die Menschen wären so.

Das fing an mit dem gewalttätigen Konrad und seinen Mittätern, das fing an mit den beiden Schwesterlein unter den Polizistenkindern, die schon im Kindergarten- und Spielgruppenalter ausgeprägte sexuelle Regungen an den Tag legten. Das ging über Karl, der täglich einen Diebstahl beging, über Dieter, der mich in ein Pyramiden-Glückspiel verwickeln wollte, und über Rudolf, der rund um die Uhr vom grossen Durchbruch durch Gauner-Geschäfte erzählte. Und das hörte auf bei Heinrich, der Abteilungsleiter bei einer Bank war und mir Freundschaft vorheuchelte, um sich von mir in den Abendstunden kostenlos umfangreiche Beratungsleistung zu holen.

Ich brauchte viele Jahre und viel persönliche Kraft, um mich von der "Gasse in mir" zu befreien.

Ich musste mühsam und oft schmerzlich lernen, dass das Geschwafel auf der Gasse stets mit Vorsicht zu geniessen ist. Das Geschwafel von der nachgerade unglaublichen eigenen sexuellen Erfahrung und Leistungsfähigkeit, ebenso wie von den grossartigen Karrierechancen in dieser oder jener Firma und von der todsicheren Geschäftsmöglichkeit. Ebenso wie all die Versprechungen zu Zusagen, die Behauptungen über das eigene Verhalten und den eigenen Charakter.

Ein Gewirr von sinnlosen Meinungen, von vorgekochten Behauptungen und unwahren Tatsachen, die ich zunächst alle auch für gesichertes Wissen hielt.

BEHUETET VOR DER GASSE

Nicht einmal in jenen Jahren wäre mir nun auf der Gasse oder in ähnlich öffentlich zugänglichen Räumen so ein Altreicher begegnet. Jemand, dessen Vorfahren vor hundert und zweihundert Jahren schon etwas persönliches Niveau und Format hatten. Jemand, der eine geschäftliche Chance wirklich nachhaltig zu nutzen wusste, soll heissen: der dreissig, vierzig und fünfzig Jahre danach immer noch das erworbene Vermögen besass. Jemand, der einigermassen angenehm im Umgang war und auf dessen Wort man sich verlassen konnte.

Nirgendwo in dem Dunstkreis der Gasse. Weder in der Bierschwemme an der Ecke, noch im gediegenen Restaurant. Noch im Mehr-Sterne-Schuppen.

Im Geschäftsleben hatte ich natürlich Kontakt mit solchen Leuten.

Aber diejenigen wollten im grossen und ganzen mit mir nichts zu tun haben.

Denn schliesslich kam ich ja auch von der Gasse und müsste mich erst davon lösen.

Diese meine Erfahrung ist bezeichnend für eins der Geheimnisse des Reichtums.

Die Altreichen, die es schaffen, ein Vermögen, eine verzweigte Familie, ein Lebenswerk über Jahrhunderte zu erhalten, haben insbesondere als Kinder kaum Berührung mit der Gasse. Wer grosse Werte und einen ganzen Clan über Kriege, Revolutionen, Zusammenbrüche und Katastrophen hinweg rettet - immer wieder und immer wieder neu! -, wird BEHUETET aufgewachsen sein.

Wer 1918 von den Polen, 1933 von den Nazis, 1945 von den Kommunisten enteignet wurde und heute wieder auf ein Lebenswerk mit intaktem Familienverband und gesichertem Vermögen blickt, der durfte seine Zeit nicht verschwenden, um sich irgendwo draussen mit anderen Kindern zu prügeln, im Wirtshaus Schwachsinn-Parolen von sich zu geben und die Gemeinplätze der Gasse zu verinnerlichen.

Ganz gleichgültig, ob das nun in der Kaschemme "Zu den drei Gleichen", im Gourmet-Restaurant "Benediktinergarten", im "Imperial" oder im "Vier Jahreszeiten" ist.

Wer in so einen Familienverband hinein geboren wird, wurde von seiner Umgebung nie angehalten, sich mit fremden Kindern auf der Strasse zu prügeln. Denn dort weiss man, dass gesellschaftliche Durchsetzungsfähigkeit herzlich wenig mit körperlicher Brachialgewalt zu tun hat, mit der man sich früher oder später wohl auch eine ordentliche Vorstrafe einhandeln kann. Viel eher hat solches Durchsetzungsvermögen zu tun mit dem Verständnis gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Mechanismen - und das wiederum lernt man auf der Gasse so gar nicht.

So jemand musste als Kind auch nicht um seine körperliche Unversehrtheit oder gar sein Leben fürchten. Denn solche Kinder halten sich nicht unbeaufsichtigt auf dem Hof auf. Oder auf der Kirchweih. Oder im Wirtshaus.

