Behavioural Finance

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19.04.2011 12:02
#1
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Behavioural Finance

 

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Typische Verhaltensmuster



1. Systematische Selbstüberschätzung

Die systematische Selbsüberschätzung, auch als overconfidence bias bezeichnet, beschreibt das Phänomen, dass Anleger ihr Anlage-Know-how konsequent zu hoch einschätzen. Zum Beispiel geben rund 85% aller befragten Privatanleger an, sie seien »überdurchschnittliche« Investoren – eine Zahl, die schon allein aus mathematischen Gründen nicht stimmen kann. Eine andere Ausprägung des Overconfidence Bias besteht darin, dass die Bandbreite möglicher künftiger Ereignisse (z.B. die möglichen Kurse einer bestimmten Aktie am Jahresende) systematisch unterschätzt wird. Auch die Profitabilität des eigenen Investmenterfolges in der jüngeren Vergangenheit wurde in einer Untersuchung um mehr als 110% überschätzt, und – wen überrascht es? – der Overconfidence Bias ist bei Männern höher als bei Frauen.



2. Verzerrter Rückblick

Sobald ein Ereignis abgeschlossen ist (z.B. ein bestimmter Kursanstieg eingetreten ist), überschätzen Anleger systematisch das Ausmaß, in dem sie selbst dieses Ereignis hätten vorhersagen können. Auf Befragung deklarieren sie bestimmte Argumente als ihnen »schon vorher bekannt«, die sie objektiv erst nach Eintritt des Ereignisses kennen gelernt haben.



3. Verlustaversion

Anleger bewerten Gewinne und Verluste identischer Größenordnung unterschiedlich, ebenso die Wahrscheinlichkeiten identischer Gewinne und Verluste. Verluste werden gefühlsmäßig als gravierender eingestuft als Gewinne in gleicher Höhe. Folglich lässt sich nachweisen, dass verkaufte Aktien nach dem Verkauf höhere Renditen als die gekauften erzielen – unabhängig davon, ob das Depot von einem Profi oder einem Privatanleger gemanagt wurde. Anleger scheinen einem unterbewussten Zwang zu unterliegen, Verlustrealisierung (das Eingeständnis einer »Niederlage«) zu vermeiden.



4. Neigung zur Übergewichtung der Vergangenheit

Objektiv identische bzw. gleich bedeutsame Ereignisse werden in ihrer Wichtigkeit unterschiedlich gewertet, je nachdem, wie lange sie zurückliegen.



Anders formuliert: Die verhaltenssteuernde Wirkung von Informationen verfällt im Zeitablauf, unabhängig von ihrer tatsächlichen Bedeutung, zugunsten weniger bedeutender, aber jüngerer Ereignisse.



5. Mentale Nichtübereinstimmung

Eine einmal getroffene Einschätzung in Bezug auf den »richtigen« Kurs eines Wertpapiers wird unangemessen gering an neue Informationen angepasst, wenn diese Informationen gegen die Richtigkeit dieser Einschätzung sprechen.



6. Magisches Denken

Anleger rechnen sich die Ursachen eines Anlageerfolges oder -misserfolges persönlich zu, auch wenn andere Umstände ganz oder überwiegend dafür verantwortlich waren. So ist z.B. wissenschaftlich gesichert, dass 80% bis 95% des Anlageergebnisses eines Portfolios auf die in ihm enthaltenen Asset- Klassen zurückgeht und nicht auf die Auswahl einzelner Wertpapiere innerhalb der Asset-Klassen. Dennoch schreiben sich Anleger ihr Anlageergebnis in einer bestimmen Zeitspanne vollständig zu, selbst wenn sich die Asset-Klasse nie geändert hat oder eine andere Person die Asset-Klassen bestimmte.



7. Denken in unangemessen isolierten Zusammenhängen

Das »big picture« (große Bild), das zur Beurteilung von Sachverhalten notwendig wäre, wird selbst, wenn der Anleger es kennt, zugunsten einer isolierten Betrachtung einzelner Daten und Argumente vernachlässigt. Die Vorteile von Indexanlagen sind hierfür ein gutes Beispiel. Obwohl ihre Überlegenheit gegenüber aktiv gemanagten Anlageprodukten zweifelsfrei bewiesen ist, stufen die meisten Anleger die Renditeerfolge einzelner Investoren oder die Aussagen einzelner »Experten« höher ein als die gesammelten Forschungsergebnisse der Finanzwissenschaft über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren.



Neben den hier genannten psychologischen Ungleichgewichten bzw. Irrationalitäten hat die Behavioral Finance noch viele weitere entdeckt. Schon wurden mehrere Investmentfonds aufgelegt, die versuchen, durch Ausnutzung dieser Forschungsergebnisse den Markt zu outperformen (die Ergebnisse waren bislang gemischt, zuverlässige Schlussfolgerungen dürften erst in einigen Jahren möglich sein).

http://www.onpulson.de/lexikon/6425/behavioral-finance/



Verlustaversion
 

Quote:

Warum uns unfreundliche Gesichter mehr auffallen als freundliche



Sonntagszeitung 17.4.2011



Überlegen Sie sich, wie gut Sie sich heute fühlen – auf einer Skala von 1 bis 10. Dazu zwei Fragen: Erstens, was würde Ihre Zufriedenheit auf Stufe 10 erhöhen? Vielleicht die Ferienwohnung an der Côte d’Azur, von der Sie schon lange träumen? Ein Schritt auf der Karriereleiter?



Zweitens, was für ein Ereignis würde Ihre Zufriedenheit im mindestens gleichen Mass vermindern – Querschnittslähmung, Alzheimer, Krebs, Depression, Krieg, Hunger, Folter, finanzieller Ruin, Schädigung Ihres guten Rufes, Verlust Ihres besten Freundes, Entführung Ihrer Kinder, Blindheit, Tod?



Sie stellen fest: Ihnen kommt mehr Schlechtes als Gutes in den Sinn. Das war in unserer evolutionären Vergangenheit noch viel ausgeprägter der Fall. Ein dummer Fehler, und man war tot. Alles Mögliche führte zum schnellen Ausscheiden aus dem Leben – Unachtsamkeit auf der Jagd, eine entzündete Sehne, der Ausschluss aus der Gruppe. Menschen, die unachtsam waren oder grosse Risiken eingingen, starben, bevor sie ihre Gene an die nächste Generation weitergeben konnten. Jene, die übrig blieben, die Vorsichtigen, überlebten.



Wir sind deren Nachkommen. Kein Wunder, ärgern uns Verluste stärker als wir Gewinne schätzen. Wenn Sie 100 Franken verlieren, kostet Sie das ein grösseres Quantum Glückseligkeit als jenes, das Sie gewinnen, wenn ich Ihnen 100 Franken schenke. Empirisch erwiesen: Ein Verlust wiegt emotional etwa doppelt so schwer wie ein Gewinn der gleichen Grösse. Die Folge davon nennt die Wissenschaft Verlustaversion: Wir konzentrieren uns darauf, Verluste zu vermeiden.



Wenn Sie jemanden überzeugen wollen, argumentieren Sie deshalb nicht mit einem möglichen Gewinn, sondern mit dem Vermeiden eines möglichen Verlustes.



Hier das Beispiel einer Kampagne zur Früherkennung von Brustkrebs bei Frauen. Zwei verschiedene Flugblätter wurden verschickt. Flugblatt A argumentierte: «Lassen Sie sich jährlich auf Brustkrebs untersuchen. Damit kann ein möglicher Krebs frühzeitig entdeckt und entfernt werden.» Flugblatt B: «Wenn Sie sich nicht jährlich auf Brustkrebs untersuchen lassen, riskieren Sie, dass ein möglicher Krebs nicht früh genug entdeckt und entfernt werden kann.» Auf jedem Flugblatt stand eine Telefonnummer für zusätzliche Informationen. Die Auswertung zeigte: Leserinnen des Flugblatts B riefen viel öfter an.



Die Angst, etwas zu verlieren, motiviert Menschen stärker als der Gedanke, etwas von gleichem Wert zu gewinnen. Angenommen, Sie stellen Isolationsmaterial für Immobilien her: Die Kunden sind eher bereit, ihr Haus zu isolieren, wenn Sie ihnen sagen, wie viel Geld sie wegen mangelnder Isolation verlieren – als wie viel Geld sie mit guter Isolation sparen könnten. Auch wenn der Betrag natürlich genau derselbe ist.



Dasselbe Spiel an der Börse: Investoren haben die Tendenz, Verluste nicht zu realisieren, sondern lieber zuzuwarten und zu hoffen, dass sich ihre Aktie wieder erholt. Ein nicht realisierter Verlust ist eben noch kein Verlust. Also verkaufen sie nicht, selbst wenn die Aussicht auf eine Erholung klein und die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Kursrückgangs gross ist.



Ich kannte einen Multimillionär, der sich fürchterlich aufregte, nachdem er eine Hunderternote verloren hatte. Welche Verschwendung von Emotionen! Ich lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass der Wert seines Portfolios in jeder Sekunde um mindestens 100 Franken schwankte.



Mitarbeiter einer Firma (falls sie allein und nicht in Gruppen entscheiden) sind tendenziell risikoscheu. Aus ihrer Warte ergibt das Sinn: Warum etwas wagen, das ihnen bestenfalls einen schönen Bonus beschert, im anderen Fall jedoch die Stelle kostet? In fast allen Firmen und fast allen Fällen übersteigt das Karriererisiko den möglichen Gewinn. Wenn Sie sich als Vorgesetzter also über die mangelnde Risikobereitschaft Ihrer Mitarbeiter beklagen, wissen Sie jetzt, warum.



Wir können es nicht ändern: Das Böse ist stärker als das Gute. Wir reagieren sensibler auf negative Dinge als auf positive. Ein unfreundliches Gesicht fällt uns auf der Strasse schneller auf als ein freundliches. Schlechtes Verhalten bleibt uns länger in Erinnerung als gutes. Mit einer Ausnahme natürlich: wenn es um uns selbst geht.

 

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Der Weise gewinnt mehr Vorteile durch seine Feinde als der Dummkopf durch seine Freunde.
Benjamin Franklin

28.07.2014 17:29
Bild des Benutzers MarcusFabian
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Als Kontrapunkt hier ein Artikel, der das exakte Gegenteil behauptet. Nämlich:

Gesetze der Ökonomie sind genau so unerbittlich wie Gesetze der Physik

Auch wenn der Autor anerkennt, dass sie wegen menschlichen Verhaltens weniger zeitnah und präzise ihre Auswirkungen zeigen.

http://www.zerohedge.com/news/2014-07-25/economic-laws-are-not-optional

24.07.2014 17:04
Bild des Benutzers Elias
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Warum Menschen schlechte Wetten eingehen

Der beste Weg zum finanziellen Selbstmord

Der Behavioral-Finance-Papst Hersh Shefrin erklärt psychologische Fallen für Anleger – und warum einige Menschen den finanziellen Selbstmord wählen und dennoch rational sind.

 

Mr. Shefrin, was ist Behavioral Finance?

Die Anwendung von Psychologie auf finanzielle Entscheidungen und Finanzmärkte. Sie analysiert, wie sich reale Menschen verhalten, und spiegelt psychologische Phänomene.

Geht es auch um Irrationalität?

Ich mag die Begriffe perfekte Rationalität und imperfekte, also fehlerhafte Rationalität. Dazwischen gibt es zahlreiche Schattierungen.

Was sind die wichtigsten Resultate Ihrer Arbeit in den letzten Jahren?

Wir haben herausgefunden, dass professionelle Anleger Entscheide treffen, die nur zum Teil die Fundamentaldaten spiegeln. Es gibt also psychologische Einflussfaktoren. Umgekehrt spiegeln Märkte fast immer einen Mix aus Fundamentaldaten und psychologischen Effekten. Bei der Prognose künftiger Cashflows neigen Analytiker dazu, den mittelfristigen Verlust an Wettbewerbsvorteilen von Unternehmen zu unterschätzen. Sie sind also tendenziell zu optimistisch bei der Firmenbewertung.

Werden die Ergebnisse Ihrer Arbeit an den Finanzmärkten berücksichtigt, etwa an der Wall Street?

In den 1980er Jahren arbeitete ich mit Meir Statman an dem Phänomen, dass Investoren gute Aktien zu früh und schlechte zu spät verkaufen. Statman und ich haben das Dispositionseffekt genannt. Heutzutage versuchen Finanzberater, ihren Kunden dabei zu helfen, den Effekt zu überwinden.

Jüngst haben Sie sich zusammen mit Ihrem Kollegen Arvid Hoffmann mit technischer Finanzanalyse befasst.

Ja, wir haben uns gefragt, welchen Einfluss technische Analyse auf individuelle Anleger hat. Bei professionellen Investoren trägt sie manchmal zu besseren Ergebnissen bei, aber nicht immer.

Und bei Privatanlegern?

Bestenfalls erreichen Privatanleger eine geringfügige Unterrendite, doch viele erzielen furchtbare Resultate. Oft ist die Spekulation das primäre Anlageziel dieser Leute, und sie verwenden Optionen. Die Kombination von spekulativen Motiven, der Benutzung von Optionen und dem Einsatz von technischer Analyse gleicht einem finanziellen Selbstmord. Die Leute vernichten teilweise ihr gesamtes Vermögen in wenigen Jahren. Die Frage ist: Warum tun sie das?

Was ist Ihre Antwort?

Die meisten Leute sind schon rational, sie haben Ziele und überlegen sich, wie sie diese erreichen können. Oft werden Menschen jedoch von psychologischen Fehlern beeinflusst. Man muss die Welt sehr gut verstehen, um das Beste für sich selber zu tun. Es ist entscheidend, Einflüsse richtig zu messen und zu versuchen, die Emotionen aus dem Weg zu räumen. Fehlerhaft rational zu sein, bedeutet, man will zwar das Beste für sich selbst tun, aber manchmal kommen einem die Emotionen dazwischen, oder man hat nicht die «mentale Rechenkapazität», um seine Ziele zu erreichen.

Gibt es Parallelen zwischen dem Hang zur Spekulation und der Spielsucht?

Einige wenige Leute kennen die Risiken, doch reich zu werden, ist für sie ein so wichtiges Ziel, dass sie eine schlechte Wette eingehen, weil es dadurch eine geringe Chance gibt, das sehr hohe Ziel zu erreichen. Diese Personen handeln, selbst wenn sie spielen, nicht irrational, denn sie kennen auch die Risiken. Sie wollen auf den Mount Everest, selbst wenn das Wetter schlecht ist. Viele andere wissen dagegen nicht, wie ihre Chancen stehen. Bei denen suggerieren die Emotionen ein farbiges Bild über die Situation. Wenn man diesen Leuten jedoch erklären würde, wie ihre Chancen sind, würden sie das verstehen. Wenn sie dann trotzdem weiter spekulieren würden, wären sie irrational.

Das erinnert ein wenig an Lotterien.

Ja, das stimmt. Viele Länder betreiben Staatslotterien. Sie bieten den Bürgern schlechte Wetten an, also solche mit negativem Erwartungswert. Trotzdem sind Lotterien beliebt, weil man mit wenig Geld eine geringe Chance auf eine riesige Auszahlung erhält. In einigen Regionen der USA geben die Leute unglaublich viel Geld für Lotterien aus, quasi ihr gesamtes Haushaltsgeld, das sie viel besser für die Ausbildung der Kinder oder die Gesundheit einsetzen könnten. Die Menschen machen dies, weil sie arm sind und es für sie der einzige Ausweg aus der Armut ist. Sie wollen lieber ein bisschen ärmer sein, dafür aber die Chance auf einen grossen Gewinn haben. Man muss also vorsichtig sein mit dem Glücksspielvergleich. Das hängt stark von der Person ab.

Ist fundamentale Analyse besser als technische Analyse?

Privatanleger sollten verstehen, dass es sehr viele psychologische Fallen bei der Umsetzung des Wunsches nach hoher Rendite gibt. Wenn man seinen Wohlstand langfristig vermehren will, taugen dafür weder fundamentale noch technische Analyse. Man benötigt eine Anlagestrategie und ein diversifiziertes Portfolio. Wem es wichtig ist, am Markt zu spekulieren, etwa weil es Spass macht, der zahlt dafür einen Preis. Amüsement ist in Ordnung, vielleicht hat man Glück. Aber man sollte besser nur einen kleinen Teil des Vermögens dafür aufwenden. Erfahrungsgemäss erzielen Investoren mit fundamentaler Analyse bessere Resultate als mit technischer. In beiden Fällen ist jedoch die Entertainment-Komponente hoch.

Ist es möglich, ein perfekter Investor zu werden?

Nein.

Was kann man bestenfalls erreichen?

Das hängt von den Zielen ab. Sind die Ziele rein finanzieller Natur, oder hat man psychologische Bedürfnisse? Bei finanziellen Interessen kommt es darauf an, wie schlau man ist und welchen Zugang zu Informationen man hat. Für die meisten Investoren ist es sinnvoll, die Marktrendite anzustreben und sich nicht für zu schlau zu halten. Man sollte also im Aktienbereich ein global diversifiziertes Wertpapier-Portfolio mit einer Tendenz zu kleineren Unternehmen und solchen mit niedrigem Kurs-Buchwert-Verhältnis haben. Zudem lohnt es sich, auf die Profitabilität zu achten.

Kann man die Emotionen abstellen?

Nein. Man kann sie dämpfen und sich dabei helfen lassen. Zudem müssen wir uns in vielen anderen Lebenssituation auf unsere Gefühle verlassen. Sie dürfen aber nicht zu stark werden und uns in die falsche Richtung führen.

Hilft es, sich Regeln aufzuschreiben?

Ja, aber man muss sie ab und zu lesen.

 

http://www.nzz.ch/finanzen/der-beste-weg-zum-finanziellen-selbstmord-1.1...

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