Achim H. Pollert: Wer hätte Stonehenge bauen können?

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20.08.2007 10:11
#1
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Achim H. Pollert: Wer hätte Stonehenge bauen können?

Wer hätte Stonehenge bauen können?

Achim H. Pollert (*), Journalist und Ghostwriter,

über Miseren und Mysterien

Es waren die frühen 70er Jahre.

Ich war gerade halbwüchsig und entstammte dem bildungsfernen unteren Mittelstand.

Und es brach das grosse Science-Fiction-Fieber aus. Die Bezeichnung "Science Fiction" hatte den Weg in die breite Bevölkerungsmasse noch nicht gefunden. Besonders genoss ich, dass die Erwachsenen etwas säuerlich und betreten lächelten bei der Verwendung des Wortes "Fiktion".

Schon etliche Jahre zuvor war Dietmar Schönherr als Commander McLane auf der Suche nach den Ausserirdischen durch das endlose Universum geflogen. In einer englischen Fernsehserie namens "Ufo" wurden dieselbigen auf der Erde gejagt. Inzwischen kommandierte William Shatner als Captain Kirk das Raumschiff Enterprise. Charleton Heston kämpfte in "Planet der Affen" mit intelligenten Gorillas und ass in "Soylent Grenn" unwissentlich seine Mitbürger in Form von kleinen Keksen. Die Welle überschwemmte zunehmend die Szene. Das Ganze würde dann wohl einige Jahre später einen fieberhaften Höhepunkt im handlungslosen Film "Unheimliche Begegnung" finden.

Seither wohl ist Science Fiction eine fest verankertes Genre in der Unterhaltungswelt und schafft immer neue Massenprodukte (sehr gerne mit der Vorsilbe "Star-").

Wie auch immer: Ich las damals etwa für ein Jahr lang die übliche Heftchen-Serie, von der ich in dem Alter zu Anfang auch durchaus begeistert war. Und ich war mir doch weitgehend darüber im klaren, dass es sich dabei eben um Fiktionen handelte

Egal wie realistisch oder unrealistisch das nun im Einzelfall in Buch und Film daherkam - für mich war es in erster Linie etwas, das sich ein Autor ausgedacht hatte, um sein Publikum zu unterhalten.

ABER ES GEHT AUCH ANDERS...

Dieses Bewusstsein - wie bei mir -, dass es sich um reine Fiktionen handelte, war natürlich nicht ganz so weit verbreitet.

Tatsächlich gab es in jenen Jahren durchaus Menschen, die viel von diesem Unsinn für bare Münze nahmen. So etwa tauchten immer mal wieder Berichte auf von Leuten, die behaupteten, von Ausserirdischen entführt worden zu sein. Die Ausseridischen hätten sie jeweils ganz genau untersucht, ihnen mitunter auch diverse Körpersäfte abgezapft.

Und natürlich vergessen wir den einen nicht, der damals ganz oben auf dieser Welle schwamm und in vielen Wirtshäusern und angrenzenden Gebieten als der Verkünder neuester wissenschaftlicher Tatsachen galt. Der mit "Erinnerungen an die Zukunft" kam, die "Aussaat im Kosmos" proklamierte und sogar "Beweise" beschwor. Später, als die Thesen immer schwerer haltbar wurden, verlegte sich der damalige Amateur-Forscher mehr und mehr auf den Entertainment-Sektor, wobei die Variationen seiner Mutmassungen im Lauf der Jahrzehnte immer mal wieder ein wenig abgeändert wurden.

Dass mein erster Vorgesetzter bei einer Schweizer Grossbank daran glaubte, dass die alten Aegypter die Pyramiden nicht hatten bauen können und deshalb das Ganze "zweifellos" von Ausserirdischen errichtet wurde, mag ja noch angehen. Gestützt wurde diese mit Händen und Füssen proklamierte These noch durch weitere Tatsachen, wie etwa, dass ja in Südamerika in genau derselben Pyramidenform gebaut wurde wie in Aegypten. Folglich musste ja das alles von Ausserirdischen stammen, die sowohl die Hochkulturen der Alten wie auch der Neuen Welt beeinflussten.