Um beim Ausgangsbeispiel zu bleiben: Nicht nur hätte Konrad auf ein solches innerhalb seiner Familie behütetes Kind kaum Zugriff gehabt. Vielmehr hätte Konrad ein solches Kind gar nicht erst gekannt, weil er ihm auf dem Hof nicht begegnet wäre. Er hätte somit diesbezüglich kaum Minderwertigkeitskomplexe entwickeln und seine Mordlust im Rahmen halten können.

Einem behütet aufgewachsenen Kind bleibt nicht nur diese Erfahrung erspart, als Kind alleine gegen den Rest der Welt zu stehen.

Ein behütetes Kind macht auch keine frühzeitige Gassenerfahrung. Es wächst nicht verwurzelt mit all den typischen Vorstellungen auf der Gasse auf. Dass etwa Menschen von Natur aus einen unterschiedlichen Wert hätten. Oder dass es wichtig wäre, was die Gassen-Oeffentlichkeit über mich denkt. Oder das man sich an sein Wort nur in dem Rahmen zu halten brauche, in dem es einem nachgewiesen werden kann. Und all dem anderen mentalen Müll, von dem viele Menschen sich zeit ihres Lebens nicht befreien können.

Und das wiederum setzt Kräfte für andere Dinge frei.

Beispielsweise dafür, seinen Weg im Leben zu suchen und ihn frühzeitig zu verfolgen. Beispielsweise dafür, seine Ansichten auf die eigene Beobachtung und Erfahrung zu stützen. Beispielsweise dafür, sich bestimmte Dinge nicht gefallen zu lassen.

Somit ist die behütete Kindheit - vielleicht wieder im Gegensatz zur Ueberlegung des ersten Anscheins - einer der Schlüsselbegriffe bei den Geheimnissen des Reichtums.

EINE FRAGE DER EINSICHT

Was hier geschildert wird, ist natürlich keine Frage der Genetik, sondern betrifft das Verhalten.

Wer aus einer behüteten Kindheit aufwächst, verhält sich weniger belastet in seinem Leben. Folglich spart er viel Energie, um solche Belastungen zu bewältigen. Wer eine behütete Kindheit erlebt, wird seine Kraft nicht auf der Gasse vergeuden, weil er nicht zur Gasse gehört. Eben jene Energie und Tatkraft, die frei wird für die anderen Dinge.

Eigentlich eine ganz einfache Gleichung.

Das ist mit der Grund dafür, dass diese Leute das Kunststück immer wieder zustande bringen. Trotz Krieg, Umsturz, Enteignung, Unfall, frühzeitigem Tod von Eltern u.s.w.

Und das ist auch mit der Grund dafür, warum ein Grossteil von Finanzjongleuren und Lottomillionären, die eben mentalitätsmässig Teil der Gasse bleiben, nach wenigen Jahren schon wieder insolvent sind.

Eine Frage der persönlichen Einsicht in diese Zusammenhänge und des persönlichen Verhaltens, die eben durch die Distanz zur Gasse mit ihren Machenschaften geprägt werden.

Und wenn wir dann daneben stehen, uns die Augen reiben und uns fragen, wie die das denn gemacht haben, dann müssen wir eben feststellen, dass es sich nicht um die Frage handelt, ob nun die Eltern Grafen, Stadtpatrizier oder Grossbauern waren.

Sich von der Gasse zu distanzieren, seine Kinder von klein auf in dieser Distanz aufzuziehen, das können alle.

Auch Polizisten.

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http://www.piazza.ch/inserat/10040771/ghostwriter_-_zuverlaessig_diskret...

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Ghostwriter Leseproben http://textepollert.wordpress.com :yahoo:

01.11.2010 13:37
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... danke...

Besten Dank für die Blumen in den Kommentaren.

Ich habe jetzt übrigens angefangen, meine Texte zentral zu sammeln unter

http://textepollert.wordpress.com/

Natürlich werde ich trotzdem gerne auch hier weiter publizieren und diskutieren.

Liebe Grüsse an alle

Achim H. Pollert

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03.12.2009 12:29
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editiert

editiert von AHP am 3.12.09

17.07.2009 13:23
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Achim H. Pollert: Die Polizistenkinder

Simona,

vielen Dank für die Blumen...

Möglicherweise sind wir ja nicht nur in der Behandlung der eigenen Kinder zur Vorsicht aufgerufen.

Ich ganz persönlich mache immer wieder gute Erfahrungen damit, auch die "Gasse in sich selber" zu suchen und beherrschen zu lernen... vielleicht ein Leben lang.

Liebe Grüsse

Achim

02.07.2009 09:55
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Achim H. Pollert: Die Polizistenkinder

:idea: Merci für die interessante Lektüre. Eigentlich hätte ich heute Morgen gar keine Zeit gehabt, dies zu lesen. Aber irgendwie musste ich doch, ich fand's halt spannend.- Nicht schlecht, was der Mann da von sich gibt (Ausnahmen bestätigen die Regel). Wenn nur die Sache mit der Umsetzung nicht so problematisch wäre. Man müsste sich wohl etwas Zeit nehmen, damit man sich auch damit befassen könnte - sofern man Kinder hat - oder welche aufziehen will.

Gruss,

Simona