Achim H. Pollert: Wer trägt die grösste Last?

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06.05.2008 11:44
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Achim H. Pollert: Wer trägt die grösste Last?

Wer trägt die grösste Last

Achim H. Pollert (*) über die Begriffsverwirrung und Verantwortung

Wir haben uns daran gewöhnt.

Was vor Jahrzehnten noch ein Witz war, wird einer heute als durchaus ernsthaft gemeinter Ausspruch entgegengehalten. Und besonders merkwürdig daran ist, dass niemand weiter daran Anstoss zu nehmen scheint.

Der Witz von damals: "Vorwärts, Männer, ihr tragt die Kartoffelsäcke.. und ich die Verantwortung."

Heutzutage nun wird der Begriff der Verantwortung nicht mehr ganz so lustig aufgefasst.

Ganz im Gegenteil: Mit oft todernster Miene treten heute Politiker, Spitzenmanager, Wissenschaftler, leitende Beamte und dergleichen vor die Oeffentlichkeit und wollen, dass wir glauben, wie unerträglich schwer sie an dieser Last der Verantwortung zu tragen haben.

So, als wäre ihnen dieses aufgebürdet worden. Als stünde ihre Entschädigung - im Materiellen wie im Sozialen - in keinerlei Verhältnis zu dieser entsetzlichen Last, die da Verantwortung heisst.

DAS SCHOENE WORT

Der Ausdruck ist natürlich auch sehr schön.

Er hat so etwas Gewichtiges.

Man ist nicht einfach Geschäftsführer. Oder Minister. Militärkommandant. Chefarzt. Man ist vielmehr "in verantwortlicher Stellung tätig".

Das beeindruckt einerseits natürlich stark. "Direktor" heisst schliesslich noch so manche Wurst irgendwo in einer Firma oder Verwaltung. Die Bezeichnung "Professor" hat wohl kaum noch etwas zu sagen in einer Zeit, in der Dozenten von Journalistenschulen im Fernsehen sich so nennen lassen und Ratschläge zur Heilung übelster Krankheiten erteilen. Und was heisst schon "General", wenn eine mittelgrosse Armee heutzutage dergleichen zu Dutzenden, wenn nicht zu Hunderten besitzt

Also viel gewichtiger dieser Ausdruck, wonach man "verantwortlich tätig" ist. Dann ist man wichtig und einflussreich. Nicht nur einfach Beamter oder Angestellter.

Andererseits aber steckt in diesem Wort von der Verantwortung aber auch noch so etwas Menschenfreundliches und Opferbereites. Wer seiner Verantwortung nachkommt - womöglich seiner "gesellschaftlichen Verantwortung" -, der tut Gutes für seine Mitmenschen. Rockefellers und Rothschilds stellen sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung, wenn sie mit Stiftungen wohltätig sind, Krankenhäuser betreiben, Kunstsammlungen unterhalten oder Stipendien aussetzen.

Und so vermittelt das Wort von der Verantwortung, der sich ein Politiker, ein Wissenschaftler oder ein Manager "stellt" immer auch so nebenbei, dass er damit sich selber im Dienste der Allgemeinheit aufopfert. Da sollen wir vermuten, dass so jemand nicht nur Gutes für uns alle tut sondern eben auch schwere Entbehrungen auf sich nimmt.

Und folglich gilt auch als Schlappschwanz, wer sich vor seiner Verantwortung "drückt". Wer folglich Chefarzt, Direktor, Bundeskanzler oder Korpskommandant werden könnte und das dann nicht wird.

Wer einmal Parteivorsitzender war, um dann zurückzutreten, weil er angeblich seine politischen Werte nicht realisieren kann, dem wird öffentlich gar unterstellt, er wäre "kein anständiger Mensch".

Was also will man mehr?

Einerseits das Bewusstsein, etwas Bedeutendes und Wichtiges zu tun. Andererseits das heimelige Gefühl, dann doch auch noch seinen Mitmenschen einen Dienst zu erweisen.

...OFT ERNST GEMEINT

Wir dürfen nicht verkennen, dass dies von vielen Menschen in Machthaber-Kreisen durchaus so empfunden wird. Immer mal wieder werden kritische Menschen als Miesmacher dargestellt, weil es ja schliesslich sehr einfach sei, alles zu zerreden, zu hinterfragen und daran herumzukritteln. Aber selber einmal Verantwortung zu übernehmen, das komme für solche Kritiker ja nie in Frage.

So jedenfalls ein typisches Machthaber-Argument.

Dies kann sich als Verhaltensmuster durchaus bin in die Niederungen des Alltags ausdehnen. Wenn einem etwa vom Studienrat entgegengehalten wird, man sei schliesslich selber kein Lehrer und wisse nicht, wie es ist, sich mit einer ganzen Schulklasse herumärgern zu müssen.

Man mache es sich doch sehr einfach, so das Argument vieler Machthaber vom Regierungschef bis zum kleineren Beamten, wenn man einfach nur kritisiere, selber aber keine Verantwortung zu tragen bereit sei. Und damit wird dann gleich auch schon die Aussage mitgeliefert, dass man schliesslich nicht bereit ist, von Krethi und Plethi sondern überhaupt nur noch von seinesgleichen Kritik anzunehmen.

Oft ist dieses Elitär-Machthaberverhalten gerade dann zu beobachten, wenn die Kritik allzu fundiert wird. Etwa wenn man sagt, ein Lehrer, der Kinder schlägt, anschreit, terrorisiert und sonstwie demütigt, wäre ein Krimineller.

Wie gesagt: Den Machthabern ist es ernst damit.

So ernst, dass etwa ein deutscher Spitzenpolitiker verbreitet, er werde bei der nächsten Wahl dafür sorgen, dass ein bestimmter Musiker (oder Kabarettist), der allzu kritisch mit der Regierung umgehe, einen Sitz im Landtag bekommt, damit der auch einmal sehe, wie es ist, "Verantwortung zu übernehmen".

...UND WIE IST ES?

Im Wort Verantwortung steckt der Ausdruck "Antwort". Man hat jemandem Antwort auf Fragen zur eigenen Tätigkeit. Man ist "jemandem" verantwortlich. "Jemand" macht einen verantwortlich. Man wird "zur Verantwortung gezogen".

Und das drückt nun eigentlich etwas ganzes anderes aus als dieses Gerede von der schwammigen Last der Verantwortung. Da heisst die Verantwortung wahrzunehmen eigentlich weniger, nun die Macht auszuüben.

In diesem Wortsinn - wenn man eben nicht gerade Dagobert Duck oder Bill Gates ist und eine Lepra-Station in den indischen Slums finanziert - heisst Verantwortung zu allererst einmal GERADESTEHEN.

Da geht es weniger darum, sich im vorhinein schon einmal dafür bewundern zu lassen, dass man nun eben die Verantwortung übernimmt. Und wohl auch weniger darum, sich hinterher - falls doch alles gut gegangen ist - noch einmal heftig selber zu loben.

Sondern eben darum, konkrete und empfindliche Folgen zu tragen, wenn das Ganze nun einmal nicht gut gegangen ist - und zwar dermassen, dass es sich auch nicht mehr schönreden lässt.

Wie sieht es nun unter diesem Gesichtspunkt mit der Verantwortung aus?

Beim Studienrat, beim Schutzmann und bei dergleichen konnte man früher ab und zu lesen, dass sie als Folge ihres Tuns etwa in strukturschwache Gebiete versetzt wurden. Und irgendwie fand man das dann auch im Rahmen eines Theaterstücks oder eines Romans ganz lustig.

Wenn nun aber ein Spitzenpolitiker ganz ungehemmt bekennt, er habe eine Parteispende nicht deklariert. Das wäre wohl ein Fehler gewesen... aber dafür habe er sich entschuldigt. Und wenn er danach zur Tagesordnung übergeht... wie sieht es dann aus mit der Verantwortung?

Wenn ein anderer Spitzenpolitiker vor einer parlamentarischen Untersuchungskommission ganz offen und grossmaulig zu einem ungesetzlichen Ereignis verkündet: "Schreiben Sie hinein: Ich bin schuld..." Und auch dieser Politiker ist damit offenbar seiner Verantwortung nachgekommen und macht weiter wie bisher.

Was für eine Verantwortung tragen gescheiterte Manager, womöglich nachdem sie ganze Firmenzusammenbrüche und Arbeitslosigkeit zu Tausenden verursacht haben, wenn sie mit zweistelliger Millionenabfindung fünfzigjährig in den Ruhestand gehen?

Bei solchen Beispielen stellt sich dann natürlich sehr eindrücklich die Frage, wie schwer die Betreffenden nun an dieser ihrer Verantwortung tragen.

Besteht das Risiko im einzelnen, dass man sich später im Fernsehen hinstellten und "Entschuldigung" sagen sollte?

Oder besteht es etwa darin, sein Haus in der Vorstadt unter dem Hintern weg gepfändet zu bekommen?

Riskiert man künftig den entspannten Vorruhestand als Dauermieter im Ritz?

Riskiert man, irgendwo in einem abgelegenen Industriearbeiterstädtchen verhasst und unbeliebt zu sein?

Oder riskiert man, künftig selber in so einem Städtchen als Sozialhilfeempfänger leben zu müssen?

Riskiert man möglicherweise Gefängnis für die Taten, die man heute für richtig hält, falls sie schief gehen?

Oder ist das schlimmste, was einem überhaupt passieren kann, dass man - bei voller wirtschaftlicher Absicherung - morgen den Job nicht mehr ausüben, sprich nicht mehr mitspielen darf?

Und hier wird dann klar, dass das bedeutungsschwangere Wort von der Verantwortung in unserer Gegenwart in den Ländern der westlichen Zivilisation doch eher zur Floskel geworden ist. Denn wem ist man verantwortlich? Und wie muss man geradestehen für sein Handeln?

Was hat es zu bedeuten, wenn man sagt, es wäre Teil der Verantwortung einer Geschäftsleitung, wenn sie darüber zu entscheiden hat, ob Tausende von Menschen arbeitslos werden?

Was heisst das? Selbst wenn das so wäre, was passiert dann, wenn diese Geschäftsleitung sich um diese angeblichen Pflichten nicht kümmert? Wem wäre dann so eine Geschäftsleitung verantwortlich? Und was riskiert der einzelne Manager, wenn man ihn nachher "zur Verantwortung zieht"?

ALSO VORSICHT MIT DEM BEGRIFF

Dass jemand Kopf und Kragen riskiert, ist in heutiger Zeit natürlich auch nichts mehr, was man ernsthaft verlangen kann. Waren früher etwa Minister oder Heerführer, ihrem Landesfürsten verantwortlich, dann konnte das bedeuten, dass sie mehr oder minder nach Gutdünken geköpft wurden. Und mancher Unternehmer konnte alle seine Habe verlieren und samt seiner Familie im Schuldengefängnis sterben.

Und natürlich machen sich viele, durchaus gutmeinende Menschen, die selber in mehr oder minder machtvoller Position stehen, diesen Zusammenhang nicht klar. Dass es nämlich eins der Merkmale der modernen Gesellschaft ist, dass einem auch beim Versagen persönlich nicht allzu viel passieren kann. Vielmehr empfinden allzu viele Menschen in so einer Machthaberstellung subjektiv durchaus die Last der Verantwortung.

Dass man aus so einer Machtposition nicht mehr allzu tief stürzen kann, ändert nichts an der Angst der Amtsinhaber vor dem Versagen. Alleine schon dass jemand beispielsweise ohne weiteres auf sein Amt verzichtet und bei den ersten kritischen Stimmen seinen Rücktritt erklärt - und damit ein bisschen Rest-Verantwortung trägt -, ist ja eine grosse Ausnahme.

Nur ändert das nichts am objektiven Umstand, dass es diese ernsthafte Form einer Verantwortung kaum noch gibt.

(*) Achim H. Pollert ist freier Journalist, Schriftsteller und Ghostwriter

Von ihm ist unlängst das Buch "Schreiben Sie geil ? - ein Leitfaden für sauberes Deutsch in der Praxis" erschienen. Zu beziehen im Buchhandel oder unter:

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