Dieser erste Vorgesetzte von mir hatte ja nichts weiter als eine kaufmännische Lehre absolviert und war nun Prokurist einer Grossbank. Da konnte man ja auch nicht mehr erwarten.

Einigermassen schockiert war ich indessen, als ein Onkel von mir sich damals auch durchaus gläubig zeigte und von den Ausserirdischen erzählte.

Dieser Onkel nämlich war nun nicht einfach irgendein kaufmännischer Angestellter, der sich nicht vorstellen kann, dass man etwas Schweres auch bauen kann, wenn man keinen Tieflader und keinen Bagger hat.

Vielmehr war dieser Onkel von Beruf Bauingenieur.

Auch wenn er nicht explizit während seiner Ausbildung ein solches Kapitel durchgenommen hatte ("Der Bau eines Steinkreises aus tonnenschweren Granitquadern im Naturverfahren" o.ä.), hätte er doch genug wissen können, um durch ein wenig erschliessendes Denken dahinter zu kommen, dass beispielsweise die alten Briten durchaus in der Lage waren, die Kultstätte in Stonehenge zu errichten.

Durchaus war man damals fähig, das Ganze zu konzipieren und zu planen, eine Fläche dafür vorzubereiten, grosse Quader von vielen Tonnen Gewicht aus dem Fels zu hauen und über eine grosse Strecke heranzuschaffen. Und durchaus war jemand damals auch fähig, diese gewaltigen Blöcke aufzustellen, und zwar so, dass Sonne und Mond zwischen ihnen genau vorhergesagte Schatten warfen.

Das alles, ohne dass Luke Skywalker oder Perry Rhodan mit ihren Beamern ausser der Reihe eingegriffen hätten. Weder mussten die Blöcke der Pyramiden mit Anti-Schwerkraftgeräten planeben in die Landschaft gesetzt werden, noch mussten die harten Sandsteinblöcke von Stonehenge mit Laserkanonen geschliffen werden.

Das alles war mit den Mitteln der Zeit möglich.

Und mein Onkel, der Bauingenieur, hätte das eigentlich wissen sollen und deshalb solche Science-Fiction-Wahnvorstellungen nicht zu glauben brauchen.

WAS "MAN" KANN

Nach dieser befremdlichen Begebenheit sollte es nochmals Jahre dauern, bis mir dieser Zusammenhang zwischen dem Nichtwissen und dem Glauben an Hirngespinste klar wurde.

Es war wieder mit einem mittleren Bankangestellten, der mir in einem Gespräch erläuterte, es wäre ja nun eigentlich naheliegend, dass man früher angenommen hatte, die Erde wäre eine Scheibe. Dass alle über Columbus gelacht hätten, wäre ja schliesslich ganz selbstverständlich gewesen.

Und da ging mir dann der Zusammenhang auf.

Schon in der Antike wusste "man", dass die Erde Kugelgestalt hat. "Man" hatte das aus einer Reihe von Beobachtungen geschlossen.

Aber der Umstand, dass "man" das wusste, heisst beileibe noch nicht, dass alle das wussten.

Und gerade das eben ist der springende Punkt.

Es gab damals durchaus Menschen, die Stonehenge nicht hätten bauen können. Wahrscheinlich die grosse Mehrheit der Zeitgenossen hätten keinesfalls eins der grossen damaligen Monumente errichten können. Ganz im Gegenteil: "Man" hatte solche Bauwerke errichtet, um die grosse Masse derjenigen zu beeindrucken, die selber so etwas nicht zustandegebracht hätten.

"Man" hatte die Monumente dahingestellt - und die staunende Masse, die selber ja oft noch nie ein Gebäude aus Stein gesehen hatte, war wohl auch geneigt, an das Wirken von Göttern zu denken. Die Zeitgenossen kamen nach Gizeh oder nach Stonehenge und standen vor etwas, das ihnen völlig unerklärlich war.

EINST WIE HEUTE

Und da fällt es einem dann wie Schuppen von den Augen: Nichts, gar nichts hat sich im Lauf der Zeiten verändert. Viertausend Jahre später stehen erneut Menschen vor diesen Gebäuden, die sie selber ohne moderne Hilfsmittel nicht hätten bauen können.

Wo das lösbare Problem für viele einzelne zum unlösbaren Problem wird.

Und genauso, wie diese Menschen, die es selber nicht gekonnt hätten, vor Jahrtausenden an das geheimnisvolle Wirken von Göttern glaubten sind sie heute durchaus auch geneigt zu glauben, dass hier Ausserirdische mit ihren Super-Maschinen tätig geworden sind. Ganz einfach auf Grund des Schlusses, dass ein Mensch so etwas nicht hatte errichten können - weil sie selbst es nicht hätten errichten können.

Und wieder einmal bestätigt sich, wie sehr man doch auf dem Holzweg sein kann, wenn man allzu rasant von sich selbst auf andere schliesst (und umgekehrt). Der Peinlichkeit sind dann womöglich keine Grenzen mehr gesetzt.

DAS PROBLEM DAHINTER

Sehen wir vom Unterhaltungswert einmal ab.

Halten wir unser Gelächter so weit im Zaum.

Dann müssen wir aber doch auch feststellen, dass sich hinter diesem Phänomen des Hirngespinsts ein durchaus auch ernsthaftes Problem verbirgt.

Tatsächlich wird uns hier vorgeführt, wie allerlei Dinge, die in die Kategorie "lösbares Problem" gehören, umgedeutet werden zu unüberwindlichen Hindernissen und unerklärlichen Mysterien. Die Lösbarkeit wird von vorne herein ausgeschlossen, weil man selber wahrscheinlich zu blöd ist, um die Fragestellung zu lösen. Oder, schlimmer noch, weil man sich selber im Laufe seines Lebens nie bemüht hat, vorgegebene Trampelpfade zu verlassen.

Und dies somit eine Misere der Gegenhwart: Aus blossen Organisationsfragen werden tiefgründigste Geheimnisse. Wo die Skizzierung einfachster Erklärungsmodelle angezeigt wäre, entsteht plötzlich nicht enden wollender Diskussionsbedarf. Und wo sich Problemlösungen geradezu aufdrängen, herrscht der Stillstand. Ueber Jahre und Jahrzehnte hinweg.

Und dieses Verhaltensmuster geht weit, weit über die amüsanten Halluzinationen der Science-Fiction-Welle der 70er Jahre hinaus. Vielmehr ist dies ein Verhaltensmuster, das heute die Gesellschaft als Ganzes erfasst hat - so scheint mir zumindest.

WAS BRAUCHEN WIR?

Jeden Tag: Lösbare Probleme werden zu den unüberwindlichen Hürden.

Forschung wird nicht betrieben. Erfindungen werden nicht gemacht. Organisatorische Massnahmen werden nicht ergriffen. Politische Entscheidungen werden nicht getroffen.

Dabei brauchten wir wahrscheinlich - heute wie damals - an den entscheidenden Stellen und nicht zuletzt auch bei der Berichterstattung nichts weiter als wieder ein paar Menschen, die Stonehenge hätten bauen können...

(*) Achim H. Pollert ist freier Journalist, Fachautor und Ghostwriter

http://www.piazza.ch/de/inserat/2426961/ghostwriter_-_zuverlaessig_diskr...

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08.01.2008 08:38
Bild des Benutzers arunachala
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Achim H. Pollert: Wer hätte Stonehenge bauen können?

dein zweiter beitrag ist phänomenal!

seid schlang wie die klugen und schlug wie die klangen. (kasimir 487)

08.01.2008 08:33
Bild des Benutzers Profitexter
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Achim H. Pollert: Wer hätte Stonehenge bauen können?

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