Achim H. Pollert: Wer wird Meister?

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31.10.2006 08:19
#1
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Achim H. Pollert: Wer wird Meister?

Wer wird Meister?

Achim H. Pollert (*) über eine unternehmerische Scheinlogik

Sicher: Fussball schauen ist doof.

Ein insgesamt doch recht langweiliger Sport, der noch dazu höchst unsympathisch ist, weil er bei den Millionen von Menschen, die dabei zuschauen, die primitivsten nationalen Instinkte mobilisiert. Massen-Sport, der vor allen Dingen deshalb einer ist, weil die Massen dabei zuschauen, nicht weil sie ihn betreiben.

Dabei aber gar nichts gegen Sportsgeist und Team-Leistung, wie sie bei denen, die Fussball spielen ja eigentlich in hohem Masse gefordert sind. (Wie gesagt: Sehr wohl bei denen, die spielen, weniger bei denen, die zuschauen.)

Aber etwas Positives hat das gesellschaftliche Phänomen Fussball natürlich auch.

Es kann genutzt werden, um wirtschaftliche Zusammenhänge zu verdeutlichen, die ansonsten möglicherweise zu kompliziert wären, um sie in wenigen Worten darzulegen.

Zwei vom gleichen Schlag

Kürzlich verfolgte ich im Fernsehen - auf dem Bildungskanal, natürlich - eine Debatte zwischen zwei bekannten Männern von unterschiedlichen Ecken der deutschen Gesellschaft. Hier einerseits der Polit-Karrierist, stets auch mit innigen Beziehungen zur Wirtschaft, umweht vom Hauch des omnipotenten Machers. Für ihn sind im wesentlichen die Dinge in Ordnung so wie sie sind. Denn schon lange nicht mehr im politischen Amt, sitzt er doch bis heute in etlichen Aufsichtsräten, wirkt als Berater und reist mit Vorträgen durch die Lande.

Ihm gegenüber der Dichter, von jeher hoch erhaben über die Dinge der Wirtschaft, mit eulenhaften wallenden Augenbrauen, die grosse Teile der Stirn bedecken. Deutlich erkennbar der Geruch des Gross-Intellektuellen, des Jahrhundertautors, des Nobelpreis-Kandidaten. Und dabei natürlich vor Jahrzehnten als linksradikaler Gesellschaftskritiker an den Start gegangen. Und im Laufe der Zeit, mit zunehmendem wirtschaftlichem Erfolg dann auch ins rechtsbürgerliche Lager gewandert.

Und so sassen sich da zwei gegenüber, die eigentlich einer Meinung waren.

Zwei, die satt sind. Die kaum noch ernsthaft kontrovers diskutieren können. Der eine würde etwas sagen, der andere dann allenfalls mit nachdenklichem Kopfnicken die Aussage durch die eine oder andere nuancierte Anmerkung etwas zurechtrücken.

Vom Erfolg des Unternehmertums

Wie so oft in diesen Tagen drehte sich die Frage darum, wie sich Moral und Wirtschaft miteinander vertragen können. Und natürlich waren sich beide einig darin, dass man es so verkürzt nicht sagen könne. Wenn das Management dem Unternehmen in konkreten Einzelfall zum Erfolg verhelfe, dann wäre auch eine angemessene finanzielle Abfindung durchaus vertretbar. So der Polit-Karrierist.

Und jeweils mit wissend geschürztem Munde nickte der Jahrhundertdichter dazu.

Immer neue Beispiele führte unser Wirtschaftsas an. Der Vorstandsvorsitzende Soundso habe schliesslich bei dieser Gesellschaft das Schicksal herumgerissen. Als er den Job angetreten hatte, seien die Aktien des Unternehmens bei 9 gestanden. Jetzt stünden sie bei 113! Und das müsse sich schliesslich auch irgendwie auszahlen für denjenigen, der so etwas zustande bringt.

Die Beispiele gingen samt und sonders in diese Richtung.

Der Manager X. hat den Börsenkurs ordentlich angeheizt und nach oben getrieben. Also warum soll er persönliche dann nicht auch entsprechend mit absahnen.

Und "Sehr richtig!" rief dann der Schriftsteller jeweils dazu. Schliesslich müsse man als einzelner unabhängig sein. Und unabhängig wäre man eben nur mit Geld. Und wer einem dazu verhilft, indem er den Wert der Aktien steigert, der soll selber auch etwas davon haben.

Schliesslich lieferte der Ex-Politiker dann auch noch die Steilvorlage.

Was hat es mit Fussball zu tun?

Was also hat das alles nun mit Fussball zu tun (ausser dass es primitiv ist und niedrige Instinkte weckt)?

Immerhin sei es ja wohl so, so der Polit-Manager weiter, dass die Bevölkerung zwar seinen Berufskollegen, den Managern, ihre Millionengagen nicht gönnen wollte. Dagegen hätte kaum jemand in der breiten Bevölkerungsmasse etwas gegen die gewaltigen Einkommen der Fussballer einzuwenden.

Mag wohl sein.

Aber viel wertvoller als diese Feststellung ist, wie gesagt, die Steilvorlage, die einem hier geboten wird. Das Stichwort "Fussball" gibt einem die Möglichkeit, hier einen ganz eigenen Zusammenhang zu verdeutlichen.

Wer also wird Meister?

Unser grosser Wortschwinger, der sich des beipflichtenden Nickens seines intellektuellen Gegenübers erfreute, hatte nämlich in allen seinen Beispielen vom unternehmerischen Erfolg gesprochen - und jeweils als Beleg dafür den Aktienkurs angeführt.

Von "null auf hundert" in zwei Jahren!

Wenn sich das nicht lohnt...

Was aber hiesse das übertragen auf den Fussball?

Eigentlich ganz einfach: Uebertragen auf den Sport hiesse das, dass nicht mehr der Verein Meister (...deutscher, Schweizer, Europa-, Welt- u.s.w.) würde, der die meisten Spiele gewinnt.

Ganz und gar nicht: Wären die Fussballvereine alle Aktiengesellschaften (und einige sind es ja - oder sie hegen entsprechende Pläne), dann würde derjenige Meister, der in einem Berichtszeitraum den Kurs seiner Aktien am meisten steigern konnte.

Wären die Fussballvereine börsenkotierte Aktiengesellschaften, dann würde derjenige Meister, der die besten Sponsoring-Verträge hat, der die teuersten Spieler "verkaufen" kann, der die meisten Marken-Prozesse gewinnt, der den vielversprechendsten Trainer unter Vertrag hat, der die wertvollsten Liegenschaften besitzt, der möglicherweise aus irgendwelchen Nebengeschäften grosse Einkommen erzielt. Und so weiter.

Und der beste Trainer wäre dann natürlich auch nicht derjenige, der die Mannschaft von spielerischem Sieg zu Sieg führt, sondern eben derjenige, der sich bei den Investoren an der Börse des besten Ansehens und der grössten Erfolgserwartungen erfreut. Denn dieser Manager wäre ja schliesslich auch Garant dafür, dass der Börsenkurs keinen Schwindsuchtsanfall erleidet, sondern immer schön brav weiter steigt.

Und wer weiss: Wenn das so wäre, dann stünde die Oeffentlichkeit möglicherweise auch den hohen Fussballer-Gagen eher kritisch gegenüber.

Das Ganze hätte natürlich auch etwas Positives. Käme es nämlich irgendwo in einem Fussball-Stadion etwa zu rassistischen Uebergriffen, dann bekäme die Aktiengesellschaft schon am darauffolgenden Tag dafür die Quittung auf dem Börsenparkett. Ganz ähnlich wie beim Doping oder bei Bestechungsskandalen. Aber das sind andere Geschichten.

Bei unseren heutigen Ueberlegungen bleibt der Umstand, dass der erfolgreichste Fussball-Manager nicht mehr derjenige wäre, der die beste unternehmerische Leistung hinlegt und seinen Laden am besten im Griff hat. Sondern eben derjenige, der den Börsenkurs am schönsten in Fahrt hält.

Sobald der Club eine Aktiengesellschaft wäre.

Viel Spass beim Nachdenken!

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(*) Achim H. Pollert ist freier Journalist, Fachautor und Ghostwriter

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Ghostwriter Leseproben http://textepollert.wordpress.com :yahoo:

31.10.2006 09:04
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Achim H. Pollert: Wer wird Meister?

Merci für den geistreichen Artikel! Tut gut, in diesem Forum auch einmal etwas "Tiefergründiges" (ohne Zahlen) zu lesen.

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