Achim H. Pollert: Die warmen Sessel

1 post / 0 neu
29.09.2011 12:52
#1
Bild des Benutzers Profitexter
Offline
Kommentare: 180
Achim H. Pollert: Die warmen Sessel

Achim H. Pollert: DIE WARMEN SESSEL

Achim H. Pollert (*) über Scham und Führung

Geht Ihnen sicher auch so.

Ehe man sich versieht, gehört man selber zu „den Aelteren“.

Mein Stiefvater war auch schon fast vierzig Jahre älter als ich. Und wenn ich jetzt etwas berichte, was der während des sog. Aktivdiensts bei der Schweizer Armee im Zweiten Weltkrieg erlebt hat, dann mag das manchem von „den Jüngeren“ hier anmuten, als würde ich etwas erzählen wie, ich wäre von Aliens gekidnappt worden.

Heute, da wir alle in Europa von Freunden umzingelt sind, Grenzkontrollen nur noch eine seltene Ausnahme darstellen und konservative Politiker wie Roman Herzog öffentlich darüber nachdenken, ob eine Wehrpflicht – weil es keine erkennbare Bedrohung mehr gibt – denn überhaupt noch mit dem Grundsatz der persönlichen Freiheit vereinbar ist, erscheinen solche Geschichtli aus der Jugendzeit meines Stiefvaters sehr antiquiert und fremdartig.

In den 30er und 40er Jahren des letztes Jahrhunderts, als es in etlichen europäischen Staaten faschistische Regimes gab, als der Krieg immer noch als eine „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ galt, als schliesslich Deutschland mit seinem menschenverachtenden Nazi-Regime die Welt mit einem unglaublichen Krieg überzog, wurde es eng für die kleine Schweiz in der Mitte des Kontinents.

Enger als man befürchtet hatte. Denn eine von dem abstossenden Schreihals in Berlin mit seinen primitiven Ansichten nicht erwartete überlegene Militärstrategie hatte vollbracht, dass der Krieg auf dem europäischen Festland nach wenigen Wochen zunächst einmal vorbei war.

Die vereinten Militärmächte von England und Frankreich hatten nicht vermocht, die Walze zu stoppen. Frankreich war besetzt, und die englische Armee hatte es gerade noch von Dünkirchen über den Kanal heim nach England geschafft, um nicht in Gefangenschaft zu geraten.

Und die Schweiz stand da, mit abgesägten Hosen, wie man so schön sagt.

Ob aussichtslos oder nicht: Es fiel der politische Entschluss, Widerstand zu leisten. Würde die Wehrmacht kommen, dann wollte man nicht – wie, sagen wir, in Oesterreich – mit erhobener rechter Hand am Strassenrand stehen und „Heil, Führer“ johlen. Sondern man wollte sich mit der Waffe in der Hand wehren, notfalls vielleicht bis zum letzten Mann. Es gab immerhin eine „Verschwörung“ von Schweizer Offizieren, die vor hatten, auch eine Kapitulation der Regierung nicht zu akzeptieren und, quasi auf eigene Faust, gegen die Deutschen weiter zu kämpfen.

Man hatte vor, selbst wenn das schweizerische Mittelland besetzt würde, sich in den Alpen zu verschanzen und auch von dort aus weiter Widerstand zu leisten.

Nach dem Krieg hatte dies alles zur Folge, dass man zu den Anständigen gehörte. Man hatte sich nicht fraternisiert. Man war dem Geschwätz von den „germanischen Brüdern“ und dem „Herrenmenschentum“ nicht erlegen. Bei allen dunklen Punkten: Man war sauber geblieben.

Nur konnte das natürlich im voraus niemand wissen. Fünf Jahre würden vergehen, bevor das so weit war.

Es gab mitreissende Schweizer Propagandafilme, die den Widerstandswillen in der Bevölkerung festigen sollten. „Gilberte de Courgenay“ („… ein Soldat, wo sin Pflicht nöd tut, is eine Schand…“). „Landammann Stauffacher“ („… und am nächsten Tag schlug die kleine Schar das vielfach überlegene Ritterheer am Morgarten vernichtend…“).

Alles, was laufen und ein Gewehr tragen konnte, wurde zum Militär eingezogen. Auf eine unabsehbare Zahl von Jahren hinaus.

Nötigenfalls, um den Heldentod zu sterben.

DIE REALITAET

Mein Stiefvater, wie gesagt, gehörte zu dieser Aktivdienst-Generation.

Und wie immer mit solchen Dingen rund um die mitreissenden Mythen ist die Realität irgendwie anders.

Etwa wenn mein Vater von seiner Zeit in Basel berichtete, als das Ganze zu Anfang ziemlich heiss war und niemand wissen konnte, ob die Deutschen denn nun wirklich kommen würden. Da hätte jeder von den Soldaten an der Grenze ein weisses Tuch im Sack gehabt, um eben nicht mit dem Karabiner in der Hand vor dem Panzer den Heldentod sterben zu müssen, sondern sich rechtzeitig der Uebermacht ergeben zu können.

Als ich das zum ersten Mal hörte, hat mich das einigermassen erstaunt.

Aber eine wirklich interessante Geschichte aus der Aktivdienst-Zeit des Vaters trug sich in Luzern zu.

Da bestand sein Beitrag zur Landesverteidigung darin, dass er – offenbar bei ziemlichem Sauwetter – auf einer Kreuzung stand und den Verkehr regeln musste.

Und irgendwann dann wurde der Soldat von der Seite angeherrscht.

„Sie da…“

Da stand dann ein geputzter Heini vom Stab, der dem durchgefrorenen Soldaten erläuterte, dort oben in dem Restaurant im ersten Stock sitze gerade Korpskommandant Allmacht mit einigen Herren beim Gespräch.

Und der Herr Korpskommandant habe von da oben dem Soldaten die ganze Zeit schon zugeschaut.

Er möge gefälligst strammer und ordentlich seine Zeichen machen. Der Herr Korpskommandant habe gesagt, er zeige nicht stramm genug.

Natürlich wäre man versucht, so einen Menschen anzupflaumen, er möge doch bitte hinaufgehen und dem Herrn Allmacht sagen, falls es ihm nicht passe, dann könnte er ja herunterkommen und sich selber hier her stellen.

Aber natürlich hat man dergleichen als einfacher Soldat ja schon von jedem Unteroffizier zu schlucken. Und von einem Hauptmann aus dem Stab, der im Auftrag eines Drei-Sterne-Generals handelt, sowieso. Ausserdem war Krieg, und wegen Befehlsverweigerung konnte man auch in der Schweiz wohl einmal einen Kopf kürzer gemacht werden.

Und ausserdem: Wer kennt sie nicht?

Diese Sprüche von den mehr oder minder grossen Machthabern, bei denen man sich fragt, ob es wahre Menschenverachtung oder einfach nur primitive Taktlosigkeit ist, die sie das sagen lässt.

Selber vom warmen Sessel aus den anderen sagen, sie müssten halt noch mehr in den Dreck steigen. Und sich dabei nicht im geringsten bemüssigt sehen, sich selber aus dem gemütlichen Ambiente zu lösen.

Etwa als ich in den 80er Jahren – es kam damals zu bürgerkriegsähnlichen Krawallen zwischen den englischen Minenarbeitern und der Premier-Ministerin Margaeth Thatcher – einen Top-Manager im englischen Bergbauwesen sagen hörte, es wäre nichts weiter schlimm daran, acht Stunden lang ununterbrochen im Stollen zu arbeiten.

Und dann natürlich besonders heikel die Sprüche von Politikern, wenn es um tatsächliche Todesopfer geht.

Wenn etwa ein paar Soldaten in Afghanistan auf eine Mine getreten sind und zerfetzt wurden. Und wenn ein Politiker dann in einer Grabesrede sagt: „Wir werden vor dieser schändlichen Tat nicht zurückweichen…“

Dann sind das alles Dinge, die eine ethische Komponente haben. Wer sich so verhält, sollte sich zunächst einmal schämen. Andere in persönlich brenzlige Situationen zu schicken und selber dann aus dem umfassenden Schutz heraus Sprüche über eben diese brenzlige Lage zum Besten zu geben, das ist einfach nur eine Sauerei.

Wer sich so verhält, hat keinerlei persönliches Niveau.

Das fängt an bei den kleinen Dingen wie dem Herrn General, der gemütlich mit seinen Herren im Restaurant sitzt und einen Soldaten drangsalieren muss, der da schon stundenlang draussen steht.

Und das hört auf beim Herrn Minister, der rundum bestens bewacht und bedient durch die Gegend brummt und von „wir“ spricht, wenn es ein paar seiner Männer das Leben gekostet hat.

Wir alle haben dabei wohl den Eindruck, dass die Dinge anders aussehen würden, wenn die Machthaber auch ganz persönlich davon betroffen wären. Da würden andere Sprüche geklopft. Da würden die Entscheidungen irgendwie anders aussehen. Da würden „wir“ uns dann doch genau überlegen, wogegen „wir“ nun in ganzer Härte vorgehen oder nicht.

FUEHRUNGSTECHNIK

Neben der Frage des persönlichen Formats stellt sich in diesem Zusammenhang natürlich auch noch die Frage nach der Führungstechnik.

Ist es in Ordnung, mit gar so grosser Selbstverständlichkeit – aus sehr sicherem Abstand – von einem anderen etwas zu tun zu verlangen, zu dem man selber so ohne weiteres nicht bereit wäre?

Natürlich ist uns bewusst, dass Führung, Koordination, Planung, Entscheidung als solche die wichtigsten Aufgaben sind und dass sich diejenigen, die damit betraut sind, nicht mit anderer Beschäftigung aufhalten sollen. Es ist also ohnehin schon fragwürdig, wenn solche Gestalten am oberen Ende überhaupt Zeit und Musse finden, jemanden ganz am unteren Ende so zu drangsalieren.

Natürlich muss – im schlimmeren Fall einer militärischen Konfrontation – das leitende Personal vor persönlichen Angriffen geschützt werden. Denn das wäre dann im Fall einer bewaffneten Auseinandersetzung der sichere Tod für alle. Bei allem Wenn und Aber… grundsätzlich wenigstens ist es so.

Das eigentliche Problem ist aber, dass jemand mit solchen menschenverachtenden beschämenden Sprüchen das „Wir-Gefühl“ des Ganzen aufhebt.

Wer so etwas von sich gibt, geht stillschweigend davon aus, dass er sich nicht nur nicht die Hände schmutzig macht, weil er Wichtigeres zu tun hat, sondern eben weil er von Natur aus darüber steht. Der Augenblick, in dem jemand meint, er wäre „aus Prinzip“ den üblen Folgen seines Handelns entzogen – die anderen wohl aber nicht -, ist der Anfang vom Ende.

„Wovor willst du zurückweichen? In deinem schön geheizten Büro im Regierungsviertel?“

„Störe ich Sie beim Essen, Herr General, wenn ich nicht stramm genug den Verkehr regele?“

„Kommen Sie mal acht Stunden mit in die Zeche, Mister Manager?“

Woher will so jemand die Kompetenz beziehen, anderen Weisungen zu erteilen?

Von Natur aus?

Es gibt Gegenbeispiele.

Als etwa Winston Churchill, Enkel des Herzogs von Marlborough, im Ersten Weltkrieg sein politisches Amt als Marineminister – Kommandant der damals grössten Seestreitmacht der Welt – verlor, zögerte er nicht, danach seinen Posten als Bataillonskommandant in der Armee wieder aufzunehmen und in Frankreich an der Front Dienst zu leisten.

Wer weiss: Vielleicht hatten unter seinen Soldaten nicht gar so viele ein weisses Tuch in der Tasche…

http://www.piazza.ch/inserat/10040771/ghostwriter_-_zuverlaessig_diskret...

http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Der-Ghostwriter-/story/27055107

Aufklappen

Ghostwriter Leseproben http://textepollert.wordpress.com :yahoo: