Achim H. Pollert: Was gebe ich zu?

3 Kommentare / 0 neu
16.03.2011 12:10
#1
Bild des Benutzers Profitexter
Offline
Kommentare: 180
Achim H. Pollert: Was gebe ich zu?

Was gebe ich zu?

Achim H. Pollert über das Management in der Krise

Haben Sie es bemerkt?

Wie es aussieht, sind Politiker und sonstige Machthaber in Japan nicht besser als an vielen anderen Orten auf der Welt.

Im Verlauf der Katastrophenfolge konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass eben diese Machthaber immer nur das zugegeben haben, was sowieso jeder gerade schon sehen konnte.

Da war zunächst, als man sich noch gar kein Bild der Lage machen konnte, die Rede von einer grossen Katastrophe mit vielleicht tausend Todesopfern. Als dann die unglaublichen Bilder des Tsunami über die TV-Bildschirme liefen, der Lastwägen auf Hausdächer und Industrieschiffe auf Ueberlandstrassen schwemmte, war die Rede von geschätzten 10,000 Opfern.

Dann hiess es, als man Helfertrupps über verwüstete Mondlandschaften irren sah, man hätte inzwischen 5,000 Tote geborgen, und mindestens 10,000 Menschen würden zur Zeit noch vermisst.

Wer weiss: Vielleicht sind dann am Ende 50,000 ums Leben gekommen. Oder gar noch mehr.

Und ganz ähnlich ging es dann dort weiter, als die nuklearen Schwierigkeiten offenbar wurden.

Da war zunächst die Rede von einem Zwischenfall, um den man sich kümmern müsste. Auch das wurde dann immer schlimmer. Und die öffentlichen Verlautbarungen dazu schienen der Entwicklung hinterher zu hinken. Soll heissen: Am Morgen war im Fernsehen etwas zu sehen, und die Regierung bestätigte da gerade den Zustand vom Vorabend.

Vernunftgedanken

Natürlich.

Es gibt an der Stelle einer Regierung auch Vernunftüberlegungen, die nahelegen, dass man eine Panik verhindern muss. Besonders wenn man es mit dem grössten zusammenhängenden Siedlungsraum der Welt zu tun hat.

Was passiert, wenn die Menschen im Grossraum Tokyo - fünfmal so viele wie in der Schweiz - davon stürmen wollen, um sich vor der radioaktiven Katastrophe zu schützen? Was passiert, wenn 35 Millionen Menschen alle gleichzeitig Lebensmittelvorräte für die kommenden zwei Wochen kaufen wollen? Oder auch nur: Was passiert, wenn alle Kontoinhaber in der Gegend gleichzeitig am Bankschalter auftauchen und ihr Geld abheben wollen?

Dergleichen darf nicht eintreten, natürlich.

Deshalb sind offizielle Stellen gehalten, in solchen Situationen keine Panik zu machen.

Neben dieser allgemeinen Vorgabe aber erinnert das Ganze aber doch auch an standardmässiges Politikerverhalten.

So hat es auch der Herr Guttenberg vor einigen Wochen mit den Fragen nach seiner Doktorarbeit gemacht. So hat es damals wohl schon US-Präsident Richard Nixon rund um die Watergate-Affaire gemacht. So haben es Scharen von Funktionsträgern in Dutzenden von Affairen rund um Parteispenden und Fichen und Falschaussagen und Vetterliwirtschaft und Kapitalveruntreuung und eben auch Grosskatastrophen getan.

Nämlich: Ich gebe das zu, was man mir beweisen kann oder was sowieso offen auf der Hand liegt. Und mehr nicht.

Wo es um direkte Vorwürfe und persönliches Fehlverhalten geht, ist so etwas verständlich. Man hat aber doch auch das Gefühl, dass das Verhaltensmuster über den urpersönlichen Bereich hinaus geht.

Wie es sein müsste...

Offenheit.

Wenn es einen Bereich gibt, in dem diese Forderung Vorrang hat, dann ist es doch wohl im Krisenmanagement. Wenn da draussen verunsicherte, verängstigte Menschen hocken, die auf ein klares Wort hoffen, dann ist man schlecht beraten, denen ein bisschen beruhigenden Blödsinn vorzusetzen.

Denn die werden - insbesondere im Zeitalter der unbegrenzten Kommunikation - recht schnell mitbekommen, wenn man sie für dumm zu verkaufen versucht.

Und dann werden sie noch mehr verunsichert und verängstigt - eben dadurch, dass sie keine verlässliche Informationen bekommen.

Es wäre also gerade im Umgang mit der Krise wohl eher angezeigt, die vorhandenen Informationen einigermassen unverblümt offen darzulegen. Es gehört dazu, die bestehende Situation nicht zu beschönigen und daneben offenzulegen, welche Dinge man noch nicht weiss und was man noch zu tun gedenkt.

Es gibt Beispiele, wo das so gemacht wurde. Und es gibt Beispiele, wo genau dieses Verhalten das Ganze zu einem guten Ende führte.

Eigentlich ganz einfach.

Eigentlich wie generell schon im Management.

Offenheit bringt am meisten.

Und einfach etwas aus dem hohlen Bauch heraus zu behaupten, das ist allemal schlimmer als klar einzugestehen, dass man dieses oder jenes nicht weiss.

Warum ist es so?

Wie gesagt: Wenn es um persönliche Verfehlungen geht, mag dieses Verhalten durchaus verständlich sein. Wenn andere hinter einem her sind, einem nach Amt und Würden trachten, einem ein Bein stellen wollen, dann reagieren vielen Menschen ganz normal so.

Im wirklichen Strafprozess ist das dann ohnehin erlaubtes Verhalten: Ich brauche nicht zuzugeben, was mir nicht zweifelsfrei bewiesen werden kann.

Interessant ist indessen, warum sich Menschen nun aber hinsichtlich einer Faktenlage ebenso verhalten. Und sicher ist das ein Punkt, an dem jeder einzelne sein persönliches Verhalten unter die Lupe nehmen kann.

"Don't shoot the messenger..."

Die englische Redensart bezeichnet diese Neigung, den Ueberbringer der schlechten Nachricht zu verurteilen. Dies reicht vom alten Rom mit unmenschlichen Kaiser, die tatsächlich die Ueberbringer von schlechten Nachrichten hinrichten liessen, über neuzeitliche Diktatoren mit ihren Tobsuchtsanfällen, während denen sich niemand traute, ihnen eben schlechte Nachrichten zu melden.

Aber auch wenn nicht der erzürnte Menschenfresser auf der anderen Seite des Schreibtischs sitzt, ist es rein menschlich nur verständlich, dass man selber nicht unbedingt der Ueberbringer einer Hiobsbotschaft sein will.

Ganz am Rande: Wer selber schon einmal eine solche Botschaft zu überbringen hatte - etwa über den Tod eines Angehörigen -, kennt dieses Gefühl. Es gibt zu diesem Thema eine Reihe von primitiven Witzen vom Wirtshaustisch.

Wie gesagt: Warum sollte es nun einem Politiker anders ergehen, wenn er einer Oeffentlichkeit zu erklären hat, dass soundsoviel tausend Menschen ums Leben gekommen sind? Oder dass in den nächsten dreissig Jahren noch soundsoviel tausend daran sterben werden?

Oder auch schon bei einem Wirtschaftsmanager, der die Börsen-Oeffentlichkeit darauf hinweisen müsste, dass sein Unternehmen am Abgrund steht?

Durchaus menschlich verständlich.

"Es ist noch immer gut gegangen..."

Auch das ist natürlich menschlich verständlich, dass man die Schreckensnachricht selber nicht für wahr haben will.

Oft sind eben die Dinge nicht so schrecklich und so dramatisch, so dass man mit Schönreden vielfach irgendwie über die Runden kommt. Da wird dann in der Wirtschaft die Beinahe-Pleite doch noch abgewendet ebenso wie, sagen wir, in der allgemeinen Politik die Mega-Katastrophe. Dahinter steckt tatsächlich dieser Gedanke, dass man sich selber täuscht über das Schlimmste.

Reichlich Sprichwörter bekräftigen uns in diesem Glauben. Etwa dass alles nicht so heiss gegessen wird.

Nur: Wenn halt das Schlimmste, das passieren kann, wirklich eintritt, dann ist es eben nicht mehr gut gegangen - wie sonst immer.

Diese Haltung beobachten wir schliesslich bei uns im alltäglichen Leben durchaus auch immer wieder. Und als einer derjenigen, die das Heft in der Hand haben - eben einer der Machthaber -, ist man mit diesen Dingen ja auch direkt betraut. Und womöglich ist man dann genauso bereit, an einen immer noch guten Ausgang zu glauben, wie wenn man mit einer schweren Krankheitsdiagnose konfrontiert wird.

Auch das menschlich: Es wird schon irgendwie gut gehen...

Und dann natürlich: Der eigene Hintern...

In unserem heutigen Sprachgebrauch bildet sich schon der Ausdruck "verantwortlich" so nach und nach zurück.

Wer indessen Verantwortungsträger ist, sollte eben damit rechnen, dass er quasi den Kopf hinhalten muss, wenn irgend etwas schief läuft, das er hätte voraussehen können.

Angefangen bei einer zu positiven Marktprognose als Wirtschaftsmanager... oder einer zu sonnigen Immobilienbewertung als Fonds Manager...

... bis hin zu nicht ausreichend erdbebensicheren Gebäuden in der Provinz, für die er nie hätte eine Baubewilligung erteilen dürfen, und möglicherweise zu wenig ausgefeilten Massnahmen im Falle der Flutkatastrophe.

Von der Betriebsbewilligung für Kernkraftwerke in der Erdbebenzone ganz abgesehen.

Aus Gründen, die den eigenen zu rettenden Hintern betreffen, neigt man somit natürlich gerne dazu, die Dinge schön zu reden für den Fall, dass man selber nachher zur Verantwortung gezogen wird. ("Honni soit, qui mal y pense..." aber möglicherweise hat dieser Umstand sehr dazu beigetragen, dass die Machthaber in Deutschland innerhalb eines Tages in der Lage waren, sich über die Abschaltung aller alten AKWs zu verständigen).

Und so ist man auch hier, menschlich verständlich, sehr geneigt, die Dinge schön zu reden und das Schlimme immer gerade einmal knapp so weit zuzugeben, wie es sowieso schon klar erkennbar ist.

Das alles mag menschlich sehr verständlich sein.

Ein vertrauensbildendes Verhalten gegenüber denen, die da draussen sitzen, und auf Information hoffen, ist es nicht.

http://www.pinwand.ch/Dienstleistungen/Ghostwriter-Erfahrener-Texter-441...

Aufklappen

Ghostwriter Leseproben http://textepollert.wordpress.com :yahoo:

18.03.2011 08:55
Bild des Benutzers Profitexter
Offline
Kommentare: 180
Besten Dank

Rainii,

besten Dank für die Blumen!

Positives Feedback habe ich immer mal wieder auch durch direkte Nachrichten (und natürlich dadurch, dass ich web-weit viel zitiert werde).

Ich habe auch angefangen, meine Texte zentral zu sammeln (siehe Link im Anhang). Bis das aber so weit komplett ist, werden noch Jahre vergehen...

Wem meine Texte gefallen, kann mich gerne weiter empfehlen Wink

Und ab und zu publiziere ich auch ein Buch mit Texten.

Aber ich werde gerne auch weiterhin hier vorab publizieren... ist eine angenehme Community.

Nochmals liebe Grüsse!

rainii wrote:

Hallo Profitexter

Schon ein paar Mal wollte ich Dir antworten und mich für Deine interessanten Texte bedanken, ich lese diese immer mit grossem Interesse!

(ich surfe oft vom Ipad aus und da ist das tippen einfach etwas mühsamer als normal, darum bin ich eher nur der Leser im Moment und deshalb kommt mein Dank auch etwas spät, ich wollte das Dir eigentlich schon bei Deinem letzten Beitrag schreiben)

Schade, dass sich sonst noch niemand bequemt hat, einen Feedack zu hinterlassen

Gruss, Rainii

17.03.2011 12:59
Bild des Benutzers rainii
Offline
Kommentare: 281
Achim H. Pollert: Was gebe ich zu?

Hallo Profitexter

Schon ein paar Mal wollte ich Dir antworten und mich für Deine interessanten Texte bedanken, ich lese diese immer mit grossem Interesse!

(ich surfe oft vom Ipad aus und da ist das tippen einfach etwas mühsamer als normal, darum bin ich eher nur der Leser im Moment und deshalb kommt mein Dank auch etwas spät, ich wollte das Dir eigentlich schon bei Deinem letzten Beitrag schreiben)

Schade, dass sich sonst noch niemand bequemt hat, einen Feedack zu hinterlassen

Gruss, Rainii