Achim H. Pollert: Ferdy und die Sozialisten

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05.04.2007 13:20
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Achim H. Pollert: Ferdy und die Sozialisten

Ferdy und die Sozialisten

Achim H. Pollert (*), Journalist und Ghostwriter,

über eine Beobachtung im betrieblichen Alltag

Es ist ja immer wieder erstaunlich, wer welche Meinungen und Ideale vertritt.

Erstaunlich vor allem deshalb, weil man immer wieder beobachtet, dass die Menschen solche Ansichten doch weitgehend unabhängig von ihrer persönlichen Situation verbreiten. Wir kennen dies natürlich aus der Geschichte. Wenn etwa abstossende Primitivlinge mit glänzendem strähnigem schwarzem Haar, die aussehen, als würden sie stinken, das hohe Lied vom zivilisierten gutaussehenden blonden Herrenmenschen singen. Je schmuddeliger sie selber aussehen, desto mehr zeigen sie sich begeistert von Ordnung und Sauberkeit.

Und wir kennen weniger dramatische Fälle wie Sittlichkeitsapostel aller Art, die selber durchaus den von ihnen verdammten Sinnenfreuden nicht abgeneigt sind.

Trotz alledem ist es doch immer wieder erstaunlich, wenn einem dergleichen im Alltag begegnet.

So würde man ja wohl vermuten, dass jemand, der diese beinharte rechtsliberale Wirtschaftsfreundlichkeit an den Tag legt, selber doch eigentlich einer von den Starken sein müsste. Wer das hohe Lied singt vom Ueberleben des Tüchtigsten. Wer alles Soziale in der Gesellschaft grundsätzlich für übertrieben hält. Wer stets das grosse Wort schwingt, jede kritische Publikation wäre ihm "zu sehr links". Wer jegliche Massnahme zum Arbeitnehmerschutz als abwegig qualifiziert.

Von dem würde man eigentlich erwarten, dass er selber einer von den Starken und Tüchtigen ist. Einer, der selber nie auf das Soziale in der Gesellschaft und den Schutz der Arbeitnehmer am Arbeitsplatz angewiesen war.

DAS HAENDCHEN

Ob Ferdy ein besonderes Händchen für das Geschäft hatte, weiss ich nicht. Ich kannte ihn nur aus der Kaffeepause, wo wir immer mal wieder mehr zufällig zusammensassen. Er stand als Prokurist bei einer grossen Bank einer Gruppe von ein paar Leuten vor. Wie erfolgreich er dort war, kann ich nicht beurteilen. Seine Leute immerhin schienen nicht allzu sehr von ihm begeistert zu sein. Doch das war nichts weiter als mein ganz persönlicher Eindruck.

Denn Ferdy war stets am Maulen über die Arbeitnehmer, die ständig am Abstauben sind - so als wäre er selber kein Angestellter sondern ganz privat und persönlich Eigentümer des Ladens.

Wie das mit dem Händchen für das Geschäft bei Ferdy war, weiss ich also nicht.

Auf jeden Fall hatte er eine verkrüppelte Hand. Weitgehend bewegungsunfähig und irgendwie kleiner und schmäler als die andere, hatte er sie meist auf dem Schoss liegen, oft noch dezent verdeckt mit einer zusammengefalteten Zeitung.

Und ich bin mir sicher, dass Ferdy seine Behinderung so weit zu kaschieren verstand, dass viele andere Angestellte dort diese gar nicht wahrnahmen. Wenn er da so sass, die Beine übereinandergeschlagen, die Hand so ruhend. Wenn er durch die weitläufige Eingangshalle ging, den Arm schnurgerade an der Seite herunterhängend. Dann fiel da nicht gross etwas von Behinderung auf.

Auf der anderen Seite: Wenn es einem einmal aufgefallen war, dann schien man noch mehr zu bemerken in seinem Gesamt-Erscheinungsbild und seinem Bewegungsablauf. Da schien irgend etwas schief und unausgeglichen zu sein.

Ob es sich dabei um eine angeborene Missbildung handelte oder ob Ferdy einmal einen Unfall gehabt hatte, kann ich nicht beurteilen. Das spielt auch weiter keine Rolle. Jedenfalls dürfte gerade Ferdy einer gewesen sein, der das Soziale im Staat sehr zu schätzen wusste.

Dass er "ganz normal" aussah, sich mühelos bewegen konnte, einer Arbeit nachging, die weit über das Basteln mit Holzklötzchen in einer Betreuungsstätte hinausging, das alles schien Ferdy doch zunächst einmal dem Umstand zu verdanken, dass er in eine Gesellschaft hineingeboren worden war, in der man sich auch um die Schwächeren bemüht.

DAS GROSSE WORT

Mich erstaunte es damals, wie gesagt, über alle Massen, als ich Ferdy das politische Wort führen hörte.

Natürlich. Es war gegen Mitte der 80er Jahre. Damals neigte man bei den politischen Ansichten noch mehr zur Polarisierung. Man war rechts oder links. Und man war fest davon überzeugt, dass die eigene politische Richtung alles besser machte, während die anderen gegenüber mit Sicherheit die Gesellschaft in den Abgrund führen würden.

Eine Mentalität des Ausgleich war damals nicht die Mode. Ganz im Gegenteil wurde man als Einzelner durchaus auch schubladisiert. War man z.B. in Deutschland als Konservativer bekannt, dann war damit auch gleich schon von vorne herein klar, dass man es mit den Verbrechen der Nazis nicht allzu genau nehmen wollte. War man irgendwo auf der Welt als Sozialdemokrat bekannt, dann stand für die anderen eben auch von vorne herein fest, dass man alle Freiberufler und Unternehmer ersatzlos enteignen wollte.

Aber die Vorstellung, dass die verschiedenen gesellschaftlichen Strömungen innerhalb der Politik zum Ausgleich gebracht werden müssen, war damals noch wenig verbreitet.

Aber man hätte doch irgendwie erwartet, dass dieser Gedanke der Versöhnung am ehesten von so jemandem wie Ferdy hätte kommen sollen. Einerseits aufstrebender Kleinmanager bei einer grossen Bank, der eines Tages vielleicht Geschäftsführer eines riesigen Finanzkonzerns wäre. Andererseits aber wohl auch einer, der ganz persönlich durchaus auch schon von den Segnungen der Zivilisation mit ihren sozialen Einrichtungen profitiert hatte.

Aber Ferdy war eben ein ganz beinharter neoliberaler Scharfmacher.

Als damals der Bildschirm-Arbeitsplatz zunehmend eingeführt wurde, brachte er natürlich auch die üblichen Diskussionen mit sich darüber, ob das ständige Arbeiten vor dem Computer gesundheitsschädlich sei, was man als Massnahmen zum Schutz der Arbeitnehmer einrichten könnte. Ferdy hatte zu diesem Themenkreis nun aber eine ganz eigene Meinung.

Er nämlich fand, dass überhaupt keine Schutzmassnahmen nötig seien. Schliesslich würden dieselben Arbeitnehmer, die sich im Geschäft jetzt über das neuartige Flimmern der Bildschirme aufregten, daheim vor dem Fernseher oder im Spielsalon vor dem Videospiel überhaupt nicht aufregen. Also warum dieser Aufruhr?!

Und dabei zuckte er mit den Schultern und liess beide Arme im Schoss vor sich zusammengelegt.

Und so legte Ferdy zu allen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Fragen eine ausgesprochen scharfe rechtsbürgerliche Meinung an den Tag. Zu aussenpolitischen Fragen führte er jeweils nicht so sehr das grosse Wort, sondern schloss sich lieber der Meinung des einen oder anderen Mitmenschen an, den er für ebenfalls politisch rechtsstehend hielt. Wohl weil er einerseits von den Fragen der Aussenpolitik nicht allzu viel verstand, andererseits aber auch weil in jenen Jahren schon die heftig Rechten keine Scheu hatten, sich auf intensive Wirtschaftsbeziehungen mit den bösen Kommunisten einzulassen.

UND DANN DIE SOZIALISTEN...!

Nun war es so, dass in jenen Jahren zum ersten Mal im kontinentalen Kerneuropa in einem grossen Land ein Politiker an die Regierung kam, der sich nicht nur als Sozialdemokraten sondern als Sozialisten bezeichnete und der sich ausserdem zu der Zeit ein durchaus radikales Image gab.

François Mitterand war zum Präsidenten der Französischen Republik gewählt worden.

Und das verunsicherte viele Menschen, nicht nur in Frankreich selbst sondern in ganz Europa.

Nicht einmal so sehr dass die grösste Landstreitmacht Westeuropas unter dem Oberkommando eines so Linken stand. Nicht einmal der Umstand, dass hier ein Sozialist den sprichwörtlichen Finger auf dem Knöpfchen eines kompletten atomaren Arsenals hatte.

Dergleichen wurde eher als nachrangige Begleiterscheinung empfunden.

Dabei hätte man ja seinerzeit schon vermuten können, dass solche Massenvernichtungswaffen in den Händen eines Sozialisten die rechtschaffenen Bürger doch sehr hätten verstören müssen - wenn doch die Sozialsten, wie jeder wusste, so schlimme Finger waren...

Ganz und gar nicht.

Vielmehr waren die Leute damals alle über die Wirtschaft besorgt.

Wenn irgendwo die Sozialisten dran kommen, so das allgemeine Lied, dann geht es mit dem Land wirtschaftlich im grössten Tempo bergab. Staatsverschuldung! Arbeitslosigkeit! Allgemeine Verarmung!

So sehr schienen sich da die Leute einig zu sein, dass man sich schon bald wundern musste, dass sich wenig zuvor überhaupt so viele Franzosen gefunden hatten, die freiwillig Mitterand gewählt hatten. Immerhin wären sie ja wohl am ehesten davon betroffen.

Aber selbst dieses Szenario gab nicht zu weitergehenden Befürchtungen Anlass, etwa dass eine sozialistische Regierung sich zunächst einmal wirtschaftlich an den Rand des Abgrunds manövrieren würde, um dann aus Angst vor dem kompletten Absturz mit den Massenvernichtungswaffen zu drohen - ähnlich dem damals noch sehr präsenten Ostblock.

"UND WENN FRANKREICH AUSFAELLT?"

Aber Ferdy führte dort dann auch das grosse Wort.

Wie vielleicht alles im Leben sah er das Ganze aus dem finanzpolitischen Gesichtspunkt. Und so hielt er weniger die Gefahr für bedrohlich, dass die Franzosen in Massen arbeitslos würden. Das wäre ihm persönlich vermutlich auch egal gewesen. Und auch am Zusammenbruch der Sozialsysteme fand er nichts Schlimmes. Immerhin war dabei wohl auch schon bemerkenswert, dass ausgerechnet Ferdy auch nichts weiter daran auszusetzen hatte, wenn z.B. die Krankenversorgung in Frankreich zusammenbrechen würde.

Immerhin war er persönlich ja kein Franzose.

Nein. Ferdy posaunte in der Pausenzone hinaus: "Wenn Frankreich als Schuldner ausfällt - wer zahlt das?!"

Gemeint war damit die internationale Zahlungsfähigkeit des Landes. Dass etwa die Banque de France nicht mehr ihre Zahlungen an die Bank of England oder die Deutsche Bundesbank würde leisten können. Dass man sein Geld, wenn man es einmal nach Frankreich hineintransferiert hatte, nicht mehr von dort herausholen können würde. Dass man nicht mehr ohne weiteres Waren nach Frankreich liefern könnte, weil man nicht sicher war, ob die Bank des Kunde dessen Ueberweisungsauftrag auch ausführen würde.

So ganz schlimme Dinge also. Und das alles weil Frankreich eben nun eine sozialistische Regierung hatte.

Das bereitete Ferdy, wie gesagt, grosse Sorgen.

Und, wie gesagt, mich erstaunte dabei im Laufe der Zeit zunehmend, dass ausgerechnet Ferdy so eine beinharte Linie vertrat. Denn immerhin gehörte er doch wohl eher zu denjenigen, die froh sein konnten, in einer solidarischen Gesellschaft zu leben. Hätte er sein eigenes Ansichtsprofil umgesetzt, dann wäre er persönlich ja Gefahr gelaufen, irgendwo in einer Innenstadt als Bettelkrüppel, seine Behinderung noch betonend und übertreibend, um milde Gaben zu bitten, nur damit er überhaupt leben konnte.

Ob er dann auch so beinhart in seinen Ansichten gewesen wäre? Oder hätte er dann das Hohe Lied anstatt vom Kapitalismus vom Sozialismus gesungen? Von der Gleichheit aller Menschen? Von der Brüderlichkeit als dem "vergessenen Postulat der bürgerlichen Revolution"? Vom letzten Gefecht?

Wer weiss. Zu singen gibt es bekanntlich auch auf der Linken genug.

WAS FERDY NICHT WUSSTE

Ich weiss natürlich nicht, was aus Ferdy geworden ist. Dafür habe ich mich vor zu langer Zeit aus der Angestelltenexistenz abgeseilt.

Natürlich wissen wir die Antwort auf seine Frage von damals. Sollte ein Mitglied des Internationalen Währungsfonds und der EU wirtschaftlich ausfallen, dann springen die anderen ein. Und im Zeitalter des Euro stellt sich auch die Frage nach Wechselkursdifferenzen innerhalb Europas nicht mehr so sehr, so dass eine Zahlungsunfähigkeit auf dem Niveau der einzelnen Volkswirtschaft kaum eine reale Gefahr darstellt.

Aber internationale Finanzforderungen dürfen, was Europa betrifft, durch politische Instrumente besser gedeckt und abgesichert sein als jede andere Forderung.

Nicht zuletzt ein Werk, an dem der Sozialist Mitterand mit gebaut hat.

Wenn indessen eine angestellte Manager-Pfeife den Karren an die Wand fährt, im grossen Stil Mist baut und einen Unternehmenszusammenbruch verursacht - möglicherweise wie Ferdy in späteren Jahren.

Wer zahlt das?

(*) Achim H. Pollert ist freier Journalist, Fachautor und Ghostwriter

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