Achim H. Pollert: Dumm, aber nett

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07.03.2011 10:49
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Achim H. Pollert: Dumm, aber nett

Achim H. Pollert: Dumm, aber nett

als Management-Ansatz...

Sicher: Es ist ein Mythos.

Aber wir wissen alle: Es gibt ihn wirklich, den Simpel, der dann im Ernstfall wirkliche menschliche Grösse beweist. Es gibt diese Menschen, die einfach gestrickt – um nicht zu sagen dumm – sind und die unerwartet das Falsche bekämpfen und das Richtige tun.

Und wir wissen auch alle, dass uns diese Simpel mit echtem persönlichem Format im wirklichen Leben nicht begegnen. In Wirklichkeit ist es der absolute Normalfall, dass die Dummen der Gemeinheit, dem hohlen Geschwafel und selbst dem organisierten Verbrechen keinen Widerstand leisten. Im günstigsten Fall versuchen sie, sich ein wenig zurückzuhalten, den Kopf einzuziehen und irgendwie durchzukommen.

Im günstigsten Fall, wie gesagt. Im günstigsten Fall schweigen sie. Im günstigsten Fall lavieren sie sich irgendwie um die Klippen herum, die das Leben so für uns bereit hält. Vergessen nie, darauf zu verweisen, dass sie ja eigentlich nur kleine Leute sind, die selber Opfer waren. Und wollen ansonsten an nichts schuld gewesen sein.

Ob das nun die Grossmutter ist, die einem gerne noch ein liebevolles Brot macht, jedoch nicht imstande ist, Anzeige zu erstatten gegen den Schwiegersohn, der regelmässig die Kinder misshandelt und missbraucht.

Oder ob das der Hausmeister an der Münchner Universität ist, der nicht aus nazistischer Ueberzeugung sondern rein aus Ordnungssinn nicht wegschaute, als die Studenten Sophie und Hans Scholl Flugblätter gegen das Regime verteilten, und sie aufs Rektorat brachte. Und der durchaus beteuerte, dass er nichts dafür konnte, dass die beiden jungen Leute unverzüglich vom Nazi-Regime geköpft wurden.

Unerheblich ist das. Solche Fälle demonstrieren eben nur dieses typische Verhalten der einfachen Leute, wenn sie eben nicht gerade das Format eines Ausnahmemenschen haben.

Zum Beispiel Ronald…

Ronald war so ein Mensch.

Er war Engländer, arbeitete bei einer Bank und stand im Rang eines Direktors. Stiller, feiner Posten. Keine Arbeit, dickes Gehalt. Ronald war dahin so gekommen, wie man eben in eine solche Position kommt. Als mässig erfolgreicher Handelsvertreter war er in mittleren Jahren einem gehobenen Bänkler begegnet, und der hatte ihn einfach so toll gefunden, dass er ihn in eine entsprechende Position gehievt hatte.

Erfolgreich hatte er seinen Mit-Engländern vorgemacht, er könnte mehrere Sprachen fliessend, was nicht der Fall war. Und seitdem war es eben von selbst ins Rollen gekommen. Mit Mitte fünfzig hatte Ronald dann schon zwanzig Jahre unbeschwertes Champagner-Leben hinter sich.

Tatsächlich war Ronald kein unsympathischer Mensch. Im grossen und ganzen nett im Umgang, oft sehr launisch, manchmal primitiv in Ansichten und Verhaltensweisen, aber auch recht humorsinnig und hilfsbereit im Alltäglichen.

Und Ronald war dumm wie Saubohnenstroh. Und – noch mehr! – er war sogar einer, der das wusste und der sich auf ein Leben damit eingerichtet hatte. Es war zwar ermüdend, ihm einfachste nachvollziehbare kaufmännische Zusammenhänge erklären zu müssen und an seinem Gesichtsausdruck zu sehen, dass er nicht verstand, wovon man redete. Aber er war selber keiner der Dummen, die sich für intelligent halten. Und er war auch keiner der Charakterlumpen, die mit den anderen aggressiv werden, weil sie sich mit der eigenen Dummheit nicht abfinden können.

Und weil er wusste, dass er dumm war, war er eben so einer von den kleinen Leuten, die ihr im Grunde armseliges Champagner-Leben mit allen Mitteln erhalten wollen. Und dafür war er wenn nicht zu allem, dann doch zu vielem bereit. Insbesondere war er bestrebt, die Erwartungen, die sein berufliches Umfeld formal an ihn stellte, punktgenau zu erfüllen.

Das fing an bei der bankmässigen englischen Kleiderordnung. Und das hörte auf damit, dass er mit einer prall gefüllten alten Aktentasche herumlief, so dass es aussah, als würde er sich Arbeitsunterlagen mit nach Hause nehmen, obwohl darin nichts weiter als alte Zeitungen steckten.

Insbesondere hielt er sich detailgenau an sämtliche schriftlichen Weisungen. Dass von einem Direktor eigentlich zu erwarten wäre, dass starre Dienstanweisungen durchaus ausser Kraft zu setzen sind, wenn sie im Einzelfall keinen Sinn machen oder durch ein höheres Interesse aufgehoben werden, interessierte Ronald nicht. Wahrscheinlich wäre er zu solchen Erkenntnis auch nicht fähig gewesen.

Dieser blinde Schriftgehorsam zusammen mit der vorauseilenden Erfüllung aller Erwartungshaltungen war es auch, der Ronald schlussendlich zu einem hoch problematischen Arbeitskollegen machte.

Denn Ronald konnte einem keine zuverlässige Zusage machen.

Selber denken konnte er nicht. Also musste er stets etwas haben, woran er sich halten konnte. Und das wiederum führte eben dazu, dass er die anderen regelmässig im Stich liess. Kunden. Vorgesetzte. Untergebene.

Die machten dann durchaus zwiespältige Erfahrungen mit ihm. Einerseits war da dieser Mensch, der dem äusseren Anschein nach ganz nett und sympathisch war. Und andererseits machte man die Erfahrung, er wäre ein ganz falscher Fünfziger, indem er immer dann, wenn man ihn irgendwie brauchte, den Kopf eingezogen hatte und nicht da war.

Unzuverlässig, wenn nicht gar hinterlistig und bösartig.

Dabei war er nur dumm wie Saubohnenstroh und versuchte deshalb, sich irgendwie durchzulavieren. Einfach nur, um seine Luxus-Existenz zu erhalten. Und so kam er über die Runden. Zum Nachteil seiner Mitmenschen. Die wurden verprellt, verarscht, hinters Licht geführt und betrogen. Und nicht wenige von ihnen fragten sich, wieso ein so netter Mensch eigentlich so ein Drecksack sein konnte.

Ronald hatte keine richtigen Freunde. Er hatte immer alleine gelebt. Seine Familie war weit weg und froh, dass sie nichts von ihm hörte.

Er ging mit 60 in den grosszügig ausgestatteten Ruhestand, während manch einer wohl mitleidig darüber lächelte, dass er sich sehr sorgte darüber, ob er wohl mit diesen opulenten Bezügen über die Runden käme.

Und drei Jahre später war es dann vorbei mit seinem vergoldeten Ruhestand.

Sie fanden ihn am Weihnachtstag in einer Fussgängerzone. Er war früh morgens in der menschenleeren Fussgängerzone herumgeirrt und dort einen Herzinfarkt erlegen.

Die Schwierigkeit

Bei allen diesen Menschen, die keine ausgesprochenen Dreckschweine, sondern einfach nur dumm sind, ist die Schwierigkeit, dass es keinen Unterschied macht.

Es macht eben keinen Unterschied, ob sich jemand mies verhält aus Dummheit, weil er die Folgen seiner Miesheit nicht abschätzen kann. Oder ob er tatsächlich aus Boshaftigkeit seinen Mitmenschen ein Ei um das andere legt.

Das Ergebnis ist unter dem Strich dasselbe.

Die Eltern, die keinen Aerger wollen und deshalb den prügelnden Pfarrer nicht anzeigen, sind nicht besser als der Pfarrer, der aus Geltungssucht oder sexuellen Motiven die ihm anvertrauten Kinder missbraucht.

Die Mutter, die halt irgendwie über die Runden kommen will und tatenlos zuschaut, ist im Ergebnis nicht besser als der Vater, der über Jahre hinweg regelmässig die Tochter vergewaltigt. Sie ist kein Opfer, obwohl wir emotional durchaus geneigt wären, dies anzunehmen.

Das ist, wie gesagt, mitunter schwierig.

Für jegliche Management-Aufgabe ist die Erkenntnis allerdings durchaus beachtenswert. Wenn es etwa um die Besetzung eines Pöstleins geht, wo beispielsweise eher Zuverlässigkeit und eher keine intellektuelle Kreativität nötig ist, dann kann dies ein Thema sein. Setze ich da eine dumme Nuss hin, riskiere ich dasselbe, als hätte ich da das grösste Dreckschwein hingesetzt.

Da sorgt dann der Hauswart dafür, dass jedes auch nur fünf Minuten widerrechtlich geparkte Auto unverzüglichst abgeschleppt wird. Da drangsaliert der Portier jeden Mitarbeiter, dessen interner Haus-Ausweis abgelaufen ist, mit extremsten Schikanen. Und so weiter.

Und zwar nicht, weil der Betreffende besonders bösartig ist, sondern weil er saudumm ist.

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07.03.2011 11:13
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Achim H. Pollert: Dumm, aber nett

Interessant. Kann man das etwas erweitern?

Achim als Einzelperson. Doch, leicht zu verstehen. Haben wir nicht die Erweiterung schon im Artikel. Die Familie, welche sich im Gleichklang verhält.

Erweitern wir weiter, kommen wir zur Gemeinde, welche sich genauso verhalten kann. Weshalb werden rechtsextreme Versammlungen nicht verhindert...vielleicht, weil Armin mein Nachbar ist und der Jass am Samstagabend wartet?

Erweitern wir weiter, kommen wir zum Land, zum Landesverbund. Weshalb wird über ein Flugverbot für Libyen diskutiert, bis niemand mehr verantwortlich gemacht werden kann, weil der Diktator gesiegt hat. Schliesslich hat er noch immer das Oel unter Kontrolle von Armin. Wer weiss, wer zuletzt lacht. Sicher ist sicher.....

Kommen wir zur westlichen Gesellschaft, wo sich alle solidarisch erklären mit der Armutsbekämpfung. Und dabei weiterhin Billiglohnländer dazu benutzen, dass es den eigenen Einwohnern besser geht. Und ob Armin wirklich bei den minderjährigen Mädchen in Thailand war beim letzten Ferienflug, der doch immerhin auch Arbeitsplätze von Armin's Nachbarn sicherte...

Wobei auch man innerhalb dann wieder bei Armin angekommen ist. Dumm, dreist. Sind wir das wirklich alle?

Wegschauen ist so einfach. Und wenn ich nicht an der Börse handle, dann tut es doch sowieso einfach ein anderer